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Georgios Chatzoudis | 03.04.2020 | 835 Aufrufe | Interviews

2. April 2020 | Coronakrise: Sind wir im Krieg? Wie über die Pandemie sprechen?

LogBuch "Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet". Eine Gesprächsrunde mit Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird nicht müde, im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus vom Krieg gegen einen unsichtbaren Feind zu sprechen. Die Medien nehmen solche Bilder dankbar auf und versteigen sich zu Schlagzeilen wie zum Beispiel: "Macron kündigt Militäraktion im 'Krieg' gegen Coronavirus an" (Stern, 25.03.). Auch in anderen Ländern sind diese Wechselwirkungen aus politischer und journalistischer Rhetorik zu beobachten - aus einer Pandemie wird dann bald eine "Panmedie". Auch in Deutschland hat sich die Sprache an die Coronakrise angepasst. Begrifflichkeiten aus Kriegszeiten, aber auch aus dem medizinischen Kosmos geben derzeit den Ton an. Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis fragen ihre LogBuch-Gäste Natascha Bagherpour Kashani und Andreas Rödder, welche Verschiebung in der Sprache sie aktuell wahrnehmen und welche Auswirkungen diese möglicherweise haben.

"Eine weibliche Politikerin würde das Wort 'Krieg' nicht so schnell verwenden"

Zimmerer: Frau Bagherpour, Herr Rödder: Sind wir im Krieg? Wie sprechen wir über die Pandemie und was sagt das über uns aus?

Bagherpour: Ich finde es nicht gut, von Krieg zu sprechen. Wir haben eher eine gesundheitliche Krise.

Chatzoudis: Aber das gegenwärtige Vokabular geht in eine andere Richtung, oder?

Rödder: "Krieg" ist natürlich ein sehr starkes Wort, von dem seine Nutzer sich einen besonderen Mobilisierungs- und Integrationseffekt versprechen. Hat aber auch etwas mit Männlichkeit in der Politik zu tun - siehe Bush, Trump, Macron...

Zimmerer: Was bedeutet das aber, warum beschwören diese Männer diese Situation?

Chatzoudis: Ja, das mit der Männlichkeit interessiert mich. Warum ist das typisch männlich?

Bagherpour: Ich denke, eine weibliche Politikerin würde dieses Wort nicht so schnell verwenden.

Zimmerer: Denke ich auch.

Bagherpour: Trump und Co. wollen sich als Kriegsmanager darstellen.

Rödder: Wie gesagt, "Krieg" mobilisiert, und Krieg bedeutet immer auch Geschlossenheit. Denken wir nur an den "Burgfrieden" von 1914. Beides erleichtert Regieren in Krisensituationen ungemein.

Chatzoudis: Das geht so ein bisschen in die Richtung: Scharfes Vokabular, um scharfe Maßnahmen zu rechtfertigen.

Bagherpour: Geschlossenheit ist das richtige Wort. Und abgesehen davon, hat Kriegsrhetorik gerade bei US-Präsidenten gut funktioniert, um wiedergewählt zu werden. George W. Bush wäre ohne 9/11 vielleicht nicht wiedergewählt worden. Er konnte sich als Beschützer der Nation hinstellen. Und die Bürger halten in solchen Situationen zusammen und stehen hinter ihrem Präsidenten.

Zimmerer: Ich sehe auch nationale Unterschiede. In Deutschland hat Krieg einen anderen Klang als in Großbritannien, beispielsweise. Und auch Merkel will ja die Ruhe im Innern, benutzt aber eine ganz andere Wortwahl.

"Die Gesamtheit des Vokabulars geht schon weit"

Chatzoudis: Also lässt sich zwischen einer männlichen und einer weiblichen Krisenrhetorik unterscheiden?

Rödder: Dass Begriffe im Englischen einen anderen Klang haben, dafür gibt es ja viele Beispiele. Der neutrale deutsche „Feuerwehrmann“ ist im Englischen der „fire fighter“, und so klingt auch „war“ anders als „Krieg“. Zugleich hängt die Wortwahl vor allem mit einem Politikstil zusammen, der vor allem bei Männern zu beobachten ist: Bush mit dem "war on terror", jetzt Macron. Es ist genau dieser Stil, von dem sich Angela Merkel immer gegenüber Trump, Putin, Berlusconi oder Erdogan abgehoben hat.

Bagherpour: Ja, und diese Politiker sind alles "Populisten". Ist dann also dieses Wording Populistensprache?

Rödder: Ich würde den Begriff "Populisten" hier nicht zu weit fassen. Ich glaube, das hilft hier nicht so viel weiter.

Bagherpour: Ja, mag sein. Es ist auch ein sehr verallgemeinernder und unspezifischer Begriff.

Zimmerer: Es ist aber nicht nur eine Übersetzungsfrage. Vom Krieg zu sprechen, bedeutet in Deutschland einfach etwas ganz anderes

Chatzoudis: Aber hat nicht auch Merkel beispielsweise vom "Kampf gegen Corona" gesprochen? Bei der Gelegenheit werfe ich mal noch ein paar Begriffe in die Runde, die derzeit Konjunktur haben: Quarantäne, Hamsterkäufe, Versorgungsengpass, freiwillige Arbeit. Alles Begriffe, die an Kriegssituationen erinnern, oder?

Zimmerer: Ja, das stimmt. Die Kampfmetapher haben wir hier auch. In Ansätzen wird auch hier der "Ausnahmezustand" beschworen.

Rödder: Ja, in der Tat. Aber in Deutschland hat auch der "Ausnahmezustand" einen harten Klang. Ich kann den Begriff nicht hören, ohne an Carl Schmitt zu denken.

Zimmerer: Das geht uns allen so. Deshalb wird der Begriff ja auch vermieden. Wir können auch darüber sprechen, was alles noch nicht gesagt wird: Ausgangssperre, Ausnahmezustand.

Bagherpour: Man will eventuell auch keine Panik schaffen.

Zimmerer: Warum sprechen Trump, Macron etc. anders als Merkel? Wollen sie Panik schaffen?

Bagherpour: Ich denke, dass diese Nationen anders ticken als die Deutschen. Die USA sind quasi immer irgendwo im Krieg und Frankreich ist ja militärisch auch sehr stolz.

Chatzoudis: Aber Moment, bitte! Begriffe wie Ausgangssperre usw. werden doch auch in Deutschland genannt. Söder zum Beispiel sprach - anders als Merkel - durchaus von Ausgangssperre. 

Rödder: Ja, die Ausgangssperre stand schon im Raum - man hat sie sprachlich vermieden, aber sie war und ist präsent. Insofern hat Herr Chatzoudis schon recht: Die Gesamtheit des Vokabulars geht schon weit!

Zimmerer: Aber in anderen Ländern geht es noch weiter.

Bagherpour: Politiker müssen auch drastische Worte wählen können, um den Ernst der Lage klar zu machen. Zumindest in Deutschland haben wir eine solche Situation seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt.

Chatzoudis: Ja, ein interessanter Punkt!

Bagherpour: Ich zum Beispiel bin in einer watteweichen Bundesrepublik aufgewachsen. Mir und meiner Generation wird jetzt klar, wie besonders das war. Deshalb ist gerade in Deutschland ein Mittelweg in der Formulierung wichtig. Stichwort "German Angst"?

Zimmerer: Zum Stichwort "German Angst". Diese Angst ist ja nicht (nur) German und sie ist in diesem Fall sehr begründet, oder?

"Die Politik wird von den Medien getrieben"

Chatzoudis: Ok, ich merke gerade, dass wir hier unterscheiden müssen zwischen der Rhetorik der Politik und dem Vokabular der Medien.

Rödder: Das sind unterschiedliche Logiken von Aufmerksamkeitsökonomien. Medien müssen Aufmerksamkeit schaffen. Bei den Politikern ist es so, dass die einen Souveränität und die anderen Entschlossenheit demonstrieren wollen.

Zimmerer: Ist es aber nicht so, dass Politiker*innen nicht ab und zu auch ein wenig Aufmerksamkeit schaffen wollen.

Rödder: Ja, schon, im Normalfall sowieso, aber im - sorry - Ausnahmezustand tickt die Politik nach anderen Regeln: Panik vermeiden, Entschlossenheit zeigen. Das allerdings in unterschiedlichen Nuancen, aber nicht Aufmerksamkeit um der Aufmerksamkeit willen - was übrigens für die Herren in der Union ein Problem ist, weil es sich mit der Führungsfrage überlagert.

Zimmerer: Sie sprechen allgemein von Politik, beziehen sich aber nur auf Deutschland. Alles was Sie sagen, sollte auch für Trump und Co. oder für Macron gelten.

Rödder: Ja, das stimmt, da greift tatsächlich Ihre Erklärung mit den unterschiedlichen sprachlichen und politischen Kulturen.

Bagherpour: Jeder nutzt die Sprache, um einen anderen Zweck zu erfüllen: Bei Trump geht es zum Beispiel zurzeit um die Wiederwahl, bei Macron um das Demonstrieren von Stärke.

Chatzoudis: Die Medien sind in ihrem Vokabular also drastischer als die Politik. Ein Problem für die Politik? Wird sie von den Medien vor sich hergetrieben?

Zimmerer: Die Politik wird von den Medien getrieben und auch von den markigen Sprüchen der anderen Politiker im Inland wie im Ausland.

Bagherpour: Ich schließe in diesem Zusammenhang noch einmal an den Ausgangspunkt unserer Debatte an: Auch hier würde ich sagen, dass Frauen oft einfach anders kommunizieren. Da habe ich mehr den Eindruck, dass es um die Sache geht - also etwas weniger "Posing" -, auch wenn man als Politikerin wiedergewählt werden muss.

Rödder: Gegenbeispiel wäre Frau von der Leyen - bei ihr ist der Medieneffekt immer mitgedacht.

Zimmerer: Ach kommen Sie, es gibt keine erfolgreichen Politiker bzw. keine erfolgreichen Politikerinnen, die den Medieneffekt nicht mitdenken.

Rödder: Ok, daher würde ich aber auch nicht sagen, dass Männer auf Effekt zielen, Frauen auf die Sache.

Zimmerer: Das habe ich nicht gesagt, mein Punkt war, dass sie vielleicht anders sprechen.

Rödder: Sagt auch Frau Bagherpour - da widerspreche ich nicht.

Bagherpour: Wahrscheinlich haben Sie recht, Herr Rödder, aber eine Frau kommt eventuell mit einer männlichen Kommunikation anders rüber als ein Mann?!

"Homeoffice und Homeschooling hat eine Mittelschichtsidylle als Referenzrahmen"

Chatzoudis: Ich möchte die Aufmerksamkeit jetzt weg von der Politik auf eine andere begriffliche Sphären lenken: "homeoffice", "homeschooling", "stay home". Also, das eigene Heim als die schutzbietende Heimstätte in einer feindlichen Umwelt? Home sweet home - der neue Trend?

Bagherpour: Meiner Meinung nach ist das Modell Nine-to-Five-Job insgesamt überholt. Die Arbeit muss flexibler werden. Und um Homeoffice und Homeschooling zu ermöglichen, muss die Digitalisierung vorangetrieben werden - auch in der Einstellung von (Kommunal-)Politikern, Lehrern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern dazu.

Chatzoudis: Ich finde, es kommt dabei gerade zu einer Reihe von Paradoxien: Zuhause bleiben, aber digital möglichst überall auf der Welt dabei sein: Schule, Büro, Streaming, Houseparties per Videochat oder auch solche Debatten wie unsere hier...

Bagherpour: Na, ja, zu Hause bleiben ist ja auch sicherer. Man kann nicht einmal vom Auto überfahren werden. :) 

Zimmerer: Dabei geht es ja nicht um "Home", sondern um "Office", "Schooling" etc. Es wird dabei so getan, als gäbe es so etwas wie eine Normalität.

Chatzoudis: Aber es wird doch gerade auch nicht als Normalität empfunden.

Rödder: Was ich interessant finde: Die öffentliche Geste für "stay home" ist diejenige der "safe spaces"! Und ich frage mich: Wird hier eine Geste umgedeutet, oder gibt es eine Verbindung?

Chatzoudis: Mir kommt da auch noch "Armlänge Abstand" in den Sinn...

Zimmerer: Wir hatten ja in einer anderen Runde schon den Hinweis, dass das "safe home" für manche sehr "unsafe" ist oder werden kann.

Bagherpour: Ja, darüber denkt man zu wenig nach, vor allem über die Menschen mit schwierigen Familienverhältnissen zu Hause.

Zimmerer: Wir reden übrigens in dem Zusammenhang auch nicht über die Leute, die kein "Home" haben.

Bagherpour: Ich war gestern in Frankfurt und nun fallen einem die vielen Obdachlosen erst recht auf!

Zimmerer: Genau, das ganze Gerede von "homeoffice" und "homeschooling" hat eine Mittelschichtsidylle als Referenzrahmen. Gibt es die überhaupt so, und wie viele haben daran teil?

Rödder: Daher würde ich in der Tat auch vor bürgerlichen Romantisierungen warnen, mit denen jetzt einige aufkommen - allerdings: Wir erleben gerade zu Hause, dass wir gar nicht gedacht hätten, wie nett wir zueinander sein können. Und die Mittelschichtsidylle ist übrigens nicht zuletzt ein Elitenphänomen derjenigen, die jetzt von zu Hause aus in der öffentlichen Meinung präsent sind. Gabor Steingart lebt bestimmt nicht zu sechst auf 50 Quadratmeter...

Bagherpour: Also in meinem Umfeld gibt es viele, die an der Mittelschichtsidylle teilhaben, aber ich lebe auch in einer Art akademischer Blase.

"Das ist die Biopolitik, die Foucault dekonstruiert hat"

Chatzoudis: Vielleicht zum Schluss noch ein dritter Begriffskomplex: der Medizinische. Pandemie, Epidemie, Infektion, Virus, Quarantäne, Desinfektion, Mundschutz etc. Der Weg in eine aseptische Zukunft?

Bagherpour: Die Menschen vergessen teilweise schnell und ich glaube nicht, dass wir auf eine aspetische Zukunft zusteuern.

Chatzoudis: "Social distancing" könnte ein Anfang sein...

Bagherpour: In den 1990er Jahren war es teilweise noch üblich, sich die Hände zu desinfizieren, wenn man ein Neugeborenes anfasste. Das hat sich geändert. Und ich denke auch, dass wir das "social distancing" nicht lange durchhalten werden.

Zimmerer: Ich denke derzeit eher darüber nach, welche Worte nicht vorkommen: Kapitalismus, Globalisierung, Hartz IV etc.

Chatzoudis: Ja, die Zusammenhänge sollten wir bei nächster Gelegenheit einmal gesondert besprechen.

Rödder: Was ich besonders interessant finde: das Verhältnis von Freiheit und Gewalt. Allenthalben ist von "surveillance" die Rede - erinnert mit an "surveiller et punir", und das ist die Biopolitik, die Foucault seinerzeit dekonstruiert hat. Jetzt wird sie, im Angesicht des guten Zwecks der Pandemie, allenthalben akzeptiert. Ich werde gerade zum Linksliberalen.

Chatzoudis: Herr Rödder! Nicht doch!

Zimmerer: Nicht schlimm.

Rödder: Im Ernst, wir stehen vor ganz neuen Debatten über Gesundheit und Freiheit, gesundheitspolitischer digitaler Massenüberwachung und individuelle Autonomie.

Chatzoudis: Schlussrunde! Welchen Begriff können Sie denn derzeit überhaupt nicht mehr hören?

Zimmerer: Rückkehr zur Normalität.

Rödder: Bleiben Sie gesund!

Bagherpour: Genau!! Klingt wie aus einem Science-Fiction-Roman.

Chatzoudis: Irgendwo habe ich gelesen, dass man gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dem anderen "Bleib' übrig!" gesagt habe...

Zimmerer: Da war es etwas spät, oder? 

Rödder: Exit.

Zimmerer: Exitstrategie.

Chatzoudis: Alles klar, dann sage ich wieder: Vielen Dank für die flotte Runde! Bis morgen!

Rödder: My pleasure!

Bagherpour: Danke, ebenso!

Zum Projekt

Entstanden ist das Projekt "LogBuch Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet" auf Twitter. Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg hatte die Frage gestellt, warum sich aus den Geisteswissenschaften kaum Stimmen zur Coronakrise und ihren Folgen Gehör verschaffen. Es müsste ein Forum geben, in dem sich eine geisteswissenschaftliche Debatte entzünden kann. Georgios Chatzoudis hat das interaktive Wissenschaftsportal L.I.S.A. als mögliche Plattform angeboten, auf dem der Chat nun regelmäßig veröffentlicht wird. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind eingeladen sich am Chat zu beteiligen. Zum Auftakt haben uns der Historiker Prof. Dr. Paul Nolte sowie die Kunsthistorikerin Dr. Mahret Ifeoma Kupka für einige Ausgaben zugesagt. In einer zweiten Runde sind wir nun mit der Archäologin Dr. Natascha Bagherpour Kashani und dem Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder im Gespräch. Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis agieren dabei als mitdebattierende Moderatoren.

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