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Georgios Chatzoudis | 07.09.2014 | 544 Aufrufe | Artikel

7. Sept 1914. Lampasch bei Pr. Eylau Montag

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh aus Guttenfeld abgerückt, um über Eylau nach Lampasch bei Friedland zu reiten. Um 1/2 2 Uhr Nachts kam eine dringende Forderung nach Munition von der Front, da am 8ten ein Gefecht erwartet würde. Unser ganzer Weg führte durch die Gegenden, die von den Russen angeblich „verwüstet“ sind. In Landsberg ist in der Tat ein Haus, die Kaiserl. Post, verbrannt, und einige Läden und Wohnungen sind geplündert. Ich sah ausserdem noch einen beschädigten Briefkasten. Was man von den Leuten, die mit den Russen zusammengekommen sind, hört, lautet übereinstimmend. Sie haben einigen Burschen die Uhren aus der Tasche genommen, ein paar Hammel und Schweine geschlachtet und von den Einwohnern Brot verlangt. In Plauten haben sie, nach Aussage meines Quartierwirts in Guttenfeld, im Wirtshaus verkehrt und Alles pünktlich bezahlt. Dasselbe sagt mir ein Schafhirt auf dem Felde in der Nähe von Hoppendorf. Eine Bauersfrau sagt: „Die Russen sein schlachte Leute; sie haben von mir Brot und Speck verlangt.“ Sonst Nichts? Nein, sonst Nichts. Einem Bauern Zipperken haben sie seinen Drahtzaun durchschnitten (er reparierte ihn eben), aber sein Vieh gelassen; sie hätten ihm gesagt, sie täten ihm Nichts, weil er ja jetzt auch Russe sei. Sie hätten ihn gefragt, wie weit es noch nach Berlin sei? Eine alte Frau in Eylau sagte, die Russen hätten ihnen Nichts getan, sie hätten nur zu Essen verlangt. Es seien aber hässliche verhutzelte Männchen. Sehr viel Schaden haben dagegen die Flüchtlinge aus Ostpreussen angerichtet. Am Eingang zu Eylau lag eine ganze Scheune voll von ihnen, und rings herum war eine Wagenburg von allerlei verschiedenartigen Gefährten, vom Leiterwagen bis zum Dogcart, dazwischen Feuer, auf denen sich die Leute ihr Essen kochten. Diese Flüchtlinge haben auf ihrer Flucht überall geplündert und die Dinge kurz u. klein geschlagen. Dem reichen Bauern, bei dem ich in Lampasch liege, haben sie Alles kaputtgeschlagen, was nicht versteckt war, und Alles Erreichbare aufgegessen. Sie haben auch in Landsberg weit schlimmer gehaust als die Russen. Hauptsächlich sie sind es gewesen, die die Läden geplündert haben. Man ist in der Gegend sehr schlecht auf sie zu sprechen. Versprengte Russen sollen sich in den Wäldern von Lampasch, wo wir liegen, noch zahlreich herumtreiben. Ich stellte daher verstärkte Wachen, Doppelposten an jedem Eingang des Ortes, auf. Dohna und ich liegen hier zusammen und haben einen gemeinsamen Wachdienst für die Nacht eingerichtet. Ich halte zwar die versprengten Russen für ebenso fabelhaft wie die russischen Greueltaten; aber wir wollen kein Risiko laufen.

Foto des Meldereiters Wilhelm Holter (zwischen 1914 und 1918 aufgenommen)

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