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Judith Wonke | 16.04.2020 | 1709 Aufrufe | Interviews

"Eine Umweltgeschichte der Grenze ist komplex"

Interview mit Astrid M. Eckert zur Umweltgeschichte des innerdeutschen Grenzgebietes

Die deutsch-deutsche Teilung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird heute am ehesten mit der Geschichte der Berliner Mauer assoziiert, die West-Berlin von der DDR abriegelte. Nicht weniger von Bedeutung ist jedoch die Geschichte der innerdeutschen Grenze, die die Beziehungen und die Landschaft zur Zeit der deutschen Teilung bestimmte. Prof. Dr. Astrid M. Eckert, Professorin für Geschichte an der Emory University, hat sich in ihrer Forschung mit der innerdeutschen Grenze beschäftigt und eine erste Umweltgeschichte des Grenzgebietes vorgelegt. Im Interview haben wir nicht nur nach der Intention des Forschungsvorhabens, sondern auch nach der Geschichte der Grenze gefragt: Wie wurde die Natur beeinflusst? Gab es Tourismus? Und was ist heute noch von der innerdeutschen Grenze - außerhalb Berlins - sichtbar? 

"Auswirkungen der innerdeutschen Grenze auf die ‘alte’ Bundesrepublik"

L.I.S.A.: Sehr geehrte Frau Professor Eckert, in Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit der innerdeutschen Grenze zur Zeit des Kalten Krieges und betrachten diese unter anderem aus einer umwelthistorischen, ökonomischen und kulturellen Perspektive. Geht die Studie auf ein persönliches Interesse zurück? Und wie lässt sich der konkrete Forschungsgegenstand beschreiben?

Prof. Eckert: Ich bin in Niedersachsen im „Zonenrandgebiet“ aufgewachsen, aber diese persönliche Erfahrung war nicht ausschlaggebend für das Buch. Meine Jugend war weniger von der Grenze geprägt als von der Tatsache, dass wir in einem ländlichen Raum waren. Und damit sind wir auch schon mitten drin in der Materie, denn die Fürsprecher des „Zonenrandgebiets“ haben immer gern argumentiert, dass wirtschaftliche und strukturelle Probleme in den Grenzlandkreisen kausal auf die innerdeutsche Grenze zurückzuführen seien. Der Strukturwandel sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie wurde dabei ausgeblendet. Es war eine sehr zweckdienliche Argumentation, die zum Ziel hatte, eine Regionalförderung für das „Zonenrandgebiet“ zu erreichen, auszubauen und beizubehalten.

Mein Buch West Germany and the Iron Curtain fragt nach den Auswirkungen der innerdeutschen Grenze auf die ‘alte’ Bundesrepublik. Es analysiert die wirtschaftlichen Folgen der Demarkationslinie und die damit verbundene Entstehung eines Grenzlandes. Ich nehme eine räumliche Perspektive ein und untersuche, welche Rolle dieses Grenzland in der Geschichte der Bundesrepublik spielte und wie der Prozess der Wiedervereinigung aus der Perspektive des Grenzlandes aussah. Das Kernargument der Studie ist, dass dieses Grenzland entlang der innerdeutschen Grenze der sensibelste Raum der alten Bundesrepublik war. Was immer sich hier abspielte, wurde durch die Nähe der Grenze mit Bedeutung aufgeladen. Ich zeige das in jedem Kapitel auf, aber es wird vielleicht besonders im letzten Kapitel deutlich, in dem es um den Gorleben Konflikt geht. Die unmittelbare Grenznähe von Gorleben fügte der Standortentscheidung eine Dimension hinzu, die sich anschließend auf allen Ebenen der Auseinandersetzung bemerkbar machte: Sie feuerte den politischen Konflikt zwischen Kanzler Helmut Schmidt und Ministerpräsident Ernst Albrecht an (Schmidt war gegen einen grenznahen Ort, Albrecht dafür). Sie zog außerdem die DDR in den Konflikt mit hinein, ein innerdeutscher Nebenkriegsschauplatz, den Schmidt sich gern erspart hätte. Was die Rolle von Lüchow-Dannenberg angeht, zeige ich auf, dass die Vertreter des Landkreises die Standortentscheidung in ihre lange Erfahrung mit der Grenzlandförderung einordneten. Und schließlich wirkte sich die Grenze auch auf den Protest gegen die nukleare Wiederaufbereitungsanlage und das Endlager aus. Aktivisten überschritten die Demarkationslinie und campten auf DDR-Territorium. Damit hatten sie eine medienwirksame Protestform erfunden, die nur im geteilten Deutschland möglich war.

"Die erste Umweltgeschichte der innerdeutschen Grenze"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt der Studie zu Grunde? Und inwieweit schließt die Untersuchung eine Forschungslücke? 

Prof. Eckert: Ich habe in etwa 20 staatlichen und privaten Archiven recherchiert, vom Bundesarchiv über Landesarchive runter auf die Stadt- und Landkreisebene. Daneben hatte ich Zugang zu ein paar privaten Sammlungen von Naturschützern. Außerdem habe ich viel zeitgenössische Literatur ausgewertet und auch einige Zeitzeugengespräche geführt. Obwohl sich mein Buch vornehmlich mit der westdeutschen Seite der innerdeutschen Grenze befasst, habe ich die DDR-Seite natürlich nicht ausgeblendet und auch umfangreiches Archivmaterial von DDR-Behörden benutzt, um beispielsweise die Position der DDR-Führung zur Standortentscheidung von Gorleben oder zur Verschmutzung der Werra zu eruieren.

Was die Forschungslücke angeht, es sind in den letzten Jahren einige gute Bücher zur innerdeutschen Grenze erschienen. Ich denke hier besonders an die Arbeiten von Edith Sheffer, Daphne Berdahl, Sagi Schaefer und Maren Ullrich. Man darf wohl sagen, dass die „lange“ Grenze damit ein wenig aus dem Schatten der Berliner Mauer herausgetreten ist. Mein Buch unterscheidet sich in ein paar Punkten von den bisherigen Studien. Zum einen ist meine Arbeit auf die westliche Seite der Grenze und die Entstehung des dortigen Grenzlandes ausgerichtet. Die Geschichte des sogenannten Zonenrandgebiets und seine Rolle für die Geschichte der Bundesrepublik ist bisher weitgehend übersehen worden. Aber es geht nicht nur darum, eine Wissenslücke zu füllen, sondern auch eine ungewohnte, räumliche Perspektive auf die Geschichte der alten Bundesrepublik einzunehmen. Wie sah diese Geschichte von der geographischen Peripherie her aus? Zum anderen habe ich keine rein chronologische oder mikrohistorische Untersuchung eines bestimmten Ortes vorgelegt, sondern thematische Zugänge gewählt, zum Beispiel nach der Rolle von Grenztourismus und Sightseeing gefragt. Drei Kapitel behandeln umwelthistorische Themen: grenzüberschreitende Umweltverschmutzung zwischen der DDR und der Bundesrepublik, Landschaftswandel entlang der Grenze und das bereits genannte Kapitel zu Gorleben. Zusammengenommen ergeben diese drei Kapitel die erste Umweltgeschichte der innerdeutschen Grenze.

"Der Grenzraum war ein Ort der Umweltverschmutzung"

L.I.S.A.: Neben den genannten Aspekten widmen Sie sich außerdem einer Untersuchung, wie die Grenze und Umweltbestrebungen zusammenhängen. So schreiben Sie beispielsweise, dass sich im Grenzgebiet ein Grüngürtel entwickelte. Inwiefern wurde und wird dieser für politische Zwecke genutzt?

Prof. Eckert: Mit “Grüngürtel” meinen Sie sicherlich das Grüne Band, ein Naturschutzprojekt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, das die Biotope im vormaligen Grenzstreifen schützt. Die Idee für das Grüne Band entstand in Kreisen des Bundes Naturschutz (BN) in Bayern noch im Dezember 1989. Bis auf etwa 170 km der ehemals 1393 km langen Grenzlinie steht dieser grüne Streifen heute unter Schutz. Er wurde 2005 als „nationales Naturerbe“ eingestuft und ist seit 2007 auch im Bundesnaturschutzgesetz verankert. 2002 wurde das Projekt auf die europäische Ebene ausgeweitet. Der European Green Belt versteht sich als “ökologisches Rückgrat Europas” entlang der vollen Länge des Eisernen Vorhangs, von Finnland bis an die Adria, der schützenswerte Gebiete miteinander verbindet und vernetzt. Besonders zu den jährlichen Gedenk- und Feiertagen, den runden allemal, berichten die Medien immer wieder gern über das Grüne Band mit eingängigen Überschriften wie „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“.

Mein Kapitel zum Landschaftswandel entlang der innerdeutschen Grenze historisiert das Grüne Band. Ich wollte herausfinden, inwiefern die Grenzanlagen und alle Praktiken, die das Grenzregime aufrechterhielten, die Landschaft beeinflussten. Mir ging es um den ökologischen „Fußabdruck“ der Grenze und ihrer Auswirkungen für Landschaft, Menschen und Tiere. Während die Berichterstattung zum Grünen Band oft nur von 1989 ausgehend die nachfolgenden Entwicklungen aufzeigt, wollte ich diese Geschichte von den fünfziger Jahren an erzählen. Wenn man chronologisch vorgeht, fällt erst einmal auf, dass der sukzessive Ausbau der Grenzanlagen natürlich ein massiver Eingriff in die Landschaft war. Hier wurden Schneisen in Wälder geschlagen und Hindernisse in die Landschaft gestellt. Besonders die Minenfelder, die Anfang der sechziger Jahre angelegt wurden, waren zum Beispiel für Säugetiere einer bestimmten Größe eine Katastrophe. Ein Jäger, der im östlichen Sperrgebiet wohnte, erinnert sich noch an das „Kadaverfeld“, das die Minen entlang des Zaunes produzierten. Beim weiteren Ausbau der Grenze Ende der sechziger Jahre wurden die Minenfelder eingezäunt, denn die Detonationen der Minen durch Wild waren für die Grenztruppen der DDR ein kostspieliges Ärgernis. Durch den Doppelzaun wurde zwar weniger Wild getötet, aber traditionelle Wildwechsel waren nun vollends blockiert und der biologische Austausch kam zum Erliegen. Man kann die Konsequenzen des Grenzregimes nicht auf die gesamte Länge der Grenze verallgemeinern, sondern muss nach Arten und Landschaftstypen unterscheiden. In Feuchtbiotopen wirkte sich die Grenze anders aus als in Wäldern; für Wild hatte es andere Konsequenzen als für bodenbrütende Vögel.

Ich wollte auch herausfinden, wer eigentlich wann den ökologischen Wert des Grenzstreifens erkannt hat. Die Standardantwort auf diese Frage ist in der Regel, dass Kai Frobel vom BN Ende der siebziger Jahre die Nistplätze des Braunkehlchen im Landkreis Coburg kartierte und dabei aufgezeigte, dass sich dieser empfindliche Vogel wegen der industrialisierten Landwirtschaft in den Grenzstreifen zurückgezogen hatte. 1968 hatte ein Ornithologe aber schon einen Naturschutzplan für den Drömling östlich von Wolfsburg vorgelegt, weil dort die Landwirtschaft in diesem Niederungsgebiet wegen der Grenze zurückging und sich damit Möglichkeiten für den Naturschutz eröffneten. Die erste Publikation über den „Brutvogelbestand“ in einem Grenzabschnitt konnte ich für 1969 nachweisen. Dieser Bericht war von einem ostdeutschen Ornithologen verfasst worden, der 1965 als Grenzsoldat der DDR die Lenzer Wische südlich von Dömitz im Kreis Ludwigslust zu patrouillieren hatte. Man kann sagen, dass Ende der siebziger Jahre der Wert des „längsten Biotops“ Deutschlands unter Naturschützern von Lübeck bis Hof schon ein Begriff war. Mitte der achtziger Jahre stieg dann auch die Politik auf das Thema ein. Uwe Barschel, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wollte 1985 im Landkreis Herzogtum Lauenburg ein grenzüberschreitendes Naturschutzgebiet mit der DDR ausweisen lassen. Der geteilte Schaalsee sollte das Pilotprojekt werden. Dieses „Landesprogramm zum Schutz der Natur und zur Verbesserung der Struktur an der schleswig-holsteinisch-mecklenburgischen Landesgrenze“ nahm zum Teil auch schon die Wortwahl des späteren Grünen Bandes vorweg. Die deutsche Teilung habe eine „erzwungene Ruhe“ im Grenzraum hervorgebracht, die „Refugien“ für Tiere und Pflanzen geschaffen habe. Die DDR war an Barschels Initiative nicht interessiert. Die Vorstellung, dass im Zuge einer solchen Vereinbarung Naturschützer im Sperrgebiet oder gar im Schutzstreifen herumschleichen und kartieren, ging gar nicht.

Obwohl sich nicht zuletzt durch die Berichterstattung zum Grünen Band die Vorstellung des Grenzstreifens als ein Refugium für gefährdete Arten durchgesetzt hat, darf man nicht vergessen, dass in den innerdeutschen Beziehung der siebziger und achtziger Jahre der Grenzraum ein Ort der Umweltverschmutzung war. Ja, die Auen der Werra waren schützenswert für die Vogelwelt, keine Frage, aber die Werra selbst war aufgrund der Verklappung von scharfen Laugen aus dem Kaliabbau biologisch tot. Für jeden der grenzquerenden Flüsse kann man eine solche Verschmutzungsgeschichte erzählen. Das Grenzflüsschen Föritz im Steinachtal (Coburger Raum) zum Beispiel spielt für das Grüne Band eine wichtige Rolle, weil der Wasserlauf im Bereich der Grenzanlagen nicht begradigt wurde und so in einem Abschnitt naturnah erhalten blieb. Aber auch die Föritz litt unter Verschmutzung. 1977 stellte ein Bewohner aus Mitwitz Anzeige, weil der Fluss tiefbraun und ölverschmiert war. Offenbar war auf DDR-Seite Klärschlamm eingeleitet worden, was die Fische der Föritz nicht überlebten. Dieses Nebeneinander von Verschmutzung und Artenvielfalt im Grenzraum zeigt nochmal auf, dass eine Umweltgeschichte der Grenze komplexer ist, als es der Slogan „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“ vermuten lässt. Das Thema der grenzüberschreitenden Umweltverschmutzung greife ich weiter unten nochmal auf.

"Grenztourismus löste bei den Zeitgenossen ein gewisses Unbehagen und Befremden aus"

L.I.S.A.: Die Grenze kann darüber hinaus als Touristenmagnet betrachtet werden. In der Fachwissenschaft spricht man bei diesem Phänomen vom sogenannten „Dark Tourism“. Wie bewerten Sie die Beobachtung, dass die Grenze touristische Aufmerksamkeit weckte? Und wurde dies von der BRD und DDR gebilligt oder gar unterstützt? 

Prof. Eckert: Mein Buch hat ein Kapitel über die Grenze als Ausflugsziel, in dem es auch darum geht zu fragen, auf welche Art und Weise die Bundesbürger sich an die Teilung des Landes gewöhnt haben. Die Demarkationslinie zog schon früh Schaulustige an. Der Grenztourismus war Mitte der fünfziger Jahre in vollem Gange und nahm über die Jahre beachtliche Ausmaße an. Der Auftrieb war gerade an Sonntagen so stark, dass der bundesdeutsche Zoll dem Ansturm der Besucher oft nicht mehr gewachsen war. Bei Lübeck erschien die Grenze einem ortsansässigen Kommentator 1959 immer mehr als „Rummelplatz für Reisegesellschaften.” Diese Grenzbesuche waren zuerst ein „grassroots“ Phänomen: Die Menschen kamen aus verschiedenen Gründen, um die Grenze zu sehen. Niemand hat sie dazu angeleitet oder eingeladen. Sie kamen aus Neugier über einen Ort, der medial in der frühen Bundesrepublik sehr präsent war. Sie kamen mit anti-kommunistischem Ressentiment, aus Trauer über die Teilung des Landes oder aus Solidarität mit den Deutschen auf der anderen Seite.

Staatliche Stellen ließen sich erst nach dem Mauerbau auf das Phänomen des Grenztourismus ein, als die Teilung vollzogen war. Niedersachsen war das erste Bundesland, das 1964 einen Besucherdienst organisierte und Informationsmaterial bereitstellte. In die Jahre nach 1961 fällt auch der Ausbau einer touristischen Infrastruktur entlang der Grenze: Informationsräume, Aussichtsplattformen, Sicherheitsbarrieren und eine klare Beschilderung der Demarkationslinie von westlicher Seite. Schulklassen und andere Besuchergruppen konnten Zuschüsse beantragen, um einen Grenzausflug zu unternehmen. Der ungeleitete Grenztourismus sollte zu politischer Bildung werden.

Allerdings löste der Grenztourismus schon bei den Zeitgenossen ein gewisses Unbehagen und Befremden aus. Ein Hotelbesitzer in der Röhn erinnert sich an Besucherbusse aus dem Ruhrgebiet und nannte die Grenzbesuche „Gruseltourismus.“ Die Grenzbefestigungen waren in den sechziger Jahren zu lebensgefährlichen Anlagen ausgebaut worden. Angesichts immer wiederkehrender Tragödien – auch Touristen selbst kamen zu Schaden – fanden besonders Anwohner des Grenzgebiets diese Form von Ausflügen fragwürdig. Während die Tagesbesucher oft nur kamen, um die Grenze zu sehen, mussten die Anwohner mit ihr leben. Eine einheitliche Linie, wie dem Phänomen des Grenztourismus zu begegnen sei, haben die Kommunen entlang der Grenze aber nie gesucht. Den einen galt der Standort an der Frontlinie des Kalten Krieges als Verpflichtung, Grenzbesucher aus dem In- und Ausland zu empfangen und zu betreuen. Andere nahmen zwar die Verpflichtung an (oder konnte sich ihrer nicht erwehren), lehnten aber jede Kommerzialisierung der Grenzlage ab.

Der Grenztourismus war von Beginn an eine Provokation für die DDR-Führung. Die Besucher sahen, was die DDR-Regierung stets leugnete: Die Sperranlagen waren eben nicht gegen westliche „Faschisten” und „Imperialisten” gerichtet, sondern gegen die eigenen Bürger. Während sich von östlicher Seite niemand den Grenzanlagen nähern durfte, wurden sie von westlicher Seite regelrecht zur Schau gestellt. Die Stasi ging 1964 davon aus, dass die „provokatorischen Grenzbesichtigungen“ zentral gesteuerte Maßnahmen der psychologischen Kriegsführung im Wettkampf der Systeme seien und empfahl, eine wirksame „Konterpropaganda” zu entwickeln. Flugblätter wurden über den Grenzbesuchern abgeworfen und Lautsprecher beschallten sie mit Erläuterungen über die Erfolge des Sozialismus. Egal was DDR-Stellen unternahmen, abstellen ließ sich der westliche Grenztourismus ganz offensichtlich nicht. Allerdings bot der fortwährende Ausbau der Grenzanlagen die Möglichkeit zu beeinflussen, was die westlichen Touristen zu sehen bekamen. Während die ersten Grenzzäune noch direkt an der Demarkationslinie gestanden hatten, rückten die Grenzanlagen mit der Zeit weiter ins Hinterland. Die Grenze sollte langweilig werden, eine Selbstverständlichkeit in der Landschaft, deren Besuch sich nicht lohnte. „Wo die Grenze einsehbar ist,” hieß es im Jahresbericht der Bayerischen Grenzpolizei von 1986 über die Bemühungen der anderen Seite, „soll sich nichts mehr abspielen.”

Mein Kapitel „Greetings from the Zonal Border“ analysiert die Spannungen, die sich zwischen den verschiedenen Akteuren ergaben, die den Grenztourismus zu beeinflussen suchten: Besucher und Besuchte, staatliche Stellen und private Organisationen, West und Ost. Während ich in einem früheren Artikel das Konzept des „dark tourism“ noch als zentrale Analysekategorie verwendet habe, bin ich für das Buchkapitel davon abgerückt. Es ging bei den Grenzbesuchen nicht nur um den Konsum eines gefährlichen und „gruseligen“ Ortes, sondern auch um die Möglichkeit, durch eine lokale Aktivität globale Politik erfahrbar zu machen. Ich möchte das Phänomen nicht auf reine Sensationsgier oder deutschlandpolitischen Zynismus reduzieren, sondern den Grenztourismus in all seinen Facetten erfassen.

"Vorboten des Endes der DDR"

L.I.S.A.: Sie haben im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Grenze auf die Landschaft auch grenzüberschreitenden Umweltverschmutzung angesprochen. Inwiefern ist dieses Thema für die Geschichte der Wiedervereinigung relevant? 

Prof. Eckert: Die Umweltdiplomatie zwischen den beiden deutschen Staaten wurde in den siebziger und achtziger Jahren eine neues Themenfeld in den bereits komplexen innerdeutschen Beziehungen. Die meisten grenzquerenden Flüsse fließen in Richtung Westen, sodass die Bundesrepublik als Unterlieger mit der Gewässerverschmutzung der DDR konfrontiert wurde. Die Werra, die zwischen Hessen und Thüringen über die innerdeutsche Grenze mäandrierte, war der Hauptverhandlungsgegenstand zwischen beiden deutschen Staaten. Der Fluss war wegen der Einleitungen von scharfen Laugen aus dem Kalibergbau auf östlicher Seite „salziger als die Nordsee,“ wie es in der zeitgenössischen Berichterstattung hieß. Bei der Luftverschmutzung war die Lage weniger eindeutig. Das meiste Schwefeldioxid aus den Kraftwerken der DDR blieb im Land oder driftete nach Polen. Im Übrigen machte die Bundesrepublik selbst erst im Laufe der siebziger Jahre Fortschritte im Immissionsschutz. Ein wichtiger Durchbruch im Zuge der Debatten um das Waldsterben war die Verordnung über Großfeuerungsanlagen von 1983, die den Schwefeldioxid Ausstoß von Kohlekraftwerken regulierte. West-Berlin war natürlich massiv von den ostdeutschen Kohlekraftwerken betroffen. Andere Probleme waren aber durchaus punktuell: Bayern monierte Mitte der siebziger Jahre die Geruchsbelästigung, die von der Papierfabrik VEB Rosenthal in Blankenstein (Thüringen) ausging und die fränkische Stadt Hof in „Katzendreckgestank“ hüllte. Im Verlauf der achtziger Jahre nahm die grenzüberschreitende Umweltverschmutzung massiv zu, weil die industrielle und kommunale Infrastruktur in der DDR zusammenbrach und die wirtschaftliche Lage keinen Raum mehr für Investitionen ließ. Nur ein Beispiel: 1987 zerstörte ein Elbe-Hochwasser die Kläranlage von Dresden-Kaditz, eine Anlage, die für das Abwasser von über einer halben Millionen Menschen verantwortlich war. Für die kommenden fünf Jahre lief das Abwasser der Stadt Dresden ungeklärt in die Elbe.

Der massive Anstieg grenzüberschreitender Umweltverschmutzung waren die Vorboten des Endes der DDR. Allerdings haben die Verantwortlichen in der Bundesrepublik diese Zeichen nicht erkannt und mit der DDR weiterverhandelt, als gäbe es auf östlicher Seite noch die Möglichkeit, Verhandlungsergebnisse (so spärlich diese ohnehin waren) noch umzusetzen. Tatsächlich hatte die DDR keinen Spielraum mehr, in den Umweltschutz zu investieren. Das entschuldigt nicht die versäumten Weichenstellungen früherer Jahre, erklärt aber das Verhandlungsverhalten der jeweiligen DDR-Delegation. Das ostdeutsche Verhandlungsziel in der innerdeutschen Umweltdiplomatie war stets, im Gegenzug für Verbesserungen im Umweltschutz westdeutsche Umwelttechnologie und Subventionen herauszuschlagen. Die bundesdeutschen Vertreter haben dieses Verhalten als Erpressung wahrgenommen. Man sollte bei der Analyse aber dringend die weitgehende Alternativlosigkeit auf DDR-Seite berücksichtigen.

Mich interessierte aber nicht nur die Umweltdiplomatie und die Bedeutung der verschiedenen Formen von Umweltverschmutzung. Ich wollte eine „materielle“ Umweltgeschichte schreiben, in der auch ein Fluss selbst agency hat. Wenn man zum Beispiel die ökologische Lebensfähigkeit eines Flusses als Maßstab zugrunde legt, dann sieht die Geschichte der Werra vor und nach der Wiedervereinigung ganz anders als. Die massive Versalzung des Flusses nahm zwar nach 1989 ab, weil Bergwerke in Thüringen geschlossen wurden. Die in Kassel ansässige K&S produziert aber weiter Kali auf beiden Seiten der nun offenen Grenze; die Werra wird weiter verschmutzt. Der Fluss hat nach wie vor Salzwerte von über 2.000mg pro Liter (2015), was der Gewässerfauna so gut wie keinen Spielraum lässt. Die Exzesse der Werra-Verschmutzung vor 1989 verstellen aber leicht den Blick. Ja, die Verschmutzung des Flusses ist nach der Wiedervereinigung signifikant zurückgegangen, aber nur weil die Zustände vor 1990 schlechter waren, sind sie nach 1990 noch längst nicht gut. Daran ändern auch die von der K&S verbreiteten guten Nachrichten nichts, zum Beispiel die Pressemitteilung von 2014, dass sich die Groppe (Cottus gobio), ein Süßwasserfisch, in der Werra fortpflanzen konnte. Für die Gewässerökologie der Werra ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus so gesehen zweitrangig. Der Fluss ist nach wie vor nicht in einem guten ökologischen Zustand.

"In den Gedenkorten steckt auch viel zivilgesellschaftliches Engagement"

L.I.S.A.: Eine letzte abschließende Frage: Wie wird die Grenze heute wahrgenommen? Ist sie im erinnerungskulturellen Diskurs präsent oder steht sie vollständig hinter der „ikonischen“ Berliner Mauer zurück?

Prof. Eckert: Die Frage kann man schlecht verallgemeinernd beantworten, weil die Wahrnehmung auch eine starke generationelle Ausprägung hat. Wer noch eigene Erinnerungen an die Zeit der Teilung hat, wird eine andere Wahrnehmung haben als jemand, für den die Grenze schon immer Geschichte war. Die Erinnerungsarbeit entlang der ehemaligen innerdeutsche Grenze ist auf der lokalen und regionale Ebene immer noch von großer Bedeutung, und man kann nur hoffen, dass die Länder und jeweiligen regionalen Träger die Grenzmuseen und Gedenkstätten entsprechend ausstatten und unterstützen. Viele der Gedenkstätten und Erinnerungsorte waren vor 1989 Informationsstellen zur innerdeutschen Grenze und dokumentierten die Geschichte der Teilung. Erst nach der Grenzöffnung wurden sie zu Museen im engeren Sinne. Die Kunsthistorikerin Maren Ullrich hat diese Kontinuitäten schon 2006 in ihrer Studie Geteilte Ansichten dokumentiert und analysiert. Einige der Grenzmuseen, wie zum Beispiel das Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen, das Grenzmuseum Schifflersgrund und die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn haben wissenschaftliches Personal und eine Ausstattung, die ihnen erlaubt, exzellente historisch-politisch, museumspädagogische und wissenschaftliche Bildungsarbeit zu leisten. In diesen Gedenkorten steckt auch viel zivilgesellschaftliches Engagement.

Die Mauergedenkstätte in Berlin hat natürlich einen offensichtlichen Standortvorteil und die Rolle eines nationalen Erinnerungsortes. Ich kann mir keinen Berlin-Touristen vorstellen, der nicht nach Spuren der Mauer sucht oder darüber stolpert. Die Gedenkstätten und -museen entlang der innerdeutschen Grenze muss man hingegen schon sehr gezielt ansteuern; sie sind oft auch nur mit eigenem PKW zu erreichen.

Man sollte aber nicht die Rolle des Grünen Bandes im erinnerungskulturellen Diskurs übersehen. Für die Initiatoren dieses Naturschutzprojekts war natürlich der Schutz der Biotope in diesem Streifen vorrangig, aber es haben sich im Laufe der Zeit wichtige Synergien zwischen Naturschutz- und Erinnerungsarbeit ergeben, die beiden Seiten nützen.

Prof. Dr. Astrid M. Eckert hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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