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Judith Wonke | 02.06.2020 | 1761 Aufrufe | 1 | Interviews

"Ein Verlust, den dieses Land kollektiv erlebt"

Interview mit Astrid M. Eckert und Simone Lässig zur Covid-19-Situation in den USA


Weltweit wird der Alltag der Menschen vor allem von einem bestimmt: Dem Covid-19-Ausbruch, der Anfang März von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Pandemie erklärt wurde und dessen Epizentrum sich längst von einst China über Europa bis nach Amerika verschoben hat. Inzwischen sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit über 1,7 Millionen Infizierten und mehr als 100.000 Toten das am meisten von der Pandemie getroffene Land. Doch welche Auswirkungen sind in den USA spürbar? Wie verändert sich das Leben? Diese Frage haben wir den Historikerinnen Prof. Dr. Astrid M. Eckert und Prof. Dr. Simone Lässig gestellt. Beide lehren, forschen und leben in den USA: Astrid M. Eckert lehrt an der Emory University in Atlanta deutsche und europäische Geschichte; Simone Lässig ist Leiterin des German Historical Institutes in Washington. Im Interview sind wir daher nicht ausschließlich auf die persönliche Situation der Wissenschaftlerinnen zu sprechen gekommen, sondern wollten auch wissen, wie Forschung, Lehre, Universitätsalltag sowie die Geisteswissenschaften selbst von der Pandemie beeinflusst werden.

Prof. Dr. Simone Lässig und Prof. Dr. Astrid M. Eckert

"Früher ernst genommen als in der Politik"

Muss man sein Stipendium vorzeitig abbrechen, so hat das über kurz oder lang auch Konsequenzen für die nächsten Schritte in der akademischen Karriere.

L.I.S.A.: Professor Eckert und Professor Lässig, sie leben, lehren und forschen in den USA. Nachdem das neuartige Coronavirus Ende des letzten Jahres erstmals in der Volksrepublik China auftrat, verbreitet es sich seitdem weltweit: Inzwischen verzeichnen die USA mehr als 100.000 Virus-Tote, die Zahl der mit Covid-19 Infizierten übersteigt die Anzahl in China bei Weitem. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr? Wann sahen Sie sich erstmals mit dem Virus konfrontiert?

Prof. Lässig: Für uns am DHI Washington und an seinem Pazifikbüro an der UC Berkeley wurde das Virus bereits seit Februar 2020 zu einer Herausforderung, die über die medizinische und lebensbedrohliche Dimension der Pandemie hinausreichte und mit Macht in unsere wissenschaftliche Arbeit eingriff. Angesichts der langen Untätigkeit der amerikanischen Regierung und der fehlenden COVID-19-Tests wuchs zum einen die Unsicherheit, ob unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten ihre Forschungsaufenthalte wie geplant fortsetzen könnten. Eine Forschungseinrichtung nach der anderen schloss ihre Pforten und am 13. März tat es auch die Library of Congress, einen Tag später die National Archives. Und als Donald Trump in derselben Woche den – bis heute gültigen – Einreisestopp aus Europa verhängte, haben sich die meisten von ihnen entschieden, möglichst rasch zurück zu fliegen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar, dass sie ihrer geplanten Forschung vor Ort nicht weiter nachgehen konnten und in einem solchen Krisenszenario verständlicherweise ihren Familien nahe sein wollten. Auch die Unwägbarkeiten des amerikanischen Gesundheitssystems spielten eine Rolle bei der Rückkehr unserer Stipendiat*innen, die nicht nur aus Deutschland und den USA, sondern z.B. auch aus Kanada und der Schweiz kamen. Für die Forschungen dieser jungen Kolleg*innen war der Einschnitt in ihre Projekte natürlich gravierend. Die Möglichkeit, ein ganzes Jahr finanziell abgesichert in den USA recherchieren zu können, wirkt im Normalfall als mächtiger Katalysator für die Arbeit an der eigenen Qualifikationsschrift. Muss man sein Stipendium vorzeitig abbrechen, so hat das über kurz oder lang auch Konsequenzen für die nächsten Schritte in der akademischen Karriere. Auch deshalb haben wir allen Betroffenen angeboten, sich später noch einmal auf eines unserer Recherchestipendien zu bewerben. Einschnitte in ihren Forschungsprojekten sehen natürlich auch unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind alle noch vor Ort in den USA und arbeiten engagiert an ihren Projekten, doch mussten sie ihre Pläne für Archivreisen und damit für die Bücher, an denen sie schreiben, neu justieren. Bislang sind aber alle gesund und zuversichtlich, die Krise gemeinsam meistern zu können. Wir stehen im ständigen Kontakt mit der Deutschen Botschaft, die uns bei der Ausarbeitung und Umsetzung unseres Krisenplans unterstützt.

Einen Krisenplan ganz anderer Art hat uns die Pandemie allerdings schon vor der Schließung des Institutsgebäudes abgefordert: Wie alle Institute der Max Weber Stiftung (MWS) werden wir aller sieben Jahre evaluiert und wie alle Institute haben auch wir uns lange und engagiert auf die für die letzte Märzwoche geplanten Begehungen im Rahmen dieses Evaluationsverfahrens vorbereitet. Diesmal sogar besonders intensiv, denn vom Ergebnis der Evaluierung hängt es ab, ob wir unser 2017 eröffnetes Pazifikbüro „PRO Berkeley“ als neue MWS-Präsenz an der Westküste weiter betreiben können oder nicht. Die Anspannung, aber auch die Motivation zu zeigen, was wir in den vergangenen Jahren geleistet haben, war entsprechend hoch. Ende Februar bzw. Anfang März fanden unsere Generalproben für die einwöchige Begehung in Berkeley und Washington statt. Doch wurden transatlantische Flugreisen immer unwahrscheinlicher und am 9./10. März haben dann alle Beteiligten einvernehmlich beschlossen, die Begehung digital stattfinden zu lassen – ein vorerst richtiger Entschluss, denn der Einreisestopp für Europäer folgte schon am nächsten Tag. Zu dieser Zeit allerdings war in Deutschland ebenso wie in den USA noch kaum jemand auf digitale Veranstaltungen von so großer Tragweite eingerichtet. Das war also eine echte Herausforderung: Neben allen Sofortmaßnahmen für unsere Stipendiaten, die genau zu dieser Zeit eilig das Institut verließen, und neben der Sorge um unsere eigenen Familienmitglieder, die in Deutschland leben oder gerade auf dem Weg zurück in die USA waren, musste eine digitale Begehung unserer beiden Standorte über neun Zeitzonen hinweg organisiert werden! Zusammen mit unserer Bonner MWS-Geschäftsstelle haben wir dafür binnen eines Tages einen Plan erarbeitet, in Windeseile die dafür notwendige Technik beschafft und begonnen, Vorträge und Interviews auf Video aufzuzeichnen. So wollten wir die online-Zeiten für die Kommission im Rahmen halten. Doch es dauerte nur wenige Tage bis klar war, dass sich die Situation derart zugespitzt hatte, dass auch Reisen innerhalb der Bundesrepublik nicht mehr möglich waren und die Evaluationskommission daher keine Chance hatte, an einem gemeinsamen Ort in Deutschland zusammenzukommen. Die logische Folge war: Am 16. März, sechs Tage vor dem geplanten Beginn der beiden Begehungen in Berkeley und Washington, mussten diese auch in der erst fünf Tage vorher erarbeiteten digitalen Form abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Das war für alle, die sich in Deutschland wie hier vor Ort bis zum Schluss um kreative Lösungen bemüht haben, eine notwendige und von allen Beteiligten akzeptierte, aber dennoch bittere Nachricht. Ihre Folgen reichen allein deshalb weit ins nächste Jahr hinein, weil heute noch niemand verlässlich planen und neue Termine für Projekte, die wie dieses vergleichsweise viel Vorbereitungszeit benötigen, festlegen kann.

Aber wir am DHI haben von diesen wahnsinnig anstrengenden Wochen auch profitiert: Die Mitarbeiter*innen haben an beiden Standorten ganz Enormes geleistet, die Ausnahmesituation hat sie noch enger zusammengeführt und ein Vertrauen, aber auch eine basale Resilienzfähigkeit wachsen lassen, die zu einer Art kulturellem Kapital wurde, als zuerst in Kalifornien und dann wenige Tage später in der U.S. Hauptstadt „stay at home“-policies in Kraft gesetzt wurden. Durch die Krise vor der Krise waren wir dafür – so scheint es – ganz gut gerüstet.

Prof. Eckert: Mein Campus grenzt direkt an das Gelände des Center for Disease Control (CDC), und zwischen Emory und dem CDC bestehen viele personelle und wissenschaftliche Verbindungen. Beim Ausbruch der Schweinegrippe 2009 hat Emory rasch Quarantäne-Unterbringung für Studenten bereitgestellt.[1] 2014 wurden in der Emory Klinik Ebola Patienten erfolgreich behandelt. Mit den Beispielen möchte ich den hohen Stellenwert von Public Health auf unserem Campus verdeutlichen, weshalb die Corona-Pandemie hier auch weit früher ernst genommen wurde als in der Politik. Die Informationen meiner Universität waren zeitnah und soweit verlässlich, wie der Wissensstand es gerade zuließ.

Im Februar wurde uns auch bewusst, dass das Frühlingssemester (Januar bis Mai) nicht zu einem normalen Ende kommen würde. Ich habe in dem Monat noch meine letzte Dienstreise nach Toronto unternommen, machte mir aber schon Sorgen, ob ich noch würde zurückfliegen können. Im Vorfeld der Frühlingsferien in der zweiten Märzwoche kam die Ansage, dass die Ferien um eine Woche verlängert werden, die Studierenden in der Zeit den Campus verlassen müssen, und wir anschließend mit dem Unterricht online weitermachen. Das hat besonders einkommensschwache Studierende, die auf die Wohnheime angewiesen sind, sehr hart getroffen (zum Glück ließen sich hier Übergangslösungen finden). In der Verlängerungswoche sollten die Professoren die Lehre auf Online-Unterricht umstellen, und dann ging es bis zum Semesterende auf Zoom weiter. Den Verlust der Präsenzlehre haben deutsche Studierende mit dem Beginn des Sommersemesters im April jetzt auch erlebt, allerdings wurde die Corona-Krise ja in den Semesterferien akut, so dass man in Deutschland etwas mehr Zeit hatte, sich darauf einzustellen. Wirklich schmerzlich war für uns auch die Absage des Commencement im Mai, also der Zeremonie für die Absolventen. Keiner hat die Entscheidung in Frage gestellt, es war nur einfach traurig.

Zoom

The German Historical Institute in Washington

"Einige schlimme Infektionsherde – etliche Heinsbergs, sozusagen"

L.I.S.A.: Weltweit wurde der Reiseverkehr eingeschränkt, zahlreiche Staaten haben Ausgangs- oder Kontaktverbote verhängt, Schulen und Universitäten sind vielerorts geschlossen. Inwiefern erfahren Sie Beeinträchtigungen in Ihrem persönlichen Alltag? Wie sieht das Leben in den USA aktuell aus? 

Prof. Eckert: Ich lebe im Bundesstaat Georgia, wo der republikanische Gouverneur Brian Kemp spät auf die Lage reagiert und als einer der ersten in den USA die Beschränkungen auch wieder aufgehoben hat. Geschäfte und öffentliche Einrichtungen mussten am 2. April schließen, aber der Lockdown lief Ende des Monats auch schon wieder aus. Über dieses Vorpreschen ist ja auch in Deutschland berichtet worden, besonders weil Kemp mit einer perversen Zielsicherheit zuerst Betriebe mit hohem Kontaktpotential wiedereröffnet hat: Friseure, Nagelstudios, Fitnessstudios, Bowlingbahnen und Tätowiersalons. Georgia hat einige schlimme Infektionsherde – etliche Heinsbergs, sozusagen –, die oft in mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Landkreisen liegen oder auf die fleischverarbeitende Industrie zurückzuführen sind. Derweil argumentiert die Landesregierung, dass ja nun flächendeckend Corona-Tests zur Verfügung stünden. Dabei wurden in der Statistik Virus-Tests und Antikörper-Tests munter vermischt, so dass sowohl die Test-Kapazitäten als auch die Infektionskurve besser aussahen. Mittlerweile steht der Vorwurf im Raum, dass die Statistiken bewusst geschönt wurden, um das Ende des Lockdowns zu forcieren.[2] Auch wenn man Konzessionen an politisches Theater macht, mein Alltag ist also grundsätzlich von dem Bewusstsein getragen, dass ich mir verlässliche Informationen selbst suchen muss bzw. politisch motivierten Vorgaben nicht folgen kann. Hier ist es wie gesagt sehr hilfreich, Teil einer Universität mit einem wissenschaftlich ausgerichtetem Gesundheitssektor zu sein.

"Wissenschaftsskepsis, zuweilen pure Wissenschaftsfeindschaft"

Was als Krankheit der globalisierten Elite begann, bedroht inzwischen vor allem die Bevölkerungsgruppen, die wie Schwarze, Latinos und Einwanderer ohne Papiere ohnehin unterprivilegiert sind.

Prof. Lässig: Was die Fallzahlen betrifft, so wurde bisher kein Land so hart von der Pandemie getroffen, wie die Vereinigten Staaten; mehr als 1,7 Millionen Infizierte und über 100.000 Tote[3] – das ist für die Weltmacht USA mit ihrer beispiellosen Forschungsstärke schon ein Schock. Viele unserer amerikanischen Bekannten schauen deshalb mit Bewunderung nach Deutschland, wo die Kanzlerin sehr besonnen reagiert hat, wo die Politik dem Rat von medizinischen Experten relativ früh gefolgt ist und wo zudem ein großer Teil der Bevölkerung der Wissenschaft Vertrauen entgegenbringt.

Diese vor allem bei demokratischen Wählern verbreitete Wertschätzung erklärt sich aus der in den USA schon vor der Pandemie deutlich gestiegenen Wissenschaftsskepsis, die zuweilen in pure  Wissenschaftsfeindschaft umschlägt, und daraus, dass die Bundesregierung lange Zeit einen klaren Kurs vermissen ließ. Die Trump-Administration hat bekanntlich sehr zögerlich auf die Pandemie reagiert. Die Initiative lag bei den einzelnen Bundesstaaten. Deshalb ergibt sich ein regional – z.T. sogar lokal – sehr unterschiedliches Bild, geprägt durch Unterschiede in den Infektionsketten in ländlichen vs. städtischen Siedlungsgebieten, durch den Zeitpunkt und die Entschiedenheit der politischen Intervention und ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Unterschiede zwischen Metropolen wie New York, Chicago oder Detroit und ländlichen Regionen, insbesondere denen im amerikanischen Süden und Westen, sind erheblich. Die Wahrnehmung ist verzerrt, etwa wenn man sehr viel über New York erfährt, aber wenig über das ebenfalls stark betroffene New Orleans oder die vielen hotspots in Georgia, wo Astrid Eckert andere Erfahrungen machen muss als wir hier im District of Columbia, wo Major Muriel Bowser recht entschlossen reagiert hat.

Doch auch innerhalb der Städte gibt es markante Unterschiede. Was als Krankheit der globalisierten Elite begann, bedroht inzwischen vor allem die Bevölkerungsgruppen, die wie Schwarze, Latinos und Einwanderer ohne Papiere ohnehin unterprivilegiert sind. Dies lässt sich auch hier im Großraum Washington beobachten, wo die Rate an Infizierten relativ hoch ist (1.247 auf 100.000 Einwohner; in Deutschland sind es 221 – Stand 1. Juni). Die Disparitäten zwischen den Stadtteilen, die sich in ihrer sozialen und ethnischen Zusammensetzung ebenso sehr unterscheiden wie in den meisten anderen amerikanischen Städten, sind deutlich wahrnehmbar.

Unsere Kolleg*innen und Partner in Nordkalifornien leben schon seit 16. März unter „Shelter in Place“-Regularien. Die University of California, auf deren Berkeley Campus wir unser Büro aufgebaut haben, ist seither komplett geschlossen und Büros sind nur mit Ausnahmegenehmigung zugänglich, Bibliotheken gar nicht. Kindereinrichtungen und Schulen werden wohl mindestens bis zum Beginn des neuen Schuljahres geschlossen bleiben. Dabei wird die Einhaltung der Lockdown-Regeln in US-amerikanischen Städten freilich nicht annähernd so stark kontrolliert und von Sanktionen begleitet wie das etwa in Frankreich oder Italien, teils auch in Deutschland der Fall war. In meinem Umfeld beobachte ich, dass viele Bürger von sich aus sehr auf diszipliniertes Verhalten achten und in den Nachbarschaften zuweilen recht ungehalten reagieren, wenn ihnen jemand ungeschützt zu nahe kommt. Selbst auf der Straße, beim Joggen oder Fahrradfahren tragen viele Menschen eine Maske. Wie repräsentativ dies für andere Gegenden der USA ist, vermag ich freilich nicht zu beurteilen; gleichzeitig zirkulieren ja auch hier Fotos von Menschen, die sich – ähnlich wie ihr Präsident – nicht um einen Mindestabstand oder die Einhaltung von Hygieneregeln scheren.

Das Federal Gouvernement hatte seine vielen zehntausend Mitarbeiter im März zur Heimarbeit angehalten. Vor wenigen Tagen wurden sie nun wieder zur Arbeit in die Ministerien zurückgerufen. Das ist insofern bemerkenswert als die Stay-at-Home-Order durch die Stadt bis zunächst 8. Juni aufrechterhalten bleibt. (Die Bürgermeisterin von Washington D.C. hat die bisherige Stay-at-Home-Verordnung am 29.05. aufgehoben.) Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Republikaner in der Bundesregierung die Maßnahmen der demokratischen Stadtverwaltung behindern. Man wird sehen müssen, ob sich die Fallzahlen in Washington und Umgebung stabilisieren und ob die schlimmsten Befürchtungen ausbleiben. Krankenhäuser in und um Washington DC vermeldeten an diesem Wochenende erstmals einen deutlichen Rückgang der Corona-Neuaufnahmen (tägliche Steigerung derzeit um 1,3% - Stand 24. Mai). Die Hauptstadt, wie auch die Kommunen in den umliegenden Bundesstaaten Virginia und Maryland, die zum unmittelbaren Einzugsgebiet des „Districts“ zählen, testen jetzt weitläufig und – was für die USA mit ihrem profitorientierten Gesundheitssystem noch viel wichtiger ist – in vielen Fällen umsonst. Freilich ist man der politischen Entwicklung hier in Washington besonders nahe und die täglichen Nachrichten aus dem Weißen Haus verfolgen wir alle mit anhaltender Spannung.

President Donald J. Trump, joined by Vice President Mike Pence and members of the White House Coronavirus Task Force, takes questions from the press at a coronavirus update briefing Saturday, March 14, 2020, in the James S. Brady Press Briefing Room of the White House.

"Wahrscheinlich ein hybrides Herbstsemester"

Was mehr ins Gewicht fällt sind die zum Teil sehr unterschiedlichen sozialen Umstände der Studenten und ihrer Familien, die die Corona-Krise scharf offengelegt hat.

L.I.S.A.: Professor Eckert, Sie lehren und forschen an der Emory University in Atlanta. Welchen Stellenwert hat die digitale Lehre und wie verändert die aktuelle Situation den Universitätsalltag?

Prof. Eckert: Die digitale Lehre war in Emory schon vor der Corona-Krise eine etablierte Lernform, spielte aber nur eine ergänzende Rolle. Sommerkurse werden auf freiwilliger Basis online angeboten und die Kolleg*innen, die sie unterrichten, werden über Wochen mit Weiterbildungen technisch und pädagogisch darauf vorbereitet. Es wäre ein großes Missverständnis zu glauben, dass digitale Lehre in den Geisteswissenschaften einfach nur eine „Vorlesung auf dem Bildschirm“ ist, mit der man einfach loslegen kann.

Vom Universitätsalltag war nach der Schließung des Campus natürlich nichts mehr übrig außer vielen Emails und Gesichtern auf Zoom. Angesichts der Schließung war die digitale Lehre der einzige Weg, das Semester zu einem Abschluss zu bringen und die oberen Jahrgänge zum Studienabschluss zu führen. Zum Glück hat Emory ohnehin eine robuste IT-Struktur, etablierte Lernsoftware und umfangreiche digitale Bibliotheksbestände, so dass der halsbrecherische Übergang von der Präsenz- zur Online-Lehre wenigstens nicht daran gescheitert ist. Die Uni hat Studierende auch wenn nötig mit Laptops und Tablets ausgestattet, bevor sie nach Hause gefahren sind. Dass das Semester regulär begonnen hatte, spielte eine wichtige Rolle, denn so kannten die Studierenden ihre Professoren und umgekehrt; ein Teil des Momentums konnte in die letzten Semesterwochen hinübergerettet werden.

Dass die Studierenden nun plötzlich über die ganze Welt verstreut und in verschiedenen Zeitzonen waren, war sicherlich das kleinere Problem. Was mehr ins Gewicht fällt sind die zum Teil sehr unterschiedlichen sozialen Umstände der Studenten und ihrer Familien, die die Corona-Krise scharf offengelegt hat. Hier möchte ich nur meinen Kollegen Johannes von Moltke von der University of Michigan zitieren, der nach der ersten Online Sitzung Mitte März Bilanz zog:[4]

„Eine Studentin ist zuhause mit so vielen Geschwistern, dass sie sich nicht konzentrieren kann. Selbst die kleinsten Aufgaben für den Unterricht sind schwer zu bewältigen.

Ein Student steht kurz vor dem Diplom. Alle Vorstellungsgespräche, die er im Kalender hatte, wurden abgesagt. Stellenanzeigen haben sich in Luft aufgelöst.

Eine Studentin hatte ihren kleinen Bruder auf dem Schoss.

Eine andere saß auf dem Fußboden zwischen Umzugskisten und wusste immer noch nicht, wie sie nach Hause kommen soll.

Einer hatte gar nicht erst Internetzugang.

Etliche haben ihre Jobs in Restaurants, Kinos und Wohnheimen verloren.

Eine Studentin musste ihre Familie um Ruhe bitten, um sich im Kurs beteiligen zu können.

Der nächste lebt nun mit seiner Familie, die nicht krankenversichert ist.

Eine andere arbeitet fortan im Laden der Eltern mit und versucht, das Geschäft durch Online-Verkäufe über Wasser zu halten.“

Was man bei der Diskussion um digitale Lehre gern vergisst, ist die Lern-Infrastruktur, die Colleges und auch Schulen bereitstellen und die zumindest in Ansätzen die Chancen der Studierenden angleichen. Soziale Unterschiede bleiben natürlich bestehen, aber Studierende aus verschiedenen sozialen und ethnischen Milieus finden auf einem amerikanischen College Campus zumindest die Rahmenbedingungen vor, die ihnen das akademische Lernen und einen universitären Abschluss ermöglichen. Meine Universität kann noch so viele Notebooks ausgeben: wenn ein Student anschließend mit Existenzsorgen und vier Familienmitgliedern in einer kleinen Wohnung in Queens sitzt, ist an erfolgreiches Lernen nicht zu denken.

Trotzdem müssen wir mit der digitalen Lehre sicherlich noch weitermachen. Auf meinem Campus bereiten wir uns auf ein wahrscheinlich hybrides Herbstsemester vor, in dem einige Kurse von vornherein nur online angeboten werden und andere regulär an den Start gehen. Alle Lehrkräfte werden im Juni für den Online Unterricht weitergebildet für den Fall, dass wir im August ein rein digitales Semester anbieten oder nach ein paar Wochen darauf umstellen müssen.

"Vertreter der Institute kommen relativ regelmäßig virtuell zusammen"

L.I.S.A.: Neben den zahlreichen Einschränkungen wird die aktuelle Situation vielerorts auch als Chance betrachtet, die – zumindest teils – längst überfällige Digitalisierung voranzubringen. In Deutschland wird zudem bundesweit die Frage diskutiert, ob das Arbeiten von Zuhause, das Homeoffice, zur neuen Normalität wird. Jüngst kündigte der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in diesem Zusammenhang an, einen entsprechenden Gesetzesentwurf bis zum Herbst vorzulegen. Professor Lässig: Wäre mehr Arbeit im Homeoffice für wissenschaftliche Institute ohnehin eine sinnvolle Entwicklung?

Prof. Lässig: Mit dieser Frage haben wir uns am Institut in der Tat schon unter den Bedingungen der „alten Normalität“ beschäftigt. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in einem durch große geographische Entfernungen geprägten Land noch besser gewährleisten zu können, haben wir die Vor- und Nachteile verschiedener Home-Office-Regelungen gemeinsam mit unseren Mitarbeiter*innen und ihren Vertretern sorgsam abgewogen. Dabei war es uns wichtig, die spezifischen Bedingungen eines Auslandsinstituts, in dem Entsandte und Lokalbeschäftigte kollegial zusammenarbeiten, ebenso zu berücksichtigen, wie die unterschiedlichen Rechtsrahmen. Viele dieser Unterschiede verblassten mit den Lockdown-Maßnahmen, die etwa einen Monat nach Verabschiedung unserer hausinternen Regelungen in Kraft gesetzt wurden, bis zur Unkenntlichkeit. Wir erleben also auch im Institut gerade ein spannendes Experiment. Seine Dauer ist zwar schon deshalb nicht absehbar, weil Kindereinrichtungen voraussichtlich noch lange geschlossen bleiben werden und der Nahverkehr (Metro) nach eigenen Verlautbarungen frühestens im April 2021 zum Normalbetrieb zurückkehren wird. Doch für die erste, nunmehr acht Wochen andauernde Phase kann ich sagen, dass sich unsere Mitarbeiter*innen größte Mühe geben, auch von zu Hause aus verlässlich zu arbeiten. Wir haben schnell und erfolgreich auf digitale Kommunikation umgestellt. Insbesondere für die Verwaltung, die die Stornierungsbedingungen für unzählige Flüge und Hotelreservierungen verhandeln musste, weil Konferenzen und natürlich auch die Begehungen nicht stattfinden konnten, und die besondere Infrastrukturen braucht, selbige aber auch sichern muss, war das eine enorme Herausforderung. Dennoch funktioniert das Institut mit seinen beiden Standorten in diesem remote-Modus erstaunlich gut. Die Kollegen helfen sich untereinander – sogar über den Kontinent hinweg. Sie entwickeln plötzlich ganz neue Ideen für Veranstaltungen oder interne Fortbildungen und sie ertragen noch immer tapfer, dass sie weder Bibliotheken noch Archive nutzen können. Das zeigt einerseits, wie sehr Vorgesetzte ihren Mitarbeitern vertrauen sollten, wenn es um die Einführung von Heimarbeitsregeln geht. Andererseits tritt aber auch klar zu Tage, dass durchgängig dezentrale Arbeit für viele Mitarbeiter*innen, aber auch für die Leitung, besondere Anstrengungen generiert und auf Dauer nur realisierbar sein dürfte, wenn die Kolleg*innen zu Hause auch ungestört arbeiten und sich zudem regelmäßig persönlich begegnen und austauschen können. Was wir jetzt erleben, ist insbesondere für nichtwissenschaftliche Beschäftigte und für Wissenschaftler*innen mit Kindern, die zu Hause betreut und beschult werden müssen, keine neue Normalität, sondern eine Ausnahmesituation, die sie auf beeindruckende Weise meistern. Und dabei unterstützt sie die Institutsleitung auch nach Kräften und so flexibel wie es irgend möglich ist.

Auch auf der Ebene der Max Weber Stiftung, die ja weltweit zehn Auslandsinstitute und je ein Büro in Indien und China unterhält, geht die Arbeit weiter. Vertreter der Institute kommen relativ regelmäßig virtuell zusammen und pflegen ihre internationalen Kontakte auf neue Weise. Das freilich verlangt vor allem denjenigen, die wie wir oder die Kollegen in Tokio außerhalb Europas arbeiten, auch physisch einiges ab: Wenn Videokonferenzen in Deutschland um 9:30 Uhr beginnen, müssen wir um 2:30 Uhr morgens aufstehen.

Das zeigt einerseits, wie sehr Vorgesetzte ihren Mitarbeitern vertrauen sollten, wenn es um die Einführung von Heimarbeitsregeln geht. Andererseits tritt aber auch klar zu Tage, dass durchgängig dezentrale Arbeit für viele Mitarbeiter*innen, aber auch für die Leitung, besondere Anstrengungen generiert.

"Neoliberalisierung des Bildungssektors"

L.I.S.A.: Stichwort Digitalisierung an Universitäten: Hat die digitale Lehre Zukunftspotential? Fördern oder hemmen digitale Plattformen den wissenschaftlichen Austausch? Welche möglichen Konsequenzen hat die Umstellung auf den Online Unterricht im amerikanischen Hochschulsystem?

Prof. Eckert: Digitale Lehre gibt es natürlich nicht erst seit Corona, und die Meinungen dazu gehen weit auseinander. Als vor einigen Jahren die sogenannten MOOCs (massive open online courses) von Anbietern wie Coursera und edX angepriesen wurden, haben viele Lehrkräfte das sicherlich als bedrohlich wahrgenommen. Hätte sich erwiesen, dass sich Präsenzunterricht mal eben mit Online-Kursen ersetzen lässt, wäre die traditionelle Form des Unterrichts in Frage gestellt gewesen, was eine Vielzahl von Lehrkräften redundant gemacht hätte. Aber so ist es ja aus guten Gründen nicht gekommen. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die MOOCs zwar oft mit vielen eingeschriebenen Teilnehmern beginnen, diese aber im Verlauf des Semesters auch wieder abspringen. Zudem haben sie nach wie vor ein Akkreditierungsproblem, das heißt, etablierte Colleges und Universitäten akzeptieren diese Kurse nicht, und letztendlich wollen die Studierenden an einem College irgendwann ein Diplom in der Hand halten, das wiederum von Arbeitgebern anerkannt wird.

Die Studierenden in den USA wollen für ihre Studiengebühren aber nicht nur ein Diplom, sie wollen auch eine bestimmte Lebensphase gestalten – die „College experience.“ Das bedeutet: vier Jahre Teil einer akademischen Gemeinschaft sein; Zugang zu Bibliotheken, Laboren, führenden Wissenschaftlern, intellektuellen Angeboten, und Berufsvorbereitung; soziale Kontakte und Vernetzungsmöglichkeiten; Sport- und Freizeitangebote; Unterkunft, Verpflegung bis hin zum Wäschedienst: das College als Brücke zwischen Elternhaus und dem selbstständigen Leben mit eigenem Einkommen; das College als „coming of age experience“, auch als Status Symbol. Dafür zahlen die Studierenden und ihre Familie für deutsche Verhältnisse astronomische Summen (an meiner privaten Universität etwa $55,000 im Jahr). Das ist alles hinfällig, wenn die Studierenden von zuhause aus lernen müssen. Entsprechend sahen sich viele Hochschulen auch gezwungen, Gebühren zurückzuzahlen bzw. werden gerade entsprechend verklagt.[5]

Die Frage, ob die digitale Lehre pädagogisch gesehen Zukunftspotential hat, trifft meines Erachtens nicht den Kern der Sache. Im amerikanischen Kontext geht es um nicht weniger als um das wirtschaftliche Überleben vieler Colleges und Universitäten. Aktuell ist deshalb die große Frage: In welcher Form kann der Unterricht im Herbstsemester stattfinden? Ist räumliche Distanzierung auf einem College Campus überhaupt möglich, wo Studierende sich Zimmer in Wohnheimen teilen und in der Mensa, im Vorlesungssaal, im Labor und in der Bibliothek zusammenkommen? Die Hochschulen haben hier ja auch eine ethische Verantwortung bzw. befürchten, im Schadensfall haftbar gemacht zu werden. Die Diskussion wird in den Hochschulzeitschriften Chronicle of Higher Education and Inside Higher Ed kontrovers ausgetragen. Besonders die staatlichen Universitäten sind auch unter politischem Druck, durch eine Wiedereröffnung des Campus die politische Linie ihrer jeweiligen Bundesstaaten und Gouverneure mitzutragen. Und werden die Studierenden im August überhaupt wiederkommen oder lieber ein Jahr frei nehmen (gap year), bis sich die Lage geklärt hat?[6] Bleiben die Studenten weg, fließen auch die Studiengebühren nicht mehr. Selbst Eliteuniversitäten geht es auf einmal nicht anders als einem Kaufhaus: Die Kunden kaufen nicht. Entsprechend liegen die Nerven blank, und Princeton hat sich zu der Drohung hinreißen lassen, dass diejenigen, die sich nicht wie geplant für den Herbst einschreiben, ihren Studienplatz verlieren könnten.[7]

Das amerikanische Hochschulsystem ist auch sehr auf internationale Studierende angewiesen. Während amerikanische Studenten die Studiengebühren oft durch Preisnachlässe, staatliche Hilfen oder Verrechnungsstipendien senken können, zahlen Studierende aus dem Ausland die volle Gebühr. Dadurch wird das System quasi querfinanziert. Ob besonders die zahlungskräftigen Studierenden aus China in die USA (zurück)kommen wollen, ist zurzeit noch völlig offen.[8] Im Zuge der Corona-Krise hat es in den USA rassistische Ausfälle gegenüber Asiaten gegeben; die Trump-Regierung insistiert, den Virus nach der Provinz Wuhan zu benennen; arbiträr erscheinende Grenzschließungen und Visapolitik erlauben keine Planungssicherheit. Wer kann es den Studierenden da verdenken, sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen?

Es wird meiner Meinung nach zu einer massiven Bereinigung auf dem amerikanischen Hochschulmarkt kommen. Im Gegensatz zur öffentlich finanzierten deutschen Hochschullandschaft ist es vor allem das: ein Markt. Die Anzeichen deuten alle auf Abschwung und Kontraktion. Die Muster gleichen sich, ob in Georgetown, Northwestern, Duke oder Harvard: Einstellungsstopp, Gehaltskürzungen und Aussetzung der Arbeitgeberbeiträge zur Altersvorsorge.[9] Die nächste Stufe wären Entlassungen. Kleinere Colleges, die schon seit Jahren am Existenzminimum arbeiten wie etwa Sweet Briar in Virginia oder Bennett in North Carolina, wird es besonders hart treffen. Andere werden die Krise nutzen, um intern die Axt anzulegen. Missouri Western State University hat Mitte Mai seine geistes- und sozialwissenschaftlichen Programme kurzerhand geschlossen und 30% des Lehrpersonals entlassen. Da nützt dann auch „tenure“ nichts mehr.[10] Dass aber auch reiche Universitäten wie Harvard oder Johns Hopkins, die über milliardenschwere Endowments verfügen, sich nur einen Monat nach dem Lockdown schon zu drastische Kürzungen veranlasst sehen, erklärt der Historiker François Furstenberg mit der Neoliberalisierung des Bildungssektors. Ein administrativer Wasserkopf bestehend aus Präsidenten, Rektoren, Dekanen und jeweiligen Vize- und Vize-Vize Positionen führt die Universität als ein Unternehmen mit dem Ziel der Profitmaximierung. Der Bildungsauftrag wird dem Endowment untergeordnet; entsprechend verdient der Endowment-Manager mehr im Jahr, als die Universität an Stipendien für Studenten ausschüttet.[11] Die Corona-Krise hat in kürzester Zeit eine signifikante Krise im amerikanischen Hochschulsystem an die Oberfläche befördert.

Bleiben die Studenten weg, fließen auch die Studiengebühren nicht mehr. Selbst Eliteuniversitäten geht es auf einmal nicht anders als einem Kaufhaus: Die Kunden kaufen nicht.
Wissenschaftlicher Austausch, der auch über Gespräche am Rande von Veranstaltungen und über zufällige Bekanntschaften läuft, kann in Online-Formaten nur bedingt fruchtbar sein und daher auch nur bedingt neue Forschung anregen. Da sind sich Forschung und Diplomatie sehr ähnlich.

Prof. Lässig: Zur digitalen Lehre haben Sie durch Astrid Eckert schon viele wichtige Informationen erhalten. Meine eigene Urteilsfähigkeit bezieht sich eher auf die internationale Wissenschaftskommunikation und auf die Arbeitsweisen von Forschungsinstituten.

Was uns selber betrifft, so haben wir schon seit der Gründung unseres Pazifikbüros an der UC Berkeley sehr viel digital kommuniziert. Von den Routinen, die sich dabei eingespielt haben, profitieren wir jetzt, wo sich die Notwendigkeit und die Frequenz digitaler Kommunikation nochmals intensiviert haben. Auch in Bezug auf akademische Veranstaltungen können wir bisherige Erfahrungen nutzen, allerdings experimentieren wir noch mit den für das jeweilige Format passenden (und bezahlbaren) technischen Angeboten. Kurzfristig haben wir unsere Forschungskolloquien auf ein Online-Format umgestellt. Das bietet für ein Institut mit zwei Standorten, die drei Zeitzonen auseinanderliegen, eine gute Möglichkeit, alle Teilnehmer per Video „auf Augenhöhe“ miteinander kommunizieren zu lassen, denn jetzt sind alle online. Für den Herbst und wenn nötig auch darüber hinaus haben wir zudem geplant, das Transatlantische Doktorandenseminar und das Bucerius Young Scholars Forum, eine Master Class für Nachwuchswissenschaftler*innen, online zu organisieren. Zu Forschungsthemen des Instituts, die auch aktuell brennende Fragen berühren, planen wir eine Serie von Webinaren, die Interessierte in Deutschland und den USA gleichzeitig besuchen können. 

Zur Regel wollen wir dies jedoch nicht machen, denn Sinn und Zweck wissenschaftlicher Konferenzen ist ja auch die persönliche Begegnung und die Vernetzung mit Fachkolleg*innen. Insbesondere im Nachwuchsbereich ist internationale Mobilität als Bewegungsprinzip der Wissenschaft unverzichtbar – auch deshalb widmen wir Programmen für Studierende, Promovierende und Postdoktoranden viel Aufmerksamkeit. Denn wir wissen aus alltäglicher Erfahrung: Wissenschaftlicher Austausch, der auch über Gespräche am Rande von Veranstaltungen und über zufällige Bekanntschaften läuft, kann in Online-Formaten nur bedingt fruchtbar sein und daher auch nur bedingt neue Forschung anregen. Da sind sich Forschung und Diplomatie sehr ähnlich. Eine vielgestaltige internationale Wissenschaftskommunikation ist das Lebenselixier jeder Forschung und sie braucht eine gewisse Nähe. Erstens, weil Konferenzen über viele Zeitzonen hinweg rein logistisch nicht funktionieren. Nur ein Beispiel: Wir am DHI Washington und am PRO Berkeley arbeiten in einem Projekt zusammen mit Kolleg*innen in Moskau, Peking, Singapur und Tokio. Sie alle an einen virtuellen Tisch zu holen und über Stunden hinweg miteinander arbeiten zu lassen, ist über 16 Zeitzonen hinweg schlichtweg unmöglich. Zweitens lebt Wissensproduktion im internationalen Forschungsraum von der Chance, aber auch der Notwendigkeit, interkulturelle Kompetenz zu entwickeln, was wiederum die Fähigkeit einschließt, auf Zwischentöne zu hören. Im digitalen Raum sind diese jedoch einfach nicht wahrnehmbar und daher kann die wichtigste Ressource wissenschaftlicher Kooperation – wechselseitiges Vertrauen – schwerlich über digitale Medien wachsen und auch nicht auf Dauer erhalten werden. Vor diesem Hintergrund erfahren die Auslandsinstitute der MWS gegenwärtig nochmal einen Bedeutungszuwachs: Ihre Mitarbeiter, auch die deutschen, sind fast überall vor Ort; sie halten auch jetzt den direkten Kontakt zu Partnern und Nutzern unserer Programme. Verlässliche, projektunabhängig funktionierende Forschungsinfrastrukturen sind wichtiger denn je—auch, ja gerade im Ausland.

"Eine Krise der Geisteswissenschaften"

Anders als in Deutschland erhalten die Geisteswissenschaften wenig Raum in den etablierten Medien.

L.I.S.A.: Mit Blick auf das German Historical Institut in Washington, an dem Sie, Professor Lässig, forschen: Welchen Stellenwert hat die geisteswissenschaftliche Forschung in der öffentlichen Diskussion in den USA? Mit welchen Einschränkungen sehen Sie sich konfrontiert? Und kommt dem GHI als Auslandsinstitut der Max Weber Stiftung eine besondere Rolle zu?

Prof. Lässig: Es ist sicher nicht übertrieben, für die USA von einer Krise der Geisteswissenschaften zu sprechen und diese hat nicht erst mit dem Wahlsieg Donald Trumps begonnen. Wo immer Gesellschaften davon ausgehen, dass sich alles „rechnen“ und alles einen sofort greifbaren „Nutzen“ haben muss, geraten die Geisteswissenschaften unter Druck. Dies gilt überall, aber besonders in den USA, wo die Studiengebühren inzwischen unvorstellbar hoch sind – Astrid Eckert hat ja schon darauf verwiesen. Die Durchschnittswerte für öffentliche und private Colleges liegen aktuell zwischen $25.000 und $50.000 pro Jahr.[12] Es liegt da auf der Hand, dass zahlende Eltern und Studierende, die sich für ihr Studium hoch verschulden, genau abwägen, welche „Rendite“ ihnen ein bestimmter Studienabschluss verspricht.

Anders als in Deutschland erhalten die Geisteswissenschaften wenig Raum in den etablierten Medien. Das ist insofern paradox, als sich viele ihrer Vertreter deutlich mehr als deutsche Kollegen und meines Erachtens im Schnitt auch erfolgreicher als diese darum bemühen, die Ergebnisse ihrer Forschungen an ein größeres Publikum zu vermitteln. Amerikanische Historiker erhalten keine Druckkostenzuschüsse und lernen deshalb sehr früh, Bücher zu schreiben, die auch Leser jenseits der Fachgemeinschaft ansprechen. Und so hat sich die Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahren dann doch vernehmbar in öffentliche Debatten und Kontroversen eingebracht, etwa in jene über öffentliche Monumente zu Ehren einstiger Politiker und Militärs der abtrünnigen Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg.

Das DHI Washington hat zu dieser Debatte auf eine seinem Grundauftrag gemäße Weise beigetragen, nämlich mit Veranstaltungen, auf denen solche nationalen Diskussionen in transatlantischer und internationaler Perspektive beleuchtet wurden. So haben wir 2019 mit dem National History Center eine öffentliche Podiumsdiskussion mit dem Titel „Competing Narratives of Failed Regimes: An International Comparison of National Memory Cultures“ organisiert, auf der die Teilnehmer neben den Südstaatenmonumenten auch Fallbeispiele zu Erinnerungskonflikten aus Deutschland, Spanien und Südafrika vorstellten. Es wurde teilweise hitzig diskutiert. 

Das Thema Migration, das hier in den USA mit seiner Geschichte als Einwanderungsland immer wieder Anlass für gesellschaftliche Debatten bietet, bildet am DHI Washington seit 2015 – neben der Wissensgeschichte und der Digitalen Geschichtswissenschaft – einen Schwerpunkt der Forschung. An unserem Standort in Kalifornien, wo das Thema in seiner historischen wie in seiner aktuellen Dimension mit beiden Händen zu greifen ist, haben wir mit „Wissensgeschichte der Migration“ sogar wichtige Impulse für ein neues Forschungsfeld gegeben. In jüngster Zeit mehren sich international Projekte und Tagungen anderer Akteure zu „Migrant Knowledge“; einem Thema zu dem wir, neben zahlreichen Förder- und Veranstaltungsformaten, aus denen sich bereits ein breites Wissenschaftsnetzwerk rekrutiert, auch einen eigenen Blog aufgesetzt haben: https://migrantknowledge.org/ . Er soll in erster Linie die Forschung in diesem neuen und interdisziplinär angelegten Feld bündeln und international weiter vernetzen. Doch zugleich bietet er eine Gelegenheit, wissenschaftliche Erkenntnisse über diesen Kreis der beteiligten Forscherinnen und Forscher hinaus zu kommunizieren. Deshalb sind alle, die sich daran beteiligen wollen, ebenso herzlich dazu eingeladen wie zu Beiträgen auf den anderen beiden Blogs, die das DHI Washington betreibt.[13]

Hier wie auch mit unseren Vortragsserien, Podiumsdiskussionen oder unserem Practicioners-Program[14] am PRO Berkeley versuchen wir uns immer wieder an einem Brückenschlag zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlichen Debatten. Ihnen wollen wir historische Tiefenschärfe geben und sie aus unterschiedlichen, nicht zuletzt internationalen Perspektiven beleuchten. Wir tun dies grundsätzlich zusammen mit amerikanischen wie deutschen Partnern, lassen zunehmend auch die Perspektiven anderer MWS-Institute einfließen und stärken so auch unsere globalhistorische Forschung. Dies alles entspricht unserem Auftrag und Selbstverständnis als transatlantischem Brückenbauer. Dass diese Brücke nun über das PRO Berkeley sogar an der besonders forschungsstarken Westküste und damit bis an den Pazifik verankert ist, dürfte den Geschichtswissenschaften auch, ja gerade in Deutschland sehr zu Gute kommen.

"Die Schwächen der amerikanischen Sozialversicherungssysteme"

Ein bedingungsloses Grundeinkommen als Widerspruch zu dem Gründungsmythos der USA, wonach jeder wirklich Tüchtige hier gut leben könne.

L.I.S.A.: Angesichts der wirtschaftlichen Krise, die vielen Deutschen aufgrund der bundesweiten Maßnahmen droht, wird in Deutschland immer wieder die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Wie nehmen Sie die Situation in den USA wahr? Gibt es ähnliche Diskussionen? Und welche Meinungen bestimmen den öffentlichen Diskurs?

Prof. Eckert: Das bedingungslose Grundeinkommen spielt nach meiner Wahrnehmung hier in den USA keine nennenswerte Rolle. Das Konzept ist sicherlich nur einer Minderheit bekannt, obwohl es einen gut publizierten Feldversuch mit allerdings nur 125 Teilnehmern in Stockton, Kalifornien, gab.[15] Und das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die USA haben eine tiefe libertäre Tradition, in der „Freiheit“ unter anderem als Freiheit von staatlicher Lenkung („Bevormundung“, würde ein Libertarian sagen) verstanden wird und das materielle Wohlergehen Aufgabe allein der jeweiligen Bürger*innen selbst sein soll. Im konservativen Lager gelten sozialstaatliche Maßnahmen schon lange als ungerechtfertigte Almosen – man denke nur an die „welfare queen“ der Reagan-Jahre: eine stereotypisierte afroamerikanische Frau, die zum Arbeiten angeblich zu faul ist und stattdessen lieber Beihilfe kassiert. Im März blockierten vier republikanische Senatoren das erste Corona-Rettungspaket, weil ihnen die temporäre Arbeitslosenunterstützung als zu großzügig erschien – es ging hier um einen eher bescheidenen bundesstaatlichen Zuschuss in Höhe von $600.[16] In einem solchen ideologischen Klima ist eine ergebnisoffene Diskussion eines bedingungsloses Grundeinkommen völlig ausgeschlossen.

Prof. Lässig: Ich muss gestehen, dass mir selber dieses Thema in den amerikanischen Medien erst 2019 begegnet ist als Andrew Yang, einer der demokratischen Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur, das Konzept einer „Freedom Dividend“, einer monatlichen Zahlung von eintausend Dollar ohne Bedarfsprüfung an jeden amerikanischen Staatsbürger bewarb. Ich habe deshalb zu Ihrer Frage meinen Stellvertreter Axel Jansen konsultiert, der als Experte zur Nordamerikanischen Geschichte gemeinsam mit einem deutschen Soziologen gerade ein Forschungsprojekt zur Geschichte dieses Konzepts entwickelt. Beide wollen untersuchen, warum es in den 1960er Jahren zunächst diskutiert wurde, dann aber im Anschluss an großflächige Sozialexperimente in Kanada und die von Astrid Eckert schon erwähnten Versuche in den USA kaum mehr Beachtung fand. Laut Axel Jansen ist ein bedingungsloses Grundeinkommen in Form einer negativen Einkommensteuer bereits in den USA der 1960er Jahre diskutiert worden und seit der Finanzkrise 2008 werde es im Zusammenhang mit Automatisierung immer mal wieder aufgegriffen. Wenn man es so interpretieren will, sogar von der Trump-Regierung, die allen amerikanischen Staatsbürgern im April pauschal einen Scheck über 1.200 Dollar als Hilfe während der Corona-Krise zusandte. Das allerdings war eine Einmalzahlung und insofern sind wir wohl in der Realität immer noch näher an dem, was Prof. Eckert eben beschrieben hat—einem Land, dessen Menschen zu großen Teilen an die Kraft und die Verantwortung des Individuums glauben und ein bedingungsloses Grundeinkommen als Widerspruch zu dem Gründungsmythos der USA sehen, wonach jeder wirklich Tüchtige hier gut leben könne. Für viele Amerikaner klang das in den Zeiten faktischer Vollbeschäftigung, auch wenn sie durch einen stetig wachsenden Niedriglohnsektor erkauft wurde, noch einigermaßen plausibel. Was aber nun passieren wird, wo die Schwächen der amerikanischen Sozialversicherungssysteme mit geradezu eruptiver Kraft zu Tage treten, ist eine ebenso drängende wie offene Frage.

Der Hang zu Desinformation und Verschwörungstheorien in der Corona-Krise ist kein amerikanisches Patent.

L.I.S.A.: Bislang wurde in Deutschland – zumindest auf politischer Ebene – ein überwiegend „unaufgeregter“ Diskurs um das Coronavirus, die Einschränkungen und mögliche Lockerungen geführt. Man war sich weitestgehend einig, den Ton gaben vor allem Virologen und Politiker an. Im medialen Diskurs werden jedoch inzwischen erste Stimmen laut, die die auferlegten Maßnahmen ablehnen und Einschränkungen der Grundrechte oder gar um die Demokratie als Ganzes fürchten. Wie bewerten Sie die Situation in den USA? Wie rational wird diskutiert?

Prof. Eckert: Angesichts eines Präsidenten, der ein Bleichmittel zum Verzehr vorschlägt und sich mit einem Malaria-Mittel prophylaktisch selbst behandelt, darf man die Frage nach Rationalität sogleich verneinen. Freilich ist der Hang zu Desinformation und Verschwörungstheorien in der Corona-Krise kein amerikanisches Patent; Deutschland hat damit mittlerweile auch seine Schwierigkeiten. Wo dieses Mal die Troll-Houses stehen sei dahingestellt, aber es hat sich erwiesen, dass die Hälfte aller Twitter Nachrichten, die für die Wiedereröffnung der USA agitieren („Reopen America“), von Bots ausgehen.[17] Die zum Teil wütende Opposition gegen die gebotenen Public Health Vorkehrungen sind nach wie vor die Angelegenheit einer spaltenden Minderheit, trotzdem bestimmen sie immer mehr den öffentlichen Diskurs. Der Populismus der vergangenen vier bis fünf Jahre (die Regierungszeit der Trump Regierung sowie der vorhergegangene Wahlkampf) hat nicht nur weite Kreise der Bevölkerung systematisch aufgehetzt, sondern auch das Vertrauen in staatliche Stellen ausgehöhlt. In diesem Klima kommt es dann zu Exzessen, wie der Belagerung des Landesparlaments in Lansing, Michigan und in anderen Landeshauptstädten durch bis an die Zähne bewaffnete „Bürgerwehren."[18] Die Situation wird dadurch weiter befeuert, dass die Demonstranten von höchster Stelle per Twitter Zuspruch erfahren. Trump blockiert eine landesweite Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen und unterminiert die Gouverneure, die ihm politisch nicht genehm sind – ob das am Ende mehr Leben kostet oder nicht, ist offenbar zweitrangig. Seine Fehde mit dem Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, ist ja bekannt.

Was aber wirklich hervorsticht – Frau Dr. Lässig sprach es schon an – ist die massive Wissenschaftsfeindlichkeit in höchsten Regierungskreisen, die aber auch in konservativen, libertären oder evangelikalen Lagern weit verbreitet ist. Die Trump Regierung hat vom ersten Tag an die eigenen, wissenschaftlich orientierten Regierungsstellen wie zum Beispiel die Environmental Protection Agency (EPA) unterminiert. Einen Leugner des Klimawandels, Scott Pruitt, zum Leiter der EPA zu bestellen, war eine gezielte Provokation, ein Signal. Die Feindlichkeit richtet sich aber nicht nur gegen einzelne Themenfelder wie z. B. Klimawandel, sondern gegen evidenzbasiertes Arbeiten an sich. Wir haben es vielleicht schon vergessen, aber kurz nach der Amtseinführung von Trump protestierten im März 2017 etwa eine Millionen Menschen in einem March of Science gegen diese gezielte Diskreditierung von Wissenschaft. Drei Jahre später, während einer globalen Pandemie, lässt sich beschauen, was diese Politik angerichtet hat. Für mich waren die täglichen Corona Briefings aus dem Weißen Haus eine regelrechte Performanz dieser Kollision zwischen Wissenschaft und Unvernunft. Auf der einen Seite ein von Narzissmus zerfressener Präsident, der die Briefings als Reality TV begreift; auf der anderen Seite die Wissenschaftler Dr. Deborah Birx und Dr. Anthony Fauci, die mit möglichst unbeweglicher Miene hanebüchenen Dünnsinn anhören müssen und anschließend zur Schadensbegrenzung übergehen. Das Dilemma dieser beiden Wissenschaftler ist mit Händen zu greifen, und man sieht ihnen an, dass sie dort nur stehen, um Schlimmeres (!) zu verhindern.[19] Wir haben auf jeden Fall einen Punkt erreicht, an dem der Mund-Nasenschutz gerade zur Ikone eines neuen Kulturkampfs wird.

"Eine stark polarisierte Medienlandschaft"

Wegen der vergleichsweise hohen Zahl an Infizierten, vor allem aber wegen ihrer wirtschaftlichen Folgen ist diese Krise im Vergleich etwa zum Impeachment-Verfahren für viele Landsleute ein massiver Einschnitt.

Prof. Lässig: Astrid M. Eckert hat das Wichtigste schon gesagt. Ergänzen würde ich, dass die Diskussion in den USA ganz wesentlich durch die stark polarisierte Medienlandschaft geprägt und geformt wird; ein Maß an Polarisierung, dass man sich in Deutschland trotz der auch dort wahrnehmbaren und folgenreichen medialen „Blasen“ kaum vorstellen kann. Deshalb fehlt auch jetzt in der Krise ein gemeinsamer öffentlicher Fokus: Die New York Times und CNN auf der einen Seite, Fox News und das konservativ geprägte Talk-Radio auf der anderen beschreiben im Grunde genommen gänzlich unterschiedliche Welten, sie adressieren unterschiedliche Probleme. Fox bleibt gegenüber der Regierung weitgehend unkritisch, andere Medien hingegen zeigen immer wieder auf, wie sprunghaft die Trump-Administration agiert und wie spürbar wissenschaftsfern der Präsident kommuniziert. Die öffentlichen Sender National Public Radio (NPR) und Public Broadcasting Service (PBS), die auch internationale Perspektiven einbringen und in den letzten Wochen des Öfteren über das „Vorbild Deutschland“ berichtet haben, geben sich alle Mühe, die Flagge eines unabhängigen und überparteilich arbeitenden Journalismus hoch zu halten, doch sind sie – anders als die medialen Schlachtschiffe der Republikaner – so chronisch unterfinanziert, dass sie nur ein kleineres treues Stammpublikum erreichen.

Noch ist nicht abzusehen, ob es dem amerikanischen Präsidenten gelingen wird, die Corona-Krise, in der auch einige seiner Wähler den Eindruck gewonnen haben, dass er wenig Führungsqualitäten beweist, beiseite zu schieben und für seine Wiederwahl im Herbst andere Themen zu setzen. Dass dies schwer wird, ist anzunehmen, denn wegen der vergleichsweise hohen Zahl an Infizierten, vor allem aber wegen ihrer wirtschaftlichen Folgen ist diese Krise im Vergleich etwa zum Impeachment-Verfahren für viele Landsleute ein massiver Einschnitt. Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sind zu einem Teil Ausdruck der Not, in der sich viele Amerikaner wegen der prekären Unterstützungsmaßnahmen befinden, doch sind sie auch Ausdruck der beispiellosen politischen und kulturellen Polarisierung, die durch die von Prof. Eckert erwähnten Bot-Aktionen nochmals vertieft wird. Donald Trump versucht, sich an die Spitze der Kritiker von Maßnahmen zu setzen, die er als Präsident eigentlich selbst zu verantworten hat. Auch damit untergräbt er seine eigenen wissenschaftlichen Berater. Die politisch zersetzende Wirkung seiner Haltung ist offensichtlich. Interessant ist dagegen, dass sich die amerikanischen Bundesstaaten in ihrer Reaktion auf die Krise regional koordinieren, so im Westen, Nordosten oder Mittleren Westen. Dabei traten ganz alte regionale Muster wieder zutage, vielleicht ähnlich wie in Europa, wo entlang der Notfallpläne nationalstaatliche Muster griffen, die kaum durch eine langfristig integrative europäische Reaktion und Koordination ummantelt wurden.

"Ein Bedürfnis nach Trauer"

Wenn man schon Kriegsmetaphern wie „frontline workers“ bemüht, darf man sich auch daran erinnern, dass Frontsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der GI Bill ein Studium finanzieren konnten.
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Cover der New York Times vom 24. Mai 2020, Screenshot via: https://nytimes.pressreader.com/the-new-york-times/20200524

L.I.S.A.: Eine abschließende Frage: Was glauben Sie, wie das Leben in den USA nach Corona aussieht? Was bleibt?

Prof. Eckert: Historiker sind bekanntlich notorisch schlecht bei der Vorhersage der Zukunft. Ich kann hier auch nur spekulieren. Es ist sicherlich davon auszugehen, dass es keinen klaren Endpunkt der Pandemie geben wird. Selbst wenn irgendwann ein verlässlicher Impfstoff entwickelt wird, der für alle verfügbar wäre (angesichts des Zustands des amerikanischen Gesundheitssystems ist davon nicht auszugehen), wird eine Impfkampagne unweigerlich in den eben beschriebenen Sog der Wissenschaftsfeindlichkeit gezogen.

Es wäre offensichtlich wünschenswert, wenn kritische Lehren aus dem auf weiten Strecken mangelhaften Krisenmanagement gezogen werden würden, aber dazu bedarf es einer kritikfähigen politischen Führung, die es zurzeit nicht gibt. Ich persönlich habe auch ein Bedürfnis nach Trauer. Was wir im Moment erleben ist einfach ungeheuerlich und übersteigt die eigene Vorstellungskraft. Die New York Times hat am Sonntag des Memorial Day Wochenendes 1,000 Namen von Covid Opfern auf die Titelseite gehoben – die gesamte erste Seite bestand aus ihren Namen. [20] Das war ein sehr eindrucksvolles Mittel, den Verlust anzusprechen, den dieses Land kollektiv erlebt, aber auch verdrängt. Um kollektive Trauer würdevoll auszudrücken, bedarf es allerdings einer empathiefähigen politischen Führung, die es zurzeit ebenfalls nicht gibt.

Schließlich würde mich interessieren, wie dieses Land dem medizinischen Pflegepersonal zu danken gedenkt. Allabendlicher Applaus und Dankes-Schilder in Vorgärten sind eine Sache, aber konkrete Maßnahmen wären etwas anderes. Wenn man schon Kriegsmetaphern wie „frontline workers“ bemüht, darf man sich auch daran erinnern, dass Frontsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der GI Bill ein Studium finanzieren konnten. Was wird kommen? Wird etwas kommen? Die Tilgung der Studiengebühren der Ärzte und Krankenpfleger an den Medical und Nursing Schools vielleicht? Oder Stipendien für die Kinder verstorbener Pflegekräfte? Ich bin froh, dass in Deutschland ein Bonus für Pflegepersonal beschlossen wurde.

In der Krise treten allerdings nicht nur die Schwächen des amerikanischen Systems zu Tage, sondern auch der verbreitete Unternehmergeist und bürgerschaftliche Engagement der Menschen.

Prof. Lässig: Das ist schwer zu sagen, denn erstens sind Historiker*innen, wie Astrid Eckert ganz treffend bemerkte, tatsächlich nicht für ihre Prognosefähigkeit bekannt, und zweitens kann gegenwärtig niemand abschätzen, wie lange uns die Krise begleiten wird. Doch die historisch hohen Arbeitslosenzahlen deuten darauf hin, dass sich das Land nur langsam von dieser Pandemie erholen wird – seit Ausbruch der Krise haben 38 Millionen US-Amerikaner Arbeitslosenunterstützung beantragt. Die offiziellen Arbeitslosenraten liegen im US-Durchschnitt bei ca. 15%, also mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland, und die realen Zahlen fallen sicher noch höher aus (abgelehnte Anträge finden ebenso wenig Eingang in die Statistik wie arbeitslose Migrant*innen ohne Papiere, die aus Sorge um ihren Aufenthaltsstatus keine Unterstützung beantragen). Auch hier gibt es freilich große regionale Unterschiede. Während in unserem Nachbarstaat Maryland offiziell knapp 10% der Beschäftigten ihre Anstellung verloren haben, sind es in Michigan 22% und in Nevada sogar mehr als 28%.[21] Große traditionsreiche Handelsketten wie J.C. Penney oder Neiman Marcus haben Insolvenz angemeldet. Gleichzeitig boomt der Onlinehandel und die Lieferdienste sind im Dauereinsatz. Anders als in Deutschland, wo der Blumenladen um die Ecke zum ersten Mal über einen Lieferservice nachdenkt, gibt es in den USA vielerorts schon bestehende Strukturen, auf die Händler und Kunden zurückgreifen können. Das hat gerade für kleine Läden, die nicht unbedingt auf ständige Kundenpräsenz angewiesen sind, enorme Vorteile.

Wie massiv die Wirtschaftskrise auf das Universitätssystem durchschlägt, hat Astrid Eckert vorhin schon geschildert. Die Aktienmärkte haben sich zwar fürs erste wieder erholt. Sollte es aber zu einer zweiten Infektionswelle kommen – Donald Trump hat kürzlich verlauten lassen, dass es dann keinen erneuten Lockdown geben werde – und die Börsenkurse massiv nach unten gehen, würden nicht nur die College-Funds der Eltern von (künftigen) Studierenden, sondern auch die Endowments der großen Universitäten und die Spendenfreudigkeit ihrer Alumni leiden. Von beidem sind amerikanische Hochschulen, aber auch Museen oder große Bibliotheken in hohem Maße abhängig. Ein Teufelskreis, der uns vor Augen führt, wie wertvoll nicht nur ein staatliches Gesundheitssystem, sondern auch eine öffentlich finanzierte Wissenschaft ist, und wie sehr wir solch scheinbare Selbstverständlichkeiten schätzen sollten.

Dass es diese in den USA kaum noch gibt, hat gravierende Implikationen für Forschung und Lehre. Der Arbeitsmarkt für Nachwuchswissenschaftler*innen war schon vor der Pandemie angespannt. Wer hier promoviert tut dies mit dem – lange Zeit auch realisierbaren – Ziel, ohne größeren Zeitverzug als Assistant Professor in eine akademische Karriere starten zu können; der Wechsel in ein außeruniversitäres Berufsfeld ist in den USA viel seltener als in Deutschland, wo einige junge Leute gar nicht vorhaben, nach der Promotion weiter an der Universität tätig zu sein. Mit den bereits jetzt verfügten Einstellungsstopps, die die Geisteswissenschaften wieder besonders betreffen, fehlt den jüngeren Wissenschaftler*innen die Perspektive. Für die jetzt auf den akademischen Arbeitsmarkt drängenden Kohorten wird es besonders schwer werden, einen Platz in der Forschung zu finden. 

Die daraus resultierenden Sorgen sind mit beiden Händen zu greifen, doch bleiben sie nicht auf den akademischen Raum begrenzt. Viele Menschen verlieren mit ihrem Arbeitsplatz automatisch auch ihre Krankenversicherung. Das wiederum wird die soziale Kluft in den Vereinigten Staaten weiter vertiefen, denn medizinische Behandlungen sind enorm teuer.

In der Krise treten allerdings nicht nur die Schwächen des amerikanischen Systems zu Tage, sondern auch der verbreitete Unternehmergeist und das für uns Deutsche besonders beeindruckende, von unten wachsende bürgerschaftliche Engagement der Menschen um uns herum. Es mag wie ein Klischee klingen, aber Amerikaner regeln über verschiedene Communities wie Nachbarschaftshilfen oder Kirchengemeinden wirklich Vieles von dem, was in Europa und vor allem in Deutschland vom Staat erwartet wird. Ob das am Ende ausreichen wird, um die Schwächen der Sozialsysteme zu kompensieren, um die zunehmende Armut zu bekämpfen und der immer noch wachsenden Spaltung der Gesellschaft etwas entgegen zu setzen, bleibt abzuwarten. Ein Wahljahr wie dieses dürfte dafür aber denkbar schlechte Rahmenbedingungen bieten.

Prof. Dr. Astrid M. Eckert und Prof. Dr. Simone Lässig haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Nachweise

[1] https://www.nytimes.com/2009/09/05/us/05flu.html
[2] https://www.latimes.com/opinion/story/2020-05-18/georgia-coronavirus-numbers-reopening-manipulated-data-brian-kemp
[3] https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/cases-updates/cases-in-us.html
[4] https://lsa.umich.edu/german/people/faculty/moltke.html
[5] https://www.newyorker.com/news/us-journal/how-the-coronavirus-pandemic-has-shattered-the-myth-of-college-in-america
[6] https://www.wsj.com/articles/incoming-college-students-could-take-gap-year-over-covid-19-uncertainty-11588687598
[7] https://www.dailyprincetonian.com/article/2020/05/final-cpuc-administrators-discuss-gap-years
[8] https://www.insidehighered.com/news/2020/02/13/longer-coronavirus-crisis-persists-bigger-likely-impact-chinese-student-enrollments
[9] https://www.chicagotribune.com/coronavirus/ct-northwestern-university-finances-coronavirus-20200511-k4vv5mhkxnctdhtkjkaqqhrrxa-story.html
[10] https://www.insidehighered.com/news/2020/05/14/missouri-western-cuts-quarter-faculty-along-programs-history-and-more
[11] https://www-chronicle-com.proxy.library.emory.edu/article/University-Leaders-Are-Failing/248809?cid=wcontentgrid_hp_1b
[12] https://www.valuepenguin.com/student-loans/average-cost-of-college
[13] https://historyofknowledge.net/; https://href.hypotheses.org/29
[14] https://www.ghi-dc.org/programs/practitioners-in-residence-program-at-ghi-pro
[15] https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/21/universal-basic-income-michael-tubbs-stockton-coronavirus
[16] https://thehill.com/homenews/senate/489494-republicans-threaten-to-slow-walk-coronavirus-stimulus-bill-over-unemployment
[17] https://www.technologyreview.com/2020/05/21/1002105/covid-bot-twitter-accounts-push-to-reopen-america/
[18] https://www.nytimes.com/2020/04/16/us/coronavirus-rules-protests.html
[19] https://www.latimes.com/opinion/story/2020-05-06/fauci-and-birx-resign-or-stay-on
[20] https://www.nytimes.com/interactive/2020/05/24/us/us-coronavirus-deaths-100000.html?action=click&module=Spotlight&pgtype=Homepage
[21] Washington Post 23.5.2020, S. A1, A14; https://www.bls.gov/web/laus/laumstrk.htm

Kommentar

von Johannes Neukirchen | 14.06.2020 | 14:23 Uhr
Danke für dieses Interview mit den beiden Professorinnen, die in den USA leben und akademisch arbeiten: Habe in der Presse noch nie eine so informative Zusammenhänge und Hintergründe
einschliessende Darlegung zu den USA (ausserhalb von Büchern und Spezialpublikationen) gefunden.
Meine Hochachtung und Dank!
Johannes
Neukirchen
Ministerialdirektor a.D.

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