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Judith Wonke | 27.08.2019 | 603 Aufrufe | Interviews

"Apokalypse und Utopie gehören zusammen"

Interview mit Gertrude Cepl-Kaufmann zum Jahr 1919


Das Jahr 1919 - der Beginn der Weimarer Republik, die Einführung des deutschen Frauenwahlrechts, die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Die Liste der Ereignisse des Jahres ist lang, auch der Beginn der sogenannten Bauhaus-Bewegung lässt sich in diesem Jahr verzeichnen. Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat ihre aktuelle Publikation diesem ereignisreichen Jahr der deutschen Geschichte gewidmet und betrachtet bekannte sowie neue Aspekte. Im Interview haben wir mit der Literaturwissenschaftlerin und Leiterin des Instituts "Moderne im Rheinland" über ihre topographische Studie des Jahres gesprochen. 

"Eine Fülle von neuen Erkenntnissen zu einem Ereignis"

L.I.S.A.: Frau Prof. Dr. Cepl-Kaufmann, in diesem Jahr ist Ihre aktuelle Publikation erschienen, in der Sie das Jahr 1919 als eine „Zeit der Utopien“ näher betrachten. Welche Überlegungen gingen der Untersuchung voraus? Wie ist das Buch entstanden?

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: Zwei Erfahrungen und Ereignisse haben mich motiviert, einen Blick auf das schmale Zeitfenster zwischen November 1918 und dem ausgehenden Jahr 1919 zu werfen: Die Erinnerungskultur der vergangenen Jahre zum Ersten Weltkrieg hat von Christopher Clark bis Gerd Krumeich eine Fülle von neuen Erkenntnissen zu einem Ereignis erbracht, dessen quantitative und qualitative Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt bisher kaum angemessen eingeschätzt wurde. Als Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates in einem der größten Projekte, das vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) betreute Gesamtpaket „1914 – Mitten in Europa“ mit Kongress, Ausstellungen und Diskursen, war ich mehr als drei Jahre in Sachen Kriegsgedenken unterwegs und hatte Gelegenheit, von den Kriegszitterern bis zu den auch nach 100 Jahren wöchentlich frisch aus den Feldern/Schützengräben ans Licht beförderten Kriegsschrott im Historial de la Grande Guerre in Peronne (in dem ich mit Gerd Krumeich und Jasmin Grande die Ausstellung „Krieg und Utopie“ / „L’Autre Allmagne“ kuratiert hatte), das anzusehen und zu begreifen, was sich nur mit dem Denkbild Apokalypse benennen lässt. Diese Dimension und die Folgen, ja, die Nachhaltigkeit für das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart hatte ich bis dahin unterschätzt.

Ein Blick zurück: Als eines meiner ersten Seminare an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hatte ich als junge Dozentin im Sommersemester 1969 das Thema „Schriftsteller in der Münchner Räterepublik“ angeboten. Ich arbeitete damals an meiner Dissertation über Günter Grass, und Literatur und Politik zu verknüpfen, entsprach dem damaligen Zeitgeist, doch bis heute begleitet mich aus diesem Diskurs ein Begriff wie „Menschheitskathedrale“, einschließlich des expressionistischen Pathos, mit dem eine pazifistische Zukunft beschworen wird:

„Nun öffnet sich, aus Weltenschoß geboren / Das hochgewölbte Tor der Menschheitskathedrale. / Die Jugend aller Völker schreitet flammend / Zum nachgeahnten Schrein aus leuchtendem Kristall, / gewaltig schau ich strahlende Visionen, / kein Elend mehr, nicht Krieg, nicht Hass.“

Das war konkrete Utopie, von Ernst Toller 1919 im Gefängnis Stadelheim im dort entstandenen Drama „Die Wandlung“ beschworenen. Hinter Gitter gebracht hatte man ihn wegen seiner Beteiligung an den revolutionären Ereignissen der Münchner Räterepublik. Seine Vision von Zukunft versetzte als wirkmächtige Utopie die Besucher der Uraufführung im September 1919 in der Berliner „Tribüne“ je nach Temperament in Schockstarre oder Tränenausbrüche. Ganz gleich wie sie reagierten, es einte sie das kollektive Begehren nach ewigem Frieden und sinnstiftenden Antworten. Sie waren bereit, auf Bilder ihres kollektiven Gedächtnisses zurückzugreifen und ahnten, angeregt von Toller, dass es nur eine neue „Kathedrale“, von ‚übermenschlichen‘ Dimensionen im Sinne Friedrich Nietzsches schaffen könne, diesen hassbesetzten Zeiten eine Alternative entgegenzusetzen und Deutschlands Zukunft denk- und formbar zu machen.

Was ich damals noch für ein Unikat hielt, eine persönliche Handschrift des Schriftstellers, erwies sich, wie meine zunehmend topographisch angelegten Studien zu Regionen in Deutschland erkennbar machten, tatsächlich als flächendeckendes Phänomen. Die spirituelle Sinndeutung der aktuellen Gegenwart mit dem Denkbild Kathedrale begegnet 1919 in Hannover in Kurt Schwitters Merzbau, von ihm als „Kathedrale des erotischen Elends“ benannt, als eine Art dadaistische Gegenschreibung. Walter Gropius wählt für das Titelblatt seines „Bauhaus-Manifestes“ Lyonel Feiningers „Kathedrale“. Im „Weltbaumeister“, einem „Architekturdrama“ des Berliner Mitbegründers des „Arbeitsrats für Kunst“, Bruno Taut, wird das Motiv kosmisch zum „Kathedralenstern“ aufgelöst. Präsent ist es in der Gemeinschaftsutopie des Pfingsten 1919 in Neuss begründeten Reformbundes „Der weiße Reiter“, der seinen Ort suchte zwischen katholischer Liturgiebewegung, der Nähe zur Düsseldorfer Avantgarde im „Jungen Rheinland“ und als Gegenentwurf zu Spenglers 1918 erschienenem opus magnum „Der Untergang des Abendlandes“.

Mein Fazit: Als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin - wenn ich auch einst Geschichte studiert habe -, konnte ich gar nicht anders, als die Summe aus meinen Erfahrungen zu ziehen: der Blick über die historische Faktenlage hinaus auf das, was Literatur, Theater, Schulen, Sinngemeinschaften, auch „Orden“ in diesem Jahr 1919 als temporären Freiraum zur experimentellen Vorwegnahme von Zukunft nutzten, ist unvergleichlich. Einen solchen „Freiraum“, sei er real dank der Tatsache, dass 1919 das einzige Jahr des Jahrhunderts war, in dem die Zensur aufgehoben war und eine neue Gesetzgebung fehlte, sei es der erträumte, besetzte das politische Vakuum zwischen der Auflösung des Kaiserreichs, Revolution und der Etablierung der Republik. Insbesondere für die Intellektuellen und Künstler schien es eine ganze Ewigkeit lang möglich, das Wirklichkeit werden zu lassen, was ihnen ihr Metier über die Jahrhunderte hinweg als wünschenswert beigebracht hatte. Immerhin ein halbes Jahr schien, so, wie Toller es als Kollektivaufruf auf die Bühne gebracht hatte, ein Bauauftrag alle geistigen Kräfte zu mobilisieren. Verstanden wurde dieser „Bau“-Auftrag für symbolisches und reales Handel. Persönlichkeiten wie Toller und Taut, Ernst Bloch und Walter Gropius sprachen in diesem Hoffnungsjahr aus einem Munde.

"Deutschland dachte sich tatsächlich neu"

L.I.S.A.: Sie betrachten in Ihrer Arbeit eine beachtliche Anzahl verschiedener Städte und Orte, um ein Bild des Jahres 1919 zu zeichnen – so schreiben Sie, es wurde der Versuch gemacht „die Topographie gegenüber der Chronologie hervorzuheben“. Warum messen Sie ersterer einen solch hohen Stellenwert für das Jahr 1919 bei?

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: Auch hierzu möchte ich aus mehreren Perspektiven Stellung nehmen: Karl Schlögel hat mit seiner These „Im Raume lesen wir die Zeit“ ein buchstäblich, doch auch symbolisch geltendes „weites Feld“ eröffnet. Bezogen auf 1919 drängt sich eine solche Feldanalyse, auch mit Pierre Bourdieus und Michel Foucaults kulturtheoretischen und -soziologischen Studien fundiert, geradezu auf. Der topographische Blick lässt zusätzliche Differenzierungen zu, vermittelt ‚Anschauungen‘, die in einer chronologisch angelegten Analyse weniger deutlich herausgestellt werden können. Chronologien zwingen zu stark zu einer Deutung im Rahmen einer Gesamtschau, die Topographie sucht Unterschiede und Einzelheiten um ein möglichst differenziertes Bild zu entwerfen, das dem Betrachter/Leser als Appell zu Erkenntnis und Durchschauen begegnet.

Hier ein Beispiel: Die topographische Schau erlaubt eine komplexere Bewertung des Räte-Gedankens. „Spartakus“ in Bremen oder Berlin und die anarchistischen Räte in München trennte mehr als sie verband. Glaubten die einen an die politische Macht einer Partei, war den anderen die kleindimensionierte, auf Räteformat reduzierte Gemeinschaft als Form der direkten Demokratie unverzichtbar. Die Bremer waren Kommunisten, die Münchner Anarchisten, teils unmittelbar aus der Schwabinger Boheme in politische Ämter gelangt. Schon Karl Marx hatte sie unter der Kategorie „Lumpenproletariat“ für eine kommunistische Bewegung als gänzlich ungeeignet, ja, als mit einem geradezu ausschließenden Kriterium behaftet, stigmatisiert. Die beiden politischen Richtungen, die damals um die Deutungsmacht konkurrierten, brachte die Fülle der Wanderer zwischen beiden Welten hervor, insbesondere Intellektuelle und Künstler, die es temporär zu den Kommunisten nach Berlin zog, wenn sie nicht schon längst in die durchaus reizvolle junge Sowjetunion, das scheinbar verwirklichte Mekka der Moderne, gepilgert waren, und die doch in der Regel enttäuscht zurückkamen, etwa Kandinsky, um dann im Bauhaus in Weimar eine zeitweise Heimat zu finden. Auch dort war man zwar rot, aber nicht so rot, wie es die Roten wollten – eben: anders rot. Heinrich Vogelers „Kommunistische Arbeitsschule“ in Worpswede hatte mehr mit der ebenfalls 1919 in Stuttgart gegründeten Waldorfschule Rudolf Steiners gemein als mit den politischen Ideen der Kieler Matrosen. Einzig Rosa Luxemburg hätte eine Integration oder Annäherung der beiden politischen Strömungen leisten können. Doch die wurde bekanntlich schon im Januar zur Märtyrerin des Jahres.

Im topographischen Blick zeigt sich optimal:  Es gab einen Wimperschlag lang, nämlich 1919, politisch kontroverse Konzepte, beide wurden von je eigenen Gruppierungen getragen, beide unterschieden sich fundamental in ihrer politischen Praxis. Vor allem aber setzten sie die je eigene gewachsene kulturelle Identität einer Region oder eines urbanen Milieus voraus. In Hannover bringt Kurt Schwitters spöttischer Biedervers: „Frieda, die Filzpantoffeln!“ die mentale Gestimmtheit besser zum Ausdruck und bietet damit einen Vergleich mit anderen Städten und Regionen als die Tatsache, dass auch Hannover seine Arbeiter- und Soldatenräte hatte.

An vielen Ecken brannte es, explodierten die Ideenbörsen, doch auch die „anwesende Abwesenheit der Vergangenheit“, um es mit Achim Landwehrs Worten zu sagen, meldete sich, prägte einzelne Regionen und Städte und wollte in dieser historischen Stunde zu Wort kommen: das neoidealistische Weimar mit seinem nicht klein zu kriegenden Goethe-Kult, das nun dem Bauhaus das Leben schwer machte, das seit Jahrhunderten umstrittene Straßburg, Festungsstadt, Teil einer ebenso europäisch dimensionierten wie nationalistisch aufgeladenen mental map Deutschland, nicht zuletzt Leipzig, die Bücher- und Aufklärungsstadt, mit dem Völkerschlachtdenkmal 1919 zum traurigen Ort des verlorenen Integrationsprojektes von Adel und Bürgertum degradiert, das nun mit seinem Reichsgericht den alliierten Ruf nach Sühne für die Kriegsverbrecher, einschließlich des Kaisers, abwickeln sollte.

Mein Versuch, mit einer solchen Topographie das Besondere der je eigenen Geschichten einzelner Städte und Landschaften einzufangen, beschränkt sich dabei nicht auf eine Addition, die Auswahl ist nicht zufällig, sondern stellt in toto das Markante eines historisch föderalen Deutschland zusammen, das sich 1919 neu erfand, genauer: erfinden musste. Träume von neuen/alten Allianzen wie einem alemannisch-süddeutschen Reich, die Reintegration Österreichs, ein neuer, antipreußischer Block in norddeutschen Regionen blieben Träume, fielen, wie die neue Liaison mit Österreich, mit dem Versailler Verbot.     

Auch die Folgen lassen sich im topographischen Blick ausdifferenzieren: München, das nach der Revolution, der kurzen Eisner-Ära und der nachfolgenden Räteregierung ein Feindbild gegen alles, was nach „Jud und Preiß“ roch, entwickelte, wurde zum braunen München, zum Sammelbecken von Nazis aus ganz Deutschland.

Fazit: Deutschland dachte sich tatsächlich neu, auch mit einem hohen Anteil jüdischer Intellektueller wie Gustav Landauer und Erich Mühsam in München, Franz Rosenzweig und Martin Buber in Frankfurt und Heppenheim. Sie waren, wie der 1919 nachwirkende, von Buber und Landauer 1907 gegründete, zutiefst aus dem Geist des Humanismus und Messianismus geprägte „Sozialistische Bund“, unmittelbar in die Revolution einbezogen. Auch damit lässt sich einem verbreiteten Vorurteil begegnen: Allzu sehr drängt sich im historischen Bewusstsein die Vorstellung vom Straßenterror in Berlin ins Bild. Abgesehen davon, dass die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht dem rechten Terror zu verdanken ist, bedient die Reduktion der Räterevolution kollektive Ängste. Sie sind bis heute abrufbar und verhindern, dass politisch zeitadäquate Forderungen aus dem Gesamtpaket Revolution ihren Stellenwert im politischen Diskurs erhalten. Solche Ängste, so wollte ich mit dem Blick auf die „zweifache Republik“, die, die 1919 in Weimer und Berlin geschaffen wurde, herausarbeiten, hatten in Weimar ihren Nährboden und hielten die, die den Grund der Ängste hätten angehen müssen, gerade davon ab. Eine Politik, die in Berlin gemacht wird, ist anders, als sie in Weimar hätte gemacht werden können, einem Ort mit eigenwilliger Identität, einem lange herausgebildeten und fleißig bedienten Mythos, der, auf 1919 bezogen, gerade einmal Fluchtqualität bereithielt. Das trifft im Übrigen auch auf die Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Wäre nicht Bonn, sondern München zur Hauptstadt der jungen Bundesrepublik erkoren wurden, hätten wir es heute mit einer ganz anderen Geschichte zu tun.  

Noch ein weiteres Ereignis, das sich eng an 1919 bindet, ruft geradezu nach einer topographischen Sicht. 1919 war das Jahr, das nicht nur die Folgen der Auflösung des Kaiserreichs zeitigte, vielmehr noch die der mit der Revolution innerhalb weniger Wochen von der Bildfläche verschwundenen Adelsherrschaft und -kultur. Die 22 Monarchen residierten lange und hatten entsprechend topographisch sehr unterschiedliche Geschichten und Gesellschaften produziert. Das Kaiserreich war gegenüber der gewachsenen föderalen Struktur ein darüber gesetzter Zentralismus, wurde das, was unsere „verspätete Nation“ auszeichnet. Nun meldete sich 1918/19 das föderale Deutschland zurück, nur für wenige Monate. Der Zentralismus der Weimarer Republik hat diese kurze Zeitspanne überschrieben und produzierte ein bis dahin so nicht gekanntes Feindbild Provinz - Großstadt. Mein topographischer Ansatz ist eine der noch längst nicht ausgeschöpften Möglichkeiten, den wirklichen Verlust von Strukturen, an Herrscherpersönlichkeiten gebundene symbolische Macht, an Habitus und Identitäten auszudifferenzieren.

Last but not least ist mein Buch deshalb topographisch angelegt, weil es sich als ein kulturwissenschaftliches Experiment versteht. Ich habe einige Erfahrungen in der Praxis des Ausstellens, bin beteiligt am aktuellen Diskurs zum Ausstellen und durch ein eigenes, über Jahre erprobtes Lehrprojekt „Archiv – Museum – Ausstellung“ vorbereitet. Den Erkenntnisprozess zwischen Entdeckung von Archivgut und der Transformation in die visuelle Ebene, auch die Arbeit am Erkenntniswert solcher Ausstellungen, die ich über viele Jahre hinweg mit Studierenden erprobt habe, findet hier eine eigene und eigenwillige Diskursebene. Ich verstehe mein Buch als eine Ausstellung über das Jahr 1919: Als Kuratorin einer solchen Ausstellung erwartet man von mir Sachkompetenz - dazu mehr in den folgenden Fragen -, aber auch ein Konzept, das den Transfer von Erkenntnis optimiert und darüber hinaus als motivationssteigerndes Leseerlebnis anbietet. Text und Bild gehen eine produktive Symbiose ein, weil die an sie gebundenen Verstehensprozesse sich bedingen. Wie in jeder Ausstellung gilt entsprechend auch hier, dass das Thema durchaus sehr unterschiedlich vermittelt werden kann. Meine Lösung, die ich mit meinem Buch offeriere, lässt vieles aus und vieles zu. Dabei fordert meine hermeneutisch fundierte Wissenschaft für die Beschäftigung mit einem Stück Geschichte die Gleichwertigkeit für Politik und Kultur. Allzu lange hat man unterschieden zwischen der hermeneutica sacra und einer hermeneutica profana: doch die Deutungshoheit der Historiker ist nicht sakrosankt. Mein Buch möchte auch zeigen, dass die Verdrängung der Kultur ins Abseits Teil des Problems ist, das es schon im Kaiserreich gab und das nach 1919 mit der Republik weitergeschrieben wurde. Nur 1919 war es, schien es, wie oben gesagt, einen Wimpernschlag anders. Das will mein Buch über ein „deutsches Jahrhundertjahr“ für die kulturelle, aber auch gesamtgesellschaftliche Erinnerung festhalten. 

"Die Kultur ist mehr als ein Appendix"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial ziehen Sie für Ihre Untersuchung heran?

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: Mein Buch verbindet die Idee des Groß-Essays mit dem klassischen Muster einer wissenschaftlichen Abhandlung. Was es nicht sein wollte und auch nicht sein kann, ist die Auseinandersetzung mit geltenden historischen Forschungspositionen oder -kontroversen. Für die Auswahl ist auch an dieser Stelle ein Rekurs auf das Prinzip jeder Ausstellung hilfreich: geltende Forschungsergebnisse sind als Referenz eingebracht (z. B. mit Lothar Machtans brillanter Analyse „Die Abdankung“). Die Komplexität, die dieses Jahr 1919 ausmacht, motivierte, so wie es der Essay leistet, zur Spurensuche und gedanklichem Konstrukt, das letztlich dazu dient, eine Profilierung anzubieten, die in toto Teil eines aktuellen Wissenschaftsdiskurses sein möchte.

Einzelne Schwerpunkte ergaben sich aus den Forschungsbereichen der Soziologie literarisch-kultureller Gruppen. Ein Fundus an Quellen zu den frühen Reformbewegungen ab den frühen 1890er Jahren habe ich mit früheren Arbeiten angelegt. Dieser Fundus erwies sich als überaus hilfreich, weil er jede These vom Neuanfang 1919 verbot. Tatsächlich fundierten das Gedankengut des Monismus und der Lebensreform 1919 die geistige Ebene, die Intellektuelle in vielen Regionen und urbanen Kulturen, von den Novembergruppen bis zum Bauhaus prägte, als Netzwerk und im Diskurs verband. In der Vorkriegszeit wurden die Weichen gestellt. Insbesondere wirkte der Geist der spätnaturalistischen Reformsiedlungen Berlins ab 1890, wie der Neuen Gemeinschaft, oder, wie im Rheinland, der enge Verbund von Künstlern und ihren Mäzenen aus Industrie und Wirtschaft. Nur im topographischen Blick sind die Simultaneität und Differenziertheit zu entdecken. Kulturnetzwerke geben auch die preis, die sie geknüpft und die Botschaften auf den Weg gebracht, Kulturtransfers beseelt haben. So ergeben sich z.B. wichtige, auch die Politik erhellende Parallelgesellschaften. Die Intellektuellen z.B. sahen sich damals insbesondere auch als Boheme. Zu ihr gehört die ambulante Lebensweise und der Verzicht auf bürgerliche Geldwirtschaft. Nur so wurde und blieb Paris, trotz „Erbfeindschaft“, Krieg und öffentlichen Hassgesängen, Referenzort europäischer Kultur, auch in der longue duree, was ich im Ausgangsteil meines Buches zeige. Die Schiene Weimar-Paris/Versailles ist ein Paket, für das unterschiedliche Fragen und Ereignisse eine Rolle spielen. Es bleibt trotzdem ein Paket. Ich muss hier nichts versöhnen, nichts hierarchisieren. Wohl aber kann ich retten, dass Politik und Kultur immer schon zu einer Familie gehörten. (Wenn ich Feministin wäre, würde ich hier ein kämpferisches Kapitel anhängen).

1919 ist ein einmaliges Jahr, was die Begegnung der politischen Akteure und Kulturträger und ihre Verantwortung angeht. Es hätte ein Neuanfang werden können. Wenn im November 1918 im Reichstagsgebäude an einem einzigen Abend die Arbeiter- und Soldatenräte, der vom frühexpressionistischen Kulturmacher Kurt Hiller angeführte Aktivistenbund und der auch von Heinrich Mann und René Schickele unterstützte Bund Neues Vaterland in angrenzenden Räumen tagen und Harry Graf Kessler in jeder der Gruppen sein Votum abgibt, finden wir zum historischen Ereignis ein geradezu idyllisches Bild. Die Kultur ist mehr als ein Appendix, der auch noch irgendwie dazugehört, aber im Zweifelsfall schon beim schlichten Platzmangel gestrichen wird. Das sollte man nicht tun. Schon Jürgen Habermas hat einst in seiner Antrittsvorlesung über den Wandel vom kulturrässonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum das Problem des Zerfalls bürgerlicher Welten bis in den Ersten Weltkrieg diagnostiziert, die Kulturpolitik Wilhelms II. obenan. Auch das offizielle Weimar hatte hier große Defizite. Nur das Jahr 1919 kam mit einer solchen kulturellen Wucht in die Geschichte, mit der utopischen und konkreten Vorstellung, hier etwas zu heilen und leiten zu können. Mein Buch zeigt, wie nah sich die Welten sind, die wir all zu oft in der spartenaffinen Geschichtsschreibung trennen. „Macht und Geist“, um einmal Heinrich Mann zu zitieren, gehören zusammen. Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ stand 1919 in konkreter Konkurrenz zu Erich Ludendorffs Kriegserinnerungen, wie ich zeige. Wir wissen, wer es geschafft hat: Ludendorff. Kurt Tucholsky war im Januar 1919 hoffnungsfroh, Mitte des Jahres wars vorbei. Weimar, um einem diese besondere Topographie zu benennen, war kein Ort für die Demokratie. Das widerlegt die Republik ja nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Bauhaus in Weimar scheiterte, diese Reformschule widerlegt.

Mein Buch zieht das Fazit aus 40 Jahren literatur- und kultursoziologischer Lehrtätigkeit. Sie war immer auch begleitet von umfangreichen Archivarbeiten. Die Vorliebe für die aktiven Zentren der Kultur haben hier ihren Ort, die angebotenen Exkursionen mit Studierenden in den Sommersemestern mit jeweiligen Archivbesuchen haben ihre Spuren als Teil meines eigenen Erinnerungsarchivs hinterlassen. Die so erarbeiteten Wanderwege zwischen den Jahrhunderten und ihren Orten sind wie eine innere Topographie, die lange als Herausforderung in mir selber präsent war: Was hält dieses Deutschland zusammen? Mein Buch beantwortet mir selber diese Frage, und so, wie diese Erkenntnis mir im Kontext der lebhaften Erinnerungskultur nach 100 Jahren in diesen Zeiten eine Tür öffnet, Gegenwart und Zukunft kritisch in den Blick zu nehmen, habe ich dieses Buch im sicheren Vertrauen auf die größere „Diskursgemeinschaft freier Geister“ geschrieben. Im Übrigen auch die zwischen den Wissenschaften.

"Zeitalter des Pazifismus"

L.I.S.A.: Die Erinnerungskultur greift oft auf konkrete Daten, wie den Beginn und das Ende der Weltkriege, Revolutionen oder besondere Entdeckungen und Errungenschaften zurück. Die Jahre zwischen 1918 und 1939 werden dabei in der Regel als Zwischenkriegszeit begriffen. Wird dieses Narrativ dem Jahr 1919 gerecht oder müssen wir unsere Wahrnehmung und unser Verständnis dieses Jahres revidieren? Was macht das Jahr 1919 besonders?

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: Mein Ziel ist es, das ganz Eigene des Jahres 1919 herauszustellen. Das zweifellos evidente Ereignishafte - „Krieg“ - kann einen Blick auf diese Zeit ausmachen. Doch es gibt dem Habitus zu viel Macht, aus dem diese entsetzlichen beiden Kriege des Jahrhunderts ihren Nachschub bezogen. Ich beziehe mich in meinem Buch auf die „Warlords“. Es ist ihr Geschäft, Krieg zum Zentrum ihres Lebens zu erheben, aber nichts zwingt uns, ihnen mehr Raum zu geben als nottut. Apokalypse und Utopie gehören zusammen, Krieg und Pazifismus ebenso: 1919 begann auch ein, wenn auch kurzes, Zeitalter des Pazifismus, von dem der Begriff „Zwischenkriegszeit“ nur als Marginalie erzählt. Wir haben es in der Hand, unsere Erinnerungskultur politisch werden zu lassen, weshalb sollten wir einer einzigen Perspektive, die von Hause aus ebenso übergriffig ist wie die „Dolchstoßlegende“, sozusagen einen monokausalen Erkenntnishorizont ableiten. Ich hoffe, dass mein Buch, auch die obigen Ausführungen, eine Lanze für ein alternatives Interesse, oder bescheidener: an Varianten zum Blick auf die Geschichte gebrochen haben – um wenigstens in meiner Argumentation im Militaristischen zu bleiben. Ich bedauere auch die Bezeichnung „Weimarer Republik“ für diesen schwierigen Teil deutscher Geschichte, in dem wir es einmal mit einer Republik versucht haben. Die Wahl der provisorischen Nationalversammlung, nach Weimar umzuziehen, war, wie ich zeige, kein kluges Unternehmen. Die „Geister der Vergangenheit“ sind, wie jeder Mythos, eine starke Realität, wenn man daran glaubt, aber multifunktional, gar um Zeuge für ein modernes Staatswesen zu werden, sind sie nicht.    

"All das, was Regionen und Landschaften ihre eigene Würde verleiht"

L.I.S.A.: Sie widmen sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit vor allem der Regionalgeschichte, insbesondere der Geschichte des Rheinlandes. Welchen Stellenwert hat das Jahr 1919 für die Regionalgeschichte? Und: Kann von einer wechselseitigen Beeinflussung ausgegangen werden? Konkret gefragt: Wird unsere Wahrnehmung des Jahres von regionalgeschichtlichen Aspekten beeinflusst? 

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: „Regionalgeschichte“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung. Das Institut „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist aus einem Arbeitskreis entstanden, der mit ministerieller Unterstützung ab 1989 für interdisziplinäre und komparatistische Forschungen angetreten ist. Daraus ist inzwischen unter dem Einfluss der Kulturwissenschaften ein eigener Forschungsansatz geworden, den der Begriff Regionalgeschichte nicht mehr abdeckt. Die Ausweitung zum Arbeitsbereich „Das Rheinland in Europa“, den ich gemeinsam mit der stellvertretenden Leiterin des Instituts, Dr. Jasmin Grande, entwickelt habe, meint jene Form von grenzüberschreitendem und transdisziplinären Interesse, dass ich mit meinem gesamten Buch zu realisieren versucht habe. Was das besondere Interesse eines solchen komparatistischen Zugangs zu Regionen angeht, lässt sich, wie weiter unten zu zeigen ist, gerade die Bewertung von kulturellen Ereignissen wie die des Bauhausjubiläums kritisch hinterfragen.

Was die besondere Situation des Rheinlands angeht, so ist im Konzert der an Städten und Regionen orientierten Perspektiven nur im Blick auf das Rheinland etwas zu sehen, das im Jahr 1919 geradezu rasant an Profil gewinnt: die „Entpreußung“. Flächendeckend gab es im Kontext der revolutionären Ereignisse und darüber hinaus neben dem Ruf nach Beendigung des Krieges immer auch den nach einem Ende des preußischen Militarismus. Das vereinte alle Regionen in Deutschland. Das Rheinland als Teil der mit dem Wiener Kongress an Preußen gefallenen „Rheinprovinz“ übernahm im Kreis dieser Rufer eine besondere Rolle. Zwischen preußischer Deutungshoheit und vielfach französisch inspirierter Geschichte und Lebensart, trotz „Erbfeindschaft“, musste es sich als die Region, die mit der jahrelangen französischen Besetzung einen Krieg nach dem Krieg erlebte, neu einrichten. Konrad Adenauer hat Anfang des Jahres 1919 vor den Delegierten zur provisorischen Nationalversammlung eine Rede gehalten, die sowohl die „Entpreußung“ geschickt einflicht, als auch die Perspektive eines zukünftigen Europas mit beispielloser politischer Kraft herausarbeitet. Sie demonstriert Stärke und rheinisches Selbstbewusstsein, und das, obwohl das Rheinland besetzt und die politischen Aktivitäten unter dem Besatzungsrecht streng kontrolliert wurden. Hier im Rheinland zeigte sich mit den starken Oberbürgermeistern, z.B. in Köln, Düsseldorf und Duisburg, eine eigene Kraft, die sich in Zukunft zu Wort melden würde.

Woher kam es? Carl Zuckmayer hat in Drama „Des Teufels General“ den titelgebenden Harras in einem eindrucksvollen Monolog einen rheinischen Orbit entwerfen lassen, der „die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit“, um nochmals Landwehr zu zitieren, als abendländisches Merkmal dieser „Völkermühle“ seit römischen Zeiten ins Spiel bringt, ihre Wirtschaft- und Geistesmacht, ihre jüdische Geschichte, all das, was Regionen und Landschaften ihre eigene Würde verleiht. So gewinnt der Blick auf eine Region wie das Rheinland, einen geradezu europäischen Auftrag.    

"Die Moderne gab es schon längst in der Vorkriegszeit"

L.I.S.A.: Eine abschließende Frage: 2019 lässt sich zweifelsohne als das „Bauhausjahr“ beschreiben: Das Jubiläum scheint im Fach- sowie öffentlichen Diskurs allgegenwärtig und auch Ihre Publikation ist Teil des Projektes „100 jahre bauhaus im westen“. Die Bauhaus-Expertin Dr. Jeannine Fiedler fragten wir daher jüngst nach ihrem Verständnis vom Bauhaus. Wie würden Sie die Frage beantworten: Sprechen wir von einem Architekturstil, einer Kunstrichtung, einer Lebensauffassung, einer ästhetischen Ausrichtung oder von einer konkreten historischen Phase der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Prof. Dr. Cepl-Kaufmann: In, um und über das Bauhaus lässt sich ein ganzes Bündel von dem, was Ihre Frage anbietet, erkennen: Ein Crossover, nicht minder mit geradezu abendländischem Ausmaß:

Ihre Frage freut mich! Für die FAZ habe ich die komplexe Bauhaus-Problematik einmal aus der Sicht meines Bucher pointiert dargestellt. Hier verdichte ich meine Thesen noch einmal und liste die Beweise dazu auf, nämlich die Menge der Schulprojekte, die in diesem Bauhaus-Jahr gleichzeitig auf den Markt kamen. Doch die Quelle für diese besondere Denke finden wir sehr viel früher:

Auch Gropius beruft sich mit dem Begriff „Bauhaus“ auf die „Bauhütte“, eine Kreativgemeinschaft mit soziologischem Gemeinschaftsideal von Gesellen und Meistern, tätig im mittelalterlichen Kathedralbau. Europa ist gerade dabei, die Bauhütte zum immateriellen Weltkulturerbe zu erklären. Der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris in diesem Jahr hat erneut den Blick auf dieses Phänomen gelenkt und nicht von ungefähr löste dieser Brand in Frankreich eine nationale Emphase aus. Ob als Tempel Salomos, in der Bewegung der Freimaurer oder im Bauhaus: Immer schon hat sich mit dem Bauereignis, mit seinen Bausymbolen von Zirkel und Dreieck mehr verbunden. 1919 schießt, wie erwähnt, der Kathedralgedanke flächendeckend aus dem Boden.

Was das reale Ereignis und die Jubelfeiern in Weimar angeht, so gilt es, zu relativieren und dem Feierwein doch das eine oder andere Tröpflein an Bitterstoffen hinzuzufügen. Als erstes gilt es festzuhalten, dass es Gropius nicht gelang, in der Weimarer Zeit eine Architekturklasse zu begründen. Es gab lediglich für wenige Wochen einen provisorischen Kurs, den sein Büroleiter Meyer abhielt. Also: Eine Bauhaus-Gründung 1919 als Gründung einer Architekturschule gab es nicht.

Weimar scheint ja für Mythenbildung empfänglich, umso mehr gilt es, entsprechend mit drei Mythen aufzuräumen:

  • Die Anerkennung als „Staatliches Bauhaus Weimar“ verdankt sich einem Moment, in dem der Kairos seine Stirnlocke bot, nämlich in Form der Anwesenheit der provisorischen Nationalversammlung. Ob das wenig später entstandene Land Thüringen dem zugestimmt hätte, bleibt fraglich. Der Gründungsmythos müsste ganz anders lauten: Wesentliche Vorarbeiten hatten seit Anfang des Jahrhunderts Harry Graf Kessler und sein Stararchitekten Henry van der Velde geleistet. Kessler Idee vom „Neuen Weimar“, dass er dem unter der Regierung Wilhelms II zum Ort der Unkultur gewordenen Berlin als eine Art Kulturhauptstadt im Kaiserreich entgegensetzen wollte, ging jedoch nicht auf. Doch van der Velde hatte noch zu Großherzoglichen Zeiten Gropius als seinen Nachfolger in der Direktion der Kunstgewerbeschule vorgeschlagen, bevor er als nicht erwünschter Ausländer im schweizerischen Uttwil am Bodensee eine vorübergehende Heimat fand. Auch dort versuchte er 1919, unterstützt von Harry Graf Kessler, René Schickele und Carl Sternheim, an die Tradition der Werkstätten anzuknüpfen und ein eigenes „Bauhaus“ zu etablieren. Es scheiterte, weil die Weimarer van de Veldes Bankguthaben nicht freigaben. In Sachen „Bauhaus“ haben wir es mit einer ungleich komplexeren Geschichte zu tun, als uns viele aktuelle Berichte über die Schule weismachen wollen.
  • Auch Mythos zwei lässt sich schnell entzaubern: Die Moderne, so, wie Gropius sie 1919 in Weimar zu realisieren versuchte, gab es schon längst in der Vorkriegszeit. An vielen Orten von Hamburg bis München, doch wesentlich auf den Westen des Reiches verteilt. Die Ausstellung „Der westdeutsche Impuls“ hat 1984 diese von den Kunstgewerbeschulen im Rheinland gestützten Reformbewegung gezeigt. Hinzu kam das Projekt Mathildenhöhe in Darmstadt, das sich mit Düsseldorf den Jugendstilarchitekten und Reformkulturmacher Peter Behrens teilte. Schon seit 1907 gab es den wirtschaftskulturellen „Deutschen Werkbund“ als „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“. Die Idee einer Warenästhetik war geboren, die Umsetzung gestaltete sich europaweit als höchst erfolgreich. Das zeigte sich 1914 mit der einer Weltausstellung nahekommende „Werkbundausstellung“ in Köln. Sie hatte alles, was ins Bauhaus drängte, auch die Trias, die Vision und Wirklichkeit voranbrachten: ein Theater von Henry van de Velde, eine „Muster-Fabrik“ von Walter Gropius und das „Glashaus“ von Bruno Taut. Letzteres spiegelte bereits mit seiner lichtdurchfluteten Kristallmetaphorik die Kathedralutopien von 1919. Lyonel Feiningers Titelbild „Kathedrale“ auf Gropius Bauhaus-Manifestes von 1919 müssen wir als künstlerische Version aus dem Geiste dieser Vorkriegs- Reformgedanken lesen.

  • Mythos Nummer drei, den es hier zu entzaubern gilt, zielt weit über die historische Bauhausgründung hinaus. Ob „Bauhaus“ oder „Bauhütte“: die geistige Metaebene proklamierte der Eingangssatz: „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“ Hatte Gropius mit dem abstrakten Begriff „Bauhaus“, der staatlichen Anerkennung und seiner internationalen Lehrerschaft ein Alleinstellungsmerkmal, gab es zu seinem „Bau“-Gedanken eine kreative Konkurrenz, wenn man auf die zum Aufbruch bereite Szene schaut. Der Begriff „Bau“ wurde zur einigenden Chiffre deutschlandweiter Kreativgemeinschaften. Allein der Architekt, der Baumeister, ja, der „Weltbaumeister“, den Bruno Taut in seinem so betitelten „Architekturdrama“ 1919 als Retter beschwört, konnte diese zerbrochene Welt heilen und ihr neuen Sinn geben. Eine Meistererzählung nach 100 Jahren. So wurde 1919 ein Jahr im Gründungsfieber für den „Bau“ von Deutschlands Zukunft:
    • In Düsseldorf wurden die Kunstakademie und die Kunstgewerbeschule vereinigt. Peter Behrens kehrt für kurze Zeit als Direktor an die alte/neue Akademie zurück.
    • In Stuttgart realisierte Rudolf Steiner die erste Waldorfschule. Vermischt mit ostasiatischen Heilslehren, fundierte die Anthroposophie diese Lebenswerkstatt, auch mit ihrer eigenwilligen Architektur.
    • In Darmstadt eröffnet der aus dem Baltikum ins Reformmekka gelangte Hermann Graf Keyserling seine „Schule der Weisheit“. Die Botschaft dieser Weltanschauungsschule für Erwachsene: „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum“.
    • Suchte dieser die Sinngebung in der Ferne, aktivierten andere ihr unmittelbares Lebensumfeld. So funktioniert Heinrich Vogeler in Worpswede seinen Barkenhoff zu einer „Arbeitsschule“ um. Er beruft sich in diesem ur-kommunistischen motivierten und vom Werkstättengedanken inspirierten Siedlungsprojekt auf Bruno Taut. Der Berliner Architekt ist schon lange auch in Hagen aktiv. Dort verbinden sich die Reformgenerationen: Schon vor dem Krieg hatte van de Velde den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus zur Reformkunst bekehrt und ihm mit dem Bauensemble in Hohenhaus ein Zentrum für die sich entwickelnde Folkwang-Bewegung geschaffen. Bruno Taut sollte nun seine Ideen weiterschreiben. Mit Osthaus frühem Tod sind die Träume zu Ende.  
    • In Hamburg installiert Lothar Schreyer in Fortführung seiner Tätigkeit an Herwarth Waldens „Sturm-Bühne“ seine „Kampfbühne“, eine Art Keimzelle für Zukunft, die mit der alle Künste einbeziehenden temporären Architektur als Mikrokosmos und Lebensschule zur Verwandlung und Veredelung der Menschheit beitragen soll. Gropius beruft Schreyer 1921 zum Leiter der Bühnenklasse ins Bauhaus.
    • In Köln entsteht ein „Institut für religiöse Kunst“. Konrad Adenauer, der geniale Politiker der Stunde, erfindet für seine hungernden Bürger nicht nur ein patentiertes Ersatzbrot und eine -wurst, sondern weiß auch, was der Geist braucht und womit er gegen die preußische Dominanz die urbane Kultur im jahrtausendealten Rheinland stärken kann. Schon bald boomt der christologisch fundierte Kirchenbau und ernährt Architekten, Künstler und die Wirtschaft.  
    • In Frankfurt projektiert Franz Rosenzweig im Umfeld der liberalen, antipreußischen Frankfurter Zeitung ein „Jüdisches Lehrhaus“ zur Gestaltung eines zukünftigen Deutschlands, mitgetragen von u.a. Martin Buber und Siegfried Kracauer. Im geistigen Umfeld entwirft Forens Christian Rang, unterstützt von Walter Benjamin seine Vorstellungen einer „Deutschen Bauhütte“ als Versöhnungsidee für die Erbfeinde Frankreich und Deutschland.
    • In München bleiben Gustav Landauer vor seiner Ermordung nur wenige Tage als „Volksbeauftragter für Volksaufklärung“, um ein um­fassendes Bildungsprojekt zu entwerfen. Einer der Kernsätze: „Architektur: Die neue Ära der Menschheitsgeschichte hat in den Monumenten und öffentlichen Gebäuden, die von jetzt ab errichtet werden, ihren Ausdruck zu finden.“

Bruno Taut, dessen zeitgenössische Wirkkraft um 1919 weit über der von Gropius rangierte, führte mit dem Architekten-Geheimbund „Gläserne Kette“ das spirituelle Feld an, und er brachte die verstreuten Felder zusammen: Ganz Deutschland wird 1919 zur „Bauhütte“: Umfassend, sinngebend musste die Bauaufgabe nach der Apokalypse sein, und was nicht vorhanden, was verloren war, musste neu erdacht werden. Dabei ließ sich vieles von dem, was die abendländische Erinnerungskultur bereithielt, nutzen. Taut dachte, wie Otto Bartning und Gropius, die mit ihm im „Arbeitsrat für Kunst“ aktiv wurden, ganzheitlich:

„Klar und entschlossen muss der neue Aufbau geleitet werden. Ein großer Gedanke muss alle Kräfte leiten, die Erziehung, Unterricht, Kirche, Kunst im neuen Deutschland beeinflussen, ein Reichsamt für geistige Angelegenheiten, neu in seiner Gedankenwelt und seinem Willen.“ Eine höhere Lebenskraft müsse sich, so Taut, „erheben wie ein Phönix aus der Asche der alten, materialistischen Zeit und greifbare Form gewinnen.“

Das leuchtete ein, nach der Apokalypse, dennoch sei die Frage gestattet, was „Bau“-Idee und Motivation beflügelten.

Der zutiefst deutsche Föderalismus kehrte zurück. Wo Adelshäuser zwangsweise abdanken mussten, meldeten sich Städte, Sinngemeinschaften, Parallelgesellschaften, die schon lange unter der kaiserlichen Decke zu Alternativen angesetzt hatten. Nun prägen sie, motiviert durch den erlebten Krieg, die mental map des Jahres 1919.

Die Schulprojekte faszinieren mit ihrem utopischen Potential, doch sie lassen zugleich den Abgesang auf die eigene Generation heraushören. Es schien, als könne nur die Jugend die Alten, erst recht dieses Deutschland retten! Hesse appellierte mit der Flugschrift „Zarathustras Wiederkehr“ an die junge Generation, vom großen Philosophen die Absage an herrschende Systeme zu lernen und ihm nachzueifern. Schickele benannte im Pamphlet „November 1918“, einer schonungslosen Abrechnung mit den Eliten, die Schuldigen, schuldig an der Jugend:

„Wieder waren es die alten Männer, die die Jugend an das Bestehende verrieten, das immer die Vergangenheit ist und diesmal ganz handgreiflich die Vergangenheit war: Zusammenbruch, Tod und Verwesung. Die Greise verrieten die Jugend, nur um sich nur auf ein Viertelstündchen, zu erhalten.“

Bauhütte – Bauhaus – Kathedrale waren die Climax der Hoffnung, die das Jahr 1919 erfüllte. Sie enthielt alles, was draußen zu fehlen schien: Die Zusagen einer heilen Welt, einer neuen Universalität, Schöpfertum und Geist für den „Bau“ der Zukunft. Auf dieses historisch, ja abendländisch abgeleitete Denkbild hatte sich ja auch Gropius auf der ersten Seite des Bauhaus-Manifestes bezogen. Konzedieren wir ihm angesichts der anhaltenden Wirkung den Primat. Als primus inter pares wird er aber nur erkennbar im Kranz der Gleichen seiner Zeit.

Am Ende war Vieles verloren, der Geist der Utopie verweht. Die Zukunft verpasst, auch wenn das Bauhaus Normen setzte, deren Wirkkraft bis heute anhält. Ein faszinierendes Panorama, ein Wimmelbild als Denkfigur und eine mächtige Anstrengung der Philosophen, Künstler, Schriftsteller und Architekten. Was keine der Schulen 1919 in ihrem Programm hatte: eine Antwort, ja nur die Frage, wie und mit welcher Schule der Aufbau einer Republik mit demokratisch kompetenten Bürgern zu schaffen ist.

Wenn das Jubeljahr auch diese kritische Sichtung vornimmt, hat es seine Kraft, uns über uns selbst Klarheit zu verschaffen, zu einem guten Teil erfüllt.

Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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