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L.I.S.A.video | 14.10.2015 | 5240 Aufrufe | Patricia Scheuss

Bildsteine auf Gotland

EPISODE 1 | Gotland - Die einzigartige Insel

Die schwedische Insel Gotland wurde bereits von den Vorfahren der Wikinger als wichtiger Handelsplatz genutzt. Auch heute noch zeugen zahlreiche historische Überreste von der vielschichtigen Vergangenheit der Insel. Neben einer reichen christlichen Tradition finden sich hier auch bislang wenig erforschte Bildsteine heidnischer Vorfahren aus dem 5. bis 12. Jahrhundert. Aufgrund des Zusammenwirkens unterschiedlicher Faktoren gestaltet sich für Wissenschaftler insbesondere die Entschlüsselung des Zwecks und der vergangenen Botschaften der Bildsteine schwierig. Mithilfe modernster Techniken versucht Dr. Sigmund Oehrl, die ursprüngliche Steinoberfläche wieder zum Vorschein zu bringen und dadurch einen tieferen Einblick in die Geisteswelt, Heldensagen und Jenseitsvorstellungen der nordischen Künstler zu erhalten.

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Das Forschungsprojekt: Die Bildsteine Gotlands - Probleme und neue Wege der Autopsie, Dokumentation und Deutung 

Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens von Dr. Sigmund Oehrl stehen die Bildsteine auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland. Die oft übermannshohen Gedenksteine entstanden in der Zeit von der Völkerwanderung bis in die späte Wikingerzeit (etwa 400 bis 1100 n. Chr.). Sie sind mit einer Vielzahl von eingemeißelten Figuren versehen, die einen einzigartigen Einblick in die religiöse Ideenwelt der spätantiken und frühmittelalterlichen Kultur des Nordens gewähren. Bei den gotländischen Bildsteinen handelt es sich um eine einmalige archäologische Denkmälergruppe, die in dieser Form sonst nirgendwo in von Germanen besiedelten Gebieten auftritt. In einer weitgehend schriftlosen Zeit entstanden, sind sie authentische Zeugnisse einer sonst kaum greifbaren heidnischen Geisteswelt und stellen für die germanische Religionsgeschichte, Mythologie und Heldensage eine Quelle von unschätzbarem Wert dar. Die Interpretation der eingeritzten Bilddarstellungen ist insbesondere auf der Basis späterer altnordischer Schriftquellen möglich, was die Steine zu einem Forschungsfeld sowohl der Archäologie als auch der Altnordistik macht.

Bedingt durch die starke Verwitterung sind die eingeritzten oder im primitiven Flachrelief ausgeführten Bilder auf den Gedenksteinen meist nur sehr schlecht erkennbar. Die immer noch grundlegende Edition der Steine von Sune Lindqvist aus den Jahren 1941 / 42 ist technisch veraltet und umfasst lediglich 280 der 467 heute bekannten Bildsteine bzw. Bildsteinfragmente. Damals wurden die bildtragenden Oberflächen mit einer Lampe ausgeleuchtet und die auf diese Weise erkennbaren Darstellungen mit schwarzer Farbe markiert und abphotographiert. Häufig war dabei für Lindqvist nicht sicher zu entscheiden, ob es sich bei den durch die Schrägbeleuchtung entstehenden Schatten um Bildkonturen oder um natürliche Unregelmäßigkeiten bzw. spätere Beschädigungen handelte, und die in der Edition zur Verfügung stehenden Bilder spiegeln infolgedessen die subjektive Sichtweise eines einzelnen Betrachters.

Im Rahmen des Projekts wird nun unter Anwendung moderner archäologischer Methoden und Techniken (Archäoinformatik bzw. Digitale Archäologie) eine Basis für neue Autopsien und Dokumentationen geschaffen. Mit Hilfe der Reflectance Transformation Imaging (RTI-Methode sowie dem Photogrammetrie-Verfahren (3D-Digitalisierung) hat Dr. Oehrl bereits einen großen Teil der gotländischen Bildsteine untersucht und dokumentiert, und erste beispielhafte Untersuchungen führen zu gänzlich neuen Interpretationsgrundlagen und Deutungen. Ziel ist es, die gewonnenen Daten (etwa 30.000 Photos) mit unterschiedlichen Software-Lösungen zu bearbeiten, 3D-Modelle der Bildsteine zu erstellen und diese mit Blick auf eine kritische Überprüfung der bisherigen Dokumentation und Lesungsvorschläge auszuwerten sowie nach bislang unerkannten, für die Bilddeutung potentiell wichtigen Details zu suchen. In einem zweiten Arbeitsschritt führt Dr. Oehrl ikonographische Studien durch und erarbeitet neue Deutungsperspektiven für alle Bildsteingruppen vom vierten Jahrhundert bis in die Spätwikingerzeit. Leitfragen betreffen das Verhältnis zu den hochmittelalterlichen Schriftquellen sowie die Beziehungen zur spätantiken / frühmittelalterlichen Ikonographie des Kontinents. Die Ergebnisse des Projekts sollen in eine Monographie über die gotländischen Bildsteine und ihre Deutungsprobleme eingehen und an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Habilitationsschrift eingereicht werden.

Projektleitung:

Dr. Sigmund Oehrl

Ort:

Gotland

Kommentar

von Dr. Alfred Becker | 16.10.2015 | 19:33 Uhr
Einige der Bildsteine begleiten meine Studien zum Franks Casket seit 50 Jahren, daher mein lebhaftes Interesse an Ihrem Projekt, das ich ggf. und evtl. auch am Ort beobachten würde, "wenn's denn paßt". Erste Vergleiche veranlaßten meinen "Docdad" mir die Diss. anzutragen. Mehr in "Alfred Becker, Franks Casket. Zum Runenkästchen von Auzon (Regensburger Arbeiten zur Anglistik und Amerikanistik, Bd. 5), Regensburg 1973; 306 S."
Vor 15 Jahren habe ich das Thema (mit Quantensprüngen an Erkenntnis) wieder aufgenommen und unter www.franks-casket.de populärwissenschaftlich entfaltet. Dabei gibt es täglich der "Guten Neuen Mehr". Schauen Sie selbst, oder - bei Interesse - gebe ich Hinweise. Vielleicht ist die Kooperation fruchtbar für beide.
Frohes Schaffen
Alfred Becker

Kommentar

von Univ.-Prof. Dr. Max Siller | 20.10.2015 | 16:09 Uhr
Lieber Herr Oehrl,
ich bin begeistert - und schon gespannt auf die nächsten Folgen!

Für Herrn Becker, dessen Franks Casket-Buch ich bewundere, ein kleiner Hinweis (weil an versteckter Stelle und leider bisher nur italienisch):
https://www.academia.edu/7388736/
Max Siller: Storie del Mediterraneo antico nell’Europa del nord medievale: The Franks Casket (British Museum, ca. 700)....

Mit den besten Grüßen,
max siller

Kommentar

von Archaeologist | 29.10.2015 | 13:17 Uhr
Dear Sigmund. It was great to see these filmed epsodes. They are very well produced and the filming is truly stylish, both in colors and angles and that you have captured the image of the stones fine carvings and made them so clear. It was clever of your crew to do that. Tried it myself- not easy!

I for one especially appreciate that you so clearly emphasizes the importance of actually going back to the original when you study these stones and their carvings. We have far too many who thought that it was enough with looking at the images in publications as the basis for their research. Your work is in many ways unique and us back here on Gotland really appreciate it.

You are always welcome back.

Greetings Per and staff at the Gotland Museum

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