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Bei Peng | 01.10.2013 | 941 Aufrufe | Interviews

Ein Ort der Tradition in einer Welt der Moderne

Interview mit Zhang Xinming über die Guishan-Akademie

Prof. Zhang Xinming gilt als einer der wichtigsten Konfuzianer des gegenwärtigen China. Im Jahre 2002 gründete der renommierte Philosoph auf dem Campus der Universität Guizhou eine traditionelle konfuzianische Schule mit dem Namen Guishan Shuyuan. Im Rahmen dieser Institution unterrichtet er nicht nur konfuzianische sowie buddhistische Klassiker, sondern praktiziert mit den Studenten unter anderem auch konfuzianische und chan-buddhistische Meditations- und Kalligraphieübungen. Seine akademischen Forschungsinteressen erstrecken sich über weite Felder chinesischer Philosophie, Literatur und Geschichte. Er ist Autor von 14 Werken über Konfuzianismus und Chan-Buddhismus.

Prof. Zhang Xinming

"Die traditionelle chinesische Kultur erwacht vielerorts und in mannigfachen Aspekten zu neuem Leben"

Peng: Wir befinden uns jetzt in der Guishan-Akademie, die von Ihnen geleitet wird. Können Sie etwas zur Entstehungsgeschichte dieser traditionellen Schule erzählen?

Zhang: Die Guishan-Akademie wurde 1735 gegründet. Im Jahre 1902 wurde die Akademie dann in eine Universität nach westlichem Muster umstrukturiert. Dies ist unsere heutige Universität Guizhou. Geht man hingegen wiederum noch weiter zurück vor das Gründungsdatum der Guishan-Akademie, so ist darauf hinzuweisen, dass der wichtige neokonfuzianische Philosoph und Chan-Buddhist Wang Yangming hier Anfang des 16. Jahrhunderts seine Philosophie entwickelt und gelehrt hat. Unsere wieder neu gegründete, nach traditionellem Muster eingerichtete Guishan-Akademie hier auf dem Campus der Universität Guizhou basiert vor diesem Hintergrund auf der Philosophietradition, die auf Wang Yangming zurückgeht.     

Peng: Im letzten Jahr haben Sie das zehnjährige Jubiläum der von Ihnen wieder neu gegründeten Guishan-Akademie gefeiert. Gab es in den vergangenen Jahren einige bedeutsame Veränderungen?

Zhang: Die derzeitige Entwicklung der traditionellen Guishan-Akademie begleitet die aktuellen Veränderungen der kulturellen Umwelt Chinas. Vergleicht man die letzten zehn Jahre mit der Zeit während oder kurz nach der Kulturrevolution, so hat sich nicht nur die Lebensart, sondern auch das Bewusstsein der Chinesen sehr verändert. Als ich begann diese Akademie zu planen, habe ich mir noch Sorgen gemacht, ob eine traditionelle Schule in unserer Zeit überhaupt akzeptiert werden würde. Im Jahre 2006 haben wir eine große Statue von Konfuzius vor der Akademie aufstellen lassen und dachten noch, dass es vielleicht Leute geben könnte, die etwas dagegen haben würden. Aber alles lief gut. Das Denken der Menschen hat sich in den letzten zehn Jahren gewissermaßen fließend und ruhig geändert. Obwohl die traditionelle chinesische Kultur in den letzten einhundert Jahren einige Umbrüche mitgemacht hat, ist die Lebenskraft der traditionellen chinesischen Kultur trotz aller Schwierigkeiten ungebrochen. Nachdem nun gewissermaßen das Gröbste überstanden ist, erwacht die traditionelle chinesische Kultur vielerorts und in mannigfachen Aspekten zu neuem Leben und die chinesische Gesellschaft wird dadurch nahezu unmerklich neu ausgerichtet.

Peng: Besteht Kontakt zwischen Ihrer Schule und wissenschaftlichen Institutionen im Ausland?

Zhang: Ja. Wir stehen regelmäßig im Kontakt mit Forschern aus Japan, Korea, den USA und aus Kanada. Dazu zählen Philosophen, Sinologen und Kulturwissenschaftler. Eine interessante Kooperation ergab sich mit einer Universität in Hongkong. Es handelte sich um eine neurologische Untersuchung, die daraufhin angelegt war, organisch-biologische Auswirkungen der traditionellen Chan-Meditation zu beobachten. Die entsprechenden Forschungsergebnisse werden bis heute noch intensiv in der asiatischen  Buddhismusforschung diskutiert.

Peng: Können Sie kurz aus chinesischer Perspektive erklären, was man unter Chan-Meditation zu verstehen hat?

Zhang: Meditation kann zu einer besonderen Form religiöser Erfahrung werden. In China spricht man von Meditation als einem Nähren des Qi und des Körpers. In der Meditation verschmilzt Reflexion der Welt mit einer hochkonzentrierten körperlichen Selbstwahrnehmung. Damit realisiert sich eine Einheit von Bewusstsein und Körper, von Herzgeist und Handlung – wobei alle Dinge je-meiniger Welt einschließlich des ganzen Körpers, des ganzen Herzens und der Seele der Person, die gerade meditiert, eine Einheit eingehen. Es ist ein wunderbarer Moment …      

"Die Lehren vom Dao sind die Fixpunkte der chinesischen Kultur"

Peng: Ihre Akademie wird auch als „Akademie für chinesische Kultur“ bezeichnet. Was ist für Sie die zentrale Idee der chinesischen Kultur?

Zhang: Das Besondere an der chinesischen Kultur ist, dass die kulturelle Entwicklung im Zeichen des genuinen Begriffes des Dao steht. Dao ist nicht als Gott oder Gottheit – schon gar nicht etwa in einem anthropomorphen Sinne – zu verstehen. Dao ist überall, im ganzen Weltall. Die Erfahrungen und das Denken der Menschen um das Thema Dao haben ein Kultursystem bedingt und werden lassen, das wiederum insbesondere in nahezu der gesamten klassischen Philosophie, Literatur, Musik usw. sich großartig widergespiegelt findet. Die Lehren vom Dao sind die Fixpunkte der chinesischen Kultur. Dao ist einerseits das Unsagbare am schöpferischen Prozess des Universums, andererseits drückt es sich in aller erscheinenden Phänomenalität desselben aus. Alle Reflexionen des Lebens, alle Kunstschöpfungen und jedwedes traditionelle philosophische Denken sowie  im kulturspezifischen Sinne wissenschaftliche Untersuchungsweisen im Kontext der traditionellen chinesischen Kultur versuchen Dao auszudrücken. Seinen Anfang nahm das Verständnis des Dao während der (von Karl Jaspers so benannten) Achsenzeit, d.h. im 7./6. Jahrhundert v. Chr. Darauf deuten wir symbolisch auch mit besagter Konfuziusstatue – weil Konfuzius die zentrale historische Gestalt dieser Zeit ist. Konfuzius bewirkte eine Vereinigung von Religiosität und einer kulturspezifischen Weise von Humanismus.
Der zentrale Gedanke Konfuzius‘ ist mit dem Begriff ren ai (zwischenmenschliche Liebe) erfasst. Der Begriff steht im familienähnlichen Verhältnis zu Begriffen wie yi (Gerechtigkeit), fei gong jian ai (nicht kämpfen, aber lieben) der sogenannten mohistischen Philosophenschule. Er überschneidet sich bedeutungshalber mit dem Begriff tian li (himmliche Ordnung) bei dem wichtigen Philosophen Zhu Xi. Auch die Rede von liang zhi (gutes Gewissen) bei Wang Yangming ist bedeutungsverwandt zu jenem Begriff ren ai (zwischenmenschliche Liebe).
Die Ausdrucksweisen bzw. Begrifflichkeiten dieser Denker weichen teilweise voneinander ab; auch  die Problematiken, von denen sie ausgehen, sind zum Teil unterschiedlich zu fassen. Die zentrale Idee, die allem unterliegt, bleibt aber die des Dao: Dao steht höher als das einzelne menschliche Leben. Dao ist zugleich aber auch unmittelbar mit dem menschlichen Leben verbunden. „Der Mensch, der seinen Herzgeist kennt, erkennt den Himmel (Dao).“ Umgekehrt heißt es: „Wenn man das Dao kennt, erkennt man auch den eigenen Herzgeist.“ Der Herzgeist verursacht das von Bewusstsein geprägte Handeln der Menschen. Dabei kann ich z.B. den Tisch erkennen, weil ich den Begriff des Tisches habe. Dieser Begriff kommt aus meinen Herzgeist. Mein Herzgeist kommt von Himmel bzw. ist im Ganzen des Dao integriert. Die Transzendente bildet mit dem Wirklichen eine Einheit. Beides steht in der Beziehung von ti (Grund) und yong (Wirkung).

Der neokonfuzianische Philosoph und Chan-Buddhist Wang Yangming

"Die Menschen vergessen, die Klänge der Natur zu hören"

Peng: Wir leben heute in einem globalisierten Informationszeitalter. Welche Funktion hat der Konfuzianismus in der modernen Gesellschaft?

Zhang: Wir haben heute viele Möglichkeiten, um Informationen zu bekommen. Dazu gehören positive und negative, gute und schlechte Informationen: Negative und schlechte Informationen „verschmutzen“ den menschliche Herzgeist sehr. Die Menschen verschwenden ihre Lebenszeit, indem sie solcherart Informationen nachhängen. Kurz gesagt: Die Menschen vergessen, die Klänge der Natur zu hören, die Glocken von Tempeln und Kirchen zu hören. Viele Informationen werden gezwungenermaßen und zwanghaft aufgenommen. Die traditionelle chinesische Kultur betont die Suche im eigenen Herzgeist, um Dao zu erfahren: Zurück zu tian xing, zum natürlichen Grundcharakter des Menschlichen. Es ist aber sehr schwer, dies den Menschen in der heutigen Zeit wieder nahe zu bringen. Ich hoffe, dass unsere Akademie so einen Ort sein kann, der Interessierten einen ruhigen Ort zum Nachdenken bietet.

Peng: Mehr und mehr ausländische Leute interessieren sich für chinesische Kultur. Haben Sie einen Vorschlag für sie, um einen Zugang zur traditionellen chinesischen Kultur zu finden?

Zhang: Um die chinesische Kultur verstehen zu lernen, muss man zuerst die chinesische Sprache lernen. Es gibt leider keinen Umweg. Es ist schwer, aber machbar. Durch eine Sprache eröffnet sich eine neue Welt. Mit der chinesischen Sprache in die Welt(en) der chinesischen Kultur zu reisen, bereitet große Freude. Darüber hinaus möchte ich festhalten: In unserer Zeit gibt es immer mehr weltweite Probleme. Wenn man bei der Lösung derartiger Probleme auch Ideen der traditionellen chinesischen Kultur mit in der Erwägung ziehen würde, so wäre dies sehr hilfreich. Es handelt sich um die Erfahrungen einer anderen Kultur, die auf Jahrtausende erfolgreichen Umgangs mit verschiedensten Problemen zurückblicken kann. Wenn man diese historischen Problemlösungsstrategien mit den Erfahrungen zusammenbringt, die aus der westlichen Geschichte erwachsen, d.h. wenn man östliche und westliche Sichtweisen vereinigt – die Vorteile der östlichen und westlichen Kultur zusammenschließend – dann gibt es mehr Möglichkeiten! Die jeweiligen Visionen des Menschseins sind zu erweitern. Wir leben auf derselben Erde. Wir sind neugierig auf den Mars – warum kann man nicht auch mit einem Fuß in einer anderen Kultur stehen?    

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