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Jens Holger Jensen | 05.06.2014 | 2564 Aufrufe | Artikel

Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet:
Das Sachsenhäuser Westend

Die Adressbucheinträge der Holbeinstraße von 1903 bis 1975

Als Fortsetzung der im Jahr 2010 begonnenen Arbeit zur Erkundung der Geschichte der Textorstraße habe ich mich als ehemaliger StadtteilHistoriker (StH) 2013 ein weiteres Mal zur Nachforschung einer Sachsenhäuser Straße entschlossen: der Holbeinstraße. Gegenüber der vorangegangenen Projektarbeit bearbeitete ich das neue Thema alleine, nachdem 2012 die Unterstützung durch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Frankfurter Neuen Presse und der Gerda Henkel Stiftung mit dem Ende der 3. Staffel der StH abgeschlossen wurde. Günter Appel und Georg Becker, die beim Leitprojekt StadtteilHistoriker zusammen mit mir ein Team bildeten, waren dieses Mal im Hintergrund tätig, blieben aber meine wichtigsten Ratgeber.

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Da sich die Auswertung der Frankfurter Adressbücher bereits von 2010 bis 2012 sehr bewährt hatte, war für mich klar, auch dieses Mal, auf diese Form des Projekteinstiegs zu setzen. Die ausgewerteten Jahre betreffen einen Zeitraum von 1903 bis 1975. Verläuft die Textostraße auf einer Länge von d. 900 Metern von Osten nach Westen so nimmt die Holbeinstraße mit rd. 800 Metern einen Verlauf von Norden nach Süden. Die Holbeinstraße bildet den Endpunkt der Textorstraße. Diese Tatsache spielte bei der Auswahl des neuen Themas aber keine Rolle. Bei den Recherchen zum ersten Projekt stieß ich damals ertmals bewusst auf das erste Anwendungsgebiet der sogenannten "lex Adickes", der ersten Baulanderschließung nach dem Frankfurter Umlegungsgesetz. Die Holbeinstraße bildete bei diesem ersten Umlegungsgebiet die östliche Grenze. Dass ich meine Kindheit und Jugend in der Holbeinstraße und dem benachbarten "Rosengärtchen" verbrachte, waren ein weiteres (sehr persönliches) Motiv sich mit diesem Gebiet oder Quartier, in einer neuen Projektarbeit, zu beschäftigen. Ziel der Projektarbeit war von Anfang an eine Ausstellung im Stadtteil. Da sich die Holbeinstraße mit ihrer kompletten Länge im Umlegungsgebiet befindet, deren Bebauung sich von 1900 bis 1937 hinzog, lag es nahe, diese zu 3/4 als Allee angelegt Straße, für die Adressbuchauswertung auszuwählen. Das Umlegungsgebiet und das Malerviertel sind nahezu identisch. Lediglich der nördliche Teil des Malerviertels, zwischen Schaumainkai und Gartenstraße, wurden 1911 von der "lex Adickes" nicht berührt.

Nachdem die Auswertung der Adressbücher Ende 2013 abgeschlossen war begann die Zeitzeugensuche, die von den Frankfurter Zeitungen freundlicherweise unterstützt wurde. Als sehr hilfreich und effektiv erwies sich nun wieder die angelegte Excel-Datei, mit den Adressbucheintragungen, die eine schnelle Suche nach Namen, Berufen und Liegenschaften erlaubte. Durch die Interviews mit ehemaligen Bewohnern der Holbeinstraße bekamen einzelne Namen aus den Adressbüchern auf einmal Gesichter. Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte (ISG) und in Zeitungsarchiven fanden sich dann noch biographische Daten und Geschichten zu den Personen. Ende April führten mich meine Nachforschungen sogar an eine Londoner Universität.

Bei den Recherchen fand ich mehrfach einen Hinweis wie etwa ab 1911 vom neuen aufstrebenden Villengebiet, dem Sachsenhäuser Westend geprochen und geschrieben wurde. Mehrere prominente Bürger fanden dann auch tatsächlich nach einem Umzug aus dem Frankfurter Westend ihr neues Domizil in der Böcklin-, Holbein-, Tischbein-, Thorwaldsen- oder Burnitzsraße. Die Nähe zum Städelschen Kunsinstitut, der Städelschule sowie de Städtischen Krankenhauses (das heutige Universitäts-Klinikum) zogen eine größere Anzahl Künstler, Kunsthistoriker und Mediziner an. Mit der Sachsenhäuser Oberrealschule und der Schíllerschule sowie der Holbein-Mittelschule und des Doppelschulgebäudes der Schwanthaler-/ Textorschule bot dieses Sachsenhäuser Quartier für Lehrkörper viele Arbeitsplätze. Eine größere Anzahl von Mitgliedern dieser Berufsgruppe nahm im Malerviertel eine Wohnung, wie die Adressbücher zeigen. Mit der hier vorgestellten zweiten Adressbuchauswertung besteht erstmals die Möglichkeit einen Vergleich vorzunehmen, die erstellte Tabelle für die Haushaltsvorstände der Textorstraße die der Holbeinstraße gegenüberzustellen.

Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, sind Handwerksberufe, Post- und Bahnbedienstete sowie Mitarbeiter der Stadtverwaltung in der Textorstraße häufiger vertreten als in der besser situierten Holbeinstraße. Akademiker waren deutlich häufiger in der Holbeinstraße anzutreffen.

Als Einstieg wurde das Jahr 1903 gewählt und die Auswertung bis in das Jahr 1975 fortgesetzt. In einer Excel-Kreuztabelle wurden alle Einträge der Adressbücher übernommen. In den senkrechten Spalten die Jahre (1903, 1905, 1907, 1910, 1915, 1925, 1930, 1935, 1943, 1955, 1960, 1965, 1970, 1975) und in den waagerechten Zeilen in allen Liegenschaften die Namen der Haushaltsvorstände und deren Berufe eingetragen. Die Etagenzuordnung der Bewohner erfolgte in den Adressbüchern nur bis in die 1940er Jahre. Die im ISG als Mikro-Fich verfügbaren Adressbücher wurden seitenweise ausgedruckt und dann in die Excel-Tabelle manuell übertragen. Bedingt durch die zum Teil schlecht lesbaren Mikro-Fich konnten einige Einträge nicht oder nur teilweise übertragen werden. Derartige Einträge wurden in der Tabelle vermerkt. Um die Navigation in der Datei zu erleichtern wurden die einzelnen Jahrgänge (Spalten) farblich gekennzeichnet und die Jahreszahl vermerkt. Bei einigen wenigen Einträgen habe ich in eckigen Klammern persönliche Ergänzungen eingefügt. Diese Bemerkungen waren Erkenntnisse meiner Recherchen oder betreffen Personen, mit denen meine Familie persönlich gut bekannt waren.

Ein früherer Kollege, der eine Vollversion der Software Acrobat-Writer besitzt, hat freundlicherweise wieder die Excel-Datei in ein pdf-Format umgewandelt. Weil dieses Programm als maximale Formatgröße DIN A0 erlaubt, bedarf es einer Erhöhung der Ansicht (Auflösung) auf etwa 400 %.

Die angestrebte Ausstellung Sachsenhausen näher betrachtet: Das Sachsenhäuser Westend ist vom 6. Juni 2014 bis 19. Juli 2014 im Bibliothekszentrum Sachsenhausen, Hederichstraße 32 zu sehen.

Die Vernissage beginnt am Freitag den 6. Juni 2014 um 18:00 Uhr.

Die Ausstellung umfasst 20 DIN A1-Austellungstafeln und einige historische Pläne zu folgenden Aspekten:

  • die konkrete Situation vor der "lex Adickes"
  • die "lex Adickes" und die unmittelbaren Folgen
  • die Straßen des Malerviertels
  • Portraits (Gesichter) zu den Straßennamen
  • die Geschichte und Entwicklung des Otto-Hahn-Platzes ("Rosengärtchen")
  • Die Geschichte und Entwicklung der Holbeinstraße mit Portraits zum Leben in der Holbeinstraße vor und nach dem 2. Weltkrieg. 5 Liegenschaften werden näher beleuchtet und dabei vermutlich zum ersten mal Bilder von zerstörten Gebäuden und von einer jüdischen Familie der Öffentlichkeit präsentiert, die nach dem 30. Januar 1933 aus Deutschland floh. Ich stelle auch eine Familie vor, aus der Generationen von Professoren, ein Physik-Nobelpreisträger und eine bekannte Sportlerin und mehrfache Deutsche Meisterin hervorging.
  • kriegsbedingte Schäden nach Luftangriffen
  • der Wandel vom Güterbahnhof Sachsenhausen zum Holbeinviertel
  • die Sachsenhäuser Oberrealschule (heute Carl-Schurz-Schule)
  • die Schillerschule
  • Kirchen im Malerviertel: Lukaskirche und St. Bonifatius-Kirche
  • Persönlichkeiten im Sachsenhäuser Westend

Holbeinstraße Adressbuchzusammenfassung (1902-1975)

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Holbeinstraße rechts & links, vom Schaumainkai bis zur Nell-Breuning-Straße

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Textorstraße links und rechts, vom Lokalbahnhof bis zur Holbeinstraße

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Eine Gegenüberstellung der Berufe der Haushaltsvorstände aus der Textor- und der Holbeinstraße (1903-1975)

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