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Georgios Chatzoudis | 27.12.2014 | 355 Aufrufe | Artikel

27. Dez. 1914. Sonntag. Tomaszów

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Der Angriff des Korps Gallwitz südlich der Piliza geht vorwärts. Das Erste Kav. Korps HKK 1 (Richthofen), das bei Inowlodz von Norden über die Piliza vorstossen sollte, meldet dagegen heute Morgen, dass es auf stark befestigte feindliche Stellungen gestossen sei, die mit Kavallerie nicht zu nehmen seien. Richthofen verlangt eine Infanterie Division. Eine uns gehörige Brigade, die wir ihm geliehen haben (Brigade Buddenbrock) und die er heute an uns zurückgeben sollte, weigert er sich herauszugeben, da er sie bei Inowlodz noch brauche. Es fanden darüber erregte Auseinandersetzungen zwischen uns und dem Armee Oberkommando statt. Unsere Division Menges, bei der die ganze Infanterie schon seit Tagen ohne jede Ablösung in den Schützengräben liegt, braucht die Brigade Buddenbrock, um ihre erschöpften Truppen etwas ausruhen zu lassen. Gerok erklärte dem A.O.K er könne keine Gewähr mehr dafür übernehmen, dass die Div. Menges sich sonst noch halten könnte. Das A.O.K entschied aber gegen uns. – Die Lage ist jetzt so, dass wenn wir hier eine angriffsfähige Truppe disponibel hätten, wir durch einen Angriff über die Piliza nach Süden in der Gegend von Rzecyca die Russen, denen wir von dort aus in den Rücken kommen würden, vollkommen werfen könnten. Gerok will versuchen, ob er aus seinen vier Divisionen nicht so viel zusammenkratzen kann, dass er einen solchen Angriff wagen kann. Auf dem äussersten linken Flügel der Armee, ganz nördlich bei Sochazew greifen heute das Dritte und noch ein Corps über die Bzura an und wollen versuchen, unter allen Umständen dort durchzubrechen. – Man hat immer mehr den Eindruck, dass die Russen, obwohl sie noch starken Widerstand leisten, fertig sind. Heute kam wieder ein Trupp Gefangener, die sich heute früh bei Inowlodz ergeben haben, 60 Mann. Es sollen, wie der sie begleitende Unteroffizier sagte, die Überlebenden aus einem für die Russen furchtbar blutig verlaufenen Angriff auf unsere Stellungen bei Inowlodz sein. Der Unteroffizier sagte, die Schützengräben bei Inowlodz und überhaupt der ganzen Gegend lägen voll von Russenleichen; unsere Artillerie habe sie gestern förmlich niedergemäht. Die Gefangenen sind zusammengekratzte Ersatzmannschaften, die Reste von allerlei verschiedenen Regimentern und Formationen, die man eilig zusammengestellt hat. Sie waren erst eben hier angekommen. Meistens sind es Sibirier; selbst ein Deutscher unter ihnen, ein Lutheraner, den ich sprach, war in Sibirien zuhause. Neben hübschen blonden Russen giebt es Kalmückengesichter und Kerle in schwarzen Pelzmützen mit grünem Kalpak, zentralasiatische Grenzwache. Der Deutsche sagte, sie hätten seit gestern früh fünf Uhr bis sie sich heute gefangen nehmen liessen, Nichts gegessen. – Man hört schon den ganzen Tag starken fernen Kanonendonner.

Sibirische Infantristen, 1914

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