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Georgios Chatzoudis | 16.07.2019 | 369 Aufrufe | Interviews

"Der unbedingte Wille zur Erneuerung"

Interview mit Jeannine Fiedler über 100 Jahre Bauhaus

Im laufenden Jahr ist das Bauhaus anlässlich seines 100. Geburtstags bereits mehrfach bejubelt worden. Feuilletonsjournalisten, Filmproduzenten und andere Medienschaffende überschlugen sich regelrecht mit Lobpreisungen, nicht selten aus einer sehr gegenwartsnahen Perspektive. So probierte sich beispielsweise der Film "Lotte in Weimar" darin, die Geschichte des Bauhauses in ein Gendernarrativ einzukleiden. Die Kunsthistorikerin, Kuratorin und Bauhaus-Expertin Dr. Jeannine Fiedler sieht das 100-jährige Jubiläum nicht nur deshalb kritisch, sondern plädiert insgesamt für eine sachliche Rückschau. Bereits 2016 erschien der von ihr mitherausgegebene Bauhaus-Band in einer überarbeiteten Fassung. Wir haben ihr nun unsere Fragen zu ihrer Sicht auf 100 Jahre Bauhaus gestellt.

"Der Wille zum Bruch mit alten Bautraditionen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Fiedler, Sie beschäftigen sich seit langer Zeit intensiv mit dem Bauhaus. Bevor wir zu dem anhaltenden 100jährigen Jubiläum kommen, würde ich gerne mit Ihnen klären wollen, welches Verständnis vom Bauhaus Sie haben? Sprechen wir von einem Architekturstil, einer Kunstrichtung, einer Lebensauffassung, einer ästhetischen Ausrichtung oder von einer konkreten historischen Phase der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Dr. Fiedler: Vorab: Als ich 1986 als junge Kunst- und Filmhistorikerin anfing, im Berliner Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung (BHA) zu arbeiten, wurden mir in meiner ersten Arbeitswoche zwei elementare Dinge mit auf meinen Berufsweg gegeben: Es gäbe keinen Bauhaus-Stil. Punkt. Und: Frauen müssten im kunsthistorischen Metier, um etwas zu erreichen, doppelt so hart arbeiten wie ihre männlichen Kollegen. Letzteres wurde apostrophiert von „Lady Bauhaus“, Magdalena Droste, die sich unbedingt an diese Aussage gehalten hat und am BHA gemeinsam mit Klaus Weber und anderen KollegInnen die Grundlagen für weitere Forschungen über Werkstätten und herausragende Meister-Persönlichkeiten sowie Studierende schuf und für mich persönlich eine ideale Mentorin durch ihr sprichwörtliches Fördern und Fordern wurde.

Das BHA stellte vor dem Fall der Mauer und danach die ‚Sturmspitze‘ der Bauhaus-Forschung dar. Dies war zum einen dem Umstand geschuldet, dass seine Sammlung bereits in den späten 1950er Jahren durch einen enthusiasmierten Kunsthistoriker und Journalisten Gestalt annahm. Einer Dekade, in der die Schule in der DDR noch des Formalismus geziehen und absolut verpönt war. Hans Maria Wingler als begeisterter Moderne-, Bauhaus- und Expressionismuskenner war es, der dann die Gründung eines musealen Archivs für die stetig wachsende Sammlung energisch vorantrieb, das – nachdem die Darmstädter Stadtväter das Projekt endgültig hatten fallen lassen – am Berliner Landwehrkanal nach Plänen von Walter Gropius errichtet wurde und gegenwärtig umgebaut und erheblich erweitert werden soll. Wobei hier hoffentlich wider den fatalen Ruf der Hauptstadt, architektonische Großprojekte endlos zu verschleppen oder gar nicht mehr zu realisieren, die Neueröffnung im Herbst 2022 stattfinden wird. – Zum anderen erfolgte die Revidierung der ideologischen Ablehnung durch die DDR nur zögerlich. Sie mündete Mitte der 1970er Jahre mit der Restaurierung der Schulgebäude des Dessauer Bauhauses und einer weiteren Museumsgründung in Weimar in eigene Forschungsansätze, einen internationalen Austausch, Sammlungserweiterungen usf. Wenn Sie so möchten, ergab sich die relativ spät greifende Auseinandersetzung mit dem Bauhaus also „unverschuldet“ durch die Wissenschaft. Gute KunsthistorikerInnen gab es immer auch in der DDR. Ironisch ausgedrückt: Schuldig sind wir als politische oder soziale Wesen natürlich alle.

Doch zurück zu den Aspekten Ihrer Frage, die einen ganzen Kosmos an für die Moderne und hier speziell für die 1920er Jahre relevanten Haltungen und Denkansätzen eröffnen. – Was genau ist ein „Architekturstil“? Die Baustilkunde liefert Fachleuten ein umfassendes Regelwerk aus historisch gewachsenen, technischen und ästhetischen Begriffen zur Analyse von Architekturen in unterschiedlichen Epochen. Stile mögen sich dort als historisch gesicherte Normen verfestigen, wo anhand von wiederkehrenden Merkmalen wie Verhältnisse von baulichen Volumina, Säulenordnungen, Fensterbändern, Fassadenzierrat, Dachkonstruktionen usw. eine zeitlich-stilistische Eingrenzung beispielsweise auf die Renaissance oder den Barock erfolgen kann. Ein Regelwerk, welches bei Gebäuden, die ohne jedes Ornament, das Fassaden schmückte und nach dem Baukastenmodell ineinander gesteckten Kuben und Quadern – so wie die Architektur am Bauhaus landläufig bis heute wahrgenommen wird – selbstverständlich kaum greifen kann. Offenbar hat die Moderne jene gerade beschriebene altehrwürdige Nomenklatur der Architekturgeschichte gesprengt und wurde für diese Zäsur nicht selten verachtet. Das „Neue Bauen“ war in den 1920er Jahren ein heiß umstrittenes Thema, deren unterschiedliche Fraktionen sich in den Medien der Zeit zum Teil wütende Debatten lieferten. Wie so oft, so liegt auch hier ein Erkenntnisgewinn in einer genaueren Betrachtung der Bauvorhaben: In Abgrenzung zu den nach dem Ersten Weltkrieg als kitschig-kolossal empfundenen Zumutungen der Gründerzeit ging es in den 1920er Jahren ergo weder um Ausschmückung oder obsolete wilhelminische Präsentationsgesten, noch um eine Zurschaustellung bürgerlichen Potenzgebarens – „Wir sind alle Kaiser“ –, sondern schlicht darum, sich den veränderten sozialen Strukturen einer neuen demokratischen Gesellschaft in der Weimarer Republik zu stellen. Die verlangte, so glaubte man damals, nach klaren Normen für ein sachliches Wohnen, das durch Gemeinden und Städte finanzierbar und für Arbeiter und Angestellte über ihren Mietzins erschwinglich war.

"Soziale Relevanz und Kompatibilität mit den Bedürfnissen seiner Zeit"

L.I.S.A.: Was hat sich seither verändert?

Dr. Fiedler: Im Grunde hat sich seither in hundert Jahren nicht viel geändert. Zwar würde heute kein Bausenator wagen, vom „Wohnen zum Existenzminimum“ zu sprechen, ein Begriff, den der zweite Bauhaus-Direktor und Architekt Hannes Meyer prägte. In unserer mehrheitlich „politisch korrekten“ Gesellschaft würde eine solche Umschreibung des sozialen Wohnungsbaus heute vermutlich für einen Aufschrei der Empörung sorgen. Noch immer gibt es das dringliche Gebot nach menschenwürdigen und bezahlbaren Wohnungen, die wohl durchlichtet und mit zeitgemäßen hygienischen Einrichtungen ausgestattet durch eine grüne Umgebung und Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz auch Freizeitwerte anbieten. Will sagen: Soziale Relevanz und Kompatibilität mit den Bedürfnissen seiner Zeit sind der Schlüssel zum „Neuen Bauen“ in Deutschland gewesen, dem gewiss auch die Architektur am Bauhaus zugerechnet werden muss. Schaut man sich jedoch die einzelnen baulichen Leistungen der Architekten-Direktoren, ihrer Assistenten, Jungmeister und Studierenden an, so dürfte es schwerfallen, einheitliche Stilmerkmale zu extrapolieren: das Musterhaus am Horn in Weimar wurde von Georg Muche im Wabenprinzip um einen zentralen Wohnraum mit Obergaden organisiert; des Bauhausgründers Walter Gropius’ in Blockbauweise aus Holz errichtetes Haus Sommerfeld – es ist zerstört – wäre auch in den Rocky Mountains nicht fehl am Platze gewesen; dazwischen gibt es unter anderen Versuche industriell genormter Stahlhäuser (durch Richard Paulick und Muche) oder einer der Fließbandfertigung angelehnten Bauweise für Gropius’ Siedlung Törten bei Dessau. Über die Laubengänge Meyers’ Dessauer Sozialbauten gelangt man in Ludwig Mies van der Rohes freie Grundrisse für elegante Villensiedlungen, die seine Studenten minutiös bearbeiten mussten.

Das Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität Weimar. 1904−1911 nach den Entwürfen von Henry van de Velde errichtetes Ateliergebäude der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst. Seit 1996 ist das Gebäude UNESCO-Welterbestätte.

"Eigentlich sollten Studierende beiderlei Geschlechts gleiche Voraussetzungen haben"

L.I.S.A.: Gab es denn beim Bauhaus so etwas wie einen einheitlichen Gedanken?

Dr. Fiedler: So wenig wie einen Architekturstil gab es einheitliche Konzeptionen, eine vergleichende Materialkunde, stilistische Prinzipien, die, wie oben erläutert, durch ihre einheitlichen Merkmale eine Epoche hätten begründen können. Worum es im 20. Jahrhundert aber auch nicht mehr vorrangig ging. Bis zu Gropius’ Verlassen des Bauhauses, 1928, existierte keine Architekturklasse oder konsistente Baulehre, obwohl der „Bau“ im Manifest des Bauhausgründungsjahres, 1919, als „Endziel aller bildnerischen Tätigkeit“ propagiert worden war. Eine einheitliche Lehre wurde überdies durch die Eitelkeiten und Haltungen dieser drei grundverschiedenen Bauhausdirektoren überlagert, die sich alle als Architekten von hohen Graden begriffen.

Was indessen sämtliche Bauvorhaben, die dem Bauhaus zugerechnet werden, einte, war der Wille zum Bruch mit alten Bautraditionen, das Experiment – ob mit neuartigen Baukörpern, „fließenden Räumen“, Fertigungsmethoden oder Materialien etc. – und Gropius-Villen her, Mies-Villen hin, der soziale Gedanke!

Ihr weiterer Punkt, ob das Bauhaus als „Kunstrichtung“ zu beziffern wäre, ließe sich in ähnlicher Weise beantworten wie jener nach dem Architekturstil, weshalb ich mich hier kürzer fassen kann. Das Bauhaus bot nach einem für alle Studienanfänger obligatorischen Grundkursus eine solide Ausbildung in einem Gewerk an – ob in der Tischlerei, Wandmalerei- und Metallwerkstatt, in der Weberei oder in anderen Werkstätten –, das der Studierende nach seinen Fähigkeiten, Neigungen, aber auch nach den echten oder vorgegebenen Möglichkeiten der Schule wählen konnte. Nach dem erfolgreich absolvierten Werkstattbesuch ermöglichte die Gesellenprüfung eine freie Arbeitsaufnahme oder die Ernennung zum Jungmeister und damit eine Lehrtätigkeit am Bauhaus. Eigentlich sollten hier Studierende beiderlei Geschlechts die gleichen Voraussetzungen haben, doch den Bauhäuslerinnen wurden mitnichten dieselben Türen geöffnet wie ihren männlichen Kommilitonen. Die meisten Damen mussten sich mit einem Platz in der Weberei oder in der Töpferei begnügen, selbst wenn sie zum Beispiel begabt genug für die Tischlerei gewesen wären – Fundament für eine weiterführende Ausbildung zur Architektin. Auch andere Werkstätten wie diejenige für Metall blieben in der Regel männliche Domänen. Weshalb eine Gestalterin und Künstlerin wie Marianne Brandt bis heute als große Ausnahme gerühmt wird. Die Gleichberechtigung am Bauhaus erfüllte nicht das, was die Statuten vorgaben; vieles blieb papierne Ansage, der realen Umsetzung entbehrend.

Rekonstruierte Fassade des Bauhauses Dessau

"Bei den Bauten kann keinesfalls von einem 'Bauhausstil' die Rede sein"

L.I.S.A.: Demnach würden Sie es ablehnen, das Bauhaus als "Kunstschule" zu bezeichnen?

Dr. Fiedler: Freilich konnte sich das Bauhaus auf dieser Grundlage kaum als „Kunstschule“ bezeichnen; dies hätte zudem Gedanken einer soliden handwerklichen Ausbildung komplett widersprochen. Die freien Künste wie die Malerei oder Bildhauerei bildeten entweder das Sahnehäubchen zur Werkstattlehre oder sie wurden in andere Ausbildungsgänge integriert. Die sogenannten „Malerfürsten“ am Bauhaus wie Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Lyonel Feininger waren nicht nur berühmte Künstler, deren Werke während ihrer Jahre am Bauhaus zur höchsten Reife fanden, sondern auch Musiker, Philosophen, Kunsttheoretiker. Sie eröffneten den Bauhäuslern neben dem Studium solider Grundlagen den geistigen Horizont ihrer Malerei, der Künste mithin. Und so verschieden ihre künstlerischen Handschriften uns erscheinen, so unterschiedlich waren auch die jugendlichen Anhänger, die sich zum Beispiel um Paul Klee wie um einen Guru scharten. Sicher versuchten sie, ihren Meistern nachzueifern, doch waren dies für die Studierenden freie Arbeiten, die zu keinerlei Beurteilung ihrer Vorkurs- oder Werkstattarbeit herangezogen wurden. Bei den Bauten, die direkt durch die Schule oder ihre Direktoren initiiert wurden wie auch in den Künsten, kann keinesfalls von einem „Bauhausstil“ die Rede sein – zu schillernd ihre Protagonisten, zu unterschiedlich ihre Philosophien. All das lässt sich indes wunderbar nachlesen in den Kapiteln des Bauhaus-Buches, die sich mit diesen Architekten- und Künstlerpersönlichkeiten auseinandersetzen.

Was das Bauhaus darüber hinaus für uns Nachgeborene so interessant macht, ist seine Gründung im Jahre 1919, die mit der Weimarer Republik synchron verlief – sowie die nahezu zeitgleiche Schließung der Schule auf Druck der Nationalsozialisten, die im späten Frühjahr 1933 fast in eins fällt mit dem Ende der Weimarer Republik und der Machtübernahme durch das Nazi-Regime. Wie von einem unsichtbaren Impresario choreografiert, werden am selben Ort und mit derselben Lebensdauer die zwei freiheitlichsten und demokratischsten Denkbewegungen – die eine als erster demokratischer Staat auf deutschem Boden, die andere in Gestalt einer schulischen Institution als kulturell-sozialer Mikrokosmos eben dieses Weimars – aus der Taufe gehoben. Da beide bis heute als Repräsentationsformen eines guten Deutschlands zwischen den Weltkriegen gelten – die wir Im Ersten mitverursacht und im Zweiten der Welt allein erklärt haben –, haben die Weimarer Republik und ihre kulturelle Imprimatur, das Bauhaus, hundert Jahre später nahezu mythische Proportionen angenommen. Die Schule beglaubigt ohne Zweifel durch den Stempel ihrer großen Hinterlassenschaften, dass das Experiment Bauhaus wie auch das demokratische Experiment Weimar hätten gelingen können. – Sich hier detailliert zu den politischen Implikationen jener 14 Jahre zu äußern, würde allerdings zu weit führen.

Meisterhäuser in Dessau (Ebert-Allee)

"Enge Zusammenarbeit mit der Industrie"

L.I.S.A.: Wenn Sie von "großen Hinterlassenschaften" sprechen, welche genau meinen Sie dann?

Dr. Fiedler: Zu diesen Hinterlassenschaften zählen in Abgrenzung von traditionellen akademischen Ausbildungsläufen der propädeutische Unterricht, auch Vorkursus genannt, als Einführung in die Werklehre einer der Bauhaus-Werkstätten, neue Materialien, die die 1920er Jahre durch zahlreiche Erfindungen in der Petrochemie und anderer Wissenschaftszweige zu bieten hatten, aber auch durch fortschrittliche Bauweisen, die mit Stahlskelettkonstruktionen und gläsernen Vorhangfassaden bereits vor dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurden. Nicht zuletzt als vermutlich größtes Novum aus der finanziellen Not der Schule in den ersten Jahren ihres Bestehens geboren, wurde unter dem Bauhaus-Motto „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ die enge Zusammenarbeit mit der Industrie gesucht. Was in einem gewissen Umfang auch glückte. Gleichwohl hatte das Bauhaus durch seinen Ruf nach Dessau und den dort agierenden liberalen Bürgermeister Hesse den phantastischen „Heimvorteil“, zunächst nicht nur durch die Stadt gefördert zu werden, sondern in Sachsen-Anhalt auch in einem Gebiet zu siedeln, das sich durch eine starke Industrialisierung und somit durch viele potentielle Partner aus verschiedenen Werkbranchen auszeichnete.

"An diesem Ort entstand die Moderne, wie wir sie bis heute leben"

L.I.S.A.: Dann ist das Bauhaus ein Kind der Weimarer Republik oder reichen die Wurzeln weiter zurück?

Dr. Fiedler: Grundsätzlich kann man sagen, dass sich das Bauhaus und seine „große Hüterin“, die Weimarer Republik, die Suche nach neuen Lebensmodellen, ein liberales Fortschrittsdenken und das Experiment im Zuge gigantischer technischer und industrieller Umwälzungen teilten – exemplarisch seien hier erwähnt: eine neue Mobilität durch Autos, Flugzeuge und ein rasant wachsendes Verkehrsnetz, neue Formen von Kommunikation und Medien wie transatlantische Kabelverbindungen, Film, Bildjournale etc., neue rationalisierte Formen der Arbeit am Fließband und Städte, die nicht nur in der Fläche wuchsen, sondern auch in die Höhe, um noch mehr Raum zu schaffen usf.

Dass das Bauhaus als Schule mit seinen Ideen und Lehrplänen keinesfalls aus dem Nichts auftauchte und mit seinen Wurzeln tief im 19. Jahrhundert der Lebensreformbewegungen verankert war, möchte ich hier nicht weiter ausführen. Die Entwicklungsgeschichte der Schule mitsamt ihren Ausläufern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein lässt sich detailliert in meinem Buch nachlesen. Mies van der Rohe prägte die Formel: „Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.“ Die „gute Form“, die sachliche und entschlackte Gestaltung der hier erdachten Objekte zum Wohnen und für den Haushalt haben maßgeblich zu unseren bis heute gültigen Vorstellungen einer ästhetisch klaren Wohn- und Lebenswelt beigetragen. „Die weiße Wand“, eine originäre Bauhaus-Erfindung, hilft uns bis heute, Phantasien zu entfesseln, um unser Heim zu gestalten. „Organische Gestaltung der Dinge aus ihrem eigenen gegenwartsgebundenen Gesetz heraus, ohne romantische Beschönigungen und Verspieltheiten“, so beschrieb Walter Gropius das gestalterische Credo am Bauhaus. Diese Haltung konnten weder die Nationalsozialisten mit ihren erdschweren Eichenmöbeln übertrumpfen, die eigentlich „Immobilien“ waren, da sie sich kaum bewegen ließen; auch der deutsche Cocktail-Chichi der 1950er Jahre konnte sich nicht durchsetzen. Zwar lässt sich deutschen Sofakissen der „Gemütsknick“ schwer austreiben, doch tragen die Hervorbringungen der Bauhaus-Werkstätten und anderer wie in Dresden-Hellerau bis heute dazu bei, ästhetische Grundprinzipien, ergonomisches Denken und gute Materialien in unsere Stuben zu transportieren – was natürlich immer auch eine Frage des Geldbeutels ist, wie Sie am Merchandizing-Appendix hinten im Buch ablesen können. Zumindest darf sich ein jeder inspirieren lassen.

Wenn Sie mich also fragen, wodurch sich für mich das Bauhaus am meisten auszeichnete, was es in seinem Wesenskern ausmachte, so würde ich immer zuerst seine Vitalität nennen, den unbedingten Willen zur Erneuerung unter den Studierenden – denn nicht weniger als der „neue Mensch“ sollte geschaffen werden, wahrlich ein hohes Programm! –, seine Lebendigkeit, die sich bis heute durch zahllose Fotografien der Bauhäusler untereinander, durch (Selbst-)Porträts und launige Schnappschüsse aus dem Schulalltag vermittelt. Wenn Sie das Bauhaus-Buch durchblättern, wird Ihnen allein bei der Betrachtung dieses Bildmaterials schlagartig klar, dass an diesem Ort die Moderne entstand, wie wir sie bis heute leben – mit allen oben bereits konzedierten Abstrichen. Diese jungen Menschen unterscheiden sich weder in ihrem unkonventionellen Habitus, noch in ihrer Offenheit oder in ihrer lebenszugewandten Haltung von Studenten unserer Gegenwart. Und diese Frische, die uns hier begegnet, ist es vermutlich auch, die für das anhaltend große Interesse am Phänomen Bauhaus sorgt – nicht nur im Jubiläumsjahr! Eigentlich möchten wir alle mitschwimmen auf dieser Welle des Enthusiasmus, denn wir alle wissen: Begeisterung ist ansteckend.

Signaturen der Bauhaus-Künstler

"Eine kleine feine Truppe hochbegabter Menschen"

L.I.S.A.: In Ihrem umfassenden Kompendium zum Bauhaus, verknüpfen Sie das „Projekt Bauhaus“ mit vielen Begrifflichkeiten aus dem politischen Kosmos: Demokratisierung, Zivilisierung, Avantgarde, Wille zur Erneuerung, Reform usw. War und ist die Bauhaus-Bewegung mit einer politischen Umgestaltung der Verhältnisse verbunden? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?

Dr. Fiedler: Keineswegs, gesetzt den Fall, Sie und ich, wir alle begreifen uns im aristotelischen Sinne als „zoon politikon“, als soziales und eben politisches Wesen. Und könnten wir dies leugnen? In allem, was wir tun oder unterlassen – wie wir unsere Arbeit erledigen, ob engagiert oder als Dienst nach Vorschrift, wie wir Familie, Freunden, Mitmenschen begegnen, wie wir unser Leben gestalten – sind wir soziale Wesen. Alle tragen wir nach unserem individuellem Vermögen und unseren Begabungen mehr oder weniger dazu bei, dass unser Gemeinwesen, welches wir mit allgemein verbindlichen Gesetzen, Normen, Handlungsanweisungen und moralisch-ethischen Kategorien ausgestattet haben, funktioniert und zwar ohne allzu große Reibungsverluste. Letztere werden uns allabendlich in der Tagesschau vorgeführt, um es augenzwinkernd zu sagen. Politik, Polizei – Lehnwörter der griechischen „polis“, des Stadtstaates, der nur existiert durch seine Bürger und in dem die Gewalt vom Staatsvolk – hier haben wir die Demokratie – ausgeht. Wir Deutsche haben uns den zweifelhaften Ruf erarbeitet, politische Hausierer zu sein und den „kratos“, die Herrschaft des „demos“, des Volkes, öfter mal an gewissenlose Halunken abzutreten – mit den bekannten katastrophalen Folgen.

Wenn Sie so wollen, ist das Bauhaus – um das Bild zu erweitern auf unser Thema – eine Art „schulische polis“, in der alle „Schulbürger“, ob Studierende oder Meister, für das große Ziel der (Weimarer) Gesellschaft arbeiten, um im Zuge der Optimierung von Umwelt und Lebensbedingungen qua Gestaltung den „neuen Menschen“ zu erschaffen – ein Mensch, der den Herausforderungen der Moderne in jeder Hinsicht gewachsen ist.

Impliziert Ihre Frage ein radikales Eingreifen in gesellschaftliche Verhältnisse? Das Bauhaus war natürlich keine revolutionäre Bewegung, sondern eine kleine feine Truppe hochbegabter Menschen, deren Ideen sich rasch verbreiteten, indem sie immer größere Kreise zogen – denken Sie an den Stein, den man ins Wasser wirft. Indem wir für eine Gemeinschaft oder die Gesellschaft tätig sind, sind wir politisch. Dieser Tatsache können wir gar nicht ausweichen. Diejenigen, die sich nicht für das Gemeinwesen interessierten, standen außerhalb der „polis“ und galten den Griechen als Privatpersonen, die sie „idiotes“ nannten. Sie können davon ausgehen, dass die Bauhäusler keine „idiotai“ waren.

Teekanne (von Marianne Brandt) 1924

"Das Bauhaus unterlag kapitalistischen Produktions- und Vertriebskoordinaten"

L.I.S.A.: Wenn man daran denkt, dass der Bauhaus-Gedanke mit Vorstellungen von Funktionalität, Sachlichkeit, Materialsparsamkeit, Produktdesign, Wiedererkennbarkeit, Marktgängigkeit und als Ort mit Produktionsstätten wie Werkbänken und Fabrikhallen assoziiert wird, könnte man dann auch sagen, dass der westliche Industriekapitalismus mit dem Bauhaus seine ästhetische Entsprechung gefunden hat? Anders gefragt: Ist das Bauhaus ein typisches Projekt der westlichen Moderne?

Dr. Fiedler: „Einspruch Euer Ehren!“ Natürlich hat es in der Tischlerei oder in der Metallwerkstatt am Bauhaus Werkbänke gegeben, es gab Webstühle in der Weberei, es existierte eine Färberei usf. – aber wie kommen Sie auf Fabrikhallen? In den Bauhaus-Werkstätten an allen drei Standorten der Schule – Weimar, Dessau, Berlin – wurde in den jeweiligen Werkstätten experimentiert, die Bauhäusler stellten vorrangig in Weimar extrem zeitaufwendige Einzelstücke her, doch vor allem in Dessau wurden dann Prototypen zur weiteren seriellen Produktion gefertigt, und mit überzeugenden Ideen, Konzepten und Angeboten konnten entsprechende Ko-Produzenten in der Industrie gefunden werden. Ich möchte hier exemplarisch die Kandem-Leuchten-Fabrikation oder die Firma Standard-Möbel erwähnen. Wobei es gerade bei den Möbeln respektive bei den Freischwingern, die etwas umständlich unter ihrem Fachterminus als „hinterbeinlose Kragstühle“ fungieren, zu langwierigen Urheberrechtsstreitigkeiten kam. Zu diesem Phänomen gibt es wieder einen anschaulichen Text im Bauhaus-Buch. Marcel Breuer wie auch Mart Stam reklamierten nämlich das Urheberrecht für sich. Und ohne Frage entwickelte Mart Stam das ergonomisch deutlich tauglichere Modell. – Mit allen anderen von Ihnen erwähnten Aspekten ließe sich beispielsweise jegliche Autoproduktion verbinden. Gerade beim Design von Karosserien, Scheinwerfern und Armaturenbrettern schlagen – in aller Regel – Männerherzen höher und nicht selten mit der Begründung, dass etwa die ästhetische Anmutung eines Alfa Romeo unüberbietbar sei und in Turin das weltgerühmte italienische Design zu höchsten Umdrehungszahlen ankurbelte. „Ästhetische Entsprechungen“ sind also Legion. Ich würde also eher vermuten, dass Ihre Aspekte in Verbindung mit „westlichem Industriekapitalismus“ auf fordianische Produktions- und Vermarktungsstrategien zutreffen – Fließbandarbeit, die von Henry Ford zur kostengünstigen und massenhaften Produktion seines erfolgreichen „T-Ford“ noch vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt wurde. Sein T-Ford-Modell für das amerikanische Volk, die „Tin Lizzie“, war das meistverkaufte Auto der Welt, bis es natürlich - übergespitzt gesprochen - vom Wagen fürs Volk aus Wolfsburg abgelöst wurde.

Ich bin weder Ökonomin noch Wirtschaftswissenschaftlerin. Es wäre reine Hybris, wenn ich mich auf dieses Terrain wagte. Nur so viel: Offenbar muss man jede Form von Materialherstellung, Produktionswegen, Distribution oder Bewerbung im großen Kapital- und Warenfluss auch den politischen oder, wenn Sie so wollen, den ideologischen Systemen, durch die er sich bewegt, subordinieren, will man letztere bestimmen oder analysieren. Das Bauhaus unterlag im Westen, wie Sie ganz richtig formuliert haben, kapitalistischen Produktions- und Vertriebskoordinaten – die WChUTEMAS hingegen, sein sowjetisches Pendant in der russischen Avantgarde als Lehrstätte für Gestalter und Künstler der jungen UdSSR der kommunistischen Planwirtschaft. Beide Ausbildungsstätten waren so kapitalistisch oder kommunistisch wie der „Nährboden“ ihrer Systeme, auf dem sie entstanden sind. Doch sagen die unterschiedlichen Weltanschauungen noch nichts über die Qualität der rein handwerklichen Lehre an diesen Schulen und die Güte ihrer Hervorbringungen aus. Das Wie gleicht sich, variiert je nach handwerklichen Traditionen und experimentellem Eifer. Ein Stuhl wird sich zwischen Dessau und Moskau – um bei diesen Schulen zu bleiben – nicht allzu sehr unterscheiden. Er besitzt als tragende Bauteile Beine oder abweichende Formen wie Stahlkonstruktionen – wir sprachen gerade darüber. Darauf befindet sich eine Sitzfläche, an die eine Rückenlehne und vielleicht Armlehnen konstruktiv angefügt werden. Wo wird er jedoch verwendet, für wen ist er verfügbar oder bezahlbar? Hier beginnen nun weltanschauliche Überlegungen zu greifen.

Ist das Bauhaus typisch für die westliche Moderne? Vielleicht so typisch wie der Alfa für den Westen und der Wolga für den Osten.

Dan Garage in Tel Aviv – 1935

"Glas und Stahl in der Architektur sind keine Erfindungen des Bauhauses"

L.I.S.A.: In den Würdigungen anlässlich des 100jährigen Jubiläums wird immer wieder von der Lebendigkeit, der Prozesshaftigkeit, der Wandelbarkeit und anhaltenden Avantgardekraft des Bauhauses gesprochen und geschrieben. Wenn wir auf das Feld Architektur blicken, fällt auf, dass typische Bauhaus-Materialien wie Glas und Stahl heute zum Standardrepertoire neuer Gebäudeentwürfe und -bauten gehören. Kein Hochhaus ohne Glas und Stahl, keine Stadt, in der diese Hochhäuser nicht in den vergangenen dreißig Jahren entstanden sind. Ist das noch Avantgarde? Oder haben wir es hier eher mit der Kehrseite des Bauhaus-Erbes zu tun?

Dr. Fiedler: Ich bin auf Aspekte dieser Frage, glaube ich, schon zu Beginn unseres Gespräches eingegangen. Glas und Stahl in der Architektur sind keine Erfindungen, die dem Bauhaus zugeschrieben werden könnten – wobei Stahl, wo er eingesetzt wurde, bei den meisten vorhin aufgeführten Architekturen durch das Bauhaus ohnehin unsichtbar bleibt – Ausnahmen bilden hier die Fensterrahmungen. Dass ein „Stahlhaus“ benanntes Haus aus diesem Werkstoff bestehen muss, ist evident. So wie übrigens auch der Beton keine Erfindung der Neuzeit ist, sondern schon in Rom bei der Errichtung des Pantheons in der Kuppel Anwendung fand. Aber ich schweife erneut ab.

Die ersten Turmhäuser in Stahlkonstruktion entstanden auf amerikanischem Boden, gleichfalls wurden in der „Chicagoer Schule“ Fensterbänder für Warenhäuser und Bürobauten entwickelt. Es gibt viele Missverständnisse, die bedauerlicherweise immer weiter gereicht werden, da sie einfach sinnfällig daherkommen. So ist das Credo „Form follows function“ eben auch keines, das Mies van der Rohe geprägt hätte – obwohl es in drei Worten so optimal griffig seine eigene Architektur zu beschreiben scheint –, sondern es stammt vom Chicagoer Architekten Louis Sullivan, der im 19. Jahrhundert wirkte und unter anderen prägend war für die moderne Architektur des vergangenen Jahrhunderts.

Natürlich ist das, was die Städteplaner in ihren unklimatisierten Büros aushecken, schlechterdings unter Avantgarde zu subsumieren. Was hier gemeinsam mit den Bauherren entwickelt wird, sind in den meisten Fällen Investorenarchitekturen. Und die haben kaum zu tun mit den Bedürfnissen ihrer künftigen Nutzer, selten etwas mit einer ästhetischen Einbindung in die vorhandenen Quartiere und noch weniger mit Phantasie – dafür umso mehr mit minimalem Anspruchsdenken und dem Abakus. Die Stahlbeton-Skelettbauweise birgt, wie ihr Name schon sagt, eine Betonkonstruktion – denn irgendwo müssen die Baumaterialien Stahl und Glas, die an den Fassaden leuchten, angehängt werden –, und ist zudem mit vorgefertigten Modulen deutlich preiswerter als ein komplett gemauertes Gebäude. Letzteres überdauert allerdings oft Jahrhunderte. Es werden heute, im Jahr 2019, ganze Investorenblöcke aus Stahl, Glas und Beton in der Berliner Innenstadt abgebrochen. Sie existierten fünfzig oder sechzig Jahre und wurden von den Berlinern in ihrer unscheinbaren Hässlichkeit einfach ausgeblendet. Nur gibt es in der Demokratie auch in dieser Problematik, die uns selbstverständlich über Jahrzehnte beschäftigen kann, wenn in der Architektur etwas misslingt, kein Entrinnen. Die von uns gewählten Volksvertreter entscheiden – oft zu unserem Verdruss. Die Abrissbirne blüht, da bin ich mir ziemlich sicher – um nur eines von vielen Beispielen zu nennen, das zudem von Berlin-Reisenden als erstes wahrgenommen wird –, dem gesichtslosen neuen Quartier nördlich vom Berliner Hauptbahnhof. Dieses Quartier ist überdies dem unerträglichen Anblick einer riesigen Pferdeskulptur ausgeliefert, die Hartmut Mehdorn glaubte, vor den Bahnhof pflanzen zu müssen, aber ich möchte hier nicht polemisieren. Wo waren wir stehengeblieben? –

Das Bauhaus ist für vieles gut, eben auch für sämtliche Sünden und Fehlplanungen in der Nachkriegsarchitektur verantwortlich gemacht zu werden. Aber nein, entschieden nein, hier werden Dinge miteinander vermengt und auf das Bauhaus projiziert bzw. historisch nicht korrekt in eine unstimmige Chronologie überführt. So wie es häufig geschieht mit guten Ideen, die in neuen Kontexten verzerrt oder schlecht umgesetzt werden, um schließlich mit dem ursprünglichen Etikett behaftet zu sein, das ihnen keinesfalls mehr zusteht. Schuld bleibt dennoch ihr Erfinder.

Britischer Pavillon 1934 – Levant-Messe (Tel Aviv)

"Das Bauhaus saß in keinem Elfenbeinturm"

L.I.S.A.: Woher rührt denn dann die gegenwärtige Unzufriedenheit mit unseren Städten und Architekturen? Hat das Bauhaus damit nichts zu tun?

Dr. Fiedler: Unendlich viele Faktoren haben dazu beigetragen, dass wir heute mit unseren Städten und ihren Architekturen so unzufrieden sind: Die soziale Wohnungsfrage war in den 1920er Jahren ein drängendes Thema, ich erwähnte es. Der Wohnungsmangel wurde von vielen Städteplanern jener Zeit bereits zusammengedacht mit den künftigen Erfordernissen einer rasant sich entwickelnden Gesellschaft und Wirtschaft, die der Mobilitätsfrage höchste Priorität einräumten. Wie befördert man Abermillionen von Arbeitnehmern von A nach B, wie kann die Warenproduktion schnellstmöglich von der Fabrikation zum Verbraucher transportiert werden etc. Gigantische Schneisen für Autos und LKWs, Gleisbetten, große Flughäfen wurden in den einschlägigen Entwürfen mitten in Wohn- und Arbeitsstädte gelegt. Ludwig Hilberseimer unterrichtete zwar moderne Stadtplanung am Bauhaus, ohne dass jene Pläne je durch das Bauhaus umgesetzt worden wären; einflussreicher wurde er in seiner amerikanischen Zeit. Oder schauen Sie sich Le Corbusiers „Plan Voisin“ von Paris an. Der exklusive Blick auf das Bauhaus verengt in unzulässiger Weise das Spektrum vieler Visionen für die Zukunft unserer Städte. – Aber man darf das keinesfalls falsch einschätzen. Allein der Begriff „Mobilität“ war vor hundert Jahren bis weit in die 1960er Jahre hinein absolut positiv besetzt. Erst in unserer Gegenwart, in der Milliarden Flüge stattfinden, weil viele Vertreter des gar nicht so klugen Homo sapiens meinen, jährlich fünf-, sechsmal oder öfter auch nur für wenige Urlaubstage einen Langstreckenflug antreten zu müssen, ist die Mobilität mit dem Ruch behaftet, unter anderen zerstörenden Faktoren das Ende unseres Planeten zu beschleunigen.

Das alles an dieser Stelle detailliert zu erläutern, würde den Rahmen unseres Interviews sprengen. Die Thematik ist nicht nur im Bauhaus-Buch angerissen, sie füllt ganze Bibliotheken. CIAM, Akronym für „Congrès Internationaux d’Architecture Modern“, ist das Stichwort, das hier fallen muss. In einem Zeitraum von dreißig Jahren traf sich auf diesen Kongressen ab 1928 die europäische Avantgarde der Architekten und Städteplaner, um Utopien oder konkrete Pläne zu entwickeln. Dieser freie Austausch unter den Fachleuten mündete 1933 in die „Charta von Athen“, die im Wesentlichen festlegte, wie unsere Städte künftig aussehen sollten – aus der 1933 für das Optimum gehaltenen Sicht. Allerdings hat in diesem Jahr kaum einer der Beteiligten damit gerechnet, dass sich die in der Charta verhandelte Punkte so schnell durch fatale Umstände realisieren ließen. Der Zweite Weltkrieg hat nur sechs Jahre später begonnen, jenen Zustand einer Tabula rasa zu erschaffen – offene Räume, die neu bespielt werden müssen – von dem vermutlich viele Planer träumen. Leider mussten dafür über 55 Millionen Menschen sterben.

Das Bauhaus saß in keinem Elfenbeinturm. Selbstverständlich wurde auch hier über Gott und die Welt diskutiert und heftig um die Zukunft der Städte gerungen, was ablesbar ist an den Inhalten der „bauhaus“-Zeitschrift und an der Reihe der „Bauhaus-Bücher“, die von der Schule publiziert wurden. Den Mitgliedern und Rednern auf den CIAM-Kongressen, die sich vorwiegend aus Frankreich, der Schweiz oder Holland rekrutierten, gesellten sich Gropius, Hilberseimer, Moholy-Nagy und wenige andere hinzu. Das Bauhaus hatten sie da bereits verlassen, oder die Schule existierte ab 1933 schon gar nicht mehr. Die zentrale Figur des CIAM-„think tanks“ war damals zweifellos Le Corbusier. Diese historischen Fakten lassen es einigermaßen absurd erscheinen – betrachtet man die Geschichte der Stadtplanung im 20. Jahrhundert –, einzig dem Bauhaus das Label von menschenunwürdigen Flachdachbaracken, die dann auch mal 15. Stockwerke haben durften, anzuheften. Wie schon gesagt, weder war das Bauhaus alleiniger Erfinder von Stahl- und Glasarchitekturen, noch von Satellitenstädten, die wunderschön rekonstruierte alte Stadtzentren umkreisen. Die Wohnungsnot war, neben allen anderen Nöten und Begehrlichkeiten, nach dem Zweiten Weltkrieg unvorstellbar groß; die meisten deutschen Städte lagen in Schutt und Asche, weshalb billig und hoch gebaut wurde. Nur – warum wurden dann in den USA zuvor und bis in die heutige Zeit Turmhäuser und Wohnsilos gebaut? Zu den für uns heute so befremdlichen Lösungen wären Architekten mit diesen minimalen Vorgaben vermutlich auch gekommen, hätte das Bauhaus als Schule gar nicht existiert.

Hier spielen noch viele andere Aspekte mit hinein: Wie entsteht ein Mythos? In wieweit entwickelte sich das weltweite Palaver ums Bauhaus maßgeblich auch unter der Rolle von Gropius als selbsternannter „Paladin“ seiner Schule, seiner „Erfindung“ Bauhaus? Ungemein werbewirksam, wortgewaltig und gewiss mit einer gehörigen Portion Charisma ausgestattet, trug er dazu bei, die Erinnerung an sein Bauhaus wachzuhalten, es als Phänomen unter den Kunst- und Werkschulen als welteinmalig zu installieren. Das wirkt bis heute nach.

"Ein phantastischer Vielklang von 'Stimmen', die heute noch in uns nachklingen"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie in einem Jubeljahr wie diesem noch Nischen für eine Erneuerung oder Fortschreibung der Bauhaus-Idee? Oder ist das Projekt längst bis zur Unkenntlichkeit ausgereizt?

Dr. Fiedler: Der Geist, der am Bauhaus herrschte, lässt sich nicht fortschreiben. László Moholy-Nagy hat es an seinem Chicagoer New Bauhaus, das bis heute als Institute of Design besteht, mit beachtlichem Erfolg versucht. Alles was ich nun sage, mag für Sie, lieber Herr Chatzoudis, pathetisch klingen, aber das Risiko nehme ich gern auf mich. Es gibt einfach Sternstunden der Menschheit – sei es in Kunstepochen, die grandiose Zeugnisse ihrer Leistungsfähigkeit für uns hinterlassen haben, sei es durch Künstler-Individuen, die uns bis heute beflügeln und in unserem Denken beeinflussen, obwohl sie seit einem halben Jahrtausend tot sind. Feiern wir nicht 2019 auch das Leonardo da Vinci-Jahr? – Der große Pan lässt seine Würfel rollen, und es ergeben sich funkelnde, durch Eingebungen und Erfindungsreichtum gesegnete Konstellationen wie – am Bauhaus! Diese einmalige Zusammenkunft von genialen Künstlern und Architekten – ich habe viele Namen genannt –, von begnadeten Pädagogen wie Johannes Itten, Moholy-Nagy und Josef Albers, von einer Heerschar talentierter junger Menschen. Für einige Jahre herrschte an der Schule ein phantastischer Vielklang von „Stimmen“, die offensichtlich heute noch in uns nachklingen. Anders wäre der Erfolg des Bauhaus-Jubiläumsjahres kaum zu erklären. Die Aufbruchstimmung nach den Greueln des Ersten Weltkriegs, der unbedingte Wille zur Erneuerung, zur Schaffung neuer Lebensformen in einer neugestalteten Umwelt – alles dies ist natürlich aus der damaligen historischen Situation erwachsen und es ließe sich schwerlich reproduzieren. Lassen wir uns weiterhin vom Chor der vielen Stimmen aus dem Bauhaus inspirieren, und eventuell erleben wir bald eine neue Sternstunde. Wer weiß?

Dr. Jeannine Fiedler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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