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Georgios Chatzoudis | 07.10.2014 | 316 Aufrufe | Artikel

7 Oct. 1914. Mittwoch Bodzechów

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Ausgerückt um 8 Vorm. Aber nachdem kaum zwei Kilom. geritten, kam uns Schell entgegen mit dem Befehl, wieder in die alten Quartiere zu rücken. Heute Ruhetag, ebenso wie gestern. Schell Resultat der vorgestrigen Gefechte mitgeteilt. Bei Opatow, 14 km südlich von hier, ist die russische Schützenbrigade, die dort stand, vollkommen vernichtet worden. 2500 Tote, 2500 Gefangene. Das russische erste Garderegiment soll dabei gewesen sein, der Verlust für die Russen um so schmerzlicher, weil es sich um eine Elitetruppe handelt. Bei Ozarow, 15 km östl von hier, ist eine russische Division geschlagen worden. Ob von ihr noch Etwas über die Weichsel gekommen ist, zweifelhaft. Unsere schwere Artillerie hat Alles gemacht. Sie hatte 500 Schuss und hat diese abgegeben. Die Russen zeigten weisse Flaggen, hoben die Hände hoch, aber die Artilleristen sagten: erst wollen wir unsere fünfhundert Schuss loswerden. Das Geschütz, das wir mitführen, ist unter einem Berg von Leichen ausgegraben worden, Menschen und Pferdekadaver durcheinander. Nachdem wir unsere rechte Flanke durch diese Gefechte gesichert haben, werden wir jetzt nördlich wohl auf Iwangorod und Warschau vorgehen. – Nachmittags nach unseren Artilleriestellungen an der Weichsel bei Lasocin gegenüber von Annopol hinausgeritten. Unterwegs österreichische Dragoner mit roten Hosen, die aussahen wie Franzosen, getroffen. Ein deutscher Artillerieoffizier, der bei einer Schmiede in Ozarow hielt, bei der ich meinen Fuchs beschlagen liess, sagte, in Krakau seien, als er da war, die österreichischen Offiziere sowohl mit ihren Mannschaften wie mit ihrer höheren Führung sehr unzufrieden gewesen. „Gott sei Dank, dass Hindenburg kommt und etwas Ruhe hineinbringt“, habe es geheissen. Er selber könne über die Österreicher nur sehr abfällig urteilen nach dem, was er in Krakau gesehen habe. Dasselbe sagten mir neulich in Kielce unabhängig von einander Eichel und Kiepert. Den Österreichern scheinen sowohl die Führung wie die Disziplin zu fehlen. Und gegen Woyrsch und unser Landwehrkorps haben sie sich entschieden schäbig benommen, es ausgenutzt, um ihre eigenen Truppen zu schonen. Unsere schwere Batterie, zu der ich hinritt, stand hinter Höhe 213 südlich von Lasocin in einem Grunde dicht hinter dem steilen Waldabhang eingegraben. Der Leutnant, der bei der Batterie war, gab mir und einem Major vom Generalkommando des XI Armeekorps, der gleichzeitig mit mir bei der Batterie eintraf, einen Führer nach der Beobachtungsstelle auf der Höhe mit, indem er uns besonders bat, hinter Deckung zu bleiben, da wir sonst die Stellung verraten und Shrapnells anziehen würden. Wir kletterten durch eine steile Schlucht hinauf und fanden oben den Hauptmann in einem Wäldchen mit seinen Scherenfernrohren und Telephondrähten. Er erklärte uns die Stellung. Gegenüber lag jenseits der Weichsel, von der Stücke im Thal glitzerten, auf dem hohen Ostufer Annopol; links davon Schützengräben durch das Fernrohr deutlich erkennbar, dahinter ein Wald, an dessen Südende eine Artilleriebeobachtungsstelle festgestellt war. Aus dem Strom ragten die Schornsteine von zwei von den Russen versenkten Dampfern empor. Von Zeit zu Zeit ertönte ein Artillerie Schuss von der Russenseite, unsere Batterieen antworteten; aber sehr gemächlich, da sie Munition sparen sollen. Irgendeine Wirkung seines Feuers konnte der Hauptmann nicht in Aussicht stellen. Das Ganze lief auf eine Demonstration hinaus. Ihre Kriegsbrücke bei Nowe haben die Russen ohnehin abgebrochen, nachdem der Rest ihrer Truppen hinüber war. Ludendorf soll darüber, als der Hauptmann es ihm meldete, ziemlich erstaunt gewesen sein. Das XI Corps, dem diese Batterie angehört, deckt offenbar unsere rechte Flanke gegen die Weichsel bei unserem Vormarsch auf Iwangorod und Warschau. Beim Rückritt in der Nacht die schöne Kirche vom Cmielów inmitten von uralten dunklen Bäumen ganz weiss im Mondschein bewundert; einen solchen Gegensatz bildet dieser heilig geheimnisvolle Frieden, der jahraus jahrein Tag für Tag durch die Jahrhunderte dauert, zu dem über die Gegend dahinrasenden Krieg nahebei.

Leichen von russischen Soldaten nach einem Gefecht

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