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Prof. Dr. Peter Miglus | 27.08.2010 | 8078 Aufrufe | 4 | Artikel

Im Land der Berge - archäologischer Survey im irakischen Kurdistan

Peter A. Miglus, Simone Mühl

Im Herbst 2009 führte ein kleines Team des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie in Heidelberg einen Survey in der Provinz Sulaimaniya im irakischen Kurdistan durch. Als Prospektionsgebiet wurde die Shahrizor Ebene am Tanjero-Fluss ausgewählt. Dieses Gebiet zwischen Sulaimaniya und Halabja ist von den Zügen des Zagros-Vorgebirges an der Grenze zu Iran eingeschlossen. Pässe im Norden und Süden verbinden es mit den Ebenen westlich von Kirkuk und dem Diyala Gebiet. Eine weitere Route führt nach Erbil.

Das Gebiet war über Jahrtausende hinweg Ziel zahlreicher Feldzüge mesopotamischer Herrscher. Ihnen ging es um mehr als die Bergvölker zu zügeln. Wichtig war die Kontrolle einer fruchtbaren Region, die zudem einen Zugang zu Rohstoffquellen im Zagros-Gebirge sicherte. Es gelang immer nur kurzzeitig die Herrschaft über das militärisch schwierige Gelände zu halten, wie Inschriften assyrischer Könige belegen.

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Der Survey

Die Shahrizor-Ebene wurde bisher nur wenig erforscht. Bekannt wurde sie durch den Reisebericht von Ephraim Speiser, der diese Gegend 1927 aufsuchte. Später fanden dort Rettungsgrabungen anlässlich des Stauseeprojekts Darband-i Khan Damm am oberen Diyala. Damals führte der irakische Antikendienst Ausgrabungen in Bakr 'Awa, Tell Shamlu, Yasin Tepe und Arbat durch. Für den Atlas archäologischer Stätten im Irak wurden über 700 Siedlungshügel registriert.

Mit dem neuen Survey, einer Zusammenarbeit der Universität Heidelberg und der Antikenbehörde der Provinz Sulaimaniya, sollen alte Angaben verifiziert und vervollständigt werden. Im Herbst 2009 wurden zunächst zwanzig Fundorte nordöstlich des Tanjero-Flusses untersucht.

Die hier präsentierte Forschungsreise wurde vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) gefördert.

Bakr `Awa

Der Fundort Bakr `Awa (auf der Surveykarte Nr. 10) befindet sich ca. 70 Kilometer südöstlich der kurdischen Provinzhauptstadt Sulaimaniya, in der Nähe der Stadt Halabja an der irakisch-iranischen Grenze. Die Siedlungsreste umfassen einen fast 40 m hohen Zitadellenhügel von etwa 300 m Durchmesser und eine ca. 700 x 600 m große Unterstadt.

Erste Beschreibungen von Bakr `Awa lieferten James Felix Jones, der es im Jahr 1844 besichtigte, und Ephraim Speiser. Der letztere legte dort im Jahre 1927 kleine Schnitte an. Eine reguläre Ausgrabung führte das irakische Directorate General of Antiquities in den Jahren 1960 und 1961 durch. Nach den bisherigen Erkenntnissen war dieser Ort von der Uruk-Zeit (4. Jahrtausend v. Chr.) bis zur osmanischen Periode besiedelt.

Der antike Name der Siedlung ist noch nicht gesichert: Ephraim Speiser identifizierte Bakr `Awa anhand der Annalen Assurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) mit der Stadt Atlila, die dieser König in Dūr-Aššur umbenannte.
  

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Sulaimaniya

Sulaimaniya erlangte erst in der Neuzeit als eine der kurdischen Provinzhauptstädte politische Bedeutung. Die 1784 gegründete Stadt entwickelte sich in den letzten Jahren zu einer schnell expandierenden Millionenstadt. Hinweise auf antike Vorgängersiedlungen liefern zufällige Funde, die hin und wieder bei Bauarbeiten zutage kommen. Sie werden in das Sulaimaniya Museum gebracht. Dieses beherbergt neben Funden aus der Region auch Leihgaben des irakischen Nationalmuseums in Bagdad. Hier befindet sich der Sitz der örtlichen Antikenverwaltung, die für die Erhaltung und Dokumentation archäologischer Hinterlassenschaften zuständig ist. Diese führt Notgrabungen an beispielsweise durch Strassenbau gefährtedeten Fundstellen durch, kümmert sich um den Erhalt der alten Gebäude, säubert und restauriert Felsreliefs, wie zuletzt das Relief von Darband-i Gaur.
  

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Das Relief von Darband-i Gaur

Das Relief von Darband-i Gaur zeigt einen etwa lebensgroß dargestellten mesopotamischen Herrscher des ausgehenden 3. Jahrtausends v. Chr. Es wurde in die Felswand eines Gebirgspasses eingemeisselt, der über den Zagros-Ausläufer Qara Dagh führt. Das Denkmal ist an mehreren Stellen beschädigt. Witterungsschäden gesellten sich Einschusslöcher, die durch "Schießübungen" örtlicher Hirten entstanden sind. 2008 wurde das Relief von den Mitarbeitern des Sulaimaniya Museums gereinigt und restauriert. Sein Abguss schmückt nun die Fassade des Museums. Eine freie Darstellung eines kurdischen Künstlers kann man im nahe liegenden Park bewundern.

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Das Felsgrab Qizqapan

Nördlich von Sulaimaniya kann man das Felsgrab von Qizqapan besichtigen. Es befindet sich hoch in einer senkrechten Felswand nur wenige Minuten von der für ihre paläolithischen Funde bekannten Zarzi-Höhle. Die Front des Grabes zeigt eine in den Fels eingemeisselte Architekturfassade. Das zentrale Reliefmotiv bilden zwei in medische Tracht gekleidete Personen, die betend vor einem Feueraltar stehen. Über ihnen schwebt eine schon in der neuassyrischen Bildkunst bezeugte Darstellung Gott in der Mondsichel. Links des zentralen Bildfeldes sieht man eine andere Gottheit in der geflügelten Sonnenscheibe, wie sie aus der achämenidischen Kunst wohl bekannt ist. Eine kleine, ehemals verschließbarer Öffnung bietet Zugang zu drei bereits in der Antike geplünderten Grabkammern.

Zum Denkmal führt heutzutage eine asphaltierte Straße. Es ist leicht für Touristen über eine eiserne Leiter erreichbar, und ist dadurch ein leichtes Ziel für sprühende „Künstler“.
  

Erbil

Ein Ausflug nach Norden führte zuerst in die Stadt Erbil, deren Wahrzeichen die bis vor kurzem noch bewohnte imposante Zitadelle ist. Sie kann auf eine mehrere Jahrtausende alte Geschichte zurückblicken. Als Kultort der Liebes- und Kriegsgöttin Ištar war sie im Alten Orient sehr berühmt.

Im Rahmen eines Sanierungsprojekts wurden vor wenigen Jahren die dort stehenden Häuser geräumt und verfallen nun langsam. Nur wenige Bauten werden mit Hilfe der UNESCO restauriert, und sollen für Touristen als Museen zugänglich gemacht werden. Ein archäologisches Museum im neuen Stadtgebiet, das sich spinnennetzartig immer weiter ausdehnt, beherbergt unter anderem auch Grabungsfunde aus Qalinj Agha, einer spätchalkolithischen Siedlung, über welcher das Museum errichtet worden ist.

Die Felsreliefs von Bavian und Maltai

Die Reise führte weiter nach Bavian/Khinnis am Fluss Gomel nur wenige Autostunden nordwestlich von Erbil. Dort beginnt ein antiker Kanal, den der assyrische König Sanherib (704-681 v. Chr.) anlegte, um seine Hauptstadt Ninive und deren Umland mit Wasser zu versorgen. Am Kanalkopf an einer der Quellen des Flusses verewigte er sich in mehreren Reliefs. Auf dem größten von ihnen ist das Götterpaar Aššur und Mulissu zu sehen, das von dem zweifach dargestellten Herrscher flankiert ist. Die Szene ist aufgrund der schlechten Erhaltung nur in groben Zügen zu erkennen. Nicht nur Witterung, sondern auch die Menschen haben dem weichen Kalkstein stark zugesetzt: In die Relieffläche wurden mehrtere Höhlen, sogenannte „Mönchsklausen“, eingearbeitet. Unter der Oberkante der Felswand befinden sich in flachen Nischen elf kleinere Bilder des Königs. Reliefblocks mit Darstellungen geflügelter Stiere, die nun, vermutlich durch Erdbeben in den Fluss abgerutscht sind, deuten an, dass der Zugang zur Quelle architektonisch ausgestaltet worden war. Auf dem flachen Felshang am Fluss ließ Sanherib einen Garten anlegen, von dem sich bis heute noch die in das Gestein getriebenen Pflanzlöcher erhalten haben.

Drei weitere Reliefs dieses Königs befinden sich in Maltai bei Dohuk. In einen Felshang hoch über der Stadt wurden Götterprozessionen mit dem adorierenden König eingearbeitet. Auch hier sind Zerstörungen sichtbar. Felsengräber oder Eremitenunterkünfte aus den ersten Jahrhunderten nach Christus sind in die Reliefs eingetieft. In den 1920iger Jahren wurden sogar einzelne Reliefteile von Kunsträubern entfernt. Zusätzliche Schäden entstanden durch diie Aktivitäten lokaler ‘Graffitikünstler’.

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Zakho

In Zakho, an der Grenze zur Türkei, kann man eine der ältesten noch erhaltenen Brücken des Irak bewundern. Das „Dalal Brücke“ genannte Bauwerk, das die Überquerung des Kleinen Khabur ermöglicht, wurde vermutlich in abbasidischer Zeit (8.-9. Jh. n. Chr.) errichtet und später mehrmals renoviert.

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Kommentar

von Dr Stefano Anastasio, University of Siena | 27.08.2010 | 13:18 Uhr
The survey is of course of great interest. The region is of fundamental importance as far as Assyrian archaeology is concerned, and it is a very good result that worls on filed can start again. It is also really to be appreciated that results are published also in a easy but very detailed way, like in this web info, and I hope new data will be published as soon.

Kommentar

von Natascha Bagherpour, M.A. | 13.09.2010 | 09:01 Uhr
Ich bin sehr angetan von der Präsentation des Projektes auf dieser Seite. Ich habe den Text mit großem Interesse gelesen und auch ich bin gespannt auf die Publikation und hoffe, daß weitere Projekte in dem Gebiet durchgeführt werden können. Es ist schön, so kurz nach Durchführung eines solchen Surveys, davon auf so einfache Weise zu erfahren. Dank an Peter Miglus und Simone Mühl bzw. das Survey Team!

Kommentar

von PhD Student | 10.01.2011 | 14:56 Uhr
Dear Dr. Stefano Anastasio
since I am writing my thesis on the burial practices in ancient Iran, i found your article and photos about Qizqapan very interesting. I am writing an article in Persian language about Qizqapan but unfortunately I do not have good photos. I wish to know if I am permitted to use your photos from this website citing the web address?
Are the photos have been published in a book or a journal?
You should forgive me for writing my mail here because I could no way find your email address.
many thanks in advance

Kommentar

von Mahdokht | 10.01.2011 | 16:04 Uhr
Dear Dr. Miglus
since I am writing my thesis on the burial practices in ancient Iran, i found your article and photos about Qizqapan very interesting. I am writing an article in Persian language about Qizqapan but unfortunately I do not have good photos. I wish to know if I am permitted to use your photos from this website citing the web address?
Are the photos have been published in a book or a journal?
You should forgive me for writing my mail here because I could no way find your email address.
many thanks in advance

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