Login

Registrieren
merken
Prof. Dr. Peter Miglus | 04.04.2011 | 4287 Aufrufe | Artikel

Neues aus dem Irak – Ausgrabungen in Bakr Āwa 2010

von Ulrike Bürger und Peter A. Miglus

Erstmals nach dem Krieg 2003 fand wieder eine deutsche Ausgrabung im Irak statt. Sie wurde von August bis Oktober 2010 vom Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie der Universität Heidelberg durchgeführt und von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert.

Zoom
Google Earth Link (720 bytes)

Der Grabungsort Tall Bakr Āwa liegt in der kurdischen Provinz Sulaimaniya, in der südlichen Shahrizur-Ebene nahe der Stadt Halabja an der irakisch-iranischen Grenze. Er umfasst eine Fläche von über 40 ha und seine Unterstadt wird von einem fast 40 m hohen Zitadellenhügel überragt. In den Keilschriftexten des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. wird die Region als Land der Lullubäer bezeichnet, Quellen des 9.‑7. Jahrhunderts v. Chr. berichten, dass das Gebiet zur neuassyrischen Provinz Zamua/Mazamua gehörte; eventuell handelt es sich bei Bakr Āwa um das antike Atlila, das von Assurnasirpal II. eingenommen und als Dūr-Aššur neu gegründet worden war.

Erste Informationen zu dem Fundort lieferten europäische Reisende bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, reguläre Ausgrabungen wurden jedoch erst 1960 und 1961 vom irakischen Directorate General of Antiquities durchgeführt. Seitdem war die Forschungstätigkeit in Kurdistan aufgrund der schwierigen politischen Verhältnisse weitgehend zum Erliegen gekommen und konnte erst in jüngster Zeit wieder aufgenommen werden. Im Rahmen eines irakisch-deutschen Kooperationsprojektes fand bereits im Herbst 2009 ein archäologischer Survey in der Shahrizur-Ebene statt und im Sommer 2010 folgte die erste Grabungskampagne auf Tall Bakr Āwa.

Eines der vornehmlichen Ziele der Grabung war die Erfassung einer möglichst vollständigen Schichtenabfolge der Unterstadt, an deren Ostrand zwei Schnitte angelegt wurden. Nach dem ersten Golf-Krieg hatte die lokale Bevölkerung in der gesamten Shahrizur-Ebene intensive Raubgrabungen betrieben, so dass neben vielen Gruben unterschiedlicher Zeitstellung auch unzählige bis zu 2,50 m tiefe Raublöcher die stratigraphische Interpretation erschwerten.

Zoom

Als besonders stark gestört erwiesen sich die oberen drei bis vier Schichten, aus denen sich der islamische Horizont zusammensetzte. Im nördlichen Grabungsabschnitt fanden sich dicht unter der Hügeloberfläche mehrere beigabenlose Bestattungen. Die wenigen architektonischen Reste, Mauerzüge und Kieselpflaster, ergaben kein zusammenhängendes Bild, auffällig war lediglich die Häufung von Tannuren im südlichen Grabungsabschnitt. Das Fundspektrum umfasste vor allem Keramik und Glasringfragmente, aber auch Metall- und Steinartefakte sowie größere Bruchstücke von verzierten Terrakottabecken.

Direkt unter dem islamischen folgte ein eisenzeitlicher Horizont mit fünf Hockerbestattungen unterschiedlicher Ausrichtung und einem zweiphasigen Steinpflaster, auf dem zwei Rinderschädel deponiert lagen. Teile der Keramik gehörten einer feinen bis mittelfeinen, geglätteten Ware mit rotem Überzug an, einige Scherben zeigten Applikationen von Bovidenköpfchen mit Kreisaugenmuster. Für zwei charakteristische Schalentypen finden sich Parallelen in urartäischen Siedlungen des NW-Iran sowie in medischen Kontexten, sie datieren überwiegend ins 8. Jahrhundert v. Chr. Ein weiterer Formtypus rundbodiger Becher weist dagegen auf Kontakte mit dem assyrischen Raum hin.

Aus der Spätbronzezeit (1600–1200 v. Chr.) stammen zwei Rollsiegel aus Fritte, eines gehört dem ‘Common Style’ der Mittani-Glyptik an und zeigt zusätzlich elamische Einflüsse, während es sich bei dem zweiten um ein grob gearbeitetes ‘Cut Style’-Siegel mit einfachem geometrischen Muster handelt.

Zoom

Die Besiedlung auf Bakr Āwa erlebte ihre Blüte in der Mittelbronzezeit (2000–1600 v. Chr.), im archäologischen Material dieser Epoche spiegeln sich über den gesamten mesopotamischen Raum reichende kulturelle Kontakte wider.

Im nördlichen Abschnitt wurde eine Nachuntersuchung eines 20 × 30 m großen Wohngebäudes, das bereits während der Altgrabungen erfasst worden war, durchgeführt. Dabei wurde die Hauptraumgruppe mit dem zentral vom Hof her erschlossenen Vorraum und dem dahinter geschalteten Hauptraum freigelegt, auch das Hofareal selbst sowie Teile des Südost- und Nordwestflügels wurden erforscht. Die Architektur entspricht dem Typus des Hofhauses, der damals für das südlich benachbarte Babylonien charakteristisch war. Über dem verfallenen Gebäude entstand eine Siedlungsschicht, zu der auch ein Grab mit zwei Hockerbestattungen gehörte. Die Beigaben umfassten eine Nadel, einen Ring, eine Lanzenspitze und einen Dolch aus Bronze sowie drei Gefäße; sie weisen sowohl lokale Bezüge in die Diyala-Region als auch nach Norden in den altassyrischen Raum auf.

Weitere Hausgrundrisse, ein Lehmziegelgebäude sowie ein Bauwerk mit Steinfundamenten, wurden im südlichen Grabungsabschnitt angeschnitten.

Dem gleichen Horizont zugehörig war eine Gruftanlage, die eine Woche vor dem geplanten Grabungsende zum Vorschein kam. Es handelte sich um einen unterirdischen Grabbau in Ringschichtentechnik, dessen Bauweise ebenso wie die des Hofhaustypus' nach Babylonien weist. Die aus Formziegeln errichtete Kammer maß ca. 2,50 × 1,50 m und war nur etwa einen Meter hoch, acht Individuen waren darin beigesetzt worden. Trotz einer bereits in der Antike erfolgten Beraubung fanden sich unter dem Versturz noch zahlreiche Beigaben, bronzene Waffen, zwei Dolche und eine Lanzenspitze, Gewandnadeln und Schmuck, darunter Lockenringe aus Gold bzw. Silber sowie über hundert aus Halbedelsteinen gefertigte Perlen. Auch fragmentierte Kupferbecher sowie Keramik gehörten zum Gruftinventar, es hatten sich jedoch nur vier Gefäße vollständig erhalten. Die Funde besitzen vor allem Parallelen im mittel- und nordmesopotamischen Raum, für die Waffen lassen sich sogar Bezüge bis in die Levante feststellen.

Es deutet sich an, dass Bakr Āwa auch schon im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. großflächig besiedelt war, die Erforschung der entsprechenden Schichten sowie des eisenzeitlichen Horizontes auf dem Haupthügel ist für die anstehende Grabungskampagne im Sommer 2011 geplant.

Zoom

Kommentar erstellen

2WEX