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Die Sklaven von Lagos

EPISODE 4 | Sprechende Zähne

Die Zähne eines jeden Menschen sind ebenso einzigartig wie seine Fingerabdrücke. Darüber hinaus lassen sich aus der Untersuchung von Zähnen, Rückschlüsse auf das Leben der Menschen ziehen. Die Bioarchäologinnen des Forensischen Instituts der Universität Coimbra entnehmen ihnen und den dazugehörigen Kieferknochen Informationen über Krankheiten und deren Ursache. Karies und Parodontose deuten möglichweise daraufhin, dass die Ernährung mangelhaft und einseitig war. Die Zähne der menschlichen Überreste von Lagos weisen aber noch ein weiteres auffälliges Merkmal auf. Viele sind geschliffen bzw. abgefeilt. Wie lässt sich das erklären? Welche Informationen verbergen sich hinter dieser Entdeckung?

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Das Forschungsprojekt
Der Hafen der portugiesischen Stadt Lagos war im 15. Jahrhundert Anlaufpunkt für Sklavenschiffe aus Afrika, und von dort aus wurden die Menschen in Portugal und Europa weiter verteilt. Bei einer Notgrabung auf einem für den Bau eines unterirdischen Parkhauses vorgesehenen Gebiet im außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gelegenen Ortsteil Valle da Gafaria entdeckten Archäologen im Jahr 2009 zwei menschliche Begräbnisstätten: eine gehörte zu einem Leprosorium, eine zweite war vermischt mit einer sechs Meter dicken Schicht städtischen Abfalls aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Sie enthielt 158 menschliche Skelette, darunter 107 Erwachsene, 49 Heranwachsende und zwei Personen unbestimmbaren Alters. Zahlreiche Hinweise sprachen dafür, dass die hier Bestatteten afrikanische Sklaven waren: Die Menschen waren teilweise gefesselt, viele trugen Gegenstände afrikanischer Herkunft wie Ringe und Halsketten und hatten absichtlich veränderte Zähne. Alle Personen waren ohne Bestattungsriten in einer Abfallgrube beerdigt worden. Erste morphometrische und genetische Analysen belegten die afrikanische Abstammung der in Valle da Gafaria bestatteten Personen. Eine AMS C14-Untersuchung datierte den Beginn der Bestattungen auf die Zeit zwischen 1420 und 1480 – und somit zeitgleich zu den ersten historischen Verweisen auf die Ankunft von Schiffen mit afrikanischen Sklaven in Lagos.

Innerhalb Portugals ist der Fund von Valle da Gafaria einzigartig, und auch weltweit sind nur wenige Sklavenfriedhöfe bekannt, die noch dazu alle in der Neuen Welt angesiedelt sind und deutlich später angelegt wurden. Ziel eines Forschungsvorhabens von Dr. Maria Teresa Ferreira ist es, die in Lagos aufgefundenen Skelette umfassend mit den Methoden der Bioarchäologie zu untersuchen und das Leben und Sterben der in Valle da Gafaria beerdigten Menschen zu dokumentieren. Leitfragen beziehen sich zum einen auf die Bestimmung des jeweiligen biologischen Profils (Alter, Geschlecht, Herkunft, Gestalt), die Erhebung der Paläodemographie des gesamten Fundes und auf die Untersuchung von Migrationsbewegungen sowie Wachstums- und Entwicklungsfaktoren. Paläopathologische Analysen sollen Hinweise auf Krankheiten und somit auch auf Ernährung, Aktivitätsmuster, Lebensbedingungen und durch Gewalt und Misshandlungen vor und nach dem Tod entstandene Traumata geben. Die Sammlung von Lagos bietet die Gelegenheit, über die zur Verfügung stehenden historischen Quellen hinaus mehr über die früheste Phase des transatlantischen Handels mit Sklaven in der Frühen Neuzeit zu erfahren. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen zum einen in Fachzeitschriften veröffentlicht und zum anderen bei nationalen und internationalen wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt werden.

Projektleitung:

Dr. Maria Teresa Ferreira

Ort:

Lagos, Portugal

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