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Georgios Chatzoudis | 02.11.2014 | 926 Aufrufe | Artikel

2. November 1914. Montag. Czenstochau – Piaski

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh ins Pauliner Kloster, wo das wundertätige Muttergottesbild gezeigt wird. Aufstieg zur Höhe des Klosters auf dem „hellen Berge“ zwischen bettelnden Krüppeln. Oben zuerst eine überreich vergoldete Barockkirche, dann die kleine im üppigsten Stil des 17ten Jahrhunderts verzierte Kapelle, in der das Wunderbild hängt: eine verwirrende Pracht von Spiegeln, Ampeln, Perlenschnüren, Putten, Lichtern, Weihgeschenken aus Gold und Silber glitzert und funkelt an den Wänden; dazwischen die hier wie überall in Polen dichtgedrängt inbrünstig knieende Gemeinde, Bauern und Bäuerinnen in weissen Kopftüchern, das Ganze in einer geheimnisvollen Halbdämmerung. Ein Mönch führte mich durchs Kloster. Die Bibliothek im vornehmen Stil des 17ten Jahrhunderts mit vielen schönen Manuskripten, geräumig und hoch, aber nicht so gross, dass ein Fürstbischof oder Cardinal sie nicht mit seiner Persönlichkeit füllen könnte, gehört zum grossen westeuropäischen Kulturkreis; ein ausgesprochen italienisch-römischer Geschmack waltet hier; während die Kapelle der Muttergottes, die Pracht und die Krüppel mehr an Spanien erinnern. Kiepert bei mir gefrühstückt. Er erzählte, er habe eben für Hindenburg ein Telegramm chiffriert, in dem befohlen werde, dass alle Bahnen an unserer Ostgrenze östlich der Linie Posen-Bromberg zur nachdrücklichsten Zerstörung vorbereitet werden sollen. Danach rechnet Hindenburg mit der Möglichkeit eines Vorstosses der Russen bis nach Posen und Westpreussen hinein. Ihre Spitze sollen zwei Cavallerie Corps bilden, die direkt auf Posen zumarschieren. Von Czenstochau nach Garnek zu Reszkes zum Essen; angenehmer Abend. Erinnerung an viele gemeinschaftliche Bekannte in Paris u London: Lady Ripon, Lady Juliet Duff, Lady Randolph Churchill, Reynaldo Hahn u. s. w. Reszke meinte, die Polen seien unfähig, sich selbst zu regieren; ihnen fehle das ganze nötige Personal. Er sang die „Wacht am Rhein“ und scheint, eine deutsche Verwaltung zu wünschen.

Paulinerkloster auf dem Jasna Góra in Częstochowa

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