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Bei Peng | 10.09.2013 | 4095 Aufrufe | Interviews

Die Rolle der traditionellen chinesischen Musik in der chinesischen Kultur

Interview mit Gong Nili in Guiyang, VR China

Es ist ein sonniger Frühlingsnachmittag in der Provinzhauptstadt Guiyang in Südwestchina. Ich treffe mich mit Frau Prof. Gong Nili in ihrer Wohnung in der Nähe des Unicampus. Frau Gongs Wohnung ist zwar, was den eigentlichen Wohnbereich betrifft, nicht sehr groß, beinhaltet aber dazu noch drei Arbeitszimmer voll mit Büchern. An der Wand hängt ein traditionelles chinesisches Instrument, eine Qin-Zither. „Wir haben einen Verein der Qin-Freunde an der Uni“, sagt Frau Gong. „Immer mehr und mehr Leute wollen an unserer Gruppe teilnehmen. Qin-Spielen ist ein traditioneller chinesischer Weg der Selbstkultivierung.“ Wie in China üblich, kommt das weitere Gespräch erst in Gang, als eine Tasse mit heißem Grüntee vor der Besucherin steht.

Prof. Gong Nili

"Musik bedeutet eine Einheit des menschlichen Herzgeistes und der natürlichen Klänge"

Peng: Frau Gong, ich freue mich sehr, dass ich Sie heute wiedersehen darf. Das letzte Mal  haben wir uns im Jahre 2009 getroffen. Wir hatten ein sehr interessantes Gespräch über chinesische Musik. Heute möchte ich Sie als Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung in Deutschland weiter zu diesem Thema interviewen.

Gong: Ja, sehr gerne! Wie ich weiß, interessieren sich immer mehr ausländische Leute für die lebendige Geschichte der chinesischen Kulturtradition. Ich hoffe, dass sie dabei auch gerne chinesische Musik hören und verstehen möchten.

Peng: Können Sie uns einmal ganz allgemein erklären, welche Rolle die chinesische Musik in der chinesischen Kultur spielt?

Gong: In der traditionellen chinesischen Kultur ist die Musik nicht nur eine bloße Kunstform, die gleichwertig neben anderen steht. Sie stellt vielmehr eines der wichtigsten Kulturphänomene dar. Das Musikverständnis der Chinesen ist von Anfang an ein besonderes: Musik bedeutet eine Einheit des menschlichen Herzgeistes und der natürlichen Klänge. Von jeher gilt die Musik als das vereinigende Band von Natur, Menschen und Gesellschaft. In den drei Grundströmungen des Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus wird Musik als höchste Form und höchster Ausdruck des Lebens aufgefasst.
     
Peng: Wie sind die Verbindungen zwischen traditioneller chinesischer Musik und anderen chinesischen Kunstformen, z.B. Malerei, Kalligraphie und Tanz, zu denken?

Gong: Interessanterweise sind fast alle traditionellen chinesischen Kunstformen im weiteren Sinne sehr „linear“ angelegt. Die Kalligraphie basiert auf einzelnen Pinselstrichen. Auch in der Malerei sind die Linien wichtiger als beispielsweise die Farbe. Entsprechend wird auch in der traditionellen Architektur großer Wert auf die Linienführung der Gebäude gelegt. Die traditionelle chinesische Musik kennt keine Harmonien im engeren Sinne, wie sie in der westlichen Musik so wichtig sind. Auch hier steht eine „lineare“ Bewegung im Zentrum, nämlich die der Melodie.

"Die drei wichtigsten ästhetischen Merkmale der traditionellen chinesischen Musik"

Peng: In ihren Büchern konzentrieren Sie sich sehr auf den Schönheitsbegriff der traditionellen chinesischen Musik. Was denken Sie, was sind im Allgemeinen die basalen Unterschiede zwischen möglichen traditionell chinesischen Begriffen von Schönheit und einem möglichen traditionellen europäischen Begriff von Schönheit in der Musik?  

Gong: Die ursprüngliche chinesische Musik, die noch nicht mit westlicher Musik in Berührung kam, hat ganz allgemein einen ganz anderen ästhetischen Charakter als mögliche Erscheinungsformen westlicher Kunstmusik. Ich möchte hier die drei wichtigsten ästhetischen Merkmale der traditionellen chinesischen Musik erwähnen:

1.) Auf Chinesisch wird das Zeichen für ‚yue‘ (Musik) gleich geschrieben wie das für ‚le‘ (Fröhlichkeit). Diese Gleichheit der Schreibweise verweist auf ein Grundcharakteristikum des ursprünglichen chinesischen Musikverständnisses. Einfach gesagt: Musik ist das, was alle Menschen zusammen hören und was sie dabei gemeinschaftlich erfreut. Dieses gemeinsame Freudeempfinden der Menschen im Ertönen von Musik hängt nicht nur an der leiblichen Wahrnehmung auf Basis einer für alle gleichen somatisch-psychischen Grundkonstitution, sondern ist dabei zudem mit der ethischen Grundordnung der Gesellschaft verbunden. Wie Konfuzius klassischerweise sagt: Die Sitte trennt die Menschen (indem sie verschiedene, gegeneinander abgegrenzte soziale Schichten bedingt), die Musik hingegen bringt sie alle zusammen. Das Zusammentreffen unterschiedlicher und der Sitte entsprechend ansonsten gegeneinander abgegrenzt lebenden Menschen beim Musikzieren (oder Musikhören) erzeugt eine Verbindung. Musik, die die Menschen zusammenbringt, ist in diesem konfuzianischen Sinne schön. Für Konfuzius ist mit Musik dabei zuerst rituelle Musik gemeint. Gleichzeitig kritisiert er eine Art von zügelloser Musik (yin yue), die in den Menschen seiner Ansicht nach bloß ein oberflächliches und zugleich erregendes Klangempfinden evoziert. Eine solche fehlgehende Art von Musik stört für Konfuzius im übertragenen Sinne die Gesundheit der Gesellschaft.   
            
2.) Philosophisch gesehen bedeutet Musik für die Chinesen aus traditioneller Perspektive zudem die Verbindung von Himmel und Erde. In diesem Sinne untergliedert sich Musik in himmlische Musik (tian lai), irdische Musik (di lai) und menschliche Musik (ren lai). Die Konfuzianer konzentrieren sich vor diesem weiteren philosophischen Hintergrund auf die Beziehung von Mensch und Musik. Themen sind dabei z.B. das Verhältnis von Herzgeist und Klang, Empfindung(en) und Ordnung(en), melancholischem und freudigem Empfinden im Blick auf Charakterbildung und Tugenden usw. Die Rahmensetzung dabei ist die Dreiecksbeziehung von Musik, Ethik und Politik. Die Musik ist ein wichtiger Teil der konfuzianischen Ausbildung. Damit im Zusammenhang stehend wird klassischerweise ein „Sitte-Musik“-Denksystem entwickelt. Die Musik ist im konfuzianischen Sinne dann schön, wenn sie zuerst gut und ethisch ist.

Eine andere Gruppierung – die religiöse und philosophische Strömung der Daoisten – favorisiert hingegen eine Weise von Musik, die grundsätzlich als mit dem Naturgeschehen eng verbunden aufgefasst wird. Die Musik muss in ihrem Sinne von Zweckhaftigkeit frei bleiben und mit der Natur harmonieren. Dann ist sie schön. Für die Daoisten ist die höchste Ebene von Musik der „klanglose Klang“. Dieser bedingt „die Harmonie von Himmel und Erde“. Die beiden grundsätzlichen Musikauffassungen der Konfuzianer und Daoisten stehen zwar im Gegensatz zueinander. Sie wurden aber im Laufe der chinesischen Musikgeschichte immer wieder fruchtbar kombiniert. In vielen chinesischen Musikwerken wurde versucht, beide ästhetischen Grundausrichtungen zusammenzubringen.   
  
3.) Schließlich ist der Gesichtspunkt der Schönheit der Harmonie zu beachten: Harmonie (hexie) ist der wichtigste Grundbegriff der traditionellen chinesischen Weltanschauung und davon ausgehend auch die Grundlage des Musikverständnisses und des entsprechenden Schönheitsideals. In verschiedenen chinesischen Denkrichtungen, wie Konfuzianismus, Daoismus und Buddismus fächert sich dabei die Reflexion der Harmonie der Musik in verschiedene Bedeutungen auf:

Harmonische Musik ist für die Konfuzianer „Freude evozierend, aber nicht übermäßig/überschwänglich“. Es ist ein Grundanliegen der Konfuzianer, die Menschen mittels derartiger Musik zu harmonisieren. Daoisten wie Zhuangzi loben eher Musik, die gefühlsneutral und ruhig ist, weil sie mehr von menschlicher Emotion unabhängig zu denken ist und daher besser dem sich in allem offenbarenden harmonischen Fluss des Naturwerdens entspricht. Allgemein kann man sagen, dass die traditionelle chinesische Musik eine Musik mit natürlich fließenden und beweglichen Melodien, angemessenen Rhythmen und reichem Klangfarbenspektrum sowie einem geruhsamen Charakter ist.

Chinesische Musikinstrumente

"Veränderungen der chinesischen Musik in unserer Zeit sind ein komplexes Thema"

Peng: Wenn man heutzutage chinesisches Fernsehen schaut oder Radio hört, stößt man nicht nur auf traditionelle Musik, sondern auf reichlich Popmusik und europäische klassische Musik. Hat sich der Musikgeschmack der modernen Chinesen in unserer Zeit radikal verändert?

Gong: Im Großen und Ganzen sind die Veränderungen der chinesischen Musik in unserer Zeit ein komplexes Thema. Diese Komplexität ergibt sich eben über den zusätzlichen Einfluss der europäischen klassischen Musik sowie der Popmusik – und nicht zu vergessen: den Einfluss der Musik der anderen chinesischen Ethnien in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt.

Kurz zum historischen Hintergrund: Ende des 19. Jahrhunderts war China bekanntlich in großen Nöten. Das Kaisertum war zerfallen und das darauffolgende soziale Chaos bahnte sich als Anzeichen eines umfassenden soziokulturellen Transformationsprozesses an. Manche Chinesen wollten in diesem Zusammenhang traditionelle Formen der Bildung abschaffen und rein westlich fundierte Ausbildungsformen in China durchsetzen, um eine neue Gesellschaft nach europäischem Zuschnitt zu errichten. Dies betraf auch die Musikausbildung. Methoden europäischen Musikunterrichts sowie westliche Musiktheorie und Musikinstrumente wurden in neuartigen, nach westlichem Vorbild eingerichteten Schulen schnell verbreitet. Ganz bewusst wurde eine Art „neuer chinesischer Musik“ entwickelt. Die entsprechenden Kontexte starker gesellschaftlicher Veränderungen, insbesondere auch im Rahmen der zerstörerischen Auswirkungen zweier Weltkriege, lange Bürgerkriege und dann auch noch die Kulturrevolution haben die Tradition der chinesischen Musik exorbitant beeinflusst: Im Allgemeinen hat sich das traditionelle Schönheitsempfinden hinsichtlich  Harmonie und Musik in China sehr verändert. Die Menschen gewöhnten sich an ausdrucksvolle Musikformen mit heldenhaftem und leidenschaftlichem Gestus. Viele Komponisten versuchen seitdem chinesische Melodieformen mit westlichen Harmonie- und Instrumentationskonzepten zu verbinden. Später kam dann zusätzlich ab den 80er-Jahren von Hongkong und Taiwan her die Popmusik auch im festlandschinesischen Bereich in Mode.

Die verschiedenen Einflüsse westlicher Musikformen in China haben ihre positive und negative Seite. Diesbezüglich ist die musikwissenschaftliche Diskussion immer noch in vollem Gange.  

Peng: Die Globalisierung übt notwendigerweise einen starken Einfluss auf die chinesische Kultur aus. Was ist hiervon ausgehend für die zukünftige Entwicklung der chinesischen Musik zu erwarten?

Gong: Die zukünftige Entwicklung der chinesischen Musik wird sicher multilateral zu denken sein. Einerseits wird die chinesische Musik immer auf ihrer eigenen kulturellen Basis zu stehen haben, die auf einzigartige Weise kulturgeschichtlich gewordenen ist. Andererseits wird aber auf diesen Fundierungsebenen auch die moderne Musiktheorie und Kompositionstechnik weiter erlernt und absorbiert werden. Durch eine neue Generation von Musikern und Komponisten wird eine chinesische Musik mit einem neuen Möglichkeitsspektrum die internationale Musikszene sicher bereichern.

Peng: Vielen Dank für Ihre kurze Einführung zur chinesischen Musikästhetik. Ich habe tatsächlich Lust bekommen, Qin zu spielen, um diese alte Schönheit genießen zu können.

Profil der Wissenschaftlerin Prof. Gong Nili

Prof. Gong Nili wurde in eine chinesische Musikerfamilie in Südwestchina hineingeboren. Sie lehrt an der Universität Guizhou die Fächer Musikwissenschaft und Literaturwissenschaft. Einer ihrer Schwerpunkte ist die traditionelle chinesische Musikästhetik. Sie hat wichtige Bücher auf diesem Gebiet publiziert.

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