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Georgios Chatzoudis | 01.12.2010 | 3786 Aufrufe | 5 | Umfragen

Wikileaks - ein Festbankett für Historiker?

Die 2006 gestartete Internetplattform Wikileaks beinhaltet mittlerweile mehrere hundertausend Regierungs- und Unternehmensdokumente - u.a. Guantánamo-Bay-Handbücher mit Richtlinien für das Gefangenenlager auf Kuba, interne Banken-Papiere, Mitgliederlisten von Parteien, geheime Regierungsabkommen über die Weitergabe von Bankdaten, Dokumente über den Irak- sowie den Afghanistankrieg.

Sie alle eint vor allem ein Kriterium: Sie gelten als vertraulich oder geheim und sind von ihren Erstellern nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Für Furore sorgt aktuell die jüngste Veröffentlichung von rund 250.000 Dokumenten aus dem US-Außenministerium, die überwiegend aus vertraulichen bzw. geheimen Botschaftsberichten aus aller Welt bestehen.

Die Reaktionen: Die einen befürchten, dass durch die Veröffentlichungen auf Wikileaks zwischenstaatliche Beziehungen erheblich gestört werden. Außerdem kritisieren sie das Fehlen einer verantwortlichen redaktionellen Kontrolle, denn zahlreiche Dokumente hätten sich inzwischen als Fälschungen erwiesen. Einer neuen Form des Denunziantentums sei dabei Tür und Tor geöffnet. Moralisch problematisch sei schließlich auch der Eingriff in die Privatsphäre.

Andere hingegen sehen in Wikileaks einen großen Gewinn für mehr Transparenz. Die Veröffentlichung von brisanten Dokumenten erlaube einen Blick hinter die Kulissen von Regierungen und Unternehmen, wovon nicht zuletzt auch der investigative Journalismus profitiere. Doch nicht nur der. Der britische Zeithistoriker Timothy Garton Ash spricht im "Guardian" (30.11.2010) von einem königlichen Bankett für Historiker: "The historian usually has to wait 20 or 30 years to find such treasures. Here, the most recent dispatches are little more than 30 weeks old. And what a trove this is."

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Wikileaks ist eine neue und wichtige historische Quellensammlung! 19 (41%)
Wikileaks ist als historische Quellensammlung ungeeignet! 7 (15%)
Wikileaks muss von Historikern ausgewertet und eingeordnet werden! 20 (43%)
46

Kommentar

von Ferdinand Bonse | 01.12.2010 | 12:10 Uhr
Ich halte das, was Wikileaks macht für eine ganz gefährliche Sache. Die meisten Infos sind in meinen Augen reiner Klatsch und Tratsch. Das erkennt man schon daran, dass die Medien - von Bild bis Spiegel - sich vor allem auf die "delikaten" Infos wie die Geier stürzen: Westerwelle ist inkompetent und eitel, Merkel ist unkreativ, Ahmadindschad ist Hitler usw. Das ist in meinen Augen ohne jede historische Relevanz. Die Infos stehen außerdem in keinem Verhältnis zum außenpolitischen Schaden, der dadurch verursacht wird.

Wikilieaks gehört für mich verboten!

Gruß F. Bonse

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von Daniel Stahl | 02.12.2010 | 10:30 Uhr
Ganz abgesehen davon, ob man die Veröffentlichungen für richtig oder falsch hält: die Dokumente sind natürlich ein wichtiger Quellenkorpus. Es befinden sich dort eben nicht nur Klatsch und Tratsch, sondern auch sehr substanzielle Informationen. Wenn man erfährt, dass die arabischen Staaten einen Angriff auf Iran für wünschenswert gehalten haben, dann ist das nicht "ohne jede historische Relevanz". Deshalb bleibt zu hoffen, dass die Historiker das Thema nicht nur den Medien überlassen, sondern eine quellenkritische Handhabung entwickeln, um sich auf dem "königlichen Bankett" standesgemäß aufzuführen.

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von Ferdinand Bonse | 02.12.2010 | 11:04 Uhr
Das mag ja stimmen, aber was nutzt mir die Information von den vermeinstlichen Kriegsabsichten arabischer Staaten gegenüber dem Iran, wenn die Quelle letztlich nur ein Botschaftsbericht ist. Wo ist die Einordnung? Ist es der Wille der Regierung oder ist es nur eine Einschätzung eines untergeordneten Beamten? Was passiert mit der Information? Wieviel Gewicht hat sie für die US-Administration? Lässt sich das State Departement von solchen Botschaftsberichten beeindrucken? Und was ist mit den Folgen von solchen Infos? Denkt jetzt jeder, dass die arabischen Staaten einen Krieg gegen den Iran befürworten?

Ich meine nach wie vor, dass es verantwortungslos ist, solche Informationen in die Welt hinaus zu posaunen, ohne dass sie zuvor a) überprüft wurden und b) in einen größeren Zusammenhang eingeordnet wurden.

Gruß, F. Bonse

Kommentar

von Daniel Stahl | 02.12.2010 | 13:40 Uhr
Wenn es gelingt, die Fragen zu beantworten, die sie in Bezug auf die angeblichen Kriegsabsichten stellen, dann ist ein quellenkritischer Umgang mit den Wikileaks-Quellen sichergestellt. Ich kenne nur die Berichterstattung, nicht die Quellen, aber ich gehe davon aus, dass es sich nicht nur um zusammenhanglose Schnipsel der diplomatischen Korrespondenz handelt, sondern dass die umfangreichen Veröffentlichungen bis zu einem gewissen Grad zulassen, den Wert einzelner Dokumente zu beurteilen und sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Kommentar

von Jochem Peelen | 05.12.2010 | 22:00 Uhr
Die deutsche Berichterstattung über Wikileaks dokumentiert in erster Linie den Niedergang unserer vormals seriösen Presse. Vermeintlich pikante Urteile über Merkel & Co. werden ausgewalzt. (In Wirklichkeit sollten wir froh sein, wenn ausländische Diplomaten eine realistische Einschätzung nach Hause melden.) Politisch wichtige Aussagen wie die Haltung der Araber zum Iran erfährt man bestenfalls in Nebensätzen. Für eine halbwegs sachorientierte Information ist man auf die Auslandspresse angewiesen.

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