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Georgios Chatzoudis | 19.02.2010 | 96832 Aufrufe | Artikel

Jacques Joseph (1865-1934). Ein Streifzug durch die Geschichte der Schönheitschirurgie

Autorin: Annelie Ramsbrock, Freie Universität Berlin

I. Die Entstehung der Schönheitschirurgie im Deutschen Kaiserreich

Im Jahr 1896 suchte eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn die Berliner Universitätspoliklinik für orthopädische Chirurgie auf, die der namhafte Orthopäden Julius Wolff  leitete. Die Mutter hatte ein für diese Zeit ausgesprochen ungewöhnliches Anliegen, dass sie nicht gegenüber Wolff, aber einem seiner Assistenten, Jacques Joseph, vorbrachte. Das Kind war nämlich kerngesund, litt aber unter seinen zu groß erscheinenden und abstehenden Ohren, wegen denen er von anderen Kindern immer wieder gehänselt wurde. Da er deswegen nicht mehr in die Schule gehen wollte, sah die Mutter keinen anderen Ausweg aus dieser misslichen Lage, als eine Operation, bei der die Ohren verkleinert und angelegt werden sollten. Da eine solche Bitte bis dahin noch nicht an Joseph herangetragen worden war, sprach er sich spontan gegen diesen Eingriff aus und schickte Mutter und Kind wieder nach hause. Das bedeutet allerdings nicht, dass er den Jungen und sein Leid vergessen hätte. Vielmehr nahm er schon wenige Tage nach diesem Besuch Kontakt zu der Mutter auf und versprach dem Jungen die gewünschte Hilfe. Da diese Operation ein Experiment war, ein gefährliches zumal, das nur der Seele dieses Kindes diente, wagte Joseph es nicht, seinen Chef davon in Kenntnis zu setzen und operierte schließlich heimlich. Die Operation verlief wie gewünscht und Mutter wie Kind waren ausgesprochen zufrieden. Als Joseph das neuartige Operationsverfahren am 21. Oktober 1896 der Berliner Medizinischen Gesellschaft vorstellte, war die medizinische Zunft durchaus angetan und zollte ihm die erhoffte Anerkennung.[1] Allein sein Chef, besagter Julius Wolff, konnte oder wollte nicht dulden, dass sein Assistent ohne Rücksprache zu halten eine Schönheitsoperation durchgeführt hatte. Joseph wurde daraufhin fristlos entlassen und hatte seine geplante Hochschulkarriere einstweilen verspielt.

Wer war Jacques Joseph? Joseph wurde als Sohn des Rabbiners Israel Joseph und dessen Frau Sara 1865 in Königsberg geboren und starb 1934 in Berlin. Am 14. April 1885 begann er ein Medizinstudium an der Berliner Universität, das er am 10. August 1889 erfolgreich beendete. Vor seiner Assistenzzeit bei Julius Wolf hatte er Assistenzen Berliner Städtischen Krankenhaus im Friedrichshain und der Berliner Kinderpoliklinik inne und eine Dissertation über die Symptomatik einer bestimmten Tuberkuloseform geschrieben. Nach Abschluss der Dissertation eröffnete er 1891 zunächst eine Praxis für Allgemeinmedizin in Kreuzberg und besserte sein Einkommen mit Gymnastikkursen für Kinder auf. Doch all das reichte ihm nicht. Joseph wollte mehr. Er wollte auch als Chirurg arbeiten können und bewarb sich deshalb bei Julius Wolf, um an dessen renommierter Klinik dieses medizinische Handwerk zu erlernen.

Dass sein eigentlich sehr gutes Verhältnis zu Wolff so unschön enden musste, schadete Joseph Karriere am Ende nicht. Im Gegenteil, er eröffnete erneut eine Praxis für Allgemeinmedizin – nun mit dem gewünschten Kenntnissen der Chirurgie. Dieser Schritt bedeutete den Beginn der Schönheitschirurgie in Deutschland. Denn Joseph genoss nicht nur den Ruf eines ungewöhnlich begabten Chirurgen, auch die Geschichte von dem kleinen Jungen war nicht in Vergessenheit geraten. Ende Januar 1898 kam nämlich ein 28jähriger Gutsbesitzer in die Praxis Josephs, der gehört hatte, dass sich dieser Chirurg auch „mit Ohrenverkleinerungen befasse. Obwohl dieser Mann nicht unter dem Aussehen seiner Ohren litt, hoffte er hier dennoch an der richtigen Adresse zu sein. Konkret wünschte er von Joseph seine „an sich vollkommen gesunde aber durch ihre Grösse und Form auffallende Nase in eine unauffällige Nase [zu] verwandeln.“[2] Der Mann berichtete,

„dass seine Nase ihm von jeher ausserordentlich viel Verdruss bereitet habe. Wo er gehe und stehe, starre ihn alles an, und oft genug sei er die Zielscheibe des ausgesprochenen, wie unausgesprochenen, durch Zeichen angedeuteten, Spottes gewesen. Er sei in Folge dessen fast schwermüthig geworden, habe sich aus dem gesellschaftlichen Leben fast ganz zurückgezogen und hege nunmehr den dringenden Wunsch, von seiner Verunstaltung befreit zu werden.“

So ungewöhnlich diese Bitte Joseph auch erschien, er konnte sich „dem Eindrucke nicht entziehen, dass der übrigens hochintelligente Herr sich in Folge der eigenthümlichen Beschaffenheit seiner Nase im Zustande starker psychischer Depression befand“. Mehr noch kam Joseph zu der Einsicht, dass diesem Mann „auf keine andere Weise geholfen werden könnte, als durch die operative Verkleinerung seiner Nase“. Nun war Joseph mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert, wie schon bei dem Jungen zwei Jahre zuvor. Denn so wie er bis dahin keine Ohren angelegt hatte, so hatte er noch keine Nasen verkleinert. Doch scheinbar mochte Joseph das Experiment: Die Operation dauerte etwa eine Stunde, „die Sache heilte per priman und der Patient wurde am 13. Tage aus der Behandlung entlassen“. Wie bei dem Jungen, war auch diese Operation optimal verlaufen, besonders im Hinblick auf den „psychische Effekt“. Die

„schwermuthvolle Stimmung des Patienten war völlig geschwunden. Er ist froh, nunmehr unbeachtet umher gehen zu können. Dass sich seine Lebensfreude ganz ausserordentlich erhöht hat, ist unter anderem, wie mir seine Gattin voller Freude mittheilte, daran zu erkennen, dass der Patient, der früher allem gesellschaftlichen Verkehr scheu aus dem Wege ging, nunmehr den Wunsch hat, Gesellschaften zu besuchen und zu geben. Mit einem Wort, er ist glücklich über den der Operation.“

Beide Operationen, die der Ohren und die der Nase, folgten dem gleichen Motiv – einem Motiv, das nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend für die medizinische Rechtfertigung von Schönheitsoperationen werden sollte. Anders als bei allen anderen Operationen ging es hier nämlich nicht um die physische Gesundheit, sondern um die Gesundheit der Psyche. Der physischen „Abweichung von der Norm“, so ein medizinisches Handbuch, rufe oftmals einen „abnormen seelischen Zustand“ hervor, der weit „schwerer als manche ernsthafte Erkrankung“ wiege.[3] Daher wurde die Heilung der „psychische[n] Depression des Patienten“ als „Hauptziel der plastischen Gesichtsoperationen“ genannt.[4] Dass die Schönheitschirurgie demnach nicht der Heilung eines kranken Körpers, sondern der Korrektur eines psychisch krank machenden Körpers diente, macht deutlich, dass sie am Ende der Weimarer Republik als ein „interessantes Grenzgebiet zwischen Kosmetik und Psychoanalyse resp. Psychiatrie“ verstanden wurde, das, „wenn erst wissenschaftlich erschlossen, reiche Früchte zu bringen“ versprach.[5]

Und Joseph? Er konnte schon 1902, also vier Jahre nach der Begegnung mit dem Gutsbesitzer, von zehn verkleinerten Nasen berichten[6], 1904 von vierzig und 1907 von zweihundert[7]. Seit 1904 operierte er intranasal und ohne sichtbare Narben, ersetzte Knochen und Knorpel durch Elfenbein und hatte dazu eigens Operationsinstrumente entworfen, zu denen etwa das so genannte Raspatorium zählte, das noch heute in der Schönheitschirurgie unter dem Namen „der Joseph“ verwendet wird.

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II. Die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Entwicklung der Schönheitschirurgie

Als Sanitätsoffizier der Reserve erlebte Jacques Joseph den Ersten Weltkrieg nicht im Schützengraben, musste aber dennoch dienen. Denn dieser Krieg endete nicht an Weihnachten 1914, wie es die Heeresleitung noch im Sommer des Jahres gehofft hatte. Stattdessen war dem Militär schon nach wenigen Monaten bekannt, dass die Schlachten noch andauern und Soldaten hinterlassen würden, die mit verstümmelten Körpern und zerborstenen Gesichtern nach Hause kämen. Von den insgesamt 2,7 Millionen psychisch und physisch verwundeten Soldaten, die im „Sanitätsbericht über das Deutsche Heer“ von 1934 ausgewertet wurden, erlitten mehr als 300.000 Soldaten Verwundungen am Kopf, zumeist verursacht durch Gewehrschüsse und Artilleriegeschosse.[8] Obwohl die Gesichtsverletzten nur 11% aller Verletzten ausmachten, forderten ihre Wunden den Staat, das Militär und die Medizin weit mehr heraus als all die anderen Invaliden. Diese Männer boten nämlich einen Anblick, der bis dahin kaum für möglich gehaltenen worden war, und der von Alfred Döblin als eine „Mondlandschaft des Todes“ bezeichnet wurde.[9]

Da Jacques Joseph zugetraut wurde, aus diesen „Mondlandschaften“ wieder Gesichter zu machen, bot ihm Wilhelm II. 1915 eine Professur für plastische Chirurgie an der Berliner Charité an. Dass Joseph nicht habilitiert war, spielte dabei keine Rolle, dass er Jude war hingegen schon. Zunächst sollte Joseph zum christlichen Glauben konvertieren – ein rein formaler Akt – doch er lehnte die Taufe ab und damit auch die Professur. Er behandelte er die Gesichtsverletzten in seiner Praxis weiter, was allerdings nach zwei Jahren des Krieges so nicht mehr möglich war. Die Materialschlachten hatten ein ganzes Heer gesichtsverletzter Soldaten produziert, das Josephs nicht allein bewältigen und nicht immer ambulant behandeln konnte.

Da die Anzahl der Verletzten und das Ausmaß ihrer Verwundungen alle Erwartungen der Heeresleitung bei weitem übertroffen hatten, wurde am 20. Juni 1916 eine „Abteilung für Gesichtsplastik“ in der Berliner Charité eingerichtet, die Joseph bis zum 1. Januar 1922 leiten musste.[10] Diese Abteilung hatte nämlich den Status eines Reservelazaretts. Was Joseph hier konkret leistete, geht aus dem Geschäftsbericht vom 1. Juli 1917 hervor. Seit dem Bestehen dieser Abteilung hatte er 210 plastische Operationen an 67 Patienten vorgenommen, davon 57 Soldaten und zehn Zivilisten. Nur 30 Patienten konnten in diesem Zeitraum entlassen werden, darunter fünf der Zivilisten. Allein diese Männer waren zusammen 98 Mal operiert worden, die Zivilisten nur je ein Mal. Keiner der entlassenen Soldaten wurde zurück an die Front geschickt, da ihre Gesichter derart zerstört worden waren, dass sie ohne weitere ambulante Behandlungen nicht auskamen.

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Und keiner der eingelieferten Soldaten kam direkt von der Front. Vielmehr waren sie alle schon mehrfach aber ohne sichtbaren Erfolg in Militärkrankenhäusern operiert worden. Dabei ging es in keinem Fall um das Überleben der Patienten, das schon in den Feldlazaretten gesichert worden war. Stattdessen ging es in der Charité allein um die Lebensqualität dieser Männer, die nach Joseph nicht nur an ihren Verletzungen litten, sondern damit eng verbunden an einer massiven „psychischen Depressionen“.

Einige dieser Gesichter sind durch Ernst Friedrichs Dokumentation Krieg dem Kriege! bekannt geworden, darunter das Gesicht des türkischen Leutnants Mustafar Ipar aus Konstantinopel, dem ein Granatsplitter beide Wangenknochen, die Nase, den oberen Kiefer, beide Lippen, das rechte Auge, die unteren Augenlieder beider Seiten und die Zunge zerfetzt hatte.[11] Alles, was von seinem Gesicht übrig geblieben war, beschränkte sich auf das linke Auge, die Stirn und den unteren Kieferknochen.

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Mustafa Ipar wurde am Abend des 20. Januar 1918 mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Berlin gebracht. Er hatte sein Gesicht bei einer der Schlachten an den Dardanellen verloren und war bereits in der Türkei mehrfach operiert worden. Am Bahnhof Friedrichstraße wartete ein Krankenwagen, der ihn in die Berliner Charité brachte. Dort wurde Ipar zunächst von einer Schwester gewaschen und die verbliebenen Teile seines Gesichtes von Speichel und vertrockneten Essensresten gereinigt. Er bekam eine speziell zubereitete flüssige Nahrung, einen frischen Verband und wurde in ein Bett gelegt, wo er den Rest der Nacht verbrachte. Am nächsten Morgen schaute Joseph sich den neuen Patienten an. Er erklärte dem Leutnant, dass er nun in Sicherheit sei, und dass sein Gesicht wieder hergestellt werden könne. Er betonte aber auch, dass eine solche nahezu vollständige Gesichtsplastik noch nie gemacht worden sei und er sich weit mehr als nur einer Operation unterziehen müsste. Ipar verstand so viel Deutsch, dass er Joseph mit seinem verbleibenden Auge hoffnungsvoll ansah. Sprechen konnte er nicht mehr.

Am 23. Januar 1918 um 8.30 Uhr wurde Ipar in den Operationssaal gebracht und bekam ein Beruhigungsmittel. Arme und Beine wurden am Operationstisch festgeschnallt und der gesamte Körper mit sterilen Tüchern bedeckt. Zunächst machte Joseph quer über die rasierte Kopfhaut von einem Ohr zum anderen einen Schnitt, dem er mitten auf dem Kopf eine Biegung nach hinten gab. Diese sollte später zur Formung der Nase dienen. Er löste die Haut vom Schädel und klappte den Hautlappen über die Stirn. Auf die Wundfläche des geklappten Lappens pflanzte er einen aus der Gesäßhaut entnommenen Epidermislappen zur späteren Bildung von Mund- und Nasenschleimhaut. Ebenso verpflanzte er Haut aus dem Gesäß auf den freigelegten Schädel. Nach diesem Eingriff musste Ipar vier Wochen bis zur nächsten Operation warten.

Am 25. Februar erfolgte der zweite Eingriff. Joseph löste den inzwischen angewachsenen Kopfhautlappen von der Stirn und erhielt damit einen so genannten Visierlappen, den er über die Augen hinweg bis in die Gegend des Mundes zog. Dadurch, so Joseph, waren „mit einem Zuge beide Wangen und die Nasenhaut geschaffen worden.“ Das Nasenprofil wurde mit Hilfe eine „Gaumen-Nasenbeinprothese“ hergestellt, die Joseph unter die Haut verpflanzte, und ein Mund geformt. Abschließend sollte ein Zahnchirurg eine permanente Zahnprothese einsetzen, was allerdings misslang. Die Operationen erfolgten unter lokaler Anästhesie, allein bei der Entnahme der Gesäßhaut bekam Ipar eine Vollnarkose. Weitere vier Wochen später konnte er Deutschland verlassen – nun mit einem Gesicht, das zwar keinen normalen Anblick bot, das aber immerhin ein Gesicht war.

Als die „Abteilung für Gesichtsplastik“ am 22. Januar 1922 geschlossen wurde, war Joseph fast sechzig Jahre alt. Der Krieg hatte nicht nur die technischen und medizinischen Grundlagen für die weitere Entwicklung der Schönheitschirurgie gelegt, er hatte Joseph auch jene Ehre verschaffen, die ihm noch vier Jahre zuvor wegen seines jüdischen Glaubens verwehrt worden war. 1919 bekam Joseph sowohl den Professorentitel als auch das Eiserne Kreuz verliehen – obwohl er noch immer Jude war.

III. Die Professionalisierung der Schönheitschirurgie in der Weimarer Republik

Zu Beginn der Weimarer Republik zählte Jacques Joseph zu den bekanntesten Schönheitschirurgen weltweit. Er behandelte Patienten aus Europa, den USA und Indien, und er gestattete Visiten von Kollegen, die aus eben diesen Ländern kamen. Doch Josephs Wissen – so oder so – hatte seinen Preis. Angeblich machte er das Honorar von dem Einkommen der Patienten und Kollegen abhängig. Ärzte aus den USA zahlten etwa 100$ für vier Wochen Visite, Ärzte aus Osteuropa nur zehn. Wohlhabende Patienten klagten über astronomische Kosten, ehemalige Patienten aus der Charité behandelte Joseph hingegen umsonst. So kam er zu beachtlichem Wohlstand, hatte einen Sportwagen, ein Gespann nebst Kutscher und eine Villa in der Ravensberger Strasse 15 in Wilmersdorf. Dass seine Profession ihm nicht nur Ehre einbrachte, sondern auch den öffentlichen Spott, geht nicht zuletzt aus dem Essay Das Haus zu den veränderten Nasen von Egon Erwin Kischs hervor. „Der Herr Professor muß zuerst wissen, wie reich einer ist“, so Kisch über Joseph,

„danach läßt er sich die Operation bezahlen [...], und er muss die Wesensart kennen, denn danach stellt er die Nase her. ‚Wünschen Sie eine kecke Nase oder eine intelligente, eine kokette oder eine energische?’ Jeder kann sich bestellen, welche Nase er haben will. Der Herr Professor reicht ihm ein Album mit Hunderten von Photographien ehemaliger Patienten, vor der Operation und danach. Sie blättern im Album und wählen ein Näschen, das Sie haben wollen. ‚Gut’, sagt der Herr Professor und packt sie an der Nase. Er verdeckt sie mit der Hand und den Fingern und zeigt Ihnen, wie Sie später aussehen werden. ‚Kommen Sie morgen früh in meine Privatklinik Bülowstraße 22.’“[12]

Doch so beliebig, wie Kisch die Schönheitschirurgie hier zeichnete, so systematisch verfolgte Joseph sein Fach. Dabei ging es nicht nur um die Erweiterung des gängigen Gesundheitsbegriffs auf die Psyche. Es ging auch um die Messbarkeit von Schönheit, genauer: um die objektive Bestimmung dessen, was als  schön anzusehen sei. Während nämlich noch 1893 von der Medizin behauptet wurde, dass Schönheit nicht „geometrisch deutlich“[13] sei, galt es 1938 dagegen als „selbstverständlich, daß der Gesichtsplastiker, welcher täglich mit den verschiedenen Abweichungen des Gesichtes zu tun hat, gezwungen ist, sich mit dem sogenannten ‚normalen’ Gesicht zu befassen“[14]. Zu diesem veränderten medizinischen Blick auf die Schönheit des Menschen hatte wesentlich Jacques Joseph beigetragen. Denn er war der erste Chirurg, der nach objektiven Daten zur Beschreibung von Schönheit gesucht hatte.

Zunächst verwies Joseph auf die kunstanatomischen Zeichnungen Leonardo da Vincis, der als Künstler und Anatom nicht nur die Darstellung von Licht und Schatten in die Malerei gebracht hatte, sondern zudem Studien über die Proportionen des Körpers vorlegte, wie etwa die bekannte Zeichnung Der vitruvianische Mensch von 1492. Die hier dargestellten „typischen Proportionen“ ergaben sich aus dem Verhältnis einzelner Abschnitte des Korpus oder der Glieder zueinander. Da Vinci hatte die Höhe des Körpers gleich 1000 angenommen und das ideale Maß der einzelnen Körperteile in Relation dazu gesetzt. Um eine „Normalgestalt“ bestimmen zu können, war er von der Kopfhöhe mit einem durchschnittlichen Maß von 21cm bis 23cm ausgegangen, die acht mal genommen, die durchschnittliche Länge eines Körpers von 1,68m bis 1,84m ergab. Daneben hatte da Vinci die Fläche des Körpers in Abschnitte unterteilt und in Relation gebracht: vom Kinn zu den Brustwarzen, von den Brustwarzen zum Bauchnabel, vom Bauchnabel zum Schambein, wobei der Abstand der Brustwarzen zueinander einer Kopfhöhe entsprach. Die ideale Länge der Arme und der Beine gab er ebenfalls in Kopfhöhen mit 3,25 und 4,25 an, so auch die Breite der Schultern und Hüften, wobei die Hüften einer Frau 2 und die eines Mannes 1,5 Kopfhöhen entsprachen. Mit Blick auf diese Betrachtungen waren Schönheitschirurgen sich einig, dass „wir [...] dieser ebenso einfachen wie wunderbaren Proportion, – stets mit dem gleichen, – uns bewußt oder unbewußt wohltuend berührenden – Empfinden“ begegnen: „so und nicht anders muß es sein.“ [15]

Die kunstanatomischen Betrachtungen der Renaissance konnten zwar dazu dienen, sich die Schönheit der Symmetrie in Erinnerung zu rufen. Sie hatten aber keine Bedeutung für die kosmetische Praxis, da es hier vor allem um die Schönheit des Gesichtes ging. Doch auch diese sollte nicht „allein gefühlsmäßig“ erfasst werden und wurde bestimmten „Messungen“ und „systematischen somatoskopischen Beobachtungen“ unterworfen.[16] Dazu dienten vor allem die Arbeiten Johann Gottfried Schadows, der im Anschluss an Albrecht Dürer eine Proportionslehre des normalen Gesichtes – den so genannten Kanon – entworfen hatte. Dabei teilte er das Gesicht in sechs waagerechte, gleich große Flächen, von denen drei die Nase umfassten, und drei je die Oberlippe, die Unterlippe und das Kinn. Die Länge der normalen Nase entsprach der Länge des halben Gesichts ohne Stirn, und die Länge der Stirn wiederum der Länge der Nase. Die Breite der Nase (auf der Höhe der Nasenflügel) entsprach dem Abstand der beiden inneren Augenwinkel und der untere Rand des oberen Augenlids lag auf einer Ebene mit dem oberen Rand der Ohrmuschel.[17] Dass die Schönheitschirurgie diese Daten als Referenz für die kosmetische Korrektur des Gesichts angab und damit wörtlich einen Kunstgriff unternahm, lag einerseits an der Autorität Schadows, wie der Kunstgeschichte überhaupt, andererseits aber an dem professionellen Selbstverständnis von Schönheitschirurgen als „sculptuers de visage“.[18] „Sind auch die Maße als Anhaltspunkte für die Tätigkeit des bildenden Künstlers gesucht und angegeben worden“, so einer dieser Ärzte, dann „sind sie auch vom ärztlichen Standpunkt aus für die Beurteilung der Gesichtsform wertvoll.“[19] Obwohl die Schönheitschirurgie auf die Kunstgeschichte schaute, um Schönheit und Normalität in Einklang zu bringen, verstand sie den Kanon nicht etwa als ein ästhetisches Dogma. Vielmehr betonten Schönheitschirurgen, dass diese Daten lediglich einen „normalen Durchschnittsmenschen“ im Sinne von Adolphe Quetelets homme moyen bezeichnen könnten. Sie galten daher als „rein konstruktivistisch, also irreal“ und dienten nur als ein „Vergleichsobjekt“.[20]

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„Am wichtigsten“ für die kosmetische Praxis war Profil des Gesichtes.[21] Da die Schönheitschirurgie hier keine Referenzen in der Kunstgeschichte fand, konstruierte Joseph den so genannten „ästhetischen Profilwinkel“, der die „normale“ Form einer Nase beschrieb. Auch dieses Datum ergab sich aus der Berechnung von Durchschnittswerten, konkret: aus den Winkeln von Nasenprofilen, wie sie auf mehr als hundert bekannten Kunstwerken von der Antike bis zum Fin de Siècle abgebildet waren. Dabei ergab sich ein durchschnittlicher Profilwinkel von 30 Grad, der, was ein Zufall gewesen sein mag, genau dem Profilwinkel eines Frauenporträts Leonardos entsprach. Joseph bezeichnete diesen Winkel als „ideal“, einen Winkel von 22 bis 38 Grad als „normal“, als im „ästhetisch zulässigen Bereich“, während er ein Winkel, der um mehr als acht Grad vom Ideal abwich, als „abnorm“ und „häßlich“ bezeichnete.[22] Um diese Ergebnisse zu veranschaulichen, gab Joseph eine Reihe von Zeichnungen in Auftrag, die mehr als „nur theoretisches Interesse“ an der Schönheitschirurgie wecken sollten. Vielmehr ging es ihm darum, „die Analyse [zu] erleichtern und damit oft Fingerzeige für das praktische Vorgehen bei der Korrektur bieten [zu] können“.[23]

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In der Praxis dienten entweder Profilfotos von Patienten der Vermessung des Nasenwinkels, oder der von Joseph eigens konstruierte „Profilwinkelmesser“, auch „Profilometer“ genannt, mit dem ein Nasenwinkel exakt vermessen werden konnte. Die Normalisierung von Schönheit bestand also in der Erhebung von Daten, die auch die Bestimmung von Abweichungen erlaubten. Diese waren nämlich das zentrale Kriterium für die Praxis der Schönheitsoperation.

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Dass Joseph eine neue medizinische Fachdisziplin etabliert hatte, in dem er sowohl auf die Bedeutung von Schönheit für die Soziabilität eines Menschen Aufmerksam machte, als ein neuartiges theoretisches und technisches Wissen von der Herstellung künstlicher Schönheit hervorgebracht hatte, konnte nicht verhindern, dass auch seine Karriere 1933 endete. Mit mit allen anderen jüdischen Ärzten verlor Joseph am 22. April seine Kassenzulassung und konnte nur noch auf der Grundlage ausgesprochen demütigender Sondergenehmigungsverfahren Kassenpatienten behandeln. Zudem wurde er mehrfach von den Nationalsozialisten inhaftiert, denen seine langjährige Sekretärin Fräulein Wittig nun als Spitzel diente. Doch obwohl Joseph die Aktionen der neuen Machthaber zutiefst verachtete, wollte er Deutschland nicht verlassen. Er konnte nicht glauben, was andere schon lange ahnten: den geplanten Tod aller Juden in Europa, von dem er am Ende verschont blieb.

Joseph starb am 12. Februar 1934 in seinem Haus an einem Herzinfarkt und wurde drei Tage später auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. Todesanzeigen erschienen nur in den wenigen nicht gleichgeschalteten Zeitungen. Allein in der Kosmetologischen Rundschau vom 5. Mai 1934 war ein Nachruf zu lesen, der mit den Worten endete, dass Jacques Joseph „sowohl im Beruf als auch im privaten Leben“ stets so weit zu helfen wünschte, „dass der Unterstützte nicht nur vegetieren, sondern auch ein bisschen Freude haben konnte.“[24] Denn darin lag eines der Motive der Schönheitschirurgie – nicht nur bei dem kleinen Jungen, der unter seinen Ohren litt.
  


[1] Jacques Joseph, Eselsohren. Verhandlungen der Berliner Medizinischen Gesellschaft, 27, 1896, 206.
[2] Jacques Joseph, Über die operative Verkleinerung einer Nase (Rhinomios), in: Berliner Klinische Wochenschrift, 40, 3. Oktober 1898, 881-886. Alle in diesem Abschnitt folgenden Zitate sind diesem Aufsatz entnommen.
[3] Johannes Grosse, Schönheit. Ihre Pflege durch ärztliche Wissenschaft und Kunst, Neuzeitliche Kosmetik für Ärzte und gebildete Laien, München 1922, 94; Fritz Juliusberg, Leitfaden der Kosmetik für Ärzte, Berlin 1922, 1.
[4] Jacques Joseph, Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Nebst einem Anhang über Mammaplastik und einige weitere Operationen aus dem Gebiete der äusseren Körperplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931, 36.
[5] J. Kapp, Die Frage der Indikationsstellung in der Kosmetik, in: Kosmetologische Rundschau, 6, Juni 1933, 116-118, hier: 116.
[6] Siehe Jacques Joseph, Über einige weitere Nasenverkleinerungen, in: Berliner klinische Wochenschrift, 39, 1902, 851-853.
[7] Siehe Jacques Joseph, Intranasale Nasenhöckerabtragung, in: Berliner Klinische Wochenschrift, 30, 1904, 650; Ders. Beiträge zur Rhinoplastik, in: Berliner klinische Wochenschrift, 44, 1907, 470-472.
[8] Siehe Sanitätsbericht über das Deutsche Heer (Deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914/18, bearbeitet von der Heeres-Sanitätsinspektion des Reichswehrministeriums, Bd. 3, Berlin 1934, 68-71.
[9] Alfred Döblin, Von Gesichtern, Bildern und ihrer Wahrheit, in: August Sander, Antlitz der Zeit (1929), München 1976, 7-15, hier: 10.
[10] Jahresbericht der Abteilung für Gesichtsplastik von 1. Juli 1917, Archiv der Humboldt Universität zu Berlin, Charité Direktion, Nr. 890/1.
[11] Jacques Joseph, Ungewöhnlich große Gesichtsplastik, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 25. April 1918, 465-466. Alle Zitate des folgenden Abschnitts sind diesem Artikel entnommen.
[12] Egon Erwin Kisch, Das Haus zu den veränderten Nasen, in: Gesammelte Werke, Berlin 1985, 331-333, hier: 332.
[13] Heinrich Paschkis, Kosmetik für Ärzte, Wien 1893, 1.
[14] Ernst Wodak, Nasen- Ohren- und Gesichtsplastik. Ästhetische und psychologische Grundlagen, Berlin 1938, 10.
[15] Johannes Grosse, Schönheit. Ihre Pflege durch ärztliche Wissenschaft und Kunst, Neuzeitliche Kosmetik für Ärzte und gebildete Laien, München 1922, 66.
[16] Leander Pohl, Beobachtung und Beurteilung der Gesichtsform bei kosmetischen Eingriffen, in:  A. Eiselsberg, Chirurgische und konservative Kosmetik des Gesichtes, Berlin 1931, 1-32, hier: 2.
[17] Ernst Wodak, Nasen- Ohren- und Gesichtsplastik. Ästhetische und psychologische Grundlagen, Berlin 1938, 11.
[18] Ebd., 8.
[19] Pohl, Gesichtsform, 3.
[20] Ebd., 5.
[21] Wodak, Gesichtsplastik, 15.
[22] Jacques Joseph, Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Nebst einem Anhang über Mammaplastik und einige weitere Operationen aus dem Gebiete der äusseren Körperplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931, 11.
[23] Ebd., 12.
[24] Nachruf, in: Kosmetologische Rundschau, Nr. 5, Mai 1934, 80.

Beide Operationen, die der Ohren und die der Nase, folgten dem gleichen Motiv – einem Motiv, das nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend für die medizinische Rechtfertigung von Schönheitsoperationen werden sollte. Anders als bei allen anderen Operationen ging es hier nämlich nicht um die physische Gesundheit, sondern um die Gesundheit der Psyche. Der physischen „Abweichung von der Norm“, so ein medizinisches Handbuch, rufe oftmals einen „abnormen seelischen Zustand“ hervor, der weit „schwerer als manche ernsthafte Erkrankung“ wiege.[3] Daher wurde die Heilung der „psychische[n] Depression des Patienten“ als „Hauptziel der plastischen Gesichtsoperationen“ genannt.[4] Dass die Schönheitschirurgie demnach nicht der Heilung eines kranken Körpers, sondern der Korrektur eines psychisch krank machenden Körpers diente, macht deutlich, dass sie am Ende der Weimarer Republik als ein „interessantes Grenzgebiet zwischen Kosmetik und Psychoanalyse resp. Psychiatrie“ verstanden wurde, das, „wenn erst wissenschaftlich erschlossen, reiche Früchte zu bringen“ versprach.[5]

Und Joseph? Er konnte schon 1902, also vier Jahre nach der Begegnung mit dem Gutsbesitzer, von zehn verkleinerten Nasen berichten[6], 1904 von vierzig und 1907 von zweihundert[7]. Seit 1904 operierte er intranasal und ohne sichtbare Narben, ersetzte Knochen und Knorpel durch Elfenbein und hatte dazu eigens Operationsinstrumente entworfen, zu denen etwa das so genannte Raspatorium zählte, das noch heute in der Schönheitschirurgie unter dem Namen „der Joseph“ verwendet wird.

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