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Georgios Chatzoudis | 27.06.2017 | 1167 Aufrufe | Interviews

"Die Welt in kritischer Absicht erfassen"

Interview mit Jörg Später über Siegfried Kracauers Leben, Denken und Wirken

Siegfried Kracauers Leben war ein Leben voller Zweifel, Fragen, Brüche und schicksalhaften Wendungen. Seine soziale und geistige Umgebung prägten vor allem drei Weggefährten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnliche Lebenswirklichkeiten erfuhren: Ernst Bloch, Walter Benjamin und Theodor Adorno. Gemeinsam bildeten sie das Philosophische Quartett der 1920er und 1930er Jahre - eine Gruppe von freidenkenden Außenseitern jüdischer Herkunft, die sich zunehmend einem feindseligen Umfeld gegenübersahen. Der nationalsozialistische Terror sprengte diese Gruppe, die Schicksale der vier Intellektuellen nahmen unterschiedliche Verläufe und Ausgänge an. Der Historiker Dr. Jörg Später von der Universität Freiburg hat sich einen der vier Denker ausgesucht und über das Leben, Denken und Wirken Siegfried Kracauers ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Wir haben ihm zu seiner Kracauer-Biographie unsere Fragen gestellt.

"Die großen kanonischen Texte der Kulturwissenschaft haben ein lebensweltliches Unterholz"

L.I.S.A.: Herr Dr. Später, Sie haben eine neue umfassende Biographie über Siegfried Kracauer vorgelegt. Bevor wir auf Ihr Buch und Ihren Protagonisten konkreter eingehen, was hat Sie zu diesem Projekt, das Leben Siegfried Kracauers zu erforschen, bewogen? Welche Frage stand am Anfang Ihres Vorhabens?

Dr. Später: Am Anfang des Forschungsprojekts stand ein Universitätsseminar über Kracauer, währenddessen ich den gerade herausgekommenen Briefwechsel zwischen Adorno und Kracauer las. Das war eine ungeheure Entdeckung eines doch im Grunde selbstverständlichen Sachverhalts: dass nämlich auch die großen kanonischen Texte der Kulturwissenschaft ein lebensweltliches Unterholz haben. Aber daran denkt man meistens nicht. In diesem Briefaustausch wurde mir klar, wie prekär die Lebensbedingungen dieser beiden späteren Granden der Suhrkamp-Kultur vor 1945 und zum Teil darüber hinaus waren, mit welcher hypochondrischen Empfindlichkeit diese Intellektuellen zu kämpfen hatten und welch wache Empfindsamkeit daraus hervorging. Wenn sie von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ sprachen und schrieben, geschah dies vor dem Hintergrund einer sozialen Obdachlosigkeit. Diese jungen Männer waren „freischwebende Intellektuelle“ im wortwörtlichen Sinn – nahezu ohne soziale Sicherheit arbeitend, nahezu ohne Geländer denkend, keiner Gemeinschaft angehörend. Zunächst wollte ich eine Gruppenbiographie über Kracauer und Adorno plus Benjamin und Bloch schreiben. Daraus wurde dann die Kracauer-Biographie. Denn eine solche gab es bisher nicht, und viele warteten darauf.

"Das Bild drückt das Unbehagen am Leben aus"

L.I.S.A.: Den sowohl bildlichen als auch textlichen Auftakt in Ihrem Buch bildet eine Fotografie, umschlossen von zerbrochenem Glas – der junge Siegfried Kracauer, sitzend auf einem Tisch, der Blick an der Kamera vorbei. Sie deuten dieses Bild als Sinnbild für Kracauers Dasein insgesamt. Inwiefern? Was spiegelt sich für Sie in diesem einen Bild alles wider?

Dr. Später: Das Foto im zersprungenen Rahmen ist schon ein Sinnbild, aber doch in erster Linie für die Lebensphase Kracauers in den 1920 er Jahren und da vor allem für die erste Hälfte. Das Bild drückt das Unbehagen am Leben aus, das Kracauer noch als Dreißigjähriger beherrschte. Die Scherben stehen für das Brüchige des Daseins, das Kracauer wenig später mit der Flucht erleben muss. Das Bild hat insgesamt etwas Bedrohliches. Dass wir den Helden in trauriger Gestalt mitsamt Scherben betrachten, ist freilich purer Zufall. Der Bilderrahmen ist beim Transport kaputtgegangen, und jemand hat das Foto samt dem zersprungenen Glas fotografiert. Eine Konstruktion also, und Zufall. Aber genauso ist ja die Wirklichkeit.

"An eine Lebensgeschichte muss man programmatische Fragen stellen"

L.I.S.A.: Sie nähern sich in Ihrem Buch der Person Kracauers vor allem über zwei Stränge: seinem Wirken als philosophischen Schriftsteller und seiner Beziehung zum sogenannten Philosophischen Quartett, bestehend aus Theodor Wiesengrund/Adorno, Walter Benjamin, Ernst Bloch und eben Siegfried Kracauer. Wie viel Wirklichkeit eines Lebens fängt man ein, wenn man sich bei einer Biographie auf zwei wesentliche Aspekte eines Menschen konzentriert? Ist das letztlich der Tribut an das verfügbare Quellenmaterial?

Dr. Später: Wenn man sich auf zwei Aspekte konzentriert, dann fängt man zwei Aspekte ein… ;) Im Ernst, es geht in einer Biographie nicht darum, ein Leben vollständig abzubilden. Was für ein Monsterbuch würde da entstehen! An eine Lebensgeschichte muss man programmatische Fragen stellen, wenn man mehr sehen will, als nur den Lebenslauf einer Privatperson. Drei Aspekte schienen mir im Falle Kracauers von größter Bedeutung. Erstens natürlich die Werkorientierung, denn er war ein philosophischer Schriftsteller, und ohne das Werk ist sein Leben gar nicht zu denken. Zweitens das kontextorientierte Erzählen dieser Biographie – denn Kracauer war ein Zeitzeuge par excellence. So wie Kracauer nur im Spiegel seiner Zeit zu verstehen ist, so kann man auch sagen: die Zeit und die Orte, an denen er sich bewegte, spiegeln sich in dieser Person. Als Historiker war ich nicht in der Versuchung, mich in einem hermeneutischen Zirkel zu bewegen, sondern mir ging es eher darum, zu kontextualisieren. So habe ich versucht, eine Art Parallelaktion zwischen Kracauers Lebenslauf und „der“ Geschichte, also zwischen etwas sehr Besonderem und etwas Allgemeinem, zu konstruieren, in dem zwischen den Parallelen ein Spannungsfeld entsteht. Deshalb heißt es im Untertitel: „eine soziale Biographie“. Zudem ist, drittens, damit die lebensweltliche Orientierung gemeint, von der ich am Anfang sprach: die materielle Reproduktion,  die sozialen Beziehungen: Familie, Freunde, Gegner etc., die politische Haltung, die Profession des Schreibens.

"Das soziale Ghetto bestand in den Köpfen weiter"

L.I.S.A.: Zygmunt Bauman hat in seinem Buch „Ambivalenz und Moderne“ das Dilemma der Assimilation für die Juden in Deutschland bis zum Nationalsozialismus so beschrieben: Je mehr sie sich assimilierten, umso verdächtiger erschienen sie, umso misstrauischer wurden sie beäugt. Sie zeigen, dass alle Mitglieder des Philosophischen Quartetts über jüdische Wurzeln verfügten. Wie prägend waren diese für das Denken und Wirken tatsächlich? Haben wir es mit intellektuellen Außenseitern zu tun, die vor allem vom Gefühl der Heimatlosigkeit und des Fremdseins bestimmt waren?

Dr. Später: Den Antisemiten in Deutschland ging es darum, die Emanzipation rückgängig zu machen. Das ist ihnen 1933 gelungen. Sie haben dann sukzessive die Juden wieder sichtbar gemacht und wollten somit auch wieder in die Zeit vor der Assimilation zurück. Diese Assimilation war jedoch vor 1933 keineswegs vollständig gelungen. Wie assimiliert die jüdischen Deutschen auch immer waren – das soziale Ghetto bestand in den Köpfen weiter, auch wenn die Judengasse in Frankfurt längst abgerissen war. Man kann das an den Freundeskreisen sehen – die Juden blieben meist unter sich. Bei Kracauer war das so, und selbst bei einem dezidiert unjüdischen Juden wie Leo Löwenthals Vater war das nicht anders. Für Kracauer und seine Freunde galt jedenfalls: Das Judentum war für sie in erster Linie weniger eine Religion, auch keine Kultur, sondern eine Erfahrung. Eine Formulierung wie „wir Deutsche“ habe ich bei Kracauer ab Mitte der 1920er Jahr allerdings auch nicht gefunden. Nach der Vertreibung 1933 gliederte sich Kracauer dann ins jüdische Kollektiv ein, als er fragte: Wie konnte uns das passieren? Man komme aus diesem Judentum nicht heraus, schrieb er einmal. Aber auch nicht wirklich hinein, könnte man hinzufügen, wenn man eben nicht religiös oder zionistisch war. Zur Identitätsfindung und Eigentlichkeit hat das aber ebenfalls wieder nicht gereicht. Die Exterritorialität und die Fremdheit, die Kracauer in seinem letzten Buch als Tugend des Historikers ausweist, ging die Not seines eigenen Lebens voraus. Wenn es so etwas wie Heimat gab, dann musste es schon die ganze Welt sein. Dieses Gefühl hatte er am ehesten in New York und als amerikanischer Citizen.

"Beide Freunde litten immer wieder unter gegenseitigen Aggressionen"

L.I.S.A.: Der zentrale intellektuelle Fixpunkt, um den sich Kracauers Leben zu drehen scheint, ist in Ihrer Darstellung der 14 Jahre jüngere Wiesengrund/Adorno. Aus einer beinahe homoerotischen Beziehung zu Beginn entwickelt sich nach langer Freundschaft ein Verhältnis, das aus vordergründigem Respekt und intellektueller Konkurrenz besteht. Inwiefern litt Kracauer an Adorno, möglicherweise auch an der größeren Anerkennung, die Adorno erfahren sollte?

Dr. Später: „Teddie“ Adorno war bei Weitem nicht der einzige relevante Freund, aber die Freundschaft mit ihm doch (zusammen mit derjenigen zu Löwenthal) die mit dem größten Zeitraum und vermutlich mit der höchsten Emotionalität. Kracauer litt keineswegs an Adornos großem Erfolg in der Bundesrepublik. Ganz im Gegenteil. Er freute sich sehr darüber und empfand große Genugtuung, dass nun endlich „die Ernte“ eingefahren werde nach all dem Unrecht. Aber der 30-jährige Kracauer litt unter Liebeskummer und der 60-jährige unter den Bevormundungsversuchen des Jüngeren, der ihn intellektuell tatsächlich überholt hatte. Kracauer sah Adorno durchaus kritisch: als narzisstisches Genie, das denkerisch das Leben (und auch die Mitmenschen) kontrollieren will, statt es in sich aufzunehmen. Beide Freunde fügten sich Verletzungen zu und litten immer wieder unter gegenseitigen Aggressionen. Beide jedoch empfanden die Freundschaft, die alle Krisen überstand, als einen wertvollen Schatz.

"Ein realistischer Konstruktivimus oder ein konstruktivistischer Realismus"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch wird deutlich, dass Kracauers Kernfrage, die sein Denken und sein Werk – von „Die Angestellten“ über „Die Theorie des Films“ bis hin zur unvollendeten „Geschichte – Vor den letzten Dingen“ – geleitet hat, die Frage nach Wirklichkeit und Erfahrung war, und das vor der Einsicht, dass „der Riss zwischen Ich und Welt nicht gekittet werden kann“. Wie passt das bei Kracauer zusammen – der Glaube an die Erfahrbarkeit und Darstellbarkeit von Wirklichkeit einerseits und andererseits die Erkenntnis, dass in der modernen Welt der individuelle menschliche Geist von der Welt der Dinge getrennt ist? Was meint in diesem Zusammenhang sein leitmotivischer Begriff von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“?

Dr. Später: Die libidinöse Wirklichkeitsorientierung Kracauers und der Befund der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ – also dass man keine letztbegründbaren Aussagen über diese Wirklichkeit treffen kann, über ihren Sinn, über Wahrheit und die ersten und letzten Dinge – ist kein Widerspruch. Vielmehr geht das eine, der realistische Elan, aus dem anderen, dem Ende der Metaphysik, hervor. Die „Wirklichkeit“ und die „Erfahrung“ sind ein Umweg zur Wahrheit, mit der man in Verbindung bleiben muss, ohne sie je erreichen zu können. Die Wahrheit ist ein Noch-nicht, ein messianischer Zustand der Erlösung. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion, die sich aus der Beobachtung der Menschen und der Dinge ergibt – es ist ein realistischer Konstruktivimus oder ein konstruktivistischer Realismus, den Kracauer vorschlägt. Die Erfahrung ist eine Kombination aus theoretischer Einsicht, Sinnlichkeit und Kontakt zu den Dingen und Menschen; sie ist das Gegenteil von „Entfremdung“. Das alles läuft auf die „Vorraum-Philosophie“ hinaus – also auf die Entdeckung und Erschließung jener Zwischenräume zwischen Metaphysik und Positivismus, die bisher unterschätzt wurden. Dazu gehörten nach Kracauers Ansicht die Fotografie, der Film und die Historiographie, aber auch die ästhetischen Bilder der Massenkultur (Massenornamente) sowie die Raum- und Denkbilder – theoriegeleitete, literarische und sozialphilosophische Versuche, die profane, vergesellschaftete Welt in kritischer Absicht zu erfassen und zu erhellen.

"Wir leben immer noch in Kracauers Moderne"

L.I.S.A.: Wenn man Ihr Buch liest, beschleicht einen das Gefühl, an eine längst vergangene Epoche geistigen Leben erinnert worden zu sein. Haben Sie das so auch bei Ihrer Arbeit empfunden? Ist ein Leben wie das Kracauers heute noch denkbar?

Dr. Später: Kracauer ist seit 50 Jahren tot, aber ich hatte während des gesamten Zeitraums meiner Arbeit ein Resonanzverhältnis zu meinem Protagonisten, das heißt, er hatte mir immer etwas zu sagen, war sozusagen ein Lehrer. Wir leben übrigens immer noch in Kracauers Moderne – sowohl in einer vom Kapitalismus strukturierten Gesellschaft  als auch in einer Lebenswelt, die von Baudelaires Erfahrungsmomenten der Flüchtigkeit, der Zufälligkeit und der Vergänglichkeit bestimmt ist. Gleichwohl haben sich entscheidende Dinge verändert: mit der transzendentalen Obdachlosigkeit haben wir zu leben gelernt (wobei die religiöse Sinnsuche und der Wunsch nach einfachen Antworten noch immer zu brennen scheinen); in den Wissenschaften und auch in der Kulturkritik haben sich die Theorien mittlerer Reichweite gegenüber den großen Erzählungen durchgesetzt (wobei als Verlust zu verzeichnen ist, dass den heutigen Akademikern oft die philosophische Grundierung und die gesellschaftliche Orientierung fehlt; sie interessieren sich für Ansätze, nicht für Probleme). Das Gefühl freilich, wie Kracauer und seine Freunde 1930 auf einem Pulverfass zu sitzen, der in einem Moment den trügerischen Frieden, den Wohlstand, die Sicherheit wegsprengen könnte und von heute auf morgen, den Kontinent wieder in eine bedrohliche Stätte verwandeln könnte, wächst täglich.

Dr. Jörg Später hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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