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Georgios Chatzoudis | 03.12.2013 | 4957 Aufrufe | Interviews

"Wie konnte der Prinz Max von Baden zu so einer tragischen Größe werden?"

Interview mit Lothar Machtan über Prinz Max von Baden

Er war der letzte Kanzler des Deutschen Kaiserreichs: Prinz Max von Baden. Und obwohl er damit eine besonders prominente Rolle in der deutschen Geschichte einnimmt - an der Nahtstelle zwischen Monarchie und Republik -  ist er in der Geschichtswissenschaft bisher wenig beachtet worden. Eine umfassende Biographie, die das Leben des badischen Prinzen in seiner Gesamtheit erschließt, blieb bisher aus. Der Historiker Prof. Dr. Lothar Machtan von der Universität Bremen schließt mit seiner jüngst erschienenen und bereits vielbesprochenen Arbeit diese Lücke. Auf fast 700 Seiten beleuchtet er Max von Baden aus unterschiedlichen Perspektiven und bettet ihn stets in das historische Geschehen ein. Wir haben ihn nun nach seinen Ergebnissen gefragt.

Prof. Dr. Lothar Machtan, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bremen

"Er hatte es in der Hand, der Reichspolitik eine andere Wende zu geben"

L.I.S.A.: Herr Professor Machtan, Sie haben gerade eine neue Biographie über Prinz Max von Baden veröffentlicht. Das Buch trägt den Untertitel „Der letzte Kanzler des Kaisers“ und deutet damit bereits an, dass es sich bei Max von Baden um eine historische Figur einer bedeutenden Zeitenwende handelt. Hat er in seiner Position als Kanzler entscheidenden Einfluss auf die damaligen Ereignisse gehabt? Immerhin haftete ihm schon bei den Zeitgenossen das Etikett an, er sei der „Totengräber der Monarchie in Deutschland“ gewesen. Ist das pure Polemik oder ist da auch etwas dran?


Prof. Machtan: Historisch bedeutungsvoll ist Max von Baden in der Tat, weil er im Herbst 1918 als Hauptakteur auf der politischen Bühne stand. Und 1918 ist ja nicht irgendeine Jahreszahl in der deutschen Geschichte. Damals hat sich Deutschlands Weg in das 20. Jahrhundert politisch neu gespurt. Wie dies passierte, dafür war auch der letzte Kanzler des Kaisers verantwortlich. Allerdings auf eine etwas bizarre Art und Weise. Denn sein politischer Auftrag bei Amtsantritt und seine Selbstverpflichtung lauteten ursprünglich:

  • das Reich möglichst schadlos aus dem Krieg zu führen und als Großmacht zu erhalten;
  • Kaiser Wilhelm II. den Thron zu sichern;
  • Revolution und demokratische Republik zu verhindern.

Doch entgegen seiner Absicht musste er als erste Amtshandlung ein Waffenstillstandsgesuch unterzeichnen, das von der Entente nicht zu Unrecht als Kapitulation gewertet und entsprechend ausgeschlachtet wurde. Am 9. November 1918 ließ er nolens volens die noch gar nicht vollzogene Abdankung des Kaisers verkündigen und besiegelte damit das Ende der Monarchie. Nachdem er zuvor schon – ebenso eigenmächtig – seine Amtsgeschäfte dem MSPD-Führer Friedrich Ebert übergeben hatte. Dem wiederum blieb angesichts der Revolution nichts anderes übrig, als den verlorenen Krieg abzuwickeln und eine demokratische Republik zu errichten. So war am Ende der Regierung Max von Baden in Deutschland politisch nichts mehr so wie zu Beginn. Er bewirkte somit das Gegenteil von dem, was er eigentlich wollte. Dabei hatte er es in der Hand, der Reichspolitik auch eine andere Wende zu geben. Wenn er sich eben nicht in die skizzierte Richtung hätte steuern lassen.

Meine Hauptfrage lautete: Wie konnte der Prinz von Baden zu so einer tragischen Größe werden? Das kann man nur begreifen, wenn man biographisch klärt, wer dieser Mann eigentlich gewesen ist.

"Ein beschäftigungsloser Thronanwärter mit problematischer Lebensbilanz"

L.I.S.A.: In Ihrer Darstellung erlebt der Leser die Hauptfigur sowohl als standesbewussten Konservativen als auch als gemäßigten Liberalen. Und gleich zu Beginn und auch am Ende Ihres Buchs charakterisieren sie Prinz Max von Baden als eine zerrissene Persönlichkeit mit einer schiffbrüchigen Biographie. Was genau meinen Sie damit?   


Prof. Machtan: Seine innerliche Zerrissenheit, die Sie ansprechen, rührt daher, dass er mit seinem Schicksal haderte und entsetzlich an ihm litt. Und zwar:

  • an dem chronisch-kränklichen Lebensgefühl seines Standes, der Hocharistokratie;
  • an der Nervosität des Fin de Siècle;
  • an seiner undankbaren Rolle als Zukunftsträger eines aussterbenden Herrschergeschlechts, dem er zu standesgemäßem Nachwuchs verhelfen musste;
  • und nicht zum wenigsten an seiner Homosexualität, die ja seinerzeit noch ein bleischweres Handikap gerade für öffentliche Personen darstellte.

Ein homo politicus ist dieser Prinz freilich nie gewesen. Auch kein machtbewusster Politiker. Ein überzeugter Monarchist gewiss, dabei persönlich weltoffener und sensibler gegenüber den Zeitläuften als die meisten seiner Standesgenossen. Auch charmanter und nicht so unnahbar. Hauptsächlich aber blieb er bis 1914 ein politisch nicht sonderlich interessierter, beschäftigungsloser Thronanwärter mit einer eher problematischen Lebensbilanz. Dass man ihm liberale Tendenzen zuschrieb, ließ er geschehen, weil es seinem Image zuträglich war – ein im politischen Sinne liberaler Fürst ist er freilich nicht gewesen.

"Verlangen nach Kompensation – durch Politik"

L.I.S.A.: Wie hat Max von Baden den Ersten Weltkrieg erlebt und wie sehr hat ihn auch seine Fronterfahrung als späterer Politiker geprägt?


Prof. Machtan: Im ersten Teil meiner Biographie zeige ich, wie gefangen Max von Baden in dem festgezurrten Kleid seiner
erbprinzlichen Existenz war. Ich beschreibe, wie er davon träumte, einfach wegzugehen aus diesem Leben, um frei zu sein.

Dass er es letztlich nicht über sich brachte, sich seiner dynastischen Lebensaufgabe zu entziehen – aber für diese Anpassungsleistung auch einen SEHR hohen Preis zu zahlen hatte. Die Verluste seines Lebens an moralischem Kapital und an Selbstachtung konnte er nicht wieder zurück gewinnen. So musste sein Leben vorerst ein Halbleben bleiben. Immerhin hat er bis August 1914 ein Dasein führen dürfen, das auf eine komfortable ästhetische Existenz hinauslief. Dann folgten – völlig unerwartet für ihn – drei lange und finstere Kriegsjahre, die ihn keinerlei Bewährung finden ließen, weil er als Militär versagte. Fortan hat man den langjährigen Berufsoffizier Max als „Sanitätsgeneral“ verspottet.

In meinem Buch entwickele ich nun, wie ihm der Weltkrieg zur biographisches Bruchstelle wurde – wie die hochnotpeinliche Tatsache seiner Frontdienstverweigerung sein Leben auf ungeahnte Weise überschattete. Aus dieser äußeren wie inneren Stigmatisierung erwuchs sein Verlangen nach Kompensation – durch Politik. Zunächst versuchte er sich auf dem Feld der informellen Diplomatie – mit mäßigem Erfolg. Dann hat er sich immer mehr in die Rolle eines Marcus Curtius hinein imaginiert, jener Heldenfigur aus der antiken Mythologie, die das Römische Reich durch eine sich selbst opfernde Heldentat rettete. In solchen Phantasien lebend, versuchte er schließlich durch einen beherzten Sprung in die Politik seinem Leben eine Wendung ins Große zu geben. Dafür stilisierte er sich zu einem potenziellen Nationalhelden, auf den ein Schicksal warte: die Rettung des deutschen Kaiserreichs vor drohendem Bankrott. Mit dieser Autosuggestion nahm die Dramaturgie seines Lebens tatsächlich noch einmal Fahrt auf.

"Das Haus Baden hält die Nachlass-Papiere bis heute unter Verschluss"

L.I.S.A.: Über Max von Baden ist schon viel geschrieben worden. Konnten Sie auf neues Quellenmaterial zurückgreifen? Auf welches? Und wie verändert das neue Material den Blick auf Max von Baden?


Prof. Machtan: Viel gesichertes Wissen über den Endzeitkanzler hat es bislang nicht gegeben – eine vollgültige wissenschaftliche Biographie schon gar nicht. Doch das, was vorlag, war genug, um das Erkenntnispotenzial zu erahnen, das in der Vita dieser Übergangsfigur schlummert. Mein Ehrgeiz war es, diese Möglichkeit empirisch zu erschließen. Leider hält das Haus Baden die Nachlass-Papiere dieses Vorfahren bis heute unter Verschluss. Das machte es zu einem äußerst aufwendigen Geschäft, die historische Lebenswirklichkeit detailliert zu rekonstruieren. Aber auch zu einer wissenschaftlichen Herausforderung, der ich mich gerne stellte. Mit großem Forschungsaufwand habe ich in allen möglichen Archiven nach Materialien gesucht, die die vorenthaltenen Dokumente entbehrlich machen. Insbesondere nach sog. Ego-Dokumenten. Also Quellen, die etwas über das persönliche Leben des Helden preisgeben, etwas über seine Gefühle und Vorstellungen erzählen. Ich habe für diese Recherchen mehr als drei Jahre gebraucht. Bevor ich überhaupt ans Schreiben denken konnte. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Denn es gibt sie – diese Zeugnisse. Etwa in Gestalt umfangreicher Korrespondenz mit seinen Intimfreunden Prinz Ludwig von Baden, Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, Johannes Müller, Axel Munthe, Houston Steward Chamberlain; aber auch mit seiner mütterlichen Freundin Cosima Wagner oder seiner Cousine Victoria, der späteren Königin von Schweden. So konnte dieses Leben jetzt endlich in ein sicheres Licht treten. Und was man da sieht, das ist der Rohstoff für eine ganz große tragische Geschichte; die Geschichte einer epochal gescheiterten Schlüsselfigur der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Das Faszinierendste an meiner Entdeckung ist für mich die Stärke von Max‘ Schwäche. Schwäche aber nicht als Ausdruck eines Charaktermangels, sondern als Ausdruck einer Haltung. Diese Erkenntnis verdeutlicht über die Ereignisse des Jahres 1918 hinaus, dass es sehr wohl auf die Menschen ankommt, die über politische Gestaltungsmacht verfügen. Und dass sich deren konkreter politischer Handlungsspielraum keineswegs allein aus objektiven politischen Gegebenheiten, aus Sachzwängen rekrutiert. Sondern eben auch aus deren subjektiver Weltsicht, aus Erfahrungen und sozialen Bindungen. Schließlich nicht zum wenigsten aus Befangenheiten, Besorgnissen, Hemmungen. Ich glaube nach diesem Buch mehr denn je, dass es lohnt, noch einmal neu über das Verhältnis von Biographie und Politikgeschichte nachzudenken, über Akteure als Katalysatoren historisch-politischen Wandels.

"Salem hält immer noch an einem verklärenden Bild des Stifters fest"

L.I.S.A.: Zum Erbe Max von Badens gehört die berühmte Privatschule Salem, die er mitbegründet hat. Warum war ihm das wichtig? Wie viel Max von Baden ist heute dort noch greifbar?


Prof. Machtan: Die Gründungsgeschichte des renommierten Landschulheims 1919/20 gehört nur ganz am Rande zur Biographie Max von Badens, da der eigentliche spiritus rector des ganzen Unternehmens Kurt Hahn war. Der hatte freilich dem Prinzen schon seit 1917 eng zur Seite gestanden. Hahn war es, der den badischen Thronprätendenten überhaupt erst auf das Feld der großen Politik gezogen und entsprechend aufgebaut hat: als Ideengeber und Redenschreiber, als spin doctor und coach und nicht zum wenigsten als „Spieglein an der Wand“. Nach seinem Fiasko als Reichskanzler hat sich der Prinz auf sein Refugium Schloss Salem zurückgezogen, um dort standesgemäß zu (über-)leben. Bei Schulgründung interessierte Max weniger der pädagogische Impetus des Projektes. Wichtiger war ihm zunächst, durch diese „Markgräfliche Schulstiftung“ einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Vermögens dem Zugriff des Fiskus zu entziehen. Mit dem allerdings für ihn ebenso schätzbaren Nebeneffekt, seinem Sohn Berthold eine gymnasiale Ausbildung und optimale Erziehung unter dem Dach seines Elternhauses angedeihen lassen zu können. Dass aus dem ursprünglich ausgesprochen antidemokratisch orientierten Bildungsauftrag der (staatlich anerkannten) Privatschule im Laufe der Jahrzehnte dann eine moderne reformpädagogische Bildungsanstalt wurde, in der ein nennenswerter Teil der politischen und kulturellen Eliten der Bundesrepublik sozialisiert wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Was Ihre letzte Frage anlangt, so weiß ich vom derzeitigen Vorsitzenden des „Vereins Schule Schloss Salem“, dass der Schulbegründer Max von Baden in der Erinnerungskultur der Ehemaligen immer noch einen herausragenden Platz einnimmt. Wie präsent der Stifter in der heutigen Lehrer- und Schülerschaft von Salem noch ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Schule ist ja inzwischen zu einer vollständig eigenständigen Bildungseinrichtung geworden. Ich hoffe, dass meine Studie auch dazu anregt, den Diskurs über die eigene Geschichte ein wenig zu beleben, weil es doch den Anschein hat, als ob in Salem immer noch an einem verklärenden Bild meines Protagonisten festgehalten wird – eines Bildes, das badische Hofhistoriker vor nunmehr fast 90 Jahren vom Prinzen Max gemalt haben. Speziell dazu habe ich übrigens gerade in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte einen längeren Aufsatz veröffentlicht.

Prof. Dr. Lothar Machtan hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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