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Georgios Chatzoudis | 11.05.2020 | 910 Aufrufe | Interviews

"Die Idee 'Herdenimmunität' war hier absolut kein Thema"

Interview mit Bei Peng und David Bartosch über ihr Erleben der Coronakrise in China

Als aus China die ersten Berichte über den Ausbruch einer neuen Virus-Epidemie nach Europa kamen, nahm das hier kaum jemand ernst. Zu nah waren noch die Erfahrungen mit vielen anderen Seuchen der vergangenen Jahre - Vogelgrippe, Schweinepest, SARS, Ebola etc. -, die medial zwar einen großen Niederschlag fanden, aber auf das Leben in Europa kaum einen Einfluss hatten. Das ist dieses Mal anders. Längst ist das Epizentrum der Epidemie von Asien nach Europa und Nordamerika gewandert - aus China hört und liest man diesbezüglich kaum noch etwas. Vielmehr gilt die Seuche dort als fast überwunden. Ist das tatsächlich so? Wie haben die Menschen in China die Coronakrise erlebt, welche Maßnahmen wurden ergriffen und wie ist der Stand heute? Das haben wir zwei ehemalige Stipendiaten der Gerda Henkel Stiftung, die Musikwissenschaftlerin und Übersetzerin Dr. Bei Peng und den Philosoph Prof. Dr. David Bartosch von der Beijing Foreign Studies University, gefragt, die seit Jahren in Peking leben.

"Wuhan gilt als einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte im Lande"

L.I.S.A.: Frau Dr. Peng, Herr Professor Bartosch, Sie leben, lehren und forschen schon seit Jahren in China. Das derzeit sich über die Welt ausbreitende Virus COVID-19 soll seinen Ursprung in China, genauer in Wuhan, der Provinzhauptstadt von Hubei, gehabt haben, so der Kenntnisstand hier. Was weiß man in China über den Ausbruch der Corona-Epidemie? 

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Wie Sie richtig sagen, leben wir seit einigen Jahren in Beijing. Als die  COVID-19-Krise begann, haben wir uns entschieden in China zu bleiben. Das Virus wurde zuerst im Kontext eines Fischmarktes der Stadt Wuhan entdeckt, der übrigens nur ganze fünf Minuten von einem Hauptbahnhof dieser Megacity entfernt liegt. Wuhan ist die wichtigste Metropole entlang des mächtigsten chinesischen Stromes, des Jangtsekiang, und hat elf Millionen Einwohner, ist also größer als New York. Wuhan liegt, was die chinesische Landkarte betrifft, ziemlich zentral, und gilt als einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte im Lande. Es handelt sich daher um einen denkbar ungünstigen Ort für den Ausbruch einer solchen Epidemie. Es war außerdem eine extrem ungünstige Zeit, denn kurz vor dem Frühlingsfest waren wirklich fast alle im Lande auf Achse. Jedes Jahr wollen während dieser Zeit nahezu alle Menschen entweder in ihren Heimatort reisen oder sich mit ihren Verwandten an einem Urlaubsort treffen, um das wichtigste chinesische Fest zu begehen. Vom Aspekt der family reunions her gesehen handelt es sich quasi um das Äquivalent zum Weihnachtsfest. Eine Statistik vom Vorjahr vermerkte drei Milliarden Reisebewegungen zu dieser Zeit.

"Chinaweit wurde die Körpertemperatur von Passagieren gemessen"

L.I.S.A.: Von wann an haben Sie persönlich die Ausbreitung des Coronavirus in Ihrem Alltag wahrgenommen?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Wir wussten seit Anfang Januar, dass in Wuhan eine unbekannte Form von Lungenentzündung immer mehr Besucher des besagten Fischmarktes befallen hatte. Damals war noch völlig offen, ob es von Mensch zu Mensch übertragbar sei, und es war überhaupt noch nicht absehbar, dass es so gefährlich sein würde. Wir haben uns zwar Sorgen um einige Freunde in Wuhan gemacht, aber für uns selbst haben wir anfangs noch gar keine Gefahr gesehen. Auch liegt Wuhan recht weit weg von Beijing. Gerade Anfang Januar endete bei uns auch die Vorlesungszeit des hier früher einsetzenden Wintersemesters. Mein (David Bartosch, Anm. die Redaktion) italienischer Kollege und auch alle italienischen Studenten, und überhaupt fast alle nicht-chinesischen Studierenden in meinen Kursen reisten in ihre jeweiligen Heimatländer in aller Welt zurück; meine zahlreichen chinesischen Studenten in ihre in ganz China verteilten Heimatorte. Wir waren alle noch nichtsahnend, was da sehr bald in China und dann global auf uns alle zurollen würde. Wir beide reisten dann auf die chinesische Tropeninsel Hainan, wo wir uns bis heute immer noch aufhalten. Nur einige Tage nach unserer Anreise, als offiziell bekannt wurde, dass das Virus definitiv von Mensch zu Mensch übertragbar sei, wurde die Atmosphäre  plötzlich angespannt. Die Stadt Wuhan wurde abgeriegelt. In allen Bahnhöfen und auf allen Flughäfen chinaweit wurde die Körpertemperatur der Passagiere gemessen. Wir haben uns auch eine ganze Zeit lang Sorgen gemacht, da wir auf der Reise mit dem Flugzeug und mit dem Zug doch mit einigen Menschenansammlungen in Berührung gekommen waren. Glücklicherweise ist nichts passiert.

"Es war sicher nicht schön, aber notwendig und richtig, um Leben zu schützen"

L.I.S.A.: Mit welchen Maßnahmen waren Sie konfrontiert?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Die allgemeine Stimmung während der ersten Februarhälfte war ernsthaft und gedrückt. Bevor dann die allgemeine Mundschutzpflicht eingeführt wurde, liefen schon mehr und mehr Menschen freiwillig mit Mundschutzmasken auf der Straße herum.  Manche Leute in den Großstädten setzten sich aus Furcht vor Tröpfcheninfektion in der U-Bahn oder im Zug zusätzlich zur Maske große 5-Liter-Plastikflaschen auf den Kopf — mit abgeschraubtem Deckel als Atemloch. Die Bilder kursierten im Internet. Obwohl der Fährbetrieb auf sowie von der Insel Hainan schnell eingestellt wurde, wurden auch hier auf „China’s Hawaii“ doch mehrere mit dem Virus infizierte Urlauber aus Wuhan entdeckt. Für alle anderen war es beruhigend, dass alle neu Angereisten aus der Provinz Hubei vorsichtshalber 14 Tage lang in speziellen Quarantänehotels untergebracht wurden. Sie durften sich nicht unter die Leute mischen. Für die Betroffenen waren die lang ersehnten Feiertage damit aber natürlich wohl mehr oder weniger ins Wasser gefallen. Vergleichbares passierte allerorten in China mit den Reisenden aus dem Epizentrum der Epidemie. Wenn man jetzt an diese harte Maßnahme zurückdenkt, kann man sagen, dass es sicher nicht schön, aber notwendig und richtig gewesen ist, um Leben zu schützen. Wie alle wissen, ist China ein Land mit einer großen, teils dicht gedrängt lebenden Bevölkerung. Außer in Hubei selbst, hat sich COVID-19 in China jedenfalls trotz der vielen Reisebewegungen zu dieser Zeit nicht wirklich erheblich in anderen Provinzen und Gebieten ausgebreitet.     

Am Tor des Wohnviertels unseres Urlaubsdomizils, sozusagen einer Art „walled community“ mit Urlaubswohnungen in sechsstöckigen Wohnblocks und tropischer Baumbepflanzung, stand der Hausverwalter mit einem Stirnthermometer. Er hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, von jedem, der hereinwollte, die Temperatur zu messen und diese dann in eine Namensliste einzutragen. In den folgenden zwei Wochen wurde dann alles immer strenger reglementiert. Anfangs war es uns noch möglich gewesen, mit dem Auto zu den bereits menschenleeren und daher umso malerischeren Stränden zu fahren. Als auf der Insel Hainan dann aber zwischenzeitlich wie gesagt doch mehr und mehr Ansteckungsfälle unter Urlaubern bekannt wurden, zog die lokale Administration auch hier gewissermaßen streng die Reißleine. Die Hausverwaltung stattete auf Geheiß der Lokalregierung jedem Apartment einen Besuch ab, und man erkundigte sich, wie viele Urlauber dort wohnten, ob man in der letzten Zeit durch die Provinz Hubei gereist sei, und ob es aktuell Fälle von Fieber oder Husten gäbe. Danach bekam jeder Haushalt einen kleinen Ausweis, der beim Verlassen und bei der Rückkehr am Tor des Wohnviertels vorzuzeigen war. Von jedem Haushalt durfte von da an nur noch jeweils eine Person an jedem dritten Tag zum Einkaufen vom Gelände. Sogar das Auto musste stehenbleiben. Das ging dann etwa vier Wochen so. Wir hatten gewissermaßen Glück im Unglück, denn wir konnten weiterhin auf dem abgegrenzten Gelände unseres Wohnviertels mit vielen Bäumen, Teichen und Grün spazieren gehen und das laute Quaken einer exotischen Froschgemeinde aus nächster Nähe genießen.

"Wir haben nichts von massiven oder gar 'brutalen' Eingriffen erfahren"

L.I.S.A.: In Europa zeigte man sich anfangs befremdet von den staatlichen Eingriffen der chinesischen Regierung, die hier als massiv bis brutal beschrieben wurden. Welche Wahrnehmung war in China vorherrschend? Überzogene oder eher gerechtfertigte Maßnahmen?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Sie können versuchen, sich die Situation in China zu dieser Zeit vorzustellen: Die Wissenschaftler haben in allen Medien gewarnt, dass es sich um einen neuartigen, noch kaum bekannten, aber hoch ansteckenden und lebensgefährlichen Virus handelt. Der chinesische Staat hatte bereits Ende Januar für ganz China die höchste Notfallstufe ausgerufen. Die Idee einer  „Herdenimmunität“ war hier absolut kein Thema. In einem so äußerst dicht besiedelten Land wie China mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen wäre ein solcher Versuch völlig unmöglich. Daher entschied man sich von Anfang an für den Weg strenger Eindämmungsmaßnahmen — bevor die Situation aus dem Ruder läuft. Man muss sich vor Augen halten: Es ging für die gesamte chinesische Gesellschaft gewissermaßen um Sein oder Nicht-Sein. Besagte landesweite Mundschutzpflicht und „stay home“ wurden als praktischste und effektivste Reaktion angesehen, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Das klang für alle damals erst mal schon sehr hart, aber mittlerweile verhalten sich viele Länder und Regionen in Europa genauso. Gerade vor Kurzem wurden mittels einer A.I. gewonnene Forschungsergebnisse der Universität Cambridge veröffentlicht („Universal Masking to Restart Society and Save Lives“), die nun nachträglich zeigen, dass die allgemeine Mundschutzpflicht der richtige Ansatz gewesen ist.  

In unserem engeren oder weiteren persönlichen Erfahrungsumfeld haben wir nichts von massiven oder gar „brutalen“ Eingriffen erfahren: Eine Verkäuferin im Markt hat sich sogar zwei Schichten von Masken aufgesetzt und hatte einen Ventilator hinter sich laufen, der potentielle Corona-Tröpfchen zu den Kunden über die Ladentheke zurückwehen sollte. Vor dem Laden saßen zu dieser Zeit täglich drei holländische Rentner im Dauerurlaub beim Bier, die irgendwann im ganzen Ort die Einzigen waren, die keine Maske trugen. Viel schwieriger als in unserem kleinen Inselort war es sicherlich für die Leute im weit entfernten Wuhan und in der Provinz Hubei, dem Epizentrum der Epidemie. Unsere Freunde in Wuhan durften tatsächlich die Wohnung überhaupt nicht verlassen. Die staatlichen Stellen dort haben Lebensmittel verteilt und direkt vor der Haustür abgelegt. Das war sicher keine einfache Situation.  

"Viele haben sich wechselseitig psychologisch gestärkt"

L.I.S.A.: Wie hat man in China Lockdown und Kontaktsperren aufgenommen?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Man muss auch bedenken, dass China bereits im Jahre 2003 bei dem Ausbruch der SARS-Epidemie schon gewisse Vorerfahrungen hatte sammeln können. Damals schon hatte ein chinaweiter Lockdown bereits sehr zum Sieg über das SARS-Virus beigetragen. Zusätzlich setzte nun der neuerliche Lockdown-Prozess wegen COVID-19 wie gesagt zu Beginn der Frühlingsfestferien ein, während der alle bereits an ihren Reisezielen angekommen waren und somit zu dieser Zeit sowieso das wirtschaftliche Leben auch in normalen Zeiten etwa zwei Wochen lang ruht. Das hat den Einstieg in diese Phase sicherlich weniger problematisch gemacht als das zu anderen Zeiten der Fall gewesen wäre. Viele haben dann die beiden weiteren Wochen des landesweiten Lockdown nach dem Frühlingsfest mehr oder weniger als eine Art „verlängerte Ferien“ empfunden. Dies ist andererseits natürlich so zu verstehen, dass dabei die normalerweise gegebene fröhliche Erwartung des mondjährlichen Jahresbeginns und der familiären Geselligkeit doch insgesamt längst in eine traurige und stille Gesamtstimmung umgeschlagen war. Das sowas in der eigentlich schönsten Zeit des Jahres passierte, schlug zusammen mit den langen Wohnungsaufenthalten sicherlich vielen Menschen aufs Gemüt. Das Internet bot eine Möglichkeit, die sozialen Bindungen in dieser schwierigen Zeit zu pflegen. Viele haben sich so wechselseitig psychologisch gestärkt.

"32.000 Ärzte, darunter auch Militärärzte, aus dem ganzen Land nach Wuhan geschickt"

L.I.S.A.: Das Epizentrum der Corona-Epidemie hat sich längst von China nach Westen verlagert - nach Europa und in die USA. Vergleicht man die bekannten Zahlen mit Blick auf Corona-Infektionen und Tote ist China vergleichsweise glimpflich davongekommen. In Europa sind die Zahl der Infizierten und Toten nicht nur gemessen an der Gesamtbevölkerung inzwischen deutlich höher. Wie erklärt man sich in China diese Diskrepanz? Was hat China anders gemacht als die Länder in Europa? Was ist Ihrer Meinung nach der entscheidende Unterschied?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Es war ganz überraschend für viele Chinesen, dass sich die Epidemie im „Westen“, d.h. in Europa und den USA, überhaupt so schlimm verbreiten konnte. Deutschland ist davon übrigens gewissermaßen ausgenommen. Man findet hier allgemein lobende Worte für den bisherigen Umgang der Deutschen im Bezug auf das Problem COVID-19, insbesondere auch hinsichtlich der in Deutschland gegebenen gesellschaftlichen Kontexte. Es war für viele Beobachter in China allerdings unverständlich, dass das neuartige und kaum verstandene Virus COVID-19 in Ländern wie den USA vor noch gar nicht allzu langer Zeit selbst von höchster Stelle mit einer Art Grippe verharmlosend gleichgesetzt wurde. Noch schockierender mutete vielen Chinesen das frühere britische Bestreben an, im Kontext eines in seinen Auswirkungen kaum bekannten Erregers eine vermeintliche „Herdenimmunität“ erreichen zu wollen. Es wurde viel im Internet diskutiert, warum sich Länder wie England und Schweden so „buddhistisch“ (佛系) verhielten. Vielen Chinesen erschien recht unverständlich, dass einige europäische Experten bis noch vor gar nicht allzulanger Zeit oft betonten, dass Mundschutz wenig sinnvoll wäre. Die Generalisierung wurde für wenig sinnvoll erachtet. Mundschutz ist nicht gleich Mundschutz, und wenn in Krankenhäusern Ärzte FFP2-Masken zum Schutz tragen, sollte man auch als Normalbürger generell in einer Menschenansammlung in geschlossenen Räumen mit einer solchen Vorrichtung sicherer unterwegs sein als ohne. Außerdem gibt es Forschungsarbeiten, die dem Thema gewidmet sind, und die zeigen, dass FFP2- und FFP3-Masken vor Viren schützen und in welchem Grade sie dies tun. Die kann man open access im Internet finden. Von diesen Feinheiten abgesehen, gehört es in China, Japan und Südkorea zum common sense, dass wenn möglichst viele Menschen Mundschutz tragen, das Ansteckungsrisiko für alle gemindert wird. Auch schon vor COVID-19 war es in Ostasien üblich, bei Grippewellen in der U-Bahn Mundschutz zu tragen. Vielleicht bestehen unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich des Verhältnisses von Gesundheit und Gesellschaft? Die chinesische, aber auch andere ostasiatische Gesellschaften betonen im öffentlichen Zusammenhang den Faktor der Individualität weniger. Wir könnten hier die Vermutung anstellen, dass die Fähigkeit bestimmte soziale und praktische Standards zu erfüllen, die in diesem Teil der Welt auf besondere Weise über Jahrtausende im Konfuzianismus und anderen philosophischen Strömungen entwickelt wurde, in solchen Zeiten vielleicht auch alltagsphänomenologisch stärker in den Vordergrund rückt. In einer Krise, in der alle einige basale Regeln befolgen sollten, um schnellstmöglich gemeinsam aus der Gefahrenlage und dem wirtschaftlichen Schlamassel herauszufinden, könnte ein solcher Hintergrund natürlich unter Umständen von Vorteil sein. 

Als nach dem Lockdown Wuhans die Personalkapazitäten der Krankenhäuser langsam erschöpft waren, hatte China auch den Vorteil eines großen Landes. Es wurden unseres Wissens 32.000 Ärzte, darunter auch Militärärzte, aus dem ganzen Land nach Wuhan geschickt. Unter der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal, die nach Wuhan kamen, sollen viele Freiwillige gewesen sein. Das hatte zusammen mit der Errichtung von Notkrankenhäusern den gewünschten Effekt, dass schließlich wirklich alle schweren Fälle mit ausreichenden Kapazitäten an Personal behandelt werden konnten. Hotels, Studentenwohnheime und Turnhallen wurden umgehend in Quarantänezonen umfunktioniert, sodass auch diejenigen ansteckenden Patienten, die nur leichte oder gar keine Symptome hatten, von ihren gesunden Familienmitgliedern und Mitmenschen getrennt werden konnten, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Diese Vorgehensweise war entscheidend für den hart erkämpften und doch recht schnellen Sieg über die furchtbare Epidemie in Wuhan. 

Was uns übrigens auch aufgefallen ist, ist das in China neben der schulmedizinischen Behandlung auch Traditionelle Chinesische Medizin explizit zum Behandlungsrepertoire gehörte. Hat das vielleicht auch zum Erfolg beigetragen?

"Noch nicht die Art von Normalität, die vor der Krise geherrscht hat"

L.I.S.A.: Wie sieht das Leben derzeit in China aus? Aus der Berichterstattung in Europa gewinnt man spätestens seit den Meldungen über rückläufige Zahlen und der Verlagerung der Epidemie nach Europa den Eindruck, als habe China die Corona-Epidemie überstanden und es sei wieder Normalität eingekehrt. Ist dem so? Ist in China wieder alles so wie zuvor? Sind noch Maßnahmen und Auswirkungen spürbar?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Mitte März war das COVID-19-Virus auf der Insel Hainan besiegt. Es hatte hier 168 Ansteckungen und sechs Todesfälle gegeben – eine Zahl, die sich übrigens glücklicherweise weder in der einen noch der anderen Hinsicht vermehrt hat. In der zweiten Märzhälfte kehrten daher nach und nach das Leben und die Bewegungsfreiheit zurück. Hier bei uns ist der Strand nun wieder belebt. Auf Hainan ist die allgemeine Mundschutzpflicht längst wieder aufgehoben.

Im Blick auf China als Ganzes muss man natürlich sagen, dass noch nicht die Art von Normalität zurückgekehrt ist, die vor der Krise geherrscht hat. Man ist verhalten und vorsichtig optimistisch. Die meisten Kitas, Schulen und Universitäten sind immer noch geschlossen. Einzig die Abiturienten fangen derzeit unter strengen Vorsichtsmaßnahmen wieder an, in die Schule zu gehen. Die Bewegungsfreiheit ist allgemein zurückgekehrt, wobei in manchen dichter besiedelten Orten im Lande, so zum Beispiel auch in der Landeshauptstadt Beijing, derzeit noch Mundschutzpflicht für den öffentlichen Raum besteht. Auch arbeiten immer noch viele Menschen im Homeoffice, teils natürlich, weil die Kinder ja noch nicht öffentlich betreut werden können. Gerade was den Schulbetrieb betrifft, ist man hier extrem vorsichtig.

Im Moment ist ganz China darauf konzentriert, quasi das Leben neu zu starten, die Wirtschaft weiter zu aktivieren. Dafür gibt es landesweit Virentests für diejenigen, die an sozusagen risikobehafteten Arbeitsstellen wieder öffentlich tätig werden. Man hat dabei übrigens leider doch eine gewisse Anzahl symptomfreier Personen ausfindig machen können, die das Virus in sich tragen. Auch unter vielen Chinesen, die vor nicht allzu langer Zeit noch in ihr Heimatland zurückkehrten, waren doch eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen mit dem Virus infiziert. In Beijing sind andererseits seit Kurzem die sehr strengen Quarantänebestimmungen, die sogar für Rückreisende aus anderen Gebieten Chinas bestanden, mittlerweile aufgehoben worden. Es gab keine generalisierte Regel für ganz China, sondern es wurde je nach Situation entschieden, wann und wo eine Lockerung der Maßnahmen erfolgen sollte. 

"Wir haben gelernt, wie man sich online weltweit wissenschaftlich besser vernetzen kann"

L.I.S.A.: Wie sehr wirkt sich das alles gerade auf Ihr Leben aus?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Das war natürlich alles völlig außerhalb unserer ursprünglichen Erwartung für die ersten Monate des neuen Jahres. Wir haben uns aufgrund der sichereren Situation und der Möglichkeit, von hier aus online unterrichten und arbeiten zu können, dann auch dazu entschlossen, viel länger auf der Insel Hainan zu verweilen. Momentan sind wir immer noch hier. Hier gibt es die schönsten Strände Chinas und eine wunderbare Natur. Das hat uns die Entscheidung etwas versüßt. 

Als Geisteswissenschaftler ist die Situation für uns weniger arbeitshemmend als für andere Berufszweige. So konnten wir beispielsweise ein sehr arbeitsaufwändiges Übersetzungsprojekt zu einem Werk des Philosophen Ernst Bloch, das wir ins Chinesische übertragen haben, während unserer derzeitigen insularen Klausur bereits abschließen. Auch die Arbeit an anderen Buchprojekten verläuft fruchtbar. Die Universität, an der ich (David Bartosch, Anm. der Redaktion) lehre, hatte zu Beginn des Sommersemesters, d.h. Anfang März, alles in einem beeindruckenden Tempo auf Online-Unterricht umgestellt. Meine Kurse werden gleichermaßen von internationalen und chinesischen Studierenden belegt. Die vielen nicht-chinesischen Teilnehmenden sind nun sozusagen weltweit verstreut, in Europa, überall in Asien, Afrika, Amerika. Durch den Kontakt mit den Studierenden weltweit bekommen wir natürlich auch viel mit, wie sich die Krise global auf die Menschen auswirkt. Ich habe mir anfangs am meisten um meine vielen italienischen und englischen Studenten Sorgen gemacht. In der Notlage haben wir gelernt, wie man sich online weltweit wissenschaftlich besser austauschen und vernetzen kann. Dieser Gesichtspunkt hat sicherlich gerade auch in puncto COVID-19 höchste Priorität.

"Chinesen machen sich im Moment große Sorgen um aufflammenden Rassismus und Hetze"

L.I.S.A.: Den gegenwärtigen Erfahrungen mit der Corona-Epidemie wird im Westen Zäsurcharakter historischen Ausmaßes beigemessen. Die Welt werde nach Corona nicht mehr dieselbe sein, auf die Gesellschaften kämen gewaltige Veränderungen zu - ökonomischer, politischer, kultureller und medizinischer Natur. Einige prognostizieren sogar, dass China aus dieser Krise gestärkt hervorgehen werde, was sich nicht zuletzt in vielen Hilfslieferungen mit dringend erforderlichem Material erwiesen habe, während der Westen einmal mehr die Verletzlichkeit seiner Systeme erlebt habe. Wie wird in China darüber gedacht? Wie ist Ihre Einschätzung? Welche künftigen Veränderungen erwarten Sie?

Dr. Peng/Prof. Bartosch: Chinesen – und alle Menschen mit ostasiatischen Wurzeln im Allgemeinen – machen sich im Moment große Sorgen um einen derzeit aufflammenden Rassismus und Hetze, vor allem in den USA, wo die Übergriffe in Folge der gefährlichen und völlig unsinnigen offiziellen Identifizierung eines Virus mit einer Ethnie nicht nur auf die sozialen Medien beschränkt bleiben. Eine chinesische Bekannte, die wegen der Reisebeschränkungen in den USA sozusagen derzeit gestrandet ist, hat berichtet, sie sei bereits dreimal rassistisch angepöbelt worden. Diese Entwicklung muss man unbedingt beobachten.

In Ostasien haben sich in den letzten beiden Monaten das generelle Bild und die Wahrnehmung einiger Länder sehr stark gewandelt. Nordamerikanische und europäische Länder hatten bisher immer noch eine Art Vorbildcharakter für viele Menschen in China, aber auch in Korea und in Japan. Die Reaktion einiger Verantwortlicher in manchen westlichen Ländern wurde von vielen Menschen hier als viel zu langsam, unkoordiniert oder teils sogar als verantwortungslos aufgefasst. 

Neben den schrecklichen menschlichen Verlusten wird sicherlich die Viruskrise für alle nicht nur große wirtschaftliche Einbußen, aber auch große Veränderungen bedeuten: Es handelt sich um die größte globale Gesundheitskrise seit mehr als einhundert Jahren. Was die Pandemie für Auswirkungen speziell auf die chinesische Wirtschaft und die davon abhängige Weltwirtschaft haben könnte, wird sich in der nächsten Zeit zeigen. In unserer Zeit sind die einzelnen Länder der Weltgemeinschaft bereits untrennbar wirtschaftlich miteinander verwoben. Und man darf in diesem Zusammenhang auf keinen Fall die weiteren Entwicklungsländer vergessen. Die große Gefahr einer weiteren ungebremsten Ausbreitung besteht gerade in Afrika, Südamerika und Indien. Viele Probleme lassen sich einfach nur gemeinschaftlich lösen: Abgesehen vom derzeitigen globalen pandemischen Notfall, müssen wir die planetare Umwelt retten, die unsere Lebensgrundlage bedeutet, es gibt potentielle Bedrohungen aus dem Weltall usw. 

Für China als „Weltfabrik“ besteht erhöhtes Interesse, dass alle Länder die Krise schnell in den Griff bekommen und sich der Weltmarkt schnellstmöglich erholt. Im Moment erleben wir allerdings eine Art weltweites “Unwetter“ in verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Bereichen. Das betrifft natürlich nicht nur China, sondern insbesondere auch die europäischen Länder. Wir denken, dass es in der nächsten Zeit für alle sicher nicht einfach sein wird. Andererseits darf man nicht aufgeben. Gerade in Zeiten wie diesen muss man sich seinen Optimismus und die Hoffnung bewahren. Auf Chinesisch setzt sich das Wort für „Krise“ (危机 weiji) aus zwei Schriftzeichen zusammen, d. h. dem Zeichen für „Gefahr“ (危 wei) und dem Zeichen für „Chance“ (机 ji). Wer es vermag, in der Gefahr neue Chancen aufzunehmen und entsprechend zu entwickeln, dem wird es in Zukunft gut gehen.

Dr. Bei Peng und Prof. Dr. David Bartosch haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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