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Georgios Chatzoudis | 10.09.2014 | 1012 Aufrufe | Artikel

10 Sept. 1914 Donnerstag vor Friedland; spät Gr Wohlsdorf

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh landete ein Flieger. Die Meldungen von der Front, die er brachte, waren nicht sehr gut. Unsere Division (der linke Flügel unserer Stellung) ist gestern nicht vorwärts gekommen. Die Russen waren in ihren Stellungen bis zum Halse vergraben und unsere Artillerie schoss zu kurz; die russische dagegen ausgezeichnet. Das 1te u 2te Garde Reserve Rgt hatten durch sie sehr schwere Verluste gehabt. Unser rechter Flügel setzt jedoch die Umfassung der Russen fort. Später kamen Transporte mit Verwundeten, Leiterwagen, jeder mit fünf bis sechs Verwundeten auf Stroh, auch Leichtverwundete, zu Fuss, durch auf der Chaussee. Ein leicht an der Hand Verwundeter erzählte, seine Kompagnie hätte gestern 14 Stunden in Shrapnell Feuer auf freiem Feld gelegen, flach auf dem Bauch. Jeder der den Kopf hochgehoben habe, sei sofort tot gewesen. Sie seien schliesslich wie die kleinen Kinder gewesen, hätten gebetet. Um sieben Uhr habe endlich unsere Artillerie die russische aus ihren Stellungen vertrieben und sie befreit. Da hätten sie garnicht gewusst, was sie thun sollten vor Erschütterung, sie seien ganz wie Kinder gewesen. 97 von der Kompagnie seien unverwundet geblieben. Wir haben heute nur Morgens ein paar Kanonenschüsse gehört; sonst den ganzen Tag vollkommene Schlachtstille. Faul herumgelegen, da Nichts zu thun ist. Auch von den andren Kriegsschauplätzen erfährt man Nichts. Meine letzten Zeitungen sind vom 4ten. Hier fehlt selbst die aufregende Möglichkeit, von einem Bauern erschossen zu werden. – Abends über Friedland sieben km hinausgerückt nach Gr. Wohlsdorf, dem Gut eines Herrn v Schrötter. Bis vor wenigen Tagen war es von den Russen besetzt. Grauenhafter Eindruck der Ankunft bei Nacht in diesem ausgeplünderten, besudelten, rings von frischen Gräbern umgebenen Schloss. Die Treppen und Zimmer mit Heu und Scherben bestreut, die Küche ein Klosett, vergoldete Salonmöbel an den Biwaksfeuern, überall das Unterste zu Oberst gekehrt und eine Dreckschicht darübergebreitet. Der Eindruck ist fast schlimmer wie bei verbrannten Häusern. Nirgends ein Licht zu haben. Mehrere Stäbe und Kolonnen in diesem verwüsteten Schloss, die alle nur mit elektrischen Taschenlampen sich herumtasten.

Karte von der Ostfront

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