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Georgios Chatzoudis | 24.12.2014 | 775 Aufrufe | Artikel

24. Dez 1914. Donnerstag. Tomaszów

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh die Nachricht, dass unsere Truppen (Corps Posen) gestern nach schweren Kämpfen um 11 Uhr Nachts den nördlich der Piliza gelegenen Teil von Inowlodz genommen (in den die Russen Vormittags eingedrungen waren), aber Nachts wieder geräumt hätten, so dass die Russen doch diesseits der Piliza stehen. Mutius schickte mich an unsere hiesige Piliza Front, um zu sehen wie die Sachen stehen. Den General Rüdiger, der dort das Kommando hat, aufgesucht und in einem Bauernhause nicht weit von der Piliza Brücke gefunden. Er hat die Nacht über Ludwikow am Südufer schwach mit einem Zuge besetzt gehalten. Das Gros seiner Truppen stand aber noch um 1/2 10, als ich hinkam, diesseits des Flusses. Er hat Patrouillen gegen Bialobrzegi und gegen den Waldrand ausgeschickt und wartet ihre Rückkehr ab, ehe er mit seiner Hauptmacht die Piliza wieder überschreitet. Er sagte, dass übrigens seine „Brigade“ nur etwa ein kriegsstarkes Bataillon stark sei (ca 1000 Gewehre), und sie hätten gestern früh bei den Kämpfen bei Bialobrzegi 80 Mann verloren, unter anderem einen Hauptmann, den alten Grafen Sparre, der am Bahndamm beim Beobachten von einer Kugel durch den Kopf getroffen wurde und sofort tot war. Als ich zur Brücke gieng, traf ich eine Ulanenpatrouille, die zurückkam. Der voraussprengende Meldereiter rief mir zu, dass sie am Waldrand zwischen Ludwikow u. Bialobrzegi starkes Feuer bekommen hätten, scheinbar von Kosaken, er war ziemlich aufgeregt u übertrieb wahrscheinlich. An die Brücke, wo mir der Führer der Pionierkompagnie, die die Brücke wiederherstellt sagte, heute sei Alles ruhig gewesen; gestern hätten sie hier so starkes Maschinengewehr Feuer erhalten, dass sie aufhören mussten. Mit ihm über die Brücke nach Ludwikow. Dort war Alles ganz ruhig. Der Führer des Zuges, der es die Nacht besetzt gehalten hat, sagte, es sei in der Nacht kein Schuss gefallen. Er marschierte mit seinem Zuge geschlossen an die Brücke, ohne Feuer zu bekommen. Der Pionier sagte, die russ. Gefangenen gestern hätten erzählt, ihr Corps (das 14te) sei eben frisch aufgefüllt. Ihre Waffen seien so gut gewesen, dass er (der Pionier) der im Zivilleben Ingenieur sei, daran zweifle, dass sie in Russland hergestellt sein könnten. Zurück zum Generalkommando. Dort der General u Mutius in ziemlich erregter Stimmung, da eben die Nachricht eingetroffen war, dass die Russen mit einer ganzen Division bei Inowlodz übergegangen seien u die Brigade Reiswitz angriffen. Sie hätten schon den Rand des Plateaus gewonnen und giengen auf Krolowa Wola vor. Es wurde beraten, was zu machen sei; da sie bis dort unseren Divisionen leicht in den Rücken kommen. Der General entschloss sich, mit einem Teil des Corps kehrt zu machen und sie von Glina aus in der Flanke anzugreifen. Ehe dieser Entschluss reifte, kam schon gegen 1/2 12 die Nachricht, die Brig. Reiswitz hätte den Angriff zurückgeschlagen, den Höhenrand bei Höhe 175 wieder gewonnen und 1000 Gefangene gemacht. Das wirkte sehr beruhigend, obwohl eine Gefahr nicht ausgeschlossen ist, solange man nicht weiss, was hinter der übergegangenen Division steht. Der Nachmittag verlief aber ruhig, obwohl unsere Artillerie hier mehrfach schoss. Das A.O.K hat gestern Abend befohlen, die Piliza Linie unter allen Umständen zu halten. Unsere ganze Armee wird sonst in der rechten Flanke bedroht. Unsere Schwierigkeit ist aber, dass die alten Landsturmleute, aus denen das Corps Posen besteht und denen die Sicherung der Piliza anvertraut ist, nicht zum Angriff, ja kaum zur Verteidigung zu brauchen sind. Für morgen verspricht Gallwitz mit seinem aus Deutschen u Österreichern kombinierten Corps von Petrikau aus, südlich von uns, die Russen anzugreifen. Wenn er bis in die Höhe von Opoczno vordringen kann, sind wir hier gesichert. – Abends wurde ein Funkspruch der Russen aufgefangen, der den Befehl enthielt, uns heute Nacht auf der ganzen Linie anzugreifen. Infolgedessen bei unserer Weihnachtsfeier etwas erwartungsvolle Stimmung. Sonst war Alles sehr hübsch, wenn auch wehmütig. Ich konnte nicht ohne Bewegung an die Meinen im schwer zugänglichen feindlichen Lande denken. Schöler hatte eine schöne Tanne aus der Kaiserlichen Forst Nachmittags per Auto hereingeholt, Frau Dierichs Silberglanz und Lichter geschenkt. Der Baum stand im grossen Speisesaal, der Tisch war mit Tannenreis hübsch geschmückt. Gerok hielt eine sehr bewegte Rede, und Manchem von uns standen die Thränen in den Augen bei den Gedanken und Bildern die ihm durch den Kopf giengen. Nachher wurde es lustiger, obwohl eine Art von unterdrückter Wehmut bestehen blieb. Auch dachte man unwillkürlich an die blutigen Weihnachten, die die Russen uns versprochen haben. Bis um 1 war aber Alles draussen ganz still.

Polen 1914.- Kleine Ortschaft mit schlammiger Strasse, Männer vor den Häusern stehend

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