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Georgios Chatzoudis | 18.12.2017 | 2320 Aufrufe | 6 6 Kommentare | Diskussionen

Alles eine Frage des Glaubens? Gewissheiten historisch

Der Geschichtstalk im Super 7000

Minarett und Burka, Krieg, Gewalt und Terror, private Freundschaften und kulturelle Blüte – diese Stichworte fallen immer wieder, wenn man die Frage stellt: Was fällt Ihnen spontan zum Islam ein? Wie kommen solche Assoziationen zustande? Auf welche bestehende Vorstellungen wird dabei zurückgegriffen? Wie viel hat das mit wirklichem Wissen oder auch vielleicht auch nur mit dem Glauben, etwas zu wissen, zu tun? Und was bedeuten solche Zuschreibungen für Muslime in unserer Gesellschaft? Wolfgang Benz, Historiker und Antisemitismusforscher, warnt schon seit Jahren davor, dass Muslime die neuen Juden werden könnten. Andere Stimmen warnen hingegen davor, im Zuge der Flüchtlingsbewegung hole man sich reihenweise militante Antisemiten ins Land. Ist da was dran oder führen solche Anleihen an die Geschichte eher in die geistige Irre und die politische Sackgasse? Diese Frage stehen im Mittelpunkt der Sendung mit dem Titel: Alles eine Sache des Glaubens. Gewissheiten historisch.

Es diskutieren die Frühe Neuzeit-Historikern Prof. Dr. Antje Flüchter von der Universität Bielefeld, die Mittelalterhistorikerin Prof. Dr. Eva Schlotheuber von der Universität Düsseldorf und der Althistoriker Prof. Dr. Martin Zimmermann von der Universität München. Moderiert wird das Gespräch von Georgios Chatzoudis.

Videoreihe "Der Geschichtstalk"
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Evaluation

Bitte nehmen Sie sich 5 Minuten Zeit, um die Sendung Der Geschichtstalk im Super7000 zu evaluieren. Sie finden den Fragebogen hier: https://ww2.unipark.de/uc/gts7000/. Vielen Dank!

Ausgangsposition von Eva Schlotheuber

Glaubensfragen zu verhandeln ist kein einfaches Unterfangen, aber die historische Perspektive hilft dabei. Der Glaube beschäftigt sich mit Fragen, die die Menschen schon immer umgetrieben haben. Die Antworten sind notwendigerweise zeitgebunden und im Rückblick immer an der einen oder der anderen Ecke defizitär. Wichtiger ist aber, dass die Fragen im Raum sind. Religionen und Glaubensgemeinschaften eröffnen ihren Mitgliedern eine gemeinsame Plattform, auf der sie benannt und verhandelt werden können – und eine Antwort angeboten wird, die sich der allen Menschen inhärenten Angst vor Existenzfragen zuwendet.

Der Raum des Glaubens in der modernen Gesellschaft (157.57 KB)

Ausgangsposition von Martin Zimmermann

Eine differenzierte Wahrnehmung der Moslems ist unmöglich geworden. Dass sehr viele Anhänger dieses Glaubens sich selbst von radikalisierten Gläubigen der eigenen Religion bedroht sehen, wird kaum registriert. Deshalb können auch viele Politiker und Bürger sowie Medien, die für Verständnis und Integration werben, häufig nicht wahrnehmen, dass der Islam schwere innere Konflikte austrägt und sich verschiedene Gruppen auf das heftigste bekämpfen.

Glaubensfragen (248.01 KB)

Ausgangsposition von Antje Flüchter

Bei dem Phänomen der Islamophobie, wie überhaupt bei vielen der derzeitigen Debatten, wird erschreckend deutlich, dass die Dekonstruktion größerer Einheiten, sei es Nation, Religion oder Geschlecht, wie sie die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler in den letzten Dekaden immer wieder nachgewiesen haben, kaum in der Öffentlichkeit angekommen sind. Vielmehr zeigt sich gerade bei diesen Themen derzeit ein großes Bedürfnis nach einfachen Antworten, nach Gewissheiten und nach Identifizierungsangeboten oder Identitätsgewissheiten. Dies ist ebenso verständlich wie gefährlich.

Wider die Essentialisierung des Islam (165.88 KB)

Der Geschichtstalk im Super7000

„Der Geschichtstalk im Super7000“ ist auf zunächst sechs Folgen angelegt, in denen es nicht darum gehen wird, Historikerinnen und Historiker in ihrer Profession als Historikerinnen und Historiker sprechen zu hören. Es geht nicht um das Nacherzählen von historischen Abläufen. Und es geht auch nicht um ein Fachgespräch. Worum es geht, ist ein Gespräch unter Bürgerinnen und Bürgern, die auch Geschichtsexperten sind, über aktuelle Debatten, in denen Geschichte eine wichtige Komponente ist. Kurz: Es geht um Public History, also das Aushandeln von Geschichte in der Gegenwart.

Flyer (261.23 KB)
Plakat (1.02 MB)

Kommentar

von Martin Landvoigt | 01.01.2018 | 18:40 Uhr
'Sind Sie als Muslim ein neuer Jude' ... das ist eine Frage, die sie in vielen Muslimischen Gemeinschaften so nicht stellen sollten. Viele würden sich dadurch beleidigt fühlen. Warum wird dann diese These immer wieder kolportiert?

Ich denke auch nicht, dass der Vergleich eine extreme Bagatellisierung des Holocaust und des Antisemitismus insinuiert werden. Politisch dient es der Tabuisierung einer kritischen Auseinandersetzunge mit Inhlaten des Islams und kulturellen Auffälligkeiten. Auch wenn Benz da eine Differenzierung behauptet, die aber so nicht vergleichbar ist.

Mir hat die Position von Martin Zimmermann am ehesten zugesagt.

Kommentar

von Martin Landvoigt | 01.01.2018 | 19:28 Uhr
Noch ein Nachtrag zum 'Problem' der evangelikalen Gemeinden, die sich angeblich ihren eigenen Jesus basteln, weil sie sich nicht von den sogenannten Volkskirchen erklären lassen wollen, wie sehr man Jesus denn dem Zeitgeist anpassen müsste. Minute 34:15 - 35:00. Martin Zimmermann wundert sich, dass hier Vorstellungen vertreten werden, die er für Überholt hielt. Zugleich aber wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, dass jeder sein eigenes Wertesystem finden müsste.

Das Problem dabei: Wie kann man von der Normativität in der Postmoderne überhaupt ausgegangen werden und die Ansicht, etwas sei 'überholt', etwas anderes sei, als die sehr persönliche Ansicht. Also die simple Erkenntnis: Es gibt Menschen, die denken tatsächlich anders wie ich. Das 'Vormoderne' würde angeblich vor die Aufklärung zurück gehen, und meint damit eigentlich nicht die historisch Aufklärung, sondern eine krude Melange aus gefühlten zeitgeistigen Trends. Dieses Thema, dass man eben gerade nicht über Glaubensinhalte spricht und dieses auch bemängelt, bekommt einen skurrilen Klang, wenn man genau die Diskussion über den glauben meidet wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.

Die historische Bedeutung des islamischen Kulturkreises als Mittler von verschiedenen Überlieferung aller möglicher Völker wird m.E. erheblich überschätzt. Was wäre, wenn es eben die muslimischer Expansion nicht gegeben hätte? Wäre dann kein Wissenstransfer über Byzanz und Alexandria passiert? Wären indische und persische Quellen wirklich isoliert geblieben? Das bezweifle ich.

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