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Lena Reuter | 07.05.2020 | 744 Aufrufe | Interviews

"Eine starke Transformation der Arbeitswelt"

Interview mit Florian Kunze zur Homeoffice-Studie der Universität Konstanz

Weltweit wechselten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu Beginn der Pandemie ins Homeoffice, um zur Eindämmung der Ausbreitung beizutragen. Nun werden sogar Forderungen nach einem Recht auf Homeoffice auch zu Post-Corona-Zeiten laut. Doch wie arbeitet es sich dauerhaft von zu Hause? Welchen Belastungen ist auch die neue Mittelklasse ausgesetzt, die vermeintlich gut durch die Krise kommt? Die sich nicht nur lokal vom Büro ins Wohnzimmer verlegte, sondern auch Gewohnheiten änderte, nach Mitternacht noch am PC sitzt und am Wochenende E-Mails abruft? Und wie könnte ein zukünftiges Arbeitsmodell für diejenigen aussehen, die feststellen, dass ihre Tätigkeit sich wunderbar für das Arbeiten "von zu Hause aus" eignet? Prof. Dr. Florian Kunze von der Universität Konstanz hat eine Studie erstellt, in der er mit seinem Team eben diesen Fragen nachgeht. Im L.I.S.A.Interview befragten wir ihn zu seinen Ergebnissen.

Prof. Dr. Florian Kunze

"Das Arbeiten von zu Hause scheint für eine deutliche Mehrheit gut zu funktionieren"

L.I.S.A.: Herr Professor Kunze, für Ihre kürzlich veröffentlichte Studie haben Sie 699 Menschen zum Thema Homeoffice befragt. Dieses Schlagwort ist seit etwa vier Wochen beinahe täglich zu hören. Nun haben 77% der Befragten angegeben, ausgeglichener zu sein, eine bessere Work-Life-Balance zu verspüren. Man könnte fast sagen, dieses Ergebnis war zu erwarten – welche Vorteile sehen die Befragten noch?

Prof. Kunze: Die verbesserte Work-Life-Balance ist in der Tat eines der positiven Ergebnisse aus der Studie. Zusätzlich sagen auch fast 50 Prozent der Befragten, dass sie im Homeoffice effektiver als sonst arbeiten und fast 90 Prozent geben an, dass sie mit einem sehr hohen Engagement im Homeoffice arbeiten. Insofern scheint das Arbeiten von zu Hause für eine deutliche Mehrheit der Beschäftigten gut zu funktionieren.

"Präsenz und lange Arbeitszeiten werden hier häufig mit Leistung gleichgesetzt"

L.I.S.A.: Deutschland liegt trotz bester Voraussetzungen im Mittelfeld im europäischen Vergleich. Laut Ihrer Studie ist für rund ein Drittel (35 Prozent) der Befragten das Arbeiten im Homeoffice eine völlig neue Situation, weitere 50 Prozent haben bisher nur wenig Erfahrung mit diesem Format gemacht, obwohl die meisten (zwischen 79% und 84%) angeben, über ausreichend Platz, eine ungestörte Arbeitssituation und eine gute Internetverbindung zu verfügen. Welche Gründe sprechen denn gegen das Arbeiten im Homeoffice, wenn die Tätigkeit es erlaubt?

Prof. Kunze: Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir in Deutschland tatsächlich noch Nachholbedarf bei der Nutzung von Homeoffice. Dies dürfte etwas mit der vorherrschenden Arbeitskultur in Deutschland zu tun haben, die in vielen Betrieben und öffentlichen Organisationen noch von einer starken Präsenzkultur geprägt ist. Präsenz und lange Arbeitszeiten werden hier häufig mit Leistung gleichgesetzt. Den Mitarbeitenden Vertrauen entgegenzubringen und ein relativ autonomes Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen, ist deshalb ein großer Schritt für viele Organisationen und Führungskräfte. Dies ist erstaunlich, da wir aus der Führungsforschung klare Evidenzen haben, dass ein hohes Maß an Autonomie und freier Zeiteinteilung die Motivation und letztendlich die Produktivität der Mitarbeitenden erhöht.

"Uns interessiert, ob die Corona-Krise sich nachhaltig auf die Arbeitsabläufe in Deutschland auswirkt"

L.I.S.A.: Diese Studie ist nun in einer Art Ausnahmesituation entstanden, sodass vermutlich weitere Faktoren in die Aussagen der Befragten gespielt haben. Nehmen wir die Angabe, dass 36% der Befragten Einsamkeit beim Arbeiten im Homeoffice verspüren. Dieses Gefühl könnte dadurch verstärkt worden sein, dass beinahe alle sozialen Kontakte sowie Freizeitaktivitäten wegfallen. Die Antworten könnten dementsprechend anders ausfallen, wenn Kontaktsperre und Schließungen aufgehoben werden. Sind für die Zukunft dahingehend weitere Studien geplant?

Prof. Kunze: Ja, wir haben auch die Vermutung, dass gerade für den Bereich der Einsamkeit hier Einmaleffekte durch die generelle Kontaktsperre vorliegen. Wir sehen hier auch nochmals um zehn Prozent erhöhte Werte für diejenigen, die allein wohnen. Deshalb planen wir auch, die Befragung Mitte Mai mit denselben Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu wiederholen, um zu sehen, welche Effekte direkt auf das Arbeiten im Homeoffice zurückzuführen sind. Zusätzlich interessiert uns dann auch, wie viele der Angestellten weiterhin, zumindest zum Teil, im Homeoffice arbeiten und ob die Corona-Krise sich damit nachhaltig auf die Arbeitsabläufe in Deutschland auswirkt.

"Keine klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben"

L.I.S.A.: Das Engagement im Homeoffice liegt bei 89% in Ihrer Umfrage, ein sehr positives Ergebnis. Jedoch beklagt ein gutes Viertel der Befragten (28%) emotionale Erschöpfung im Homeoffice. Von welcher Art Erschöpfungserscheinung sprechen wir da? Was kann der Arbeitgeber konkret tun?

Prof. Kunze: Was wir hier gemessen haben, ist wahrgenommene emotionale Erschöpfung am Ende des Arbeitstages. Neben den Vorzügen des Homeoffice, die viele Befragten wahrnehmen, ist dies, in der Tat, eine der großen Herausforderungen, die bei der Heimarbeit entstehen können. Die Gefahr ist, dass keine klare Trennung mehr zwischen Berufs- und Privatleben stattfindet und man auch in einer Situation der ständigen digitalen Erreichbarkeit ist. Um dies zu vermeiden, ist es wichtig, dass man auch im Homeoffice versucht, seinen Arbeitstag gut zu strukturieren und regelmäßige Pausen einplant. Auch die Führungskräfte sind hier in der Pflicht und sollten eine ständige Verfügbarkeit bei ihren Mitarbeitenden, besonders in den Abendstunden und am Wochenende, vermeiden. Zusätzlich zeigen unsere Daten auch, dass eine zu starke Nutzung von Videokommunikation mit einer Zunahme von emotionaler Erschöpfung zusammenhängt. Deshalb sollte diese Kommunikationsform nur mit Bedacht eingesetzt werden.

"Arbeitgebern dürfte es schwerfallen, das Rad wieder zurückzudrehen"

L.I.S.A.: Welchen Ausblick in die Zukunft können Sie uns bezüglich der Arbeitssituation in Deutschland geben? Auch im Hinblick auf das Potenzial technischer Möglichkeiten?

Prof. Kunze: Meine Prognose ist, dass wir durch die Corona-Krise eine starke Transformation der Arbeitswelt erleben werden. Wir sehen dies ja auch schon in der aktuellen politischen Diskussion, ob es ein gesetzliches Recht auf Homeoffice geben soll. Vielen Arbeitgebern dürfte es schwerfallen, das Rad wieder zurückzudrehen und eine komplette Präsenzpflicht für alle Mitarbeitenden einzuführen, wenn sich das dezentrale häusliche Arbeiten für vielen Mitarbeitende als zufriedenstellend und effektiv herausgestellt hat. Neben diesen positiven Effekten für die Mitarbeitenden werden viele Firmen auch schnell feststellen, welche betriebswirtschaftlichen Potenziale sich durch ein Einsparen von Bürokapazitäten ergeben können, was den Transformationsprozess noch weiter beschleunigen dürfte.

Prof. Dr. Kunze hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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