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Georgios Chatzoudis | 19.02.2010 | 13203 Aufrufe | Artikel

Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. Ein Essay

Prof. Dr. Robert Gugutzer, Institut für Sportwissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt/M.

Über die Diagnose herrscht allenthalben Einigkeit: Die Menschen in den postmodernen Gesellschaften pflegen einen Körperkult und sind dem Schönheitswahn verfallen. Sie rennen in Fitness- und Schönheitsstudios, trainieren wie verrückt auf Straßen, Feldwegen und Wiesen, peircen, branden und tätowieren sich an allen denk- und auch undenkbaren
Körperstellen, legen sich auf Sonnenbänke und unters Messer
von Schönheitschirurgen, lassen sich Botox unter die Haut spritzen und Silikon einsetzen, halten Diät und schlucken Schlankheitspillen, suchen Experten für Ernährung und Typberatung auf, machen Urlaub in Wellness-Farmen oder Beauty-Camps und geben Unsummen für Kosmetika, Körperpflegemittel, Mode und einen sportlichen Lifestyle
aus. Ob jung oder alt, Frau oder Mann, gebildet oder ungebildet,
wohlhabend oder auch nicht, alle sozialen Gruppen gehen solchen Körperpraktiken nach, wenngleich hier selbstredend Unterschiede in Art und Umfang bestehen.

Ein augenfälliges Merkmal dieser weithin anerkannten Diagnose ist, dass es sich bei ihr weniger um eine sachlich-neutrale Analyse denn um eine wertende Stellungnahme handelt. Körperkult und Schönheitswahn sind keine wertfreien Begriffe, sondern eindeutig negativ konnotiert. Sie werden typischerweise in gesellschaftskritischer Absicht genutzt, um damit zu signalisieren, wie oberflächlich, narzisstisch und egozentrisch doch unsere Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft, die sich dem Körperkult und Schönheitswahn verschrieben hat, ist offensichtlich krank, so der Tenor der Zeitgeistkritik.

Wie zutreffend dieser gesellschaftskritische Befund ist, sei dahin gestellt. Unstrittig dürfte jedoch sein, dass Körperkult und Schönheitswahn zwei der am häufigsten – und typischerweise in einem Atemzug – verwandten Alltagsbegriffe zur Kennzeichnung zeitgenössischer Körperpraktiken sind. Was aber sagt das über unsere Gegenwartsgesellschaft aus, dass im aktuellen Körperdiskurs zwei Begriffe eine Vormachtstellung innehaben, die auf eine moralische Abwertung abzielen? Eine Antwort hierauf lässt sich finden, wenn man die kognitivmoralischen
Konzepte in den Augenschein nimmt, auf welche Körperkult
und Schönheitswahn implizit Bezug nehmen.

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Der Körper als Kultobjekt

So ist der Diskurs des Körperkults nicht denkbar ohne sein Korrelat, den gegenwärtigen Religionsdiskurs. Das Wort Kult (von lat. cultus = Verehrung, Pflege) stammt zwar nicht originär aus dem Bereich des Religiösen, gleichwohl wird es traditionell in einem religiösen Sinne verstanden. Zu den typischen Kennzeichen eines religiösen Kults zählen dabei ein sinnstiftendes Objekt, eine Gruppe von Menschen, die dieses Objekt verehrt, und das vor allem in Form von ritualisierten
Handlungen.

In diesem Sinne scheint es durchaus nahe liegend, von einem Körperkult zu sprechen. Denn in der Tat wird der menschliche Körper von einer großen Personengruppe als sinnstiftendes Objekt verehrt, das durch diverse Körperrituale geformt und ästhetisiert wird. Der Körperkult kann insofern als eine Art Diesseitsreligion bezeichnet werden, als eine „neue Sozialform der Religion“ (Thomas Luckmann), die an die Stelle der institutionellen Religion getreten ist. Zentraler Glaubensinhalt
dieser Diesseitsreligion ist der Körper als sinnstiftende Instanz.
Der Glaubensbezug ist statt auf eine transzendente Welt auf
„lebensweltliche Immanenz“ (Melanie Knijff) gerichtet, also auf Erlösung im Diesseits. Glaubensvermittler sind Körperexperten wie Fitnesstrainer, Ernährungsberater oder Schönheitschirurgen. Die zentralen Glaubenssymbole verkörpern bspw. der Waschbrettbauch, „90-60-90“ oder „size zero“-Jeans. Die Glaubensgemeinschaft trifft sich in postmodernen Soziotopen wie dem Fitnessstudio oder der Wellnessfarm. Glaubensrituale äußern sich in festen Trainingstagen, -zeiten und -abläufen. Die Bibel dieser Körperreligion sind Zeitschriften wie Fit for Fun, Men’s Health oder Body Shape. Und auch eine Todsünde
findet sich in dieser Körperreligion, nämlich dick zu sein.

Bei aller Überspitzung legen es solche Beispiele nahe, den zeitgenössischen Körperkult als Kehrseite des Bedeutungsverlusts der traditionellen Kirchenreligionen zu verstehen. Dies insofern, als es im Zuge dieses Säkularisierungsprozesses zwar zur Erosion religiös begründeter Sinnangebote gekommen ist, damit jedoch nicht ebenso das Sinnbedürfnis der Menschen schwand. Sinnsuche ist ein weit verbreitetes Zeitphänomen, und das religiöse Sinn-Vakuum füllt nun offensichtlich auch der Körperkult. Sinnfindung – synonym die Suche nach Identität, Halt, Sicherheit und Orientierung im Leben – erfolgt immer häufiger über Investitionen ins „körperliche Kapital“ (Pierre Bourdieu), versprechen diese Investitionen doch durch Eigenleistung erzielbare, spür- und sichtbare Erfolge, die wiederum soziale Anerkennung und Selbstgewissheit vermitteln. Der Heiligsprechung des Körpers korrespondiert das Heilsversprechen, Erlösung im Diesseits zu finden. Wobei
Diesseitserlösung letztlich nichts anderes meint als Selbstfindung, ist doch das Selbst der eigentliche, kultisch angebetete Gott der Gegenwart.

Insofern diese Sakralisierung des Profanen das nicht-intendierte Nebenprodukt fundamentaler gesellschaftlich-kultureller Prozesse ist, allen voran der Säkularisierung und der Individualisierung, stellt sich erst recht die Frage, weshalb diese Entwicklung mit dem negativ konnotierten Ausdruck Körperkult bezeichnet wird. Hier hilft die systemtheoretische Feststellung weiter, wonach jede "Beobachtung“ die Unterscheidung einer Binarität darstellt, deren eine Seite bezeichnet wird, während die andere sozusagen im Hintergrund mitschwingt. Wenn in einer Gesellschaft bestimmte Körperpraktiken beobachtet und als Körperkult bezeichnet werden, dann verweist das zugleich auf die unausgesprochene Kehrseite dieser Bezeichnung. In diesem Fall scheint es allein etymologisch nahe liegend, dass es sich
hier um die Unterscheidung Kult – Natur handelt. Die stillschweigend mitschwingende Botschaft der abwertenden Rede vom Körperkult wäre dann die positive Wertschätzung eines natürlichen Körperumgangs oder einer natürlichen Schönheit. Wer explizit von Körperkult spricht, sagt implizit, dass es so etwas wie natürliche Schönheit gibt oder zumindest geben sollte. Also besser – in einem moralischen Sinne – Körbchengröße AA oder eine Hakennase als Brüste wie Lolo Ferrari oder eine Nase wie Michael Jackson.

Die Vorstellung einer natürlichen Schönheit oder Naturschönheit ist selbstredend eine romantische Illusion. So wenig es einen natürlichen Körper gibt, gibt es eine natürliche Schönheit. Der menschliche Körper ist ein durch und durch soziales Phänomen: Was immer Menschen mit ihrem Körper tun, welche Einstellung sie zu und welches Wissen sie von ihm haben, ist geprägt von der Kultur, Gesellschaft und Epoche, in der diese Körperpraktiken, -vorstellungen und -bewertungen auftreten. Die Kulturgeschichte der Schönheit lehrt überdies, dass die
Ästhetisierung des Körpers, das Sich-schön-Machen, ein universelles Phänomen ist. Das „Schönheitshandeln“ (Nina Degele) hat zwar zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Formen und soziale Funktionen gehabt bzw. hat dies nach wie vor. Dennoch bleibt die Verschönerung des Körpers ein kultur- und zeitübergreifendes
Phänomen. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle,
pejorative Körperkult-Diskurs weniger eine profunde Gesellschaftskritik denn die schlichte Wiederholung einer simplen, kulturkonservativen Ideologie. Dieser folgend ist das Wahre, Gute, Schöne nicht der Körper, sondern der Geist oder die Seele, und wirklich wertvoll ist allein die innere, nicht jedoch die äußere Schönheit. Wer’s glaubt, wird selig.

Der Körper als Wahnvorstellung

Ist das Diskursfeld, auf das sich die Rede vom Körperkult bezieht, die Religion, so jenes, auf das sich die Rede vom Schönheitswahn bezieht, die Psychiatrie bzw. Psychopathologie. Damit einhergeht eine Verschärfung des Moralismus und der sozialen Abwertung, die mit diesen beiden Ausdrücken verbunden sind. Im Vergleich zum Körper als Kultobjekt einer Diesseitsreligion scheint die Grenze des moralisch Akzeptablen nämlich auf jeden Fall dann erreicht, wenn die Körperthematisierung wahnhafte Formen annimmt. Das Fotomodell, das so sehr hungert, bis es an Magersucht stirbt, der Bodybuilder, der aufgrund seiner gedopten Muskelmassen nicht mehr richtig gehen kann, 70-jährige Frauen, die sich ihr Gesicht zum wiederholten Male liften lassen, 50-jährige Männer, die sich Haare transplantieren und den Penis verlängern lassen – verrückt! Krank! So zahlenmäßig gering solche Fälle auch sind, sie müssen gleichwohl herhalten als typische Beispiele für den grassierenden Schönheitswahn unserer Zeit. Was aber ist eigentlich das Wahnhafte, Verrückte daran?

Im psychiatrischen Sinne ist ein Wahn durch eine dauerhaft von der Norm abweichende Wahrnehmung der Realität gekennzeichnet. Wer ernsthaft glaubt und konsequent behauptet, Jesus zu sein, gilt bei uns als verrückt. Entscheidend ist hierbei die Abgrenzung von Wahn und Norm (analog zu der von Kult und Natur). Denn: „Man kann nicht über Verrücktheit reden, ohne über Normalität zu sprechen“ (Fritz B. Simon). Dem Schönheitswahn verfallen zu sein, hieße dem entsprechend, ernsthaft zu glauben und konsequent zu versuchen, das gesellschaftlich vorgegebene Schönheitsideal mit einem über das Normale hinausgehenden Aufwand oder Ausmaß zu realisieren. Psychopathologisch ist ein Schönheitshandeln dann, wenn es die normativen Standards der ästhetischen Körperpraxis sprengt. Wer von Schönheitswahn spricht, erklärt sich daher zum Anwalt dieser Normen.

Die Hüter dieser Handlungsnormen haben einen leicht identifizierbaren Gegner: die Medien- und Konsumgesellschaft. Denn in einer Mediengesellschaft wie der unseren sind es die Massenmedien, welche die Definitionsmacht über schön oder nicht-schön, richtiges und falsches Schönheitshandeln innehaben (und nicht mehr, wie von der Antike bis zur neuzeitlichen Feudalgesellschaft, die oberen sozialen Stände oder Klassen). Im Sinne der Anklage missbrauchen Fernsehen,
Zeitschriften und Internet diese Macht, indem sie ungesunde oder wahnwitzige Ideale und Praktiken vermitteln. Ihr kongenialer Partner ist die Konsumgesellschaft, welche die wahre Schönheit zur Ware Schönheit hat verkommen lassen, die (fast) beliebig käuflich ist.

Die Verteidiger der Rede vom Schönheitswahn pflegen damit selbst einen Diskurs, dem eine Definitionsmacht über Norm und Abweichung inklusive der damit einhergehenden Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsmechanismen innewohnt. Verglichen etwa mit dem medial sehr bedeutsamen Modediskurs ist jedoch ein Unterschied zu beobachten: Während dieser von Normen und Idealen spricht und über das Pathologische schweigt, spricht jener über das Pathologische und verschweigt das Normative. Das muss nun allerdings nicht verwundern. Wie sollte auch in einer individualisierten und wertepluralistischen, medizinisch-technologisch weit vorangeschrittenen Gesellschaft eine ästhetische Norm verbindlich gemacht werden? Was ist unter ästhetischen Gesichtspunkten schon normal? Und wieso überhaupt sollte es pathologisch sein, sich Fett absaugen und die Brust mit Silikonimplantaten vergrößern zu lassen, normal hingegen, sich eine Warze entfernen oder abstehende Ohren korrigieren zu lassen, ja, sich die Haare zu färben und die Fingernägel zu lackieren? Sind das nicht lediglich graduelle Unterschiede?

Im Zeitalter ihrer technologischen und ökonomischen Machbarkeit ist Schönheit mehr denn je relativ. Der diskursive Versuch, Schönheitspraktiken in pathologisch und normal, verrückt und gesund auseinander zu dividieren, ist daher ein moralischer Anachronismus. Wir leben in einer "Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze), in der Ethik zunehmend durch Ästhetik ersetzt wird. Der Sinn des Lebens liegt heutzutage für immer mehr Menschen im Streben nach einem schönen Leben, und dass der Körper hierbei eine zentrale Rolle spielt, ist nahe liegend. Das Schöne tritt an die Stelle des Guten. Frei nach einem aktuellen Buchbestseller: Gute Mädchen kommen in den Himmel, schöne überall hin! Und für Jungs gilt das nicht minder!

Wider den Zeitgeist

Die Rede von Körperkult und Schönheitswahn klingt nach einem vertrauten, sehr deutschen Diskurs. Er erinnert stark an den alten Diskurs der deutschen Innerlichkeit, demzufolge allein Inhalt, Wesen und Sein zählen, Form, Äußerlichkeit und Schein hingegen per se das Minderwertige sind. Dass Sinnstiftung auch über Muskelbildung oder Ästhetisierungspraktiken statt über intellektuelle Anstrengungen gelingen kann, gilt hier als ausgeschlossen. Wobei die aktuelle Zeitgeistkritik gar nicht so sehr den bedauernswerten Individuen gilt, die ihre Körper
malträtieren und über die Maßen ästhetisieren, als vielmehr der Konsum- und Mediengesellschaft, die uns vorgaukelt, schön, schlank, sportlich und sexy sein zu müssen, um etwas zu gelten und erfolgreich im Leben zu sein. Etwas mehr Gelassenheit und Pragmatismus in der Bewertung der aktuellen Körperpraktiken scheint hier dringend angebracht.

In der „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) ist auch der menschliche Körper zur Option geworden. Für immer mehr Menschen ist der eigene Körper nicht mehr ein gott- oder naturgegebenes Schicksal, das man ergeben hinzunehmen habe. Stattdessen erlauben relativer Zeit und materieller Wohlstand sowie eine hoch entwickelte Technik, den eigenen Körper als ein „reflexives Projekt“ (Anthony Giddens) zu behandeln, in das man Erfolg versprechend investieren kann. Dass hier auch traditionelle Werte wie Disziplin, Wille und Anstrengung eine Rolle spielen, ist offenkundig. So gesehen sollten selbst konservative Zeitgeistkritiker den Körperarbeitern der Gegenwart etwas Anerkennung zollen können. Sharon Stone mag dabei Überzeugungsarbeit leisten: „Es ist gar nicht so leicht, so schön zu sein, wie man aussieht“, so die amerikanische Filmschauspielerin. Das stimmt wohl, fürs eigene Schönsein muss man etwas tun. Dass es jedoch lohnt, dafür ist Sharon Stone wohl nicht das schlechteste Beispiel.
  
Mit freundlicher Erlaubnis der Bundeszentrale für Politische Bildung, erschienen am 30. April 2007, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Körperkult und Schönheitswahn (18/2007).

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