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Georgios Chatzoudis | 02.06.2015 | 1323 Aufrufe | Interviews

"Vom physischen Netz zu den sozialen Netzwerken"

Interview mit Sebastian Gießmann über Netze und Netzwerke

Die Semantik des Begriffs Netz ist im Zuge des digitalen Wandels um einen neuen Zweig erweitert worden. War das Netz zuvor vor allem an Dinglichkeit gebunden - Spinnennetze, Fischernetze oder Verkehrs- und Kanalnetze - ist es seither zusätzlich mit der virtuellen Welt beispielsweise der Sozialen Netzwerke verknüpft. Der Historiker Dr. Sebastian Gießmann hat in seiner Dissertationsarbeit die Kulturgeschichte von Netzen und Netzwerken untersucht, die zuletzt unter dem Titel Die Verbundenheit der Dinge erschienen ist. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Netzwerke als soziale Relationen und dynamische Kooperationsformen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Gießmann, Sie beschäftigen sich mit Netzen und Netzwerken und haben darüber jüngst ein Buch geschrieben – „Die Verbundenheit der Dinge“. Netz und Netzwerk klingt fast synonym, ist es aber nicht, oder? Haben Sie Beispiele für den Unterschied? 

Dr. Gießmann: Wir haben im Deutschen die wunderbare Möglichkeit zur sprachlichen Differenzierung zwischen „Netzen“ als physischen Objekten, dem „Vernetzen“ als Praxis und dem „Netzwerk“ als relationaler Form kulturellen Austauschs. Einer der Ausgangspunkte für meine Arbeiten zur Netzwerkgeschichte war die Beobachtung, dass noch in den großen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts, etwa Krünitz’ Oekonomischer Enzyklopädie, Zedlers Universal-Lexicon oder der Encyclopédie von Diderot und D’Alembert, Netze vorwiegend als materielle Objekte verstanden wurden – dinglich und fassbar, als Spinnen- und Fischernetz, als architektonische Form (beim Netzgewölbe) oder beobachtbare Struktur lebendiger Körper (etwa in Marcello Malpighis Mikroskopien der Lungenkapillaren von Fröschen). Mitunter waren Netze als textile Objekte und materielle Strukturen sprachgeschichtlich schon früher als „networke“ bezeichnet worden – in der „Verbundenheit der Dinge“ zitiere ich ein Gedicht von Shakespeares Zeitgenossen Edmund Spenser aus dem Jahr 1591. Aber diese frühe englische Wortwahl entspricht noch nicht unserem heutigen Verständnis von Netzwerken als sozialen Relationen und dynamischen Kooperationsformen in vernetzten Räumen. Meine Vermutung war, dass im Laufe von Aufklärung und Industrialisierung eine Ablösung der Netzsemantik vom dinglich fassbaren Objekt hin zum „Netzwerk“ stattfindet, so dass es im Grimm’schen Wörterbuch von 1889 kurz und knapp als „etwas Netzartiges“ bezeichnet wird.

Der Schlüssel für diese Bewegung von Objekten zu „Quasi-Objekten“ ist im Buch ein infrastrukturhistorischer. Mit der Adressierung von Räumen über materielle Kommunikationsnetze veränderte sich die Netzsemantik: hin zu vernetzten Städten, territorialen Räumen und westlichen Gesellschaften, die sich Stück für Stück als „vernetzt“ begreifen. Man kann hierfür weit in die Frühe Neuzeit zurückgehen, aber die Wende zu den makrotechnischen Infrastrukturen (Straßen, Kanälen, Eisenbahnen, Telegrafen) als Netzen ist vor allem integraler Bestandteil der Industrialisierung. Entscheidend für unser heutiges Verständnis ist gerade die – eigentlich unmögliche – „Ablösung“ vom physischen Netz, hin zu sozialen Netzwerken, deren Materialität sich durch die Interaktion bildet.

"Netze und Netzwerke als Praktiken, mit denen Kultur hervorgebracht wird"

L.I.S.A.: Sie nennen ihr Buch eine „Kulturgeschichte“. Was genau meint diese Ausrichtung in Ihrer Studie? Sind Netze und Netzwerke in erster Linie kulturelle Phänomene? 

Dr. Gießmann: Wenn man es genauer formulieren würde, handelt es sich um eine Kulturtechnikgeschichte. Das heißt, es geht um Netze und Netzwerke als Praktiken, mit denen Kultur hervorgebracht, symbolisiert, gelernt und weitergegeben wird. Dieser operative Ansatz zur historischen Beschreibung von Kulturen ist in der deutschsprachigen Kultur- und Medienwissenschaft mittlerweile gut etabliert und wird international geschätzt. Er hat mir überhaupt erst ermöglicht, das Phänomen „Netzwerk“ zu verstehen wie andere Körper- und Kulturtechniken, etwa Spielen, Feiern, Musizieren, Lesen, Schreiben und Rechnen. Bei derart elementaren kulturellen Operationen stellt sich zudem schnell die anthropologische Frage, wie verallgemeinerbar sie sind. Bilden alle Kulturen Netzwerke aus, oder konstituieren sie sich allesamt netzwerkförmig, etwa durch ihre Arten und Weisen, Räume zu durchqueren und zu ordnen, oder die Art und Weise, Verwandtschaft zu verstehen? Meine Antwort darauf ist keine universalisierende, wie sie etwa ein systemtheoretischer Ansatz nahelegen würde. Deshalb ist die „Verbundenheit“ ebenfalls als eine Wissens- und Wissenschaftsgeschichte antiker und europäischer materieller Kultur geschrieben, die sehr genau nach denjenigen historischen Bedingungen fragt, in denen aus dinglichen Netzen heterogene soziotechnische Netzwerke werden. Daran sind die neuzeitlichen Wissenschaften alles andere als unschuldig: Denken Sie nur an die Erfassung und Sichtbarmachung des territorial-vernetzten Raumes durch die Kartografie und die langjährige Entwicklung derjenigen Kalküle, die mittels mathematischer Graphentheorie im 20. Jahrhundert Netze formal berechenbar machen. GPS-Navigation und fast jede Visualisierung eines sozialen Netzwerks beruhen darauf. 

"Knoten, Linien, Maschen"

L.I.S.A.: Inwiefern haben Netze eine Genealogie? Gibt es eine Ur-Struktur, eine Ur-Folie?

Dr. Gießmann: Das Netz ist eine Falle. Und es ist zugleich ein Diagramm. Tatsächlich verfügt die Genealogie der Fangnetze über eine erstaunliche longue durée. Bei Spinnennetzen ist von einer langen biologischen Evolution auszugehen. Fischernetze sind archäologisch mindestens seit der Jungsteinzeit belegt. Beide Fangnetzformen, ob menschen- oder tiergemacht, sind dabei nicht auf eine Form festzulegen. Es gibt Reusen, Zäune, Wehre, Schlagnetze, Schleppnetze, Wurfnetze und Kescher; es gibt Spinnennetze in den wildesten, auch dreidimensionalen Varianten. Schling- und Netztechniken stellen schon in der Frühgeschichte ein dezentrales, emergentes und vielschichtiges Phänomen dar – und haben dabei ein Instrument des Beutemachens hervorgebracht. Diese Verkettung des Netzes mit menschlichen und nicht-menschlichen Handlungen macht bis heute seinen eminent praktischen Charakter aus. Es ist gewissermaßen stets mit individuellem und kollektivem Handlungsvermögen verknüpfbar. Man kann sich ruhig einmal fragen, wieviel Beutemacherei und wechselseitige Fangpraktiken noch in den neuesten digitalen sozialen Netzwerken stecken…

Tatsächlich unterscheiden sich Kulturen in der Symbolisierung von Praktiken „mit Netz“. Im Buch versuche ich dies anhand der durchgehenden Abneigung der alten Hochkulturen des Mittelmeerraums zu zeigen, die allesamt das Verstrickende und Fangende des Netzes als göttliches und adliges Machtinstrument betonen. Im ersten Raum des Louvre fängt die Kulturgeschichte mit der sumerischen Geierstele von Lagaš an, auf der die Feinde im Netz des Herrschers gefangen werden. Für Europa wird danach aber die positive Aufwertung des Netzes durch das Christentum maßgeblich – die Fischzugszenen des Neuen Testaments stiften, so weit ich sehe, zum ersten Mal eine positive Theologie des Objekts.

Neben diesen alten Formen von „Objektreferenz“ stelle ich noch eine weitere strukturelle Gemeinsamkeit hervor, die in der Tat Netzwerke als historisch spezifische Kulturtechnik mit konstituiert. Jedes Netz lässt sich als Diagramm zeichnen, das gleiche Elemente miteinander verbindet. Gerade weil in diesem Diagramm die Grundelemente vergleichbar einfach bleiben – Knoten, Linien (mathematisch Kanten genannt), Maschen –, und Knoten und Kanten numerische Werte zugewiesen werden können, eignet es sich als Hochleistungsmaschine für die industrialisierte Wissenschaft und Technik. 

CC-BY-SA de.hypotheses.org

"Besonders lange gerätselt habe ich über die Londoner Tube Map"

L.I.S.A.: Welche Netze und Netzwerke interessieren Sie in Ihrem Buch besonders? Haben Sie für einige eine besondere Vorliebe?

Dr. Gießmann: Natürlich gibt es Lieblingsgeschichten und (Quasi-)Objekte, durch die ich besonders viel gelernt habe. Fast alle Kapitel beruhen auf Forschungsreisen und gewissen magischen Momenten, die sich eben nur „vor Ort“ einstellen. Paolo Veroneses Allegorie L’industria, die auf dem Cover des Buches zu sehen ist, habe ich erst im venezianischen Dogenpalast verstanden. Als erste Netzwerkdarstellung lässt sie mit ihrem Vexierspiel an Bedeutungen „viele Netzen in einem“ erscheinen. Die Geschichte der Pariser Kanalisation und der soziotechnischen Vernetzungsfantasien, die sich an Kanäle im 19. Jahrhundert hefteten, wurde erst in dem Moment richtig plastisch, als mir nach mehreren Wochen Archiv und Bibliothek endlich der Gestank im Pariser Museé des Égouts um die Nase wehte. (Alle Touristen kommen daraus leicht verstört, nur ich hatte den restlichen Tag ein Lächeln auf den Lippen.) Für das Kapitel zur Geschichte der Telefonvermittlung habe ich das Archiv der Southern New England Telephone Company in Storrs, Connecticut gesichtet – und erst in dem Moment, als ich das vermutlich erste Telefonbuch der Welt in den Händen hielt, verstanden, dass es gar kein Telefonbuch war. Sondern vielmehr eine Pappplakette zum Anbringen am Telefonapparat, bei der man im Jahr 1878 nicht von einem großen Wachstum des Netzes über die lokale Anwendung hinaus ausging. Drei Jahre später brauchte es ein Telefonbuch mit Register …

Besonders lange gerätselt habe ich über die Londoner Tube Map, die zwischen 1931 und 1933 von Henry Charles Beck entwickelt wurde. Mit ihr wurde für das alte und heterogene Netz der Londoner U-Bahnlinien das heute so omnipräsente topologische Netzdiagramm eingeführt, quasi von einem Tag zum nächsten. Was vorher ein schwer benutzbares Konglomerat einzelner Linien war, wurde durch den Grafiker und einen Wechsel der Organisationform zu einem Londoner Verkehrsverbund 1933 zum geordneten geometrischen Netz (mit vielen Netzwerken, die überhaupt dessen Betrieb ermöglichten). Sie merken es schon an diesen Beispielen: Netzwerkgeschichte beruht auch auf einer „Reiseform des Wissens“ (Hartmut Böhme), die bei aller Wissenschaftlichkeit die Begeisterungsfähigkeit nicht vergisst. 

"Es wird ständig geflicktschustert und repariert, analog und digital, technisch und sozial"

L.I.S.A.: Netze und Netzwerke verbinden. Das leuchtet sofort ein. Aber wie steht es um die Lücken im Netz beziehungsweise um das Durchs-Netz-Fallen? Gibt es auch diese Geschichte in Ihrem Buch? Gibt es sozusagen auch ein Negativ von Netzen?

Dr. Gießmann: Das sind schwer zu beantwortende Fragen, weil sie die Grenzen von Netzwerken betreffen, also einer Kulturtechnik, die vor allem auf Verbindungs- und Verknüpfungspraktiken beruht. Zunächst machen ja gerade die Zwischenräume, die vom Netz umfasst werden, den Reiz des Diagramms mit aus. Für die Moderne kann man zudem sagen: Gerade die Erweiterungsfähigkeit und Störungsresistenz verteilter infrastruktureller Netze wurde zum Modell, auch für soziale Netzwerke. Das Negativ dieser technischen Netze wäre der Zusammenbruch, oder in der Hackersprache ein Abschmelzen, ein „network meltdown“ als maximaler Störfall. Etwas weniger drastisch formuliert gehe ich mittlerweile davon aus: Reparaturen der Netze und Netzwerke sind der Normalfall. Es wird ständig geflicktschustert und repariert, analog und digital, technisch und sozial. In der „Verbundenheit der Dinge“ habe ich jedoch nach einer Erzählung gesucht, mit der trennende und auch sozial prekäre Momente von Netzwerken als Kulturtechnik in den Blick rücken. Das zehnte Kapitel handelt deshalb von Verschwörungstheorien, die das Handeln mit und durch Netzwerke aus Außenseiterpositionen beobachten. Der einzelne, nicht oder wenig vernetzte paranoische Outsider ist eine der Figuren, die sich der netzwerkförmigen Handlungsmacht zu entziehen versucht. Tatsächlich ist der Aufstieg der Verschwörungstheorien im 19. und 20. Jahrhundert für mich die folgerichtige, selten bedachte Kehrseite von Netzwerkgesellschaften und ihren demokratischen Öffentlichkeiten. Dies gilt auch für negative Dynamiken und eine verquere Meinungsbildung in digitalen sozialen Netzwerken. Es existiert, wie die Anthropologin Marylin Strathern vielleicht bisher am deutlichsten bemerkt hat, eine konzeptuelle Grenze des Netzwerkbegriffs, mit dem das Trennende in der Regel nicht gut verstanden werden kann. Eigentumsansprüche, juristische Regeln, aber auch die Neuordnung sozialer Netzwerke durch einschneidende Ereignisse wie Todesfälle und Unglücke sind nicht netzwerk-immanent, sondern können dieses zerschneiden. Es gibt also immer ein Außen des Netzwerks, es gibt immer eine politische Ökonomie, die Verbindungen kappt.

Ich würde auch davor warnen, mit dem „Netzwerk“ alles verstehen oder nur noch im Netzwerk handeln zu wollen. Denn auch Kulturtechniken, die zur Epochensignatur taugen, sind historisch spezifisch. Als „Theorie über alles“ würden Netzwerke verabsolutiert, und als allgemeine Handlungsanweisung eine stark ökonomisierte, wenn nicht gar neoliberale Version gesellschaftlichen Austauschs befördern. Wir brauchen also kleine, partikulare Netzwerktheorien und -praktiken. Die großen wenden Geheimdienste und die Werbenetzwerke des Internets ohnehin an. 

"Im Laufe der Dissertation ist etwas Unerwartetes passiert"

L.I.S.A.: In Ihren Antworten kommen Sie immer wieder auf die Sozialen Netzwerke zu sprechen. Wie ordnen Sie diese in Ihrer Kulturgeschichte genau ein? Inwieweit sind diese Netze noch materiell beziehungsweise Teil dieser einen Welt? Oder ist es genau umgekehrt: Strukturieren sie aus vielen Netzen eine globale, universelle und virtuelle Welt?

Dr. Gießmann: Im Laufe der Dissertation, auf der das Buch beruht, ist etwas Unerwartetes passiert. Während ich versucht habe, mir das späte begriffshistorische Entstehen des „sozialen Netzwerks“ in der Soziologie – vor allem bei Jacob Levy Moreno in den 1930er Jahren – zu erklären, haben Geheimdienste und Social-Media-Plattformen den Modus der Netzwerkanalyse verkehrt. Soziologie und Ethnologie hatten das Konzept für sich entwickelt, um die dynamischen sozialen Konstellationen aus der Feldforschung im Nachhinein zu verstehen, oder aber um statistische Auswertungen digital vornehmen zu können. Aus diesem Modus „danach“ ist mittlerweile ein „davor“ des sozialen Netzwerks geworden. Die sonst mühsame rekonstruierte relationale Verbindung von Menschen wird gewissermaßen vorausgesetzt. Weltweit wird sie durch unsere Interaktion in digital-vernetzten Medien operationalisiert, in denen das „Netzwerk“ in den Datenbanken von Facebook oder in Geheimdienstsoftware wie XKeyScore immer schon gegeben ist. Diese Echtzeitanalysen oder gar „Big-Data“-geleiteten Vorhersagen des Verhaltens in sozialen Netzwerken bringen die verstrickenden antiken Fangnetze der Macht, mit denen die „Verbundenheit“ beginnt, in neuer Form zurück. Meine aktuelle Forschung widmet sich daher den Plattformen und „sozialen Medien“, durch die Netzwerkbildungen heute zuallererst vermittelt werden.

Dr. Sebastian Gießmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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