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Bei Peng | 04.06.2020 | 574 Aufrufe | Artikel

Warum mögen Asiaten Bach?

Deutsche Musik trifft chinesische Malerei

Als Musikwissenschaftlerin ostasiatischer Herkunft begegne ich oft dieser Frage. Sie lässt sich natürlich aus vielerlei Hinsichten beantworten: Bach schrieb schöne fließende Melodien, die Harmonien in seiner Musik sind für alle asiatischen Ohren „hörerfreu(nd)lich“; man kann durch Bachs Musik eine Art Erhabenheit direkt empfinden, auch wenn man sich mit der christlichen Kultur sich nicht besonders gut auskennt etc.

Es gibt aber, von einer tieferen Betrachtungsebene gesehen, dabei vielleicht doch etwas über die Kulturen hinweg noch eminent Verbindendes – etwas das in der deutschen Musik tief verborgen ist, in ihr gründet, und das zugleich auch die Herzen von Menschen aus dem „Fernen (?) Osten“ bewegt, obwohl sie ihre kulturellen Umwelten auf einem anderen Erdboden errichtet haben.

Ein hervorragender Beijinger Maler, Herr Xiaoyuan Xue, beantwortet unsere Eingangsfrage nicht mit Worten, sondern mit seinem Pinsel. Seine Antworten schreiben sich von den Charakteren von Komponisten wie Bach her: Die Idee, Porträts von deutschen Komponistinnen und Komponisten sowie Musikerinnen und Musikern zu malen, entstand im Jahr 2019. Ich traf Herr Xue seinerzeit in Beijing. Damals war gerade sein neuer Bildband „Porträts der größten Denker der Welt“ erschienen. Von dem altchinesischen Konfuzianische Denker Mencius bis zu Hannah Arendt hatte er dafür einhundert Philosophen und Philosophinnen mittels traditioneller chinesischer Tuschemalerei porträtiert.

Im Rahmen eines netten Gespräches sind wir dann auf eine neue Idee bekommen: Es soll ein Bildband über weltberühmte Persönlichkeiten aus verschiedenen Musikkulturen entstehen, für das Xiaoyuan Xue jede Person malt und ich zum jeden Musikerporträt ein kurzes Essay auf Chinesisch beisteure.

Bereits nach einigen Tagen zeigte mir Herr Xue das erste Bild. Es handelte sich um ein Bild auf Basis der typischen Techniken und Stilform aus der chinesischen Tuschemalerei. Nur diesmal war, wie in diesem Genre sonst üblich, eben kein chinesischer Gelehrter der vergangen Jahrhunderte abgebildet, sondern — Richard Wager. „Ich liebe die Opern von Wagner und musste ihn daher zuerst mahlen.“

Das Bild ist etwa im Maßstab 1:1 gehalten, die Abbildung also etwa gleich groß wie ein echter Mensch. Auf dem dünnen Reispapier sieht man nur wenige Pinselstriche. Und doch sind dabei klar die bekannten Gesichtszüge Richard Wagners wiederzuerkennen. Das ist hochinteressant, weil man hier sozusagen ein bekanntes deutsches Gesicht wieder neu sehen lernt, quasi durch chinesische Künstleraugen schaut. Hier kann man parallel zu erspüren suchen, wie hier ein Vertreter chinesischer Kunst deutsche Kultur versteht.

Herr Xue verwendet bei seinen Arbeiten die originale Maltechnik traditioneller chinesischer Porträtmalerei, die er mit absoluter Meisterschaft und zugleich im Sinne einer eigenständigen Ausprägung beherrscht. In vormoderner Zeit wurden derart verfertigte Porträts als „gemalte Wirklichkeit“ (写真) oder auch „gemalter Schatten“ bzw., wie man es auch übersetzen könnte, als „gemaltes Widerspiegeln“ (写影) bezeichnet. Hierbei wurde betont, dass ein Porträt zuerst naturgetreu sein müsse. Su Shi (苏轼), ein berühmter Maler des elften Jahrhunderts, beschrieb das Porträt als reale Entsprechung zu einem durch Beleuchtung erzeugten Schatten oder Widerspiegeln auf einer polierten Oberfläche. Ein „Licht-(Schatten-)Bild“, so könnte man auch sagen – „nach der Natur“.

Über die reine Darstellung hinaus, sicher auch mit deren Realitätszuschreibung zusammenhängend, ist es in diesem Genre erforderlich, die Charaktereigenschaften oder zumindest einen wichtigen Charakterzug oder prägenden Zusammenhang bezüglich der abgebildeten Person adäquat mit zu repräsentieren. Auf Meister Xues Wagnerbild sieht man, dass die Augen, Mimik und Gestik sehr detailliert dargestellt sind, während die Körperhaltung und Kleidung in diesem Stil sekundär erscheinen und sogar teilweise durch große Flächen ersetzt werden können. Daher ergibt sich ein besonderer Effekt. Ähnlich wie in der modernen Porträtfotographie wird hierdurch die Fokussierung auf die Augen stark hervorgehoben.

Im Hintergrund dieser Art von Porträts folgt Xiaoyuan Xue teilweise der traditionellen Gepflogenheit, weitere Bezüge mittels einer Pflanze symbolisch anzudeuten. Im Falle des Porträts von Herbert von Karajan zum Beispiel finden sich in der Bildkomposition auch Lotosblumen. Der Grund dafür ist, dass Karajan, als er 1979 für seinen einzigen (historischen) Auftritt nach China kam, von der Schönheit des Lotus in einem der kaiserlichen Gärten Beijings geradezu überwältigt gewesen sein soll. Im Falle Wagners ist im Hintergrund keine Pflanze gemalt, sondern alternativ in diesem Fall der für Wagner wichtigste Ort, sein Opernhaus in Bayreuth.

Außerdem gehört zu jedem vollständigen Porträt noch ein in chinesischer Kalligraphie geschriebenes Gedicht, welches ebenfalls und in Verbindung mit dem Gemälde die Repräsentation und Reflexion von Person und Leben der bzw. des Porträtierten vertieft. Und der quasi obligatorische rote Siegelstempelabdruck des Künstlers, der wie eh und je den Urheber des Werkes ausweist, darf natürlich auch auf den Bildern Xiaoyuan Xues nicht fehlen.

Für jedes Porträt ist übrigens eine lange Vorbereitungszeit erforderlich: Alte Porträts und gegebenenfalls Fotos der jeweiligen Musikschaffenden werden einstudiert. Xiaoyuan Xue  vertieft sich in ihre Biographien. Am Wichtigsten ist für ihn aber natürlich, die Musik der zu malenden Komponisten zu hören: „Beim Hören der Musik fange ich damit an, mir die Person innerlich vorzustellen. In der Vorstellung wendet sich der Maler den folgenden Fragen zu: Was für eine Persönlichkeit hat dieser Mensch? Was hat er erlebt? Wie mag er bzw. sie das Gesicht und den Körper bewegt haben? „Irgendwann sehe ich mich dann innerlich, d. h. in der Vorstellung, dieser Person gegenüber. Was man dann noch machen muss, ist diesen inneren Eindruck mittels der richtigen Stiche adäquat auf Papier wiederzugeben.“

Es ist hier interessant zu bemerken, dass der Malprozess selber in diesem Fall vor allem eine Zeitkunst bedeutet: Die ganze Verlaufsstruktur der Hervorbringung und jede einzelne  Pinselbewegung sind im Ganzen in der Vorstellungskraft des Künstlers geistig ausgereift, bevor er überhaupt den Pinsel ansetzt. Die Verwirklichung dieser inneren Anschauung des Prozesses der Hervorbringung wird durch das nachfolgende Aufmalen in der laufenden Zeit realisiert. Xiaoyuan Xue malt freihändig, er verfügt natürlich über große Erfahrung und perfekte Technik.

In gewissem Sinne ähnelt sein malerisches Schaffen dem Schaffensprozess eines Komponisten. Auch ein Komponist sollte idealerweise die gesamte Form, die harmonische Struktur, die Melodien, Rhythmen und Instrumentation usw. des gesamten Musikstückes vorher genau durchdenken, bevor er es dann in Noten aufschreibt. Ein Extrembeispiel wäre Mozart, der seine Stücke schon ganz fertig im Kopf gehabt haben soll, bevor er daranging, sie in Noten aufzuschreiben.

Was ich speziell an Xiaoyuan Xues künstlerischem Weg äußerst interessant finde ist, dass er mit seiner Kunst eine Möglichkeit aufzeigt, wie man sein ästhetisches Gefühl und sein Denken für andere Kulturen bzw. auch andere Kunstsparten transdisziplinär öffnet, um aktiv von anderen zu lernen, dabei aber trotzdem die eigenen Traditionen und übereignete künstlerische Darstellungsmittel gleichzeitig auch bewahrt. Einen neuen Horizon anzueignen sollte in jedem Fall Zugewinn bedeuten, in keinem Fall aber Verlust. „Aber das Eigene will so gut gelernt sein wie das Fremde“, hat Friedrich Hölderlin einmal gesagt.

So schafft man auch im transkulturellen Rahmen echte kulturelle Integration. 

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