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Die Schätze der Xiongnu

EPISODE 1 | Kurgan 22

In der aktuellen Kampagne in den Bergen von Noin-Ula (Mongolei) gräbt die Archäologin Prof. Dr. Nataliya Polosmak gemeinsam mit einem Team aus mongolischen und russischen Archäologen bereits ihren vierten Grabkurgan aus. Wie schon bei der Grabung von 2009/10, die auch als L.I.S.A.video dokumentiert ist, stoßen die Forscher wieder auf wichtige Überreste einer noch kaum erforschten Gesellschaft: den Xiongnu, die vor 2.000 Jahren eine Macht an der transasiatischen Seidenstraße bildeten, vor der auch die chinesische Han-Dynastie zurückweichen musste. Was das Grab an spektakulären Funden zu bieten hat, zeigt und erklärt Prof. Dr. Nataliya Polosmak in der ersten von insgesamt sechs neuen Episoden.

Das Forschungsprojekt
Gegen Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. bildeten sich im Norden Chinas größere nomadische Stammesverbände heraus. Von zentraler Bedeutung war der in chinesischen Schriftquellen als Xiongnu bezeichnete multiethnische Verband der frühen asiatischen Hunnen, die sich in Zentralasien und Südsibirien ausbreiteten und zu mächtigen Gegnern der chinesischen Han-Dynastie wurden. Im Jahre 55 v. Chr. teilten sich die Hunnen in einen nördlichen und einen südlichen Verband. Während sich die südlichen Hunnen unter chinesische Herrschaft begaben, wanderten die nördlichen Hunnen nach Westen und gelangten im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. bis nach Europa. Der Einfall der Hunnen in Europa um 375 n. Chr. war Auslöser der Völkerwanderung, und ihr Ansturm konnte erst mit der Niederlage Attilas gegen Römer und Germanen im Jahr 451 n. Chr. in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern endgültig zurückgeschlagen werden.

Über die Entstehung, die Herrschaftsstrukturen und das soziale und religiöse Leben des Nomadenreiches der frühen asiatischen Hunnen ist bislang nur wenig bekannt. Archäologische Funde sind selten, und schriftliche Zeugnisse finden sich lediglich in den Quellen der mit den Xiongnu verfeindeten Han-Chinesen. Bedeutendes Zeugnis der Sepulkralkultur der Xiongnu ist der Friedhof von Noin-Ula in der nördlichen Mongolei. Hier wurden bereits in den 1920er Jahren von russischen Archäologen sechs Fürstengräber ausgegraben. Ihre Entdeckung galt seinerzeit als archäologische Sensation, und die großartigen Funde (darunter Teppiche, Metallobjekte, Gegenstände aus Gold und Jade) sind heute in der Eremitage in St. Petersburg ausgestellt. Auf dem Boden der zwischen 9 und 18 Meter tiefen Grabschächte standen jeweils zwei massive, ineinandergestellte Holzbalkenkammern. Die Wände der inneren Kammer waren mit reich verzierten Filzteppichen dekoriert, an Beigaben wurden Keramik, Bogenteile, Pfeilspitzen, Lampen und Spiegel aus Bronze, Lacktassen, Seidenstoffe und Goldplatten gefunden. Die Funde belegen Kontakte der Xiongnu zum Westen und zeigen, dass es sich um ein von einem Fürsten geführtes Vielvölkerreich gehandelt hat. Das strenge Klima in den Bergen von Noin-Ula gewährt einen vorzüglichen Erhaltungszustand der Grabinventare, und durch die besonderen Konservierungsverhältnisse sind in den Gräbern sogar organische Stoffe zurückgeblieben. Bis zu zwei Drittel der Grabbeigaben bestanden aus organischem Quellenmaterial, das nach so langer Zeit normalerweise nicht mehr erhalten ist. Obwohl die Gräber von Noin-Ula geplündert wurden, enthalten sie daher noch eine Vielzahl an Funden, die wertvolle Erkenntnisse über das Leben und die materielle Kultur der Xiongnu liefern und einen außergewöhnlichen Blick in die Vergangenheit erlauben.

Seit 2006 arbeitet auf dem Friedhof von Noin-Ula erneut ein Team russischer Archäologen unter der Leitung von Prof. Dr. Nataliya Polosmak, Institut für Archäologie und Ethnographie, Sibirischer Zweig der Russischen Akademie der Wissenschaften, Novosibirsk. Während bei den älteren Grabungen nur ein Teil der Funde ans Licht kam und viele der historischen, archäologischen und anthropologischen Befunde verloren gingen, arbeiten die Forscher nun mit den modernsten der Archäologie zur Verfügung stehenden Methoden. Dabei gräbt das Team das wie eine umgekehrte Pyramide in die Erde eingebaute Grab von Hand Schicht für Schicht aus, um so erstmals genaue Details über die Konstruktion der Gräber, die Bau- und Beerdigungsabläufe, aber auch den Weg der Plünderer in das Grab zu erfahren. Diese schonende, aber sehr arbeits- und zeitintensive Methode ermöglicht es darüber hinaus, Abdrücke vergangener Materialien im Boden zu sichern, wie beispielsweise farbig lackierte Speichenräder hunnischer Streitwagen, die den Herrschern mit ins Grab gegeben wurden. Im Rahmen der Arbeiten in 2006 wurden bei der Ausgrabung eines Fürstengrabes in der hölzernen Innenkammer mehr als 300 Gegenstände gefunden, darunter Silberplatten mit Tierbildnissen, die als Schmuck für die Pferde dienten, eiserne Schnallen, Teile von Jade-Artefakten und persönliche Dinge wie Spiegel und kleine Gold-Dekorationen. Von besonderem Interesse waren Reste organischen Materials, darunter Teile von Textilien aus Wolle und chinesischer Seide, Filzarbeiten und lackierte Gegenstände. Beispielstücke aus allen Fundgruppen wurden in Novosibirsk bearbeitet.

Ziel einer von der Stiftung unterstützten Grabungskampagne im Sommer/Herbst 2009 war es, eines der letzten verbleibenden großen Fürstengräber der Xiongnu auf dem Friedhof von Noin-Ula auszugraben, die Funde zu untersuchen und zu restaurieren und so neues Licht auf die Geschichte der frühen asiatischen Hunnen zu werfen. Diese Kampagne ist als L.I.S.A.video in zehn Episoden dokumentiert. Während der Grabungskampagne wurden die Überreste und der gesamte Inhalt des Holzsargs dem geöffneten Grab in einem Stück entnommen, um insbesondere das organische Material in möglichst gutem Zustand zur weiteren Bearbeitung an das Institut für Archäologie und Ethnographie in Novosibirsk zu bringen. Dort wurden die Funde im Rahmen eines ebenfalls von der Stiftung unterstützten Folgeprojekts untersucht und restauriert.

Die mehrheitlich erheblich beschädigten Grabbeigaben bestanden aus nicht-organischen (Metall, Stein) und organischen (Textil, Lack, Holz, Horn) Materialien und wurden jeweils mit speziellen, teilweise weltweit erstmals angewandten Verfahren für die Restaurierung, Konservierung behandelt und auf die anschließende Ausstellung in mongolischen Museen vorbereitet. Dabei gelang es den Forschern, mehrere Lacktassen zu restaurieren – in der Archäologie extrem seltene Funde, die bei den Nomaden als Luxusgüter galten und auf den hohen sozialen Rang des in Noin-Ula Beerdigten hinweisen. Die Ausgrabungen führten zudem eine einzigartige Sammlung textiler Funde zusammen, darunter auch ein bestickter Teppich, der zur Auskleidung der Grabkammerwährend der Begräbnis-Zeremonie gedient haben muss.

Im Sommer 2012 hat Prof. Polosmak ihre Arbeit in der Mongolei fortgesetzt und dort im Rahmen einer archäologischen Notgrabung einen weiteren, letzten großen Kurgan ausgegraben. (Diese Kampagne ist in dieser Videoreihe dokumentiert.) Hintergrund ist zum einen die Erderwärmung, die dazu führt, dass die Konditionen für den Erhalt organischen Fundmaterials in der Mongolei generell ungünstiger werden. Zum anderen verschlechtern sich, bedingt durch die zunehmende industrielle Nutzung der Region, die Bedingungen für archäologische Forschungen in Noin-Ula: Unterirdische Explosionen in den Goldminen der unmittelbaren Nachbarschaft destabilisieren die Schichten, in denen das Material liegt, und illegale Goldsucher bemächtigen sich der oft goldhaltigen Felsen, die die Gräber markieren. Plünderungen von Gräbern auf dem Friedhof von Noin-Ula haben in den letzten Jahren immer weiter zugenommen, und das Team um Prof. Polosmak hat bereits eine Vielzahl von unkontrollierten Test-Schächten dokumentiert. Das im Rahmen der Notgrabung gefundene archäologische Material umfasst mehr als 100 Objekte, darunter Silberschmuck mit Abbildungen von Einhörnern für Pferdegeschirre, Überreste chinesischer Wagen, Jade, kleinerer Goldschmuck sowie Fragmente aus Seide, Wolle, Filz und Pelz. Die Funde werden, wie in der aktuellen Filmreihe zu sehen ist, in Novosibirsk in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen wissenschaftlich bearbeitet und restauriert.

Projektleitung:

Prof. Dr. Nataliya Polosmak

Ort:

Novosibirsk (Russland)

Kommentar

von Dipl Ing. Rainer Lange | 16.03.2014 | 20:28 Uhr
Beeindruckender Film, der auch die Schwierigkeiten der Grabung verdeutlicht. Man bekommt beim Anblick der Bilder ja Bedenken, ob die Erdwände bei Regen nicht absacken.
Die Funde deuten - ähnlich wie beim Bogenschützen von Amesbury oder den blonden Mumien im chinesisch mongolischen Gebiet - auf die unglaublichen Verbindungen der Kulturen zu dieser Zeit - hochinteressant. Das Internet Format erlaubt beliebigen Zugriff auf die Dokumentationen - gefällt mir.

Rainer Lange

Kommentar

von Axel Sand | 23.03.2014 | 18:35 Uhr
Abseits der selbst gemachten Hektik vieler TV-Sender - und der daraus resultierenden Oberflächlichkeit ihrer Wissens-Shows - erlebt man hier in erfrischender Weise eine echte Neugier der Macher auf das Dokumentierte. Die Sorgfalt im Umgang mit der Materie läßt die Geschichte hinter den Funden fast spürbar auferstehen. Das wirkt so ansteckend, dass man selbst mit anpacken möchte beim Ausgraben. Man wird reich beschenkt mit fundiertem Fachwissen. Das ist selten. Kompliment.

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