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Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet: Die Gutzkowstraße
Bis 1879: Niederräder Fussweg

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Jens Holger Jensen | 28.09.2017 | 1783 Aufrufe | 2 | Artikel

Adressbuchauswertungen von 1870 bis 1975

Im Sommer des Jahres 1879 verschwand mit der Umbenennung des Niederräder Fussweges in Gutzkowstraße im Frankfurter Straßenverzeichnis der Name eines seit Jahrhunderten bekannten Verbindungsweges zwischen Frankfurt-Sachsenhausen und dem Dorf Niederrad. Die geplante Stadterweiterung erstreckte sich zu dieser Zeit bis zur Schweizerstraße und setzte sich danach westlich des Schweizer Platzes und westlich der Holbeinstraße fort. Auf der Strecke des Niederräder Fussweges entstanden so nach und nach die Gutzkow-, Schneckenhof- und Passavantstraße. Wobei die Passavantstraße nur etwa bis zur Rubensstraße dem alten Fussweg folgt, der hier geradeaus weiter auf die Forsthausstraße, in Höhe der heutigen Schreyerstraße stieß.

Nach der Textor- und Schwanthalerstraße sowie dem Schaumainkai ist dies, in meiner kontinuierlichen Beschäftigung mit den Sachsenhäuser Straßen, erst die vierte Straße mit einem östlich der Schweizerstraße gelegenen Straßenanfang. Um es gleich vorwegzunehmen, die in meiner Jugend oft gehörte Einschätzung, die östlich des Schweizer Platzes wohnende Bevölkerung sei „einfacher als die westlich vom Schweizer Platz ansässige", hat sich nicht bestätigt. Jedenfalls nicht für die Gutzkowstraße. Die Tatsache, dass westlich der Holbeinstraße, rund um den Thorwaldsenplatz,  ein Villenviertel errichtet wurde, verdeutlicht den geographischen Standpunkt derer, die sich in den 1950er Jahren so voreingenommen geäußert hatten. Von der Größe einer Mietwohnungen auf das Niveau der Bewohner zu schließen ist nicht nur unfair sondern auch arrogant.

Nachdem ich mich in den vergangenen Jahren im Rahmen der Adressbuchauswertungen bereits mit der Passavant- und Schneckenhofstraße beschäftigt hatte, stellt die singuläre Beschäftigung mit der Gutzkowstraße den Schlusspunkt einer Rückverfolgung des ehemaligen Niederräder Fußweges dar. Damit soll mein Engagement als sogenannter StadtteilHistoriker noch nicht beendet sein. Ich habe mir noch ein paar Themen und Ziele für die nächsten Jahre aufbewahrt.

Wie gewohnt habe ich die in einer großen Tabelle zusammengetragenen Adressbucheinträge um Hinweise zu Persönlichkeiten ergänzt die mir aufgefallen sind bzw. von denen ich im Vorfeld schon Kenntnis hatte und erwähnenswert erschienen. Es sind so mehr als ein Dutzend Einträge zusammengekommen, von denen viele im Kapitel „Leben in der Gutzkowstraße“ ausführlich und wenn möglich mit Fotografien vorgestellt werden. 

Google Maps

Danksagung

Für eine sich zum Teil mit unbedeutend erscheinenden Details beschäftigende Unterstützung bei den Recherchen, der Literatursuche und vor allen Dingen für die sehr wichtigen Hinweise von meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, die von Ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen berichteten, möchte ich folgenden Personen sehr herzlich danken. Ebenso habe ich den Autoren verschiedener Bücher zu danken durch deren Lektüre ich einen vertiefenden Einblick in die historischen Ereignisse im Jahr 1848 gewonnen habe. Bei allen meinen bisherigen L.I.S.A.-Beiträgen hat mich stets ein Böblinger Berufskollege ganz hervorragend mit seinen IT-Kenntnissen unterstützt. Erst durch ihn konnten alle DIN A0 - Tabellen mit den Adressbucheinträgen, in die jeweiligen Beiträge integriert werden. Für meinen inzwischen elften L.I.S.A.-Bericht habe ich allen nachfolgend genannten Personen für deren Unterstützung sehr zu danken. Meinem StadtteilHistoriker-Kollegen, Dr. Johann-Philipp Bockenheimer, habe ich auch für dessen Bereitschaft zu danken, mit einem Exkurs zur Liegenschaft Gutzkowstraße 45 - 49 und das Leben seines Großvaters, die Qualität dieses Beitrages ganz wesentlich erhöht zu haben.

Günter Appel, Janine Aures, Gertrud Bardorff, Georg Becker, Dr. Johann-Philipp Bockenheimer, Beate Dannhorn, Joseph Dillmann †, Gerda Drescher †, Henrike Dustmann, Christiane Eulig, Gisela Feuerbach, Stefan Gerl, Peter Haberkorn, Dr. Andrea Hampel, Andreas Hansert, Ulrike Heinisch, Bigi Jacobs †, Dr. Angela Jannelli, Jan Kaltwasser, Prof. Rainer Koch, Susanne Kauffels, Irene Kremser, Dr. Michael Maaser, Volker Mahnkopp, Rainer Schaudt, Hans-Otto Schembs, Prof. Horst Schmidt-Böcking, Achim Steuernagel, Karl-Gerd Thiedemann †, Solvejh Wach, Dr. Carl Christian Wahlmann, Alfred Zschietzschmann

 

Zur Orientierung

Die in der unmittelbaren Umgebung des Affentors beginnende Wegeverbindung ist in historischen Plänen immer wieder zu entdecken. Heute, würde man diesem alten Verlauf folgen, die Gutzkow-, Schneckenhof- und Passavantstraße, ebenso die Kennedyallee (vormals Forsthausstraße) und die Niederräder Landstraße nutzen, um zum Niederräder Frauentor zu gelangen.

Die erste urkundliche Erwähnung von Frankfurt =  894

Die erste urkundliche Erwähnung von Niederrad = 1151 

Die erste urkundliche Erwähnung von Sachsenhausen = 1193

Meines Erachtens ist davon auszugehen, dass es neben dem Wasserweg (Main) und dem am Flussufer verlaufenden Treidelpfad auch eine landseitige, zumindest fußläufig zu nutzende, Verbindung zwischen Frankfurt-Sachsenhausen von und nach Niederrad und weiter Richtung Mainz am Rhein zum Zeitpunkt der ersten urkundlichen Erwähnung von Niederrad gegeben hat.

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1790

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1829

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1864

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1864 (östlich vom Schweizer Platz)

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Ausschnitt aus dem "Malerischen Plan von Frankfurt und seiner nächsten Umgebung" (1864) mit dem östlichen Teil des ehemaligen Niederräder Fußweges, von der Friedhofskapelle bis kurz vor den Schweizer Platz.
Bei der Friedhofstraße handelt es sich um die heutige Brückenstraße, beim Hedrichs Gässchen um die Martin-May-Straße. Das Friedhof-Thor steht an der Schifferstraße. Rechts unten ist die Zimmersche Chininfabrik, entlang der Textorstraße, zu sehen.

1865 (komplett)

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1865 (Ausschnitt)

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Zeichnung von Canalbauarbeiten (etwa 1880)

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Alter Sachsenhäuser Friedhof

Im Verlag von Englert und Schlosser veröffentlichte Joseph Dillmann 1926 in Frankfurt am Main ein Buch über die Geschichte des alten Sachsenhäuser Friedhofs. Dieses Buch wurde dem "Bezirksverein Sachsenhausen und seinem rührigen Vorsitzenden Friedrich Stoltze", dem Enkel des Frankfurter Nationaldichters gleichen Namens, gewidmet. Die nachfolgenden Textpassagen sind diesem Buch entnommen:

"Umrahmt von Schiffer-, Gutzkow- und Bodenstedtstraße, durchschnitten von einem Stück der über die alte Brücke, gehenden großen Verkehrsader Norden-Süden, der Brückenstraße, liegt mitten in Sachsenhausen der „Alte Friedhof“. Schon längst ist er seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen.

Durch Beschluss der großherzoglichen Generalkommission vom 19. April 1810 wurde der Gemeinde Sachsenhausen ein Grundstück von 5 ½ Morgen zur Anlegung eines neuen Friedhofs angewiesen. Die Deutschordenskommende gab zu diesem Zweck einen Weingarten her, der außerhalb der Stadtmauer zwischen Gärten und Bleichen gelegen war. Die Verlegung der bisher benutzten Friedhöfe war aus Gesundheitsrücksichten und wegen der notwendigen Stadterweiterung geboten. Die Protestanten benutzen seit der Errichtung des alten Dreikönigskirche den um diese gelegenen Friedhof. Nach der Reformation war den Katholiken von den Deutschordensrittern der Gebrauch ihres Friedhofs um die Elisabethenkirche eingeräumt worden. So dauerte der Zustand bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in ganz Frankfurt die Friedhofsverhältnisse neu geregelt wurden. Damals war Sachsenhausen noch mit Mauer, Wall und Graben umgeben, die in der Richtung der jetzigen Schulstraße, Wallstraße, Willemerstraße und Wasserweg verliefen. Der Festungsgürtel, der nur an zwei Stellen am Affentor und am Oppenheimertor einen Durchlaß hatte, war zu eng geworden, deshalb wurde das Affentor abgebrochen und die Darmstädterlandstraße angelegt. An der Brückenstraße wurde ein „neues Tor“ gebrochen und die Straße selbst erweitert. Die alte baufällige Elisabethenkirche in der Nähe der Deutschordenskirche hinderte und wurde niedergelegt. Der angrenzende Elisabethenkirchhof, der seit dem Jahre 1508 bestand, mußte der erweiterten Brückenstraße und der neuen Elisabethenstraße weichen. So wurde am 7. Oktober 1812 der neue Friedhof zum gemeinsamen Gebrauch beider Konfessionen eröffnet. In dem Stadtplan von Ullrich vom Jahre 1819 ist dieser „Kirchhof“ deutlich zu erkennen. Im Verhältnis zur damaligen Einwohnerzahl Sachsenhausens war die Begräbnisstätte groß angelegt. Deshalb wurde sie auch von den Bewohnern Frankfurts in Anspruch genommen; denn durch ein Verbot des Fürstprimas von Dalberg vom Jahre 1809 durfte auch der mit einer Mauer abgeschlossene innere Domfriedhof nicht mehr benutzt werden und der bis zum Jahre 1828 von beiden Konfessionen gebrauchte St. Peterskirchhof war schon längst zu klein geworden. Ja, es gehörte zu einer gewissen Vornehmheit, sich auf dem neuen Friedhof ein Epitaphium zu erwerben oder seine Angehörigen dort mitten unter den Patriziern bestatten zu lassen."

 

Freiheits-Eichen

Von den beiden im Jahr 1887 gepflanzten Eichen hat bis heute nur eine überlebt (gemäß dem Frankfurter Baumkataster handelt es sich um eine Stil-Eiche).  Die als sogenannte „Friedens-Eichen“ in die Sachsenhäuser Geschichte eingegangenen Bäume sollen, zusammen mit einem im Boden eingelassenen Gedenkstein, an zwei Sachsenhäuser erinnern, die während der politischen Unruhen des Jahres 1848 ihr Leben verloren. 

Nachdem das Vorparlament seit dem 31. März 1848 die eigentliche Nationalversammlung vorbereitet hatte, trat diese am 18. Mai  erstmals zusammen. Wegen der räumlichen Enge innerhalb der Paulskirche, von der sowohl die Abgeordneten als auch das Publikum betroffen waren, ging von dort keine Ruhe aus. Vor der Paulskirche und in den umliegenden Straßen standen sich Republikaner und  Monarchisten feindlich gesonnen gegenüber und trugen ihre gegensätzlichen politischen Erwartungen auch in Straßenschlägereien aus, die sich schließlich in der ganzen Stadt ausbreiteten. Im Juli und September erreichten diese öffentlichen Tumulte ihre Kulminationspunkte, die ihren Ausgang auch in lokalen Ereignissen hatten. In Sachsenhausen eskalierten Anfang Juli die dortigen Unruhen in einer Schießerei zwischen Aufständischen und dem eingesetzten Militär. Nachdem ein festgenommener Sachsenhäuser von Bewohnern der in Flussnähe befindlichen Straßen (Unterhäuser) befreit wurde, eskalierte die Auseinandersetzungen soweit, dass die Truppen im Deutschen Haus Schutz suchten. Von dort wurden diese dann aber von den gewalttätigen Sachsenhäusern über die Brücke auf die andere Mainseite vertrieben. Im Übermut verbarrikadierten die Aufständischen die Alte Brücke und alle landseitigen Zugänge zum südlichen Stadtteil und wähnten sich als Herrscher von Sachsenhausen. Diese Freude war jedoch nur von kurzer Dauer.

Hans-Otto Schembs erinnerte in seinem im Jahr 2000 erschienenen und von der Frankfurter Sparkasse herausgegebenen Buch "Sachsenhausen - von 1806 bis zur Gegenwart" an die Ereignisse des Jahres 1848:

 ... Höhepunkt war schließlich der Septemberaufstand, der zu Barrikadenkämpfen und zur Ermordung der [preußischen] Abgeordneten [Hauptmann Fürst Felix Maria] Lichnowsky und [General Hans von] Auerswald führte.

Schauplatz des Vorspiels dazu war Sachsenhausen mit einer eigenständigen kleinen Revolution von 24 Stunden Dauer. Bäckermeister Jost in der Löhergasse wollte sich durch zu kleine Brötchen und schlechtes Brot bereichern und reagierte auf entsprechende Beschwerden der Kunden grob. Er soll einem Arbeiter, der sich über das ungenießbare Brot beschwerte, geantwortet haben: „Ihr werdet noch froh sein, wenn ihr Dreck zu fressen bekommt“. Einer Frau soll er wegen seiner zu kleinen Brötchen gesagt haben: „Sie werden noch kleiner werden; ihr werdet froh sein, wenn ihr welche zu kaufen bekommt, die man durch eine Schlüsselloch schicken kann.“  Das ließen sich die Sachsenhäuser nicht bieten. Am Abend des 6. Juli 1848 zogen sie vor sein Haus und bereiteten ihm eine Katzenmusik und warfen dabei Fensterscheiben ein. Jost holte acht Polizisten und vier Soldaten aus Frankfurt und ließ in einer nahen Kneipe willkürlich vier harmlose Bürger verhaften. Unterstützt von anderen, denn die Kneipenbrüder standen einander bei, verjagten die fälschlich Verdächtigten die Ordnungshüter. Das konnte man in Frankfurt nicht auf sich sitzen lassen, man konnte sich doch nicht von einigen Krawallbrüdern auf der Nase herumtanzen lassen - und das angesichts des erwarteten Reichsverwesers Erzherzog Johann, für den die Stadt sich schon festlich zu schmücken anschickte. Am 7. Juli kamen jedenfalls 120 Mann Militär von Frankfurt nach Sachsenhausen - und wühlten den aufrührerischen Geist der Sachsenhäuser bis auf den Grund auf. Als eine Patrouille einen Gesuchten verhaftete und über die Brückenstraße zum Main abführte (es war der Falsche, ein Namensvetter), flogen Steine und Knüppel, so dass die Soldaten ins Deutschordenshaus flüchteten und sich in einem Heuhaufen versteckten, wo sie aber aufgespührt und aus Sachsenhausen verjagt wurden. Weitere aus Frankfurt angeforderte Verstärkung ging, als sie Hochrufe auf den badischen Freiheitskämpfer Friedrich Hecker hörten, zum Volk über. Das Militär, das in der Bäckergasse wartete, wollte dem Spuk ein Ende bereiten und rückte zur Alten Brücke vor. Als Schüsse fielen und ein Gefreiter getötet wurde, zog ein besonnener Leutnant seine Truppen zum Affentor zurück. Die Sachsenhäuser  verbarrikadierten ihr Viertel mit Holzkarren und Steinen, eine rote Fahne wurde auf die Barrikade an der Alten Brücke gesteckt. Freiwillige meldete sich als Posten für die Nacht. Ein kräftiger Gewitterhagel jedoch jagte noch am Abend die Posten von den Barrikaden und die Menschen von den Straßen. Ohne Verhandlung wurden am anderen Tag die Barrikaden weggeräumt. Dafür sollen erboste Marktfrauen gesorgt haben, die mit ihren Körben über die Brücke wollten: „Merr wararn Euch Barregode auf de Buckel gewe, Ihr Lumpehund! Alleh! Ufferäumt! Vorwärts! ...

Auch am 18. September waren die Abgeordneten in der Paulskirche zusammengekommen. Da alle Publikumsplätze schnell besetzt waren, wurden die Türen der Paulskirche geschlossen. Vor den Türen hatte sich aber eine große Anzahl weiterer Menschen versammelt die in der Paulskirche dem Geschehen beiwohnen wollte. Als diese an einer der Türen das Plakat entdeckt hatten: „Eingang nur für Abgeordnete“, riefen sie: „die Abgeordneten sind für das Volk da, für uns, also haben auch wir hier Eingang.“ Die Kräftigen unter den Protestierenden drückten die Tür ein und stürmten die Versammlung. Das vom Versammlungsleiter herbeigerufene Militär entfernte die Unruhestifter und ließ die Tür bewachen. Weil sich die größer und gewaltbereiter werdende Menschenmenge nicht beruhigen ließ kam es zu den blutigen Barrikadenkämpfen, die sich im ganzen Stadtgebiet abspielten.

Bei diesen Barrikadenkämpfen haben auch zwei Sachsenhäuser Bürger ihr Leben eingebüßt: Johannes Lein, ein Weingärtner, der am 24. 01. 1797 geboren wurde. Der Zweite war Johann Christoph Dörrstein, ein Schiebkärcher, der am 28. 01.1806 geboren wurde. Sie wurden beide auf Kosten der Gemeinde am 22. Oktober auf dem Sachsenhäuser Friedhof beerdigt. Die Namen der beiden Sachsenhäuser Gefallenen sind auch auf dem Gedenkstein des Frankfurter Hauptfriedhofs verzeichnet (Altes Portal, Gewann E), der im Jahre 1872 von Bürgern aus Sammelgeldern zu Ehren der „Gefallenen des Volks“ errichtet worden ist.

Arthur Schoppenhauer erinnerte sich als Augenzeuge an die Geschehnisse:

"Am 18. September 1848 ungefähr um halb ein Uhr sah ich aus meinem Fenster einen großen, mit Mistgabeln, Stangen und einigen Gewehren bewaffneten Pöbelhaufen, dem eine rote Fahne vorangetragen wurde, von Sachsenhausen her über die Brücke ziehen, indem eine Abteilung des hiesigen Linienmilitärs voranmarschierte. Das Militär stellte sich vor meinem Fenstern auf und wurde von allen Seiten, namentlich auf der Seite nach dem Main hin, umgeben. Der Volkshaufen schrie recht durcheinander, doch habe ich keinen einzelnen bestimmten Ruf verstanden, auch niemanden in dem Haufen erkannt."

Quelle: "Frankfurt-Chronik", Hrsg, Prof. Wolfgang Klötzer, Waldemar Kramer-Verlag, 1964

Karl Gutzkow

Der Schriftsteller, Dramatiker und Journalist Dr. Karl Ferdinand Gutzkow (*17.3.1811 in Berlin †16.12.1878 in Frankfurt) nahm nach seinem Gymnasialschulabschluss in Berlin ein Studium der Philosophie und Theologie auf. Nach seiner Promotion in Jena (1932) begann er sogleich in Heidelberg und München ein Jurastudium, dass er jedoch bereits im darauffolgenden Jahr wieder beendete.  Er war danach in ganz Deutschland unterwegs und knüpfte so in allen Landesteilen Kontakte zu allen bedeutenden Persönlichkeiten dieser Zeit. Gutzkow wurde zum Wortführer des "Jungen Deutschland" und trat mehrfach als Gründer und Herausgeber von Zeitschriften hervor. In einer dieser Zeitschriften "Literaturblatt" einer Beilage des "Phoenix, Frühlingszeitung für Deutschland" erschien als Erstabdruck Georg Büchners "Dantons Tod".

Er kam 1835 nach Frankfurt, wo er in kirchenkritischen Kreisen und bei den Handwerksgesellen sehr  populär wurde. Gutzkow publizierte 1945 hier seine Gesammelten Werke in 12 Bänden und er verfasste zu Goethes 100. Geburtstag ein Bühnenstück mit dem Titel "Der Königsleutnant".  Er war seit 1836 mit der Frankfurterin, Amalie Klönne, verheiratet, mit der er drei Söhne hatte.  Amalie Klönne war die Tochter des schwedischen Konsuls. Gutzkow lebte mit längeren Unterbrechungen von 1835 - 1837, 1842 - 1846 und von 1849 bis zu seinem Tode in Frankfurt. Vor seiner Frankfurter Zeit erregte er, wegen seiner damals als unschicklich empfundenen erotischen Beschreibungen in dem 1833 erschienen Roman "Wally, die Zweiflerin", große Empörung in deren Folge er 1836 wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften eine zehnwöchige Haftstrafe in Mannheim absitzen musste.

Er starb einen tragischen Tod: in seiner Wohnung in der Sachsenhäuser Stegstraße, kam er in der Nacht vom 15. auf den 16. Dezember 1878 ums Leben. Betäubt durch ein Schlafpulver soll er eine Lampe umgestoßen haben und im Rauch erstickt sein.

 

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Die 1960 von der Stadt Frankfurt, von Georg Krämer geschaffene Bronzetafel ersetzte eine von A. Wegener 1898 geschaffene, im Krieg 1944 zerstörte Gedenktafel. Diese befand sich bis zu einer Fassadenrenovierung (etwa 1990) an der Stelle des ursprünglichen Wohnhauses von Karl Gutzkow, an der Ecke Oppenheimer Straße / Stegstraße. Nach dieser Fassadenrenovierung wurde die Tafel nicht wieder angebracht. Was mit der Tafel passierte ist unklar.

Straßenverbreiterung der Gutzkowstraße

Die Gutzkowstraße hat auf ihrer ganzen Länge bis heute keine einheitliche Breite. Erkennbar ist das am deutlichsten an den nur auf einem kurzen Abschnitt, zwischen der Steg- und Launitzstraße beidseitig vorhandenen Vorgärten. Einen zusätzlichen Hinweis liefert die Anordnung der Parkplätze vor den Häusern. Weniger offensichtlich ist die Situation vor dem Schulleiterhaus der ehemaligen Souchayschule (bis vor Kurzem: Heinrich-von-Stephan-Schule; heute: Textor-Schule). Zwei der drei dort heute stehenden Lindenbäume standen möglicherweise ursprünglich innerhalb des Schulhofes. Für eine letzte Sicherheit, dass diese Bäume 1930 noch innerhalb des Schulhofs gepflanzt wurden, fehlt ein exaktes Datum für die Verkleinerung vom Schulhof.

Einer Magistratsakte (Sign. T/1.351) ist zu entnehmen, dass die Stadt Frankfurt im Jahr 1904 versuchte, die Vorgärten der auf der Nordseite der Gutzkowstraße entstandenen Mietshäuser den Besitzern abzukaufen („einzuziehen“ ) um die Fahrstraße verbreitern zu können. Den nachfolgend beigefügten Schriftstücken ist zu entnehmen, dass bereits 1903 das Tiefbau-Amt der städtischen Schulbehörde eine entsprechende Voranfrage zugestellt hatte. In diesem Jahr wurde zumindest der Vorgarten des Hauses Nr. 24 an die Stadt Frankfurt verkauft.

1904 sah sich der Architekt  und Bauunternehmer Johann Baptist Blattner veranlasst, auf die noch nicht vollständig erfolgte Straßenverbreiterung schriftlich hinzuweisen. Er behauptete im Interesse vieler Anlieger zu handeln und dass diese zu aktivieren „ein leichtes sei“. Blattner war zwischen 1895 und 1911 am Bau von zehn Mietshäusern in der Gutzkowstraße (davon neun eigenen Mietshäusern) beteiligt. Der Architekt war auch in den Seiten- und Parallelstraßen in erheblichem Umfang unternehmerisch tätig. Da Blattner auf der nördlichen Straßenseite nur ein einziges, damals im Bau befindliches Haus, besaß, war er selbst von der angestrebten Maßnahme nicht betroffen, was seinen Brief als eine eigennützige Initiative erscheinen lässt.

Danneckerstraße 1906 mit 7 eigenen Mietshäusern                                                           Laubestraße zwischen 1903 und 1907 mit 6 eigenen Mietshäusern
Schifferstraße zwischen 1895 und 1913 mit 5 eigenen Mietshäusern
Schwanthalerstraße 1911 mit 3 eigenen Mietshäusern
Souchaystraße 1905 mit 2 eigenen Mietshäusern
Stegstraße 1910 mit 6 eigenen Mietshäusern

Auf der nachstehenden  farbigen Postkarte sind durchgängig Vorgärten auf der linken (nördlichen) Straßenseite zu erkennen. Die nördlichen und südlichen Schlusshäuser der Gutzkowstraße, (am Schweizer Platz) verfügen auf dieser Postkarte noch über Vorgärten. Ursprünglich hatten alle Häuser rund um den Schweizer Platz Vorgärten. Diese sind nach und nach der Verbreiterung der Fußwege und für Aufstellflächen für Marktstände oder Zeitungsstände geopfert worden und werden heute von einem Café und einem Restaurant genutzt.

Den Bewässerungsplänen der Frankfurter Bauaufsicht (ISG, Sign. Kästen 478 und 479) verschiedener Liegenschaften ist manchmal die Straßenbreite vor dem jeweiligen Gebäude zu entnehmen. Diese Angaben schwanken zwischen 12m und 16m.

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Waldbahn mit offenen Sommerwagen am Schweizer Platz. Die Frankfurter Waldbahn war eine normalspurige Dampfbahn die von 1889 bis 1929 betrieben wurde. Sie diente dem Güter- und Personenverkehr und war bei den Frankfurtern besonders beliebt für Ausflüge in den Stadtwald. Im Buch über die Geschichte der Textorstraße wird übrigens die Waldbahn in einem eigenen Kapitel behandelt.

Postkarten nach 1900

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Blick über den Schweizer Platz in die Gutzkowstraße auf die Häuser auf der Ostseite des Platzes.

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Blick über den Schweizer Platz auf die Häuser auf der nordöstlichen Seite des Platzes.

Auszüge aus einer städtischen Korrespondenz

Eigene Aufnahmen, aus den Jahren 1982, 2016 und 2017

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"L U B A U _ 2 9"
Der sogenannte Schifferbunker

An der Stelle wo bis zum 7. Mai 1941 die Friedhofskapelle des Alten Sachsenhäuser Friedhofs stand, errichtete die Stadt einen Luftschutzbau als fünfgeschossigen Hochbunker. Nach ersten Planungen sollte dieser auf dem nahegelegenen Affentorplatz gebaut werden. Einer Akte der Frankfurter Bauaufsicht ist zu entnehmen, dass mit den Betonarbeiten, nach einem Entwurf des Frankfurter Architekten Karl Gräf, unmittelbar nach dem Abriss der Kapelle begonnen wurde. Der mit 940 Liegestellen und 90 Sitzplätzen geplante Bau wurde zum 1. Juli 1942 fertiggestellt. Insgesamt wurden 6145 cbm Beton, davon 1951 cbm mit Schutzbewehrung, verbaut. Das verbaute Material umfasste 185 t Eisen, 9250 t Kies und Sand, 6200 t Splitt und 2293 t Zement. Die für den Bau erforderlichen baustatischen Berechnungen wurden durch Heinrich de Ginder und die bauhandwerklichen Arbeiten durch das Bauunternehmen von Heinrich Flach u. Co. ausgeführt. In der Zeit zwischen Dezember 1940 und Juli 1943 sind in Sachsenhausen insgesamt drei Hochbunker gebaut worden. Die beiden anderen wurden in der Mörfelder Landstraße und der Paul-Ehrlich-Straße (damals: Ludwig-Rehn-Straße) errichtet.

Wie dem 2012 von Frankfurter Denkmalamt herausgegebenen Buch „Denkmal Topographie Frankfurt  am Main, Hochbunker“ zu entnehmen ist, wurden nach dem Kriegsende, in diesem Gebäude, die aus dem preußischen Staatstheater in Berlin ausgelagerten Gebrauchsnoten, gefunden.

Mit Beginn des Jahres 1946 wurden zunächst einzelne Räume und ein kleiner Anbau an Firmen und Einzelpersonen vermietet. So mietete eine benachbarte Lackfabrik einen Lagerraum und ein Handwerker einen Kellerraum zur Unterstellung von Handwerksgeräten und Materialien an. Der Anbau wurde von einem Lebensmittelgroßhändler aus der Oppenheimerstraße von Anfang 1946 bis ins Jahr 1954 genutzt. Ein Bauunternehmen brachte dort, während der allgemeinen Wohnungsnot, Arbeitskräfte in vier sogenannten Kabinen unter. Das Liegenschaftsamt lehnte im Februar 1948 einen Antrag dieses Bauunternehmers ab, diesem zehn weitere Kabinen zur Verfügung zu stellen. Als Begründung wurde die äußerst angespannte Lage bei der Unterbringung von Flüchtlingen angegeben. Von 1949 bis 1963 wurde der Bunker von der Heilsarmee als Unterkunft für wohnsitzlose Menschen, die vom Sozialamt dort eingewiesen wurden. Es dürfte sich zumindest in den Anfangsjahren um Flüchtlinge gehandelt haben. Es gab aber auch einen Herrn Willi Jahnke, der zusammen mit einem anderen Mann eine Innenkabine bewohnte und dort 1951, mit Zustimmung der Heimleitung und seines Nachbarn eine Versandbuchhandlung betrieb. Die Nutzung durch die Heilsarmee endete Mitte 1963.

Die Stadt nutzte das Dachgeschoss des Gebäudes von 1971 bis 1976 als sogenannte Übernachtungsstätte für Nichtseßhafte. Für die umliegenden Bewohner haben sich dann unerträgliche hygenische Zustände eingestellt, die eine Bewohnerin aus der Gutzkowstraße 7  1972  in  mehreren Briefen an das Fürsorgeamt schilderte. Die städtische Behörde bestätigte den Übelstand und beauftragte eine Firma die die dringend notwendigen „ekelerregende Säuberungsarbeiten“ durchführte. Betroffen war neben den Aussenanlagen auch das Hausdach. Selbst die Vergitterung der Dachfenster, hinderte manche Bewohner nicht dort ihren Müll und Notdurft zu hinterlassen.

1968 bezog ein stationärer Trödelmarkt und Flohmarkt den Bunker, der schon nach kurzer Zeit in ganz Frankfurt und darüber hinaus bekannt war. Hans Leipold, der Betreiber dieses Trödelmarktes, schaffte es mit den verschiedensten Aktionen immer wieder in die Frankfurter Tageszeitungen. Im September 1972 berichtete die Frankfurter Rundschau von einem Radrennen der besonderen Art. Die Trödelmarkt-Angestellten versuchten sich in einem Wettrennen mit ausgedienten Wagenrädern, die wie der „berühmte Käse“ ins Ziel gerollt werden sollten. Ob das Ziel der Südbahnhof war, ist nicht überliefert. Es ist nicht überliefert ob dabei mehr als nur ein Hühnerauge in Mitleidenschaft gezogen wurde.

1992 kaufte eine Tochter der Deutschen Telekom den Bunker und betrieb dort wohl eine technische Einrichtung. 1997 wollte die DeTeImmobilien an der Stelle des Bunkes ein Appartementhotel errichten. Der Bau scheiterte an der notwendigen Akzeptanz im Ortsbeirat und der Bevölkerung. Stattdessen übernahm eine andere Immobiliengesellschaft den Bunker um drei Wohnhäuser zu errichten. Der lange andauernde und mit viel Lärm verbundene Rückbau des Bunkers belastete die umliegenden Anwohner Anfang der 2000er Jahre sehr stark. Ein Banner an der Baustelle lautete so: "WIR SIND EUCH WOHL EGAL, DRUM GEBT IHR UNS: LÄRM & STAUB TOTAL".

L E B E N   I N   D E R   G U T Z K O W S T R A S S E

Gutzkowstraße 10 - Prof. Dr. Alfred Magnus (1880-1960)

Alfred Wilhelm Magnus wurde am 19. April 1880 als Sohn des Kaufmanns Wilhelm Magnus und dessen Ehefrau Elisabeth geb. Dove in Ramle (Ägypten), einem Vorort von Alexandria, geboren. Seine Eltern zogen noch vor seiner Einschulung nach Wiesbaden. Dort absolvierte er das humanistische Gymnasium und nahm danach ein Chemiestudium in München auf. Wie einem selbst formulierten Lebenslauf aus dem Jahr 1922 zu entnehmen ist belegte er nach einem erfolgreichen Verbandsexamen und Doctorandum für das weitere Studium die Nebenfächer Physik und Mathematik. In Berlin nahm er eine erste Assistententätigkeit bei Professor Walther Nernst auf.  Am 1. Juni 1908 wechselte Magnus als Assistent an die Universität Tübingen, wo er Unterricht in physikalischer Chemie erteilte. Dort wurde er im Sommer 1910 habilitiert. Am 15.11.1915 wurde Magnus als Ungedienter und dauernd garnisiondienstfähiger als Landsturmrekrut in Tübingen eingezogen. Nach einer Ausbildungszeit wurde er als Soldat, später als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in eine Artillerie-Prüfungskommission versetzt. Dort blieb er bis zum Kriegsende. Im März 1916 wurde er in Tübingen zum außerordentlichen Professor ernannt um nach dem Krieg, einen besoldeten Lehrauftrag, für zwei Wochenstunden im Semester (!), zu erhalten. 1922 ließ er sich in Tübingen beurlauben um an die Frankfurter Universität überzusiedeln. Dort wurde er von der Naturwissenschaftlichen Fakultät, für die Nachfolge des emeritierten Professors Richard Lorenz, auf die beim Hessischen Kultusministerium vorzulegende Besetzungsliste auf Platz 1 gesetzt. Die Professur wurde 1930 jedoch mit dem Bruder der 1945 von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer Klaus und  Dietrich Bonhoeffer, Karl-Friedrich Bonhoeffer, besetzt. Der Protest und Einspruch von Alfred Magnus wegen dieser Benachteiligung bescherte ihm bereits im Juni 1933, massive Schwierigkeiten durch ein Disziplinarverfahren das ihm der neue Rektor der Universität, Prof. Ernst Krieck, anhängte.

Pg. Prof. Krieck, Universität

Betr. Prof. Magnus, Inst. f.phys. Chemie, Rich. Meyerstraße 6 [sic!]

Nach einer uns vorliegenden Meldung hat Obengenannter Bestechungsgeld angenommen. Der Fall ist folgendermassen zu erklären:

Prof. M. hat s.Zt. einen Prüfling, der krank war, im Hause geprüft. Der Assistent des Prof. M. Giebenheim (Dr.) hat einige Tage vorher festgestellt, dass der Prüfling, welcher Jude ist, den Ansprüchen der Prüfung nicht gewachsen war. Trotzdem  hat Prof. M. denselben in seinem Hause (beim Prüfling) geprüft und die Prüfung wurde bestanden.

Daraufhin erfolgte Dankschreiben seitens des Vaters nebst Geldspende an das In-stitut. Von diesem Gelde wurde eine wissenschaftliche Arbeit des Dr. Oppenheimer (Jude) bestritten. Prof. M. ist im nat.-soz. Deutschen Assistentenbund und hat s. Zt. geäussert, er wäre mit dem Juden Mendelssohn-Bertholdy [sic!] verwandt.

Als Zeugen stellen sich folgende Personen zur Verfügung:    Giebenheim, am selben Institut,  Weidlich, Lehrkraft am Institut,  SA-Mann Uni-Mechaniker Krüger, 

Heil Hitler!                                                                                        Klaeger                                                                                                                   Kreispropagandaleiter

Dieses Disziplinarverfahren führe zu einer elfmonatige Zwangsbeurlaubung. Da die Beschuldigungen nicht bewiesen werden konnten musste Magnus an der Universität wieder zugelassen werden. Unter den, mittlerweile auch an der Universität weitverbreiteten üblen nationalsozialistischen Verhältnissen und der Abstempelung als Antifaschist hatte Magnus erheblich zu leiden. Er selbst schrieb am 29. August 1946 von einer schlechter Behandlung durch die verschiedensten Gremien und Personen der Universität und das seine Besoldung herabgesetzt wurde. Geschwächt von diesem Nervenkrieg entschloss sich Alfred Magnus  schließlich am 15. August 1939 seine Kündigung zum Stichtag 30. September 1939 einzureichen. Dass er wenige Tage vor Ablauf dieses Datums die Universität verlassen und nach Leipzig wechseln konnte, der 2. Weltkrieg war inzwischen von Hitler vom Zaun gebrochen worden, verdankte er K.-F. Bonhoeffer, der 1934 nach Leipzig gewechselt war und ihn als Kriegsvertretung nach Sachsen berufen hatte, wo er bis Kriegsende blieb. Prof. Magnus hatte während dieser Zeit seine Frankfurter Wohnung, im Grüneburgweg 125, behalten. Während seines Osterurlaubs 1945 war er in Frankfurt und erlebte den Einmarsch der amerikanischen Truppen, was eine Rückkehr nach Leipzig ausschloss. Er blieb deshalb in Frankfurt und stellte sich Prof. Max Seddig, den er von früher kannte, als wissenschaftliche Hilfskraft zur Verfügung. Magnus half so tatkräftig mit, von der Universität zu retten was noch zu retten war. Weil die Wohnung im Grüneburgweg innerhalb des amerikanischen Sperrgebietes lag und beschlagnahmt worden war musste Familie Magnus sich eine andere Bleibe suchen. (Im Adressbuch des Jahres 1953 findet sich ein Eintrag für die Leipzigerstraße 51). Bereits im Dezember 1945 wurde Alfred Magnus vom Frankfurter OB, Dr. Blaum, aufgefordert, mit der Universität in Berufungsverhandlungen zu treten um das völlig zerstörte Institut für physikalische Chemie wieder in Gang zu setzen. Die erwartete Berufung stellte sich allerdings nicht ein, stattdessen wurde ihm, im Februar 1946, ein jederzeit widerrufbarer Lehrauftrag mit einer Besoldung von nur 500 RM monatlich erteilt. Im Februar 1947 wurden unabhängig voneinander drei auswärtige Professorenkollegen um eine gutachterliche Einschätzung  der Person Magnus gebeten. Einer der Angesprochenen war sein früherer Vorgesetzter K.-F. Bonhoeffer, der sich u.a. so äußerte:

... Herr Professor Magnus hat grosse Verdienste um den  physikalisch-chemischen Unterricht an der Universität Frankfurt a.M.. Er hat sich ungewöhnliche Mühe um diesen Unterricht gegeben, und ich habe oft von Studenten sein pädagogisches Geschick rühmen hören und in Prüfungen seinen Erfolg feststellen können. Es ist zweifellos, dass er dabei die Forschung vernachlässigt hat, und dass sich sein Unterricht  mehr auf die elementaren und zu Anfang des Jahrhunderts modernen Dinge, die ja auch gebracht werden müssen, nicht leicht einen hingebenderen Lehrer finden. Ich halte es jedenfalls für eine Pflicht der Fakultät dafür zu sorgen, dass Professor Magnus, nachdem er durch viele Jahrzehnte der Universität gedient hat, einmal eine gewisse Anerkennung und eine Versorgung für sein Alter erhält. Aber, selbst wenn das auf andere Weise möglich ist, als durch eine Berufung auf den Lehrstuhl, würde ich doch unter den heutigen Verhältnissen für eine Berufung sein, vorausgesetzt, dass sich Prof. Magnus noch in dem Zustand der Leistungsfähigkeit befindet, indem ich ihn vor einigen Jahren das letzte Mal gesehen habe.

Dass eine derartige Beurteilung nicht zu einer baldigen Berufung führte erstaunt auch heute noch. Dieses Erstaunen brachte Bonhoeffer am 24.11.1948 (!) nach einer erneuten Anfrage zum Ausdruck:

Ihre Anfrage nach Vorschlägen zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls für physikalisiche Chemie bringt mich in Verlegenheit. Ich hatte angenommen, dass die Ernennung von Herrn Professor Magnus ausser Frage stünde oder daß sie sogar bereits erfolgt sei. ... Als Wissenschaftler und Forscher hat er sich einen auch ausserhalb Deutschlands bekannten Namen gemacht. Seine Arbeiten über spezifische Wärmen von Festkörper, seine Theorie der Koordinatenzahl anorganischer Verbindungen und seine Experimentaluntersuchungen auf dem Gebiet der Adsorption von Gasen haben eine grosse Bereicherung unseres Wissens gebracht.

Die erhoffte Ernennung zum ordentlichen Professor erfolgte schließlich zum 1. August 1949. Zum gleichen Datum erfolgte auch seine Versetzung in den Ruhestand. Über diesen symbolischer Akt hinaus wurde für die  Berechnung seines Ruhegeldes angeordnet, davon auszugehen die Ernennung sei bereits 12 Monate zuvor erfolgt.

Professor Magnus starb am 28.Oktober 1960 in Frankfurt am Main. Er hinterließ seine Ehefrau und drei Kinder und wenigstens ein Enkelkind. Die in der Todesanzeige angegebene Kondolenzadresse war die bereits erwähnte Wohnung im Grüneburgweg.

Quelle: Universitäts-Archiv Frankfurt am Main, Signaturen; UAF, Abt. 4 Nr. 1478; UAF, Abt. 13 Nr. 196; UAF, Abt. 144 Nr. 171;

 

Gutzkowstraße 45 - 49, ehemals Nr. 53 -
Geheimer Sanitätsrat Dr. med Jacob Hermann Bockenheimer (1837-1908)

Zwischen 1882 und 1910 war das imposante Gebäude der „Privatklinik Dr. Bockenheimer“ an der Südostecke Gutzkowstraße / Stegstraße nahe dem Oppenheimer Platz prägend für das Stadtviertel. Es stand auf den Parzellen, auf denen heute die Gebäude Gutzkowstraße 45, 47 und 49 sowie Stegstraße 59 und 61 stehen. Dieser Artikel will mit bislang unveröffentlichten historischen Bildern erläutern, was es mit dieser Klinik und ihrem Gründer* auf sich hatte. Die Bilder sind dem Jubiläumsalbum (34x26x6cm) entnommen, das Kinder und Schüler dem verdienten Frankfurter Arzt Dr. Bockenheimer 1907 zu seinem 70sten Geburtstag widmeten. Das dreiflügelige Hauptgebäude der Klinik wurde 1882 bezogen, bis 1892 wurden zwei lange Seitenflügel angebaut, südlich davon verfügte die Klinik über einen großen Park, der sich bis zur Schwanthalerstraße erstreckte.

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Die Klinik in der Gutzkowstraße, 1892 von Nordwesten, Hauptgebäude und westlicher Anbau. Bei Baubeginn 1880 gab es noch keine Bebauung in der direkten Nachbarschaft. Die Bepflanzung um die Außenfront verdeckt schon das voll ausgebaute Souterrain. Schräg gegenüber ist eine Baugrube ausgehoben. Pflasterarbeiten für die Stegstraße sind in Vorbereitung. Die Straßenschilder scheinen noch ein Provisorium zu sein.

Die Familie Bockenheimer stammt aus Harheim, heute ein nördlicher Stadtteil von Frankfurt. Der Vater von Jacob Hermann Bockenheimer, Johann Philipp Bockenheimer, war von 1827 bis 1868 Lehrer an der katholischen Domschule in Frankfurt und wohnte in der Straße Hinter dem Prediger, nahe dem Arnsburger Hof am Dom. Hier wurde Jacob Hermann am 25. Dezember 1837 geboren und im Dom getauft. Im Domviertel konzentrierte sich damals die katholische Minderheit Frankfurts. Der Vater erwarb 1838 das Bürgerrecht der Freien Stadt Frankfurt. Jacob Hermann selber konnte es erst 1863 erwerben und wurde in diesem Jahr „... unter die Zahl der Frankfurter praktischen Ärzte, Wundärzte und Geburtshelfer aufgenommen“.

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Widmung der "Kinder und Schüler" von Geheimrat Bockenheimer im Album zu seinem siebzigsten Geburtstag am 25.12.1907. Das Album enthält Photos zu Lebensstationen des Jubilars, die auf allen Blättern in farbiger erläuternder Schrift und Dekoration eingebettet sind.

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Das Geburtshaus von Jacob Hermann Bockenheimer in der Straße Hinter dem Prediger in Frankfurt/M. (25.12.1837), nahe dem Arnsburger Hof am Dom.

Jacob Hermann Bockenheimer besuchte die katholische Volksschule am Dom. Seine guten schulischen Leistungen bewogen Stadtpfarrer Thissen, dem begabten Schüler Privatunterricht in Latein und anderen Fächern zu erteilen, so dass Jacob Hermann bald in die Tertia des Frankfurter Gymnasiums eingeschult werden konnte. Dort erwarb er im April 1859 sein „Maturitätszeugnis“. Über seine Leistungen im Frankfurter Gymnasium gibt sein „Censurenheft“ Auskunft, das der Schüler nach jedem Halbjahr dem Vater zur Unterschrift vorzulegen hatte. Auch im Abschlussjahr 1859 benoteten ihn seine Lehrer mit „Eins zu Zwei“. Die Zensuren reichten von „Recht befriedigend“ über „Recht gut“, „Überall lobenswerth“ bis „Sehr gut“.

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Titelblatt des "Censurenheftes" für den Schüler Jacob Hermann Bockenheimer am Gymnasium in Frankfurt/M. (1854 - 1859)

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Schlussblatt des "Censurenheftes" für den Schüler Jacob Hermann Bockenheimer am Gymnasium in Frankfurt/M. für den Zeitraum Neujahr bis Ostern 1859.

Bereits im Mai 1859 begann Jacob Hermann in Göttingen ein Medizinstudium und trat der schlagenden Studentenverbindung „Corps Hannovera Göttingen“ bei. Zum 50sten Geburtstag seiner Mutter sandte er eine Postkarte mit stolzem Studentenporträt nach Frankfurt, die ihren Weg in das Album von 1907 fand.

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Postkarte des Studenten Jacob Hermann Bockenheimer, Corps Hannovera Göttingen. Die Karte ist nachkoloriert und handschriftlich mit einer Widmung des Göttinger Studenten zum Geburtstag seiner Mutter am 26. Februar 1859 versehen.

Von Göttingen wechselte Jacob Hermann im April 1860 auf die Maximilians-Universität nach Würzburg, wo er am 10. August 1861 zum Doktor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe promoviert wurde. In den Semesterferien hatte er in der Anatomie des Senckenbergschen Instituts in seiner Heimatstadt zwei Kurse bei Dr. Lucae besucht, was sich später als bedeutsam für die Gewährung des Bürgerrechts herausstellte. Von Herbst 1861 bis März 1862 vervollständigte Jacob Hermann seine medizinische Ausbildung zunächst an den Universitäten in Wien und Prag und später Paris. In Prag muss er mit den bahnbrechenden aber von Kollegen nicht anerkannten Untersuchungen von Ignaz Semmelweis zu den Ursachen des Kindbettfiebers in Berührung gekommen sein. Anfang 1863 kam der junge Dr. Bockenheimer zurück nach Frankfurt und wirkte bis 1867 als Armenarzt der katholischen Kirchengemeinde.

1866 gründete er seine eigene kleine Chirurgische Privatklinik in der Sachsenhäuser Elisabethenstraße 5. Er muss nicht nur ein außerordentlich erfolgreicher Chirurg gewesen sein, sondern war vor allen Dingen auch sehr mutig und mit gesundem Optimismus ausgestattet. Er veröffentlichte außer seiner Doktorarbeit mehrere Schriften zu seinem Berufsfeld und in den Jahresberichten seiner Klinik umfangreiche wissenschaftliche Abhandlungen*. Jacob Hermann Bockenheimer wagte sich erfolgreich an neue  Operationsmethoden heran, die ihm sein Wissen um die Erkenntnisse von Ignaz Semmelweis und Baron Lister ('Lancet' 1867) ermöglichte. Er war der Erste, der in Frankfurt die „antiseptische Methode“ im Operationssaal praktizierte und erfolgreich Operationen bei geöffneter Bauchhöhle ausführte. Er erfand neue Operationstechniken und Operationsbestecke. Seine Hausarztpraxis hatte Dr. Bockenheimer in der Hochstraße 51 (heute gegenüber der Alten Oper), wo er auch wohnte, nachdem er in Frankfurt die elterliche Wohnung in der Neue Kräme 27 verlassen hatte. Hierhin waren seine Eltern gezogen, als das alte Wohnhaus im Domviertel abgerissen wurde. Seine Schwestern Anna und Gertrud, beide Lehrerinnen, wohnten bis 1898 in der Neue Kräme 27, dann wurde auch dieses Haus abgerissen.

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Photo der Neue Kräme ca. 1890. Das Haus Nr. 27, in dem die Familie Bockenheimer wohnte, ist mit einem x über dem Dach gekennzeichnet. Im Vordergrund der Brunnen (Liebfrauenbrunnen) vor der Niederlassung der Tuchfirma Ernst Lochner & Horkheimer.

Als Hausarzt war Dr. Bockenheimer stadtbekannt. In Baberadt's „Frankfurter Anekdotenbüchlein“ finden sich zahlreiche Geschichten über Bockenheimers kernigen aber herzenswarmen Umgang mit seinen Patienten. Auch als Sanitätsarzt war er sehr profiliert und vielfach ausgezeichnet. Im Jahr 1866 war er als Operateur in den Frankfurter Lazaretten tätig, in denen Opfer des Mainfeldzugs behandelt wurden. Er gründete das „Freiwillige Sanitätscorps Frankfurt“, das später im Krieg 1870/71 in Frankreich im Einsatz war.

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Szene vor den drei Holzgebäuden des Frankfurter Lazaretts 1866. Jacob Hermann Bockenheimer, im Lazarett als Chirurg eingesetzt, steht am hinteren Pflegebett (schwarzer Gehrock und Fliege).

1870 nahm Dr. Bockenheimer ein von ihm im Detail geplantes Klinikgebäude am Sachsenhäuser Mühlberg in Betrieb und behandelte hier mit großem Erfolg im deutsch-französischen Krieg schwerverwundete Offiziere. Er heilte schwere „Knochenschüsse ohne Amputation der verletzten Glieder“, was damals in Frankfurt kein anderer Chirurg schaffte.

 

 

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Schlachtfeldszene im Krieg 1870/71 mit dem Photo von Jacob Hermann Bockenheimer, der 1866 das "Freiwillige Sanitätscorps Frankfurt" ins Leben gerufen hatte und 1870/71 die "Chirurgische Klinik Dr. Bockenheimer" am Mühlberg in Sachsenhausen betrieb.

Das Gebäude der Klinik in der Mühlbruchstraße musste er wegen Enteignung des Geländes („Expropriation“ zugunsten des Eisenbahnbaus) 1872 aufgeben und verlegte die Klinik in ein Provisorium am Oberräder Fußweg (heute: Willemer Straße). Von dort aus plante er den 1879 begonnenen Neubau an der Straßenkreuzung Gutzkowstraße / Stegstraße. Dort ließ er ein Klinikgebäude nach den modernsten Vorstellungen bauen und plante jedes Detail selber. Im Jahr 1882 verlegte er seine Privatklinik in dieses Gebäude in der Gutzkowstraße. 1880 hatte Frankfurt 136.831 Einwohner, bis 1910 stieg die Frankfurter Einwohnerschaft auf 414.000 vor allem durch Eingemeindungen. Das 1884 in Betrieb genommene Städtische Krankenhaus Sachsenhausen an der Gartenstraße wuchs entsprechend mit, aber ein Großteil der Krankenversorgung der Bevölkerung wurde auch von den Stiftungskrankenhäusern geleistet. Als Jacob Hermann Bockenheimer 1879 sein neues Klinikgebäude plante, wurde das unbebaute städtische Gelände rund um den Oppenheimer Platz für die Bebauung neu parzelliert und an Investoren verkauft.

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Die voll ausgebaute Klinik 1892. Die Jahreszahl 4.11.1866 bezieht sich auf die Eröffnung der ersten Privatklinik von Dr. Bockenheimer in der Elisabethenstraße 5 in Sachsenhausen.

Jacob Hermann Bockenheimer bildete mit großem Erfolg Frankfurter Chirurgen in seinen revolutionären Operationstechniken und der Handhabung der „antiseptischen Methode“ aus. Studierende der Medizin - in Frankfurt gab es damals keine Universität - war es in den letzten Semestern ihres Studiums gestattet, die Klinik zu besuchen und auch den Visiten in der stationären Klinik und den Operationen beizuwohnen. Davon wurde rege Gebrauch gemacht, wie die Statistischen Jahresberichte der Klinik ausweisen.

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Lehrvisite von Dr. Bockenheimer in seiner Klinik ca. 1898. Bockenheimer vor dem Krankenbett, dahinter Assistenzärzte, links Sr. Michaelis und rechts eine Mitschwester in der Tracht der Schwestern der Armen Dienstmägde Christi zu Dernbach, denen in der Klinik Krankenpflege und Verwaltung oblagen. Zweiter von links "Faktotum" Rittlinger (siehe L.I.S.A. "Biographie Dr. Bockenheimer").

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Pflegesaal im Obergeschoß des Anbaus der Klinik, ca. 1898. Das Gebäude hatte noch Gasbeleuchtung, die Kommunikation zwischen den Abteilungen erfolgte per Telefon. Ein ausgeklügeltes System für Frischluftzirkulation über Luftschächte im ganzen Gebäude sorgte für gute Belüftung, dazu trug auch die Höhe der Räume bei.

Ein weiteres Photo des Albums von 1907 zeigt Dr. Bockenheimer im Jahr 1900 vor einer Garderobe im Eingangsbereich seiner Klinik. Er selbst hasste Aufhebens um seine Person und versuchte, sich Feierlichkeiten zu entziehen. Sein siebzigster Geburtstag wurde am 25.12.1907 trotzdem in der Klinik feierlich mit Besuchen von Honoratioren der Stadt, seiner Söhne und vieler ehemaliger Assistenzärzte begangen. Dabei entstand ein Gruppenphoto vor dem Klinikgebäude. Sein Sohn Philipp, Chirurg, Professor und Geheimer Sanitätsrat in Berlin, hatte im Vorjahr die „Gedenkschrift zur Erinnerung an das 40 jährige Bestehen der Dr. Bockenheimerschen Klinik Frankfurt a.M. 1866 - 1906“* herausgegeben.

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Dr. Bockenheimer im Jahr 1900 vor einer Garderobe im Eingangsbereich seiner Klinik, wohl in der Kleidung, in der er in seiner Kutsche von zu Hause nach Sachsenhausen gefahren war.

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Gruppenaufnahme vor der Klinik 25.12.1907. Dr. Jacob Hermann Bockenheimer (vorne Mitte) im Kreis seiner Assistenzärzte an seinem 70sten Geburtstag. In der hinteren Reihe Mitte seine drei Söhne Jacob (4.v.l.), Philipp (5.v.l.), Alexander (6.v.l.).

Um 1891 zog Dr. Bockenheimer in seine Villa in der Bockenheimer Landstraße 26. Hier lebte er mit seiner Frau und seinen Kindern Philipp, Maria, Jacob, Alexander und Gertrude als 1894 seine geliebte Frau Jenny bei der Geburt des Sohnes Julius starb - tragischer Weise an Kindbettfieber.

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Villa von Dr. Bockenheimer in der Bockenheimer Landstraße 26 ca. 1907, mit Vorgarten von der Straßenseite her aufgenommen. Die riesige repräsentative Villa, in die die siebenköpfige Familie 1891 auf 1892 aus der Hochstraße 51 umzog, ist wahrscheinlich von einem Vorbesitzer gebaut worden.

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Die Klinik Dr. Bockenheimer 1907. Die Baumspitzen erreichen nun schon das zweite Stockwerk. Auf den Bürgersteigen sind Gaslaternen zu erkennen, wie sie bis nach dem zweiten Weltkrieg in Sachsenhausen gebräuchlich waren. Die amtlichen Straßenschilder in Email sind an dem schmiedeeisernen Zaun der Klink befestigt. Charakteristisch das Kopfsteinpflaster (Basalt) der Fahrbahn.

Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Jacob Hermann Bockenheimer verstarb 1908 an einem Herzleiden und wurde in seinem Familiengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Das Gebäude seiner Privatklinik in der Gutzkowstraße wurde wenige Jahre später abgerissen. Sein ältester Sohn Philipp, Chirurg und Professor in Berlin, konnte die Privatklinik seines Vaters aus finanziellen Gründen nicht fortführen. Die Stadt Frankfurt lehnte den von der Krankenkasse empfohlenen Ankauf von Gebäude und Park ab. Auf dem Anwesen Gutzkowstraße 49 und dem Eckhaus (Stegstraße 59) fanden sich 2013 die erhaltenen und in den Bau integrierten Kellerfundamente des Klinikgebäudes, im Hof Fundamente des westlichen Anbaus der Klinik. Die Fundstelle wurde nach Mitteilung von Dr. Andrea Hampel (Denkmalamt Frankfurt) als SAC 51 in das Ortsarchiv aufgenommen. In der Abteilung Bodendenkmalpflege des Denkmalamtes der Stadt Frankfurt wird ein Ortsarchiv geführt. Alle Fundstellen sind im Ortsarchiv aufgenommen und nummerisch innerhalb der Gemarkungen erfasst.

Schon kurz nach dem Tod Bockenheimers sammelte der Bezirksverein Sachsenhausen Mittel für ein Denkmal für den „Wohltäter der Menschheit“, Dr. Bockenheimer hatte zeitlebens in seiner Klinik „mittellose“ Patienten unentgeltlich behandelt, ebenso alle Patienten in seiner Poliklinik („Ambulatorium“). Bedingt durch den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise kam es erst im Jahr 1932 dazu, den noch heute auf dem Oppenheimer Platz stehenden Denkmalbrunnen einzuweihen*. Der Tradition folgend legte die Stadt Frankfurt auch 2008 zur Ehrung des großen Arztes am Denkmal am Oppenheimer Platz einen Kranz nieder. Im Jahr 2014 weihte die Stadt Frankfurt den von Graffiti gereinigten Denkmalbrunnen und den nach historischem Vorbild neu gestalteten Oppenheimer Platz feierlich neu ein.

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Der Dr. Bockenheimer Denkmalbrunnen am Oppenheimer Platz im Jahr 2014. Die von dem Frankfurter Bildhauer August Bischoff (1876-1965) geschaffene Jünglingsfigur symbolisiert Gesundheit, das Ziel, dem das Lebenswerk von Dr. Bockenheimer galt. Sie wurde 1942 als "Metallspende des Deutschen Volkes" eingeschmolzen und 1949 auf Initiative Bischoffs neu gegossen. 2014 ließ die Stadt den Brunnensockel von Graffiti reinigen und den Oppenheimer Platz nach historischem Vorbild neu gestalten.

* Weiterführende Informationen

Alle von Jacob Hermann Bockenheimer veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten und eine Monographie über seine Klinik sind auf L.I.S.A. einzusehen, siehe Artikel "Ein Frankfurter Arzt und seine Zeit".

Ein kommentierter Stummfilm von der Einweihungsfeier des Denkmalbrunnens 1932 ist auf L.I.S.A. abgelegt, siehe Artikel "Biografie - Der innovative Frankfurter Chirurg Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Jacob Hermann Bockenheimer (1837 - 1908)".

(c) Johann-Philipp Bockenheimer, 2017  Bildquelle: Archiv Familie Bockenheimer

Gutzkowstraße 57 - Karl Julius Friedrich Odemar (1858 -1926)

Karl Julius Friedrich „Fritz“ Odemar war  ein 1858 geborener und 1926 verstorbener Hofschauspieler. Aus der Ehe mit Erika Nymgau-Odemar ging ein Sohn hervor.

Fritz Odemar hatte 1909 in Münster sein erstes Engagement. Seine weitere Theaterkarriere führte ihn über Mannheim und Frankfurt an verschiedene Berliner Bühnen, wo er unter anderem auch in von Gustav Gründgens und Heinz Hilpert inszenierten Stücken mitwirkte. Er trat auch in einigen Stummfilmen auf, insgesamt war er in über 130 Spielfilmen zu sehen. Oft wurde er als Aristokrat und Diplomat besetzt.

Sein Sohn war Erik Ode, der 1910 in Berlin das Licht der Welt erblickte. Erik Ode war ein beliebter Schauspieler, Regisseur und Synchronsprecher. Sein bürgerlicher Name war Fritz Erik Signy Odemar. Große Bekanntheit erlangte er in der TV-Kriminalserie „Der Kommissar" in der er in fast 100 Folgen den Kommissar Keller verkörperte.

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Karl Julius Friedrich "Fritz" Odemar

Gutzkowstraße 59 - Emil Gustav Lube (1860-1940)

Lube trat im August des Jahres 1890, im Alter von 30 Jahren, in den Dienst der Stadt Frankfurt. Zu diesem Zeitpunkt bestand das Vermesserungsbureau neben dem Leiter,  Stadtgeometer Bernhard Spindler, aus sechs Landmessern/Geometern, einem Zeichner, einem Hilfszeichner und drei Lithographen. Sechs Jahre später übernahm Lube die Büroleitung von Spindler. Er begleitete diesen verantwortlichen Posten bis 1924. In dieser Position kam es ihm zu, dem sehr fortschrittlichen Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes bei dessen Bemühungen zur Schaffung einer effizienten Neuregelung zur spekulationsfreien neuen Bodenordnung zu unterstützen. Das unter dem Namen "Lex Adickes" bekannt gewordene  Umlegungsgesetz trat in einer ersten Fassung 1903 und nach einer Überarbeitung endgültig 1911 in Kraft. Aus dieser über Deutschland hinaus wahrgenommene Neuregelung erwuchs Lube bereits 1904 die Ehre, auf der 24. Hauptversammlung des Deutschen Geometervereins über diese Problematik einen Vortrag zu halten. 1912 erreichte ihn eine weitere Anfrage, anlässlich der Düsseldorfer Städte-Ausstellung nochmals einen Vortrag darüber zu halten. In verschiedenen in- und ausländischen Publikationen wurde die Arbeit von Lube ebenso gewürdigt wie die von OB Adickes. 1906 und 1911 wird im Adressbuch als Wohnadresse die Mörfelder Landstraße 108a angegeben. 1920 ist dort die Adresse Gernsheimer Straße 6 vermerkt. Gustav Emil Lube starb am 26. Februar 1940. Im Adressbuch des Jahres 1942 wird unter der Gernsheimer Straße Friederike Lube genannt. In der Todesanzeige im Frankfurter Generalanzeiger, wurden neben seiner Ehefrau "Friede Lube, geb. Wolpert" offenbar zwei Kinder genannt. Elisabeth Lube und Hans Lube, der sich zu diesem Zeitpunkt "im Felde" befunden haben soll.


Gutzkowstraße 67 - Hans Wächtershäuser (1888-....)

Hans Wächtershäuser wurde im sogenannten Dreikaiserjahr, am 15. August 1888 in Bad Homburg geboren. Er machte sich bereits mit 20 Jahren im Berliner Holzhandel selbstständig. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er ins Rhein-Main Gebiet zurück, wo er 1928 in Frankfurt sein erstes Fachgeschäft  "Radio Wächtershäuser" in der Biebergasse 8 eröffnet hatte. Während des  Zweiten Weltkrieges liefen die Geschäfte nicht wie erhofft und das Handelsgeschäft wurde geschlossen, die Werkstatt aber zunächst weiterbetrieben. 1944 wurden die Geschäftsräume durch einen Bombentreffer vollständig zerstört. Nach 1945 wagte Hans Wächtershäuser einen Neuanfang seines Geschäftes in der Biebergasse. 1950 gründete er als zweites Standbein die Firma Radio Goethe in der Goethestraße. Auf der Zeil baute er ein Geschäftshaus (Nr. 46) in das eine Filiale von Radio Wächtershäuser einzog. 1955 gründete er zudem eine Großhandlung für den Vertrieb von Telefonanrufbeantworter, Gegen- und Wechselsprechanlagen. 1957 entstand das Radio- und Fernsehkaufhaus Wächtershäuser in der Friedensstraße 7 und 1961 kam eine Filiale in Offenbach am Main hinzu.

Gutzkowstraße 79 - Prof. Dr. phil. Wilhelm Manchot (1844-1912); Prof. Dr. phil. Heinrich Weizsäcker (1862-1945); Horst Staudacher (1939-....); Familie Thiedemann

Wilhelm Manchot erblickte am 19.03.1844, als Sohn eines, von hugenottischen Vorfahren abstammenden protestantischen Stadtpfarrers in Nidda, das Licht der Welt. Da sein Vater 1848 nach Offenbach versetzt wurde besuchte Wilhelm Manchot dort auch die Realschule, wo sich rasch seine zeichnerische Begabung zeigte. Dank dieses Talentes konnte er in Frankfurt die Baugewerkschule besuchen und danach am Münchner Polytechnikum und später am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich studieren. Vor seinem Wechsel nach Zürich schrieb er sich in der Münchner Akademie der Bildenden Künste bei Ludwig Lange ein. In Zürich war er Schüler von Gottfried Semper, dem er angeblich große Inspirationen verdankt haben soll. Nach wechselnden Tätigkeiten bei verschiedenen europäischen Architekten in Paris, Brüssel und Antwerpen, lebte und arbeitete er von 1867 bis 1870 in Heidelberg und im direkten Anschluss bis 1895 in Mannheim, hier als selbstständiger Architekt. 1895 folgte er einem Ruf als Lehrer an die Städelschule, wo er als Nachfolger von Oskar Sommer bis 1910 tätig war. Ab 1897 als Professor der Meisterklasse für Architektur, die nach seinem Ausscheiden aufgegeben wurde. Mit der Technischen Hochschule in Darmstadt war eine moderne und attraktive Konkurrenz entstanden. Manchot starb am 07.10.1912 in Dornholzhausen. Er wurde in der Familiengruft auf dem Alten Offenbacher Friedhof beigesetzt. 

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Blick auf die Häuser Gutzkowstraße 77 und 79. Neujahrstag 2017

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Heinrich Weizsäcker erblickte am 18.10.1862 in München das Licht der Welt. Er stammt aus der württembergischen Familie der Weizsäckers und folgte zunächst seinem künstlerischen Talent und begann an den Kunstakademien von München und Berlin eine Ausbildung als Maler. Einer Karriere als Künstler stand eine Augenkrankheit entgegen, weshalb er ein Studium der Kunstgeschichte in Berlin und Göttingen in Angriff nahm. Der 1885 promovierte  Kunsthistoriker war zunächst unter Wilhelm Bode, an Berliner Museen tätig bevor er 1891, mit einer Empfehlung von Bode, als Direktor des Städelschen Kunstinstituts nach Frankfurt am Main kam. In seiner Frankfurter Zeit, die 1904 mit einem Wechsel an die Technische Hochschule Stuttgart zu Ende ging, erwarb das Städel beispielsweise Werke der Mitglieder der Kronberger Malerkolonie, mit denen er in einem unmittelbaren Kontakt stand. Er beklagte sich allerdings auch über das schwierige Verhältnis zu den Administratoren des Städelschen Kunstinstituts und damit zu einem Teil der Städtischen Honoratioren. Diese sahen sich nicht immer in der Lage seinen fachlichen Ratschlägen und Kaufempfehlungen zu folgen.

Zusammen mit Leopold Sonnemann initiierte er u. a. die Gründung des Städelschen Museums-Vereins. 1904 folgte der Wechsel nach Stuttgart wo ihm eine ordentliche Professur angeboten worden war. Er blieb Frankfurt trotzdem verbunden indem er an verschiedenen Publikationen beteiligt war. Das wichtigste Werk zur Frankfurter Kunst im 19. Jahrhundert ist bis heute das zusammen mit Albert Dessoff bearbeitete zweibändige Werk „Kunst und Künstler in Frankfurt im 19. Jahrhundert“. Er war der zweitgeborene Sohn von Julius Ludwig Freiherr von Weizsäcker. Dessen Bruder war Karl Heinrich Freiherr von Weizsäcker (protestantischer Theologe und Kanzler der Tübinger Universität). Dieser war der Urgroßvater des ehemaligen Bundespräsidenten Richard Karl Freiherr von Weizsäcker. Heinrich Weizsäcker starb am 14. Januar 1945.

 

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Ausschnitt aus einem Doppelbildnis von Karl M. Pidoll zu Quintenbach, etwa von 1894. Der Ausschnitt zeigt Heinrich Weizsäcker. Im Hintergrund sind die Untermainbrücke und der Frankfurter Dom zu erkennen.

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Horst Staudacher wurde am 20.10.1939 in Frankfurt geboren und wohnte u. a. in der Schwanthalerstraße 72 (siehe Adressbuch 1953-1955). Er sammelte seine ersten sportlichen Erfahrungen im Radsportverein RV Germania Frankfurt. 1958 gewann Staudacher zusammen mit den Kameraden Rudi Dörr, Walter Leonhardt und Horst Popp die Bronzemedaille bei den Deutschen Meisterschaften der Amateure über 4000 m Mannschaftsverfolgung. In den Jahren von 1963 bis 1966 war er in vier Profimannschaften aktiv. Für das niederländische Team von Locomotief - Vredestein, die deutschen Teams Ruberg - Liga und Union sowie das Team Pelforth -Sauvage - Lejeune aus Frankreich. In diesem französischen Team war er u. a. ein Mannschaftskamerad von Klaus Bugdahl und dem späteren niederländischen Tour-de-France Sieger Jan Janssen (1968). 1964 wurde  Staudacher in Bielefeld Deutscher Stehermeister, nachdem er bereits im Jahr zuvor Deutscher Vizemeister im Steherrennen geworden war.

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Autogrammkarte von Horst Staudacher

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Familie Thiedemann

Wahrend der Bombenangriffe durch die alliierten Streitkräfte wurde nicht nur der bereits erwähnte Luftschutzbunker genutzt. Die Bewohner gingen auch in die eigenen Luftschutz-Kellerräume. Das Haus Gutzkowstraße 79 hat einen Doppelkeller, also einen Tiefkeller unter dem eigentlichen Kellergeschoss. Derartige Baukonstruktionen waren und sind selten anzutreffen, wie auch Fortführungen der Kellerräume außerhalb des Gebäudes unter dem angrenzenden Hof beim Haus Stegstraße 59 (Eckhaus). Dieser Tiefkeller diente damals auch als Lager für Weinfässer, die von Zeit zu Zeit von einem Winzer angeliefert wurden. Während der Luftangriffe flüchteten sich die Bewohner des Hauses, aber auch aus den Nachbarhäusern, in diesen Tiefkeller.

An Ostern des Jahres 1949 wurde infolge eines Feuers in einer Mansardenwohnung und  durch die notwendigen Löscharbeiten die darunterliegende Zimmerdecke in  Mitleidenschaft gezogen, die später einstürzte. Gisela Feuerbach geb. Thiedemann erinnerte sich an dieses furchtbare Ereignis. Die Frankfurter Neue Presse berichtete mit folgendem Wortlaut am 19. April 1949 darüber:

Deckeneinsturz in Sachsenhausen

Am Ostermontagabend gegen 21 Uhr stürzte im dritten Stock des Hauses Gutzkowstraße  79 eine Decke ein, die das Haus bis ins Parterre durchschlug. Dabei wurden vier Frauen, eine Mutter mit drei Töchtern, verschüttet und von der Feuerwehr geborgen. Die auf Besuch anwesende Wilhelmine Schmidt, Schwarzwaldstraße 161, war sofort tot, während die dort wohnende Mutter, die 52jährige Elisabeth Schmidt und ihre Tochter, die 27jährige Irmgard Schmidt und die 23jährige Elisabeth Schmidt verletzt wurden.

Elisabeth Schmidt war die Tochter der Hauseigentümerfamilie Süss. Die vier Frauen saßen zur Unglückszeit beim gemeinsamen Abendessen.

Gutzkowstraße 83 - Anna Maria (....-....) und Johann Heinrich Meixner (1884-1959)

Anna Maria Meixner, geborene Müller, war die Ehefrau des aus Reichenbach bei Bensheim gebürtigen Bauunternehmers Heinrich Johann Meixner. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Gemäß einer Vermögensaufstellung aus dem Jahre 1901, die wegen des Todes ihres Ehemanns zu erstellen war, besaß das Ehepaar zu diesem Zeitpunkt im Frankfurter Stadtgebiet vier Mietshäuser, davon drei im Stadtteil Sachsenhausen. Ein weiteres Haus in der damaligen Kronprinzenstraße (heute: Münchnerstraße). Die Kinder waren: der 1884 in Reichenbach geborene Johann Heinrich, die 1885 in Bensheim geborene Margarethe, der 1887 in Dietz geborene Christian Theodor Hugo und die 1890 in Frankfurt geborene Anna Elisabetha.

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Johann Heinrich Meixner wurde am 12.10.1884 in Reichenbach, Kreis Bensheim, geboren. Er zog 1912 nach Schönberg, einem damals noch selbstständigen Taunusdorf. Meixner war, wie aus einem sowohl im Wiesbadener HHStA als auch im Kronberger Stadtarchiv aufbewahrten Meldebogen hervorgeht, seit 1932 als Kaufmännischer Angestellter bei der Degussa in Frankfurt tätig. Dass sich Meixner während der Naziherrschaft nichts zu Schulden kommen ließ ist auch daran zu erkennen, dass er kurz nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Schönberg dort als Bürgermeister eingesetzt wurde. Er soll bis 1933 Mitglied der Zentrum-Partei und bis 1945 im Vorstand der katholischen Kirche gewesen sein. Das erklärt warum er für den Bürgermeisterposten ausgewählt wurde. Die amerikanische Besatzungsmacht hat sich häufig bei den örtlichen Pfarrern nach unbelasteten Personen erkundigt. Meixner blieb bis zum 30. Juni 1948 auf diesem Posten, der ihn beispielsweise im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme des Schönberger Gästehauses der Stadt Frankfurt auch mit dem damaligen Frankfurter OB Walter Kolb in einen engen und direkten Kontakt brachte. Er war 1916 mit Adelheit geb. Werr verheiratet, mit der er vier Kinder, drei Töchter und ein Sohn, hatte. Nach seiner Tätigkeit als Bürgermeister meldete er 1948 in Schönberg ein Verwaltungsbüro für Haus- und Grundbesitz an, was nicht überrascht, wenn man berücksichtigt, dass seine Eltern 1901 im Besitz von vier Frankfurter Mietshäusern waren. Der 1901 verstorbene Vater, Heinrich Johann M., war Bauunternehmer. Die bei dessen Tod noch nicht volljährigen Kinder, es waren ebenfalls vier, benötigten einen Beistand. Zu diesem Beistand wurde der bekannte Frankfurter Bauunternehmer J. Carl Junior ernannt. Vermutlich kannte Junior die Familie des Berufskollegen Meixner bereits. Johann Heinrich Meixner starb am 14.10 1959, vier Monate nach seiner Ehefrau, im 1952 von Kronberg eingemeindeten Stadtteil Schönberg. Wie aus einem Nachruf der Frankfurter Rudergemeinschaft Germania 1869 hervorgeht, war Johann Heinrich Meixner mehr als 50 Jahren Mitglied dieses Vereins.

Frankfurter Adressbücher

pdf-Tabelle mit allen Adressbucheintragungen von 1870 bis 1975. Nachdem Sie die Datei geöffnet haben, sollten Sie die Ansicht erhöhen, bis die Schrift eine für Sie angenehme Größe erreicht hat. Danach können Sie in der großen Tabelle mit der Maus surfen. Sollten Sie sich für eine spezielle Hausnummer interessieren, können Sie die Einträge dazu von links nach rechts verfolgen. Von oben nach unten, wenn Sie alle Liegenschaften eines Jahres nachvollziehen möchten. (453.24 KB)

Sozialstruktur

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Kommentar

von Klaus Nostadt | 24.10.2017 | 16:56 Uhr
Was ein toller Artikel über die Gutzkowstrasse - unsere Adresse !!

Ist es möglich, den kompletten Text gegen Zahlung schriftlich zu bekommen?

Kommentar

von Carmen G. Dukeman | 16.11.2017 | 21:06 Uhr
Wow - was fuer ein toller Artikel. Sehr interessant fuer mich, denn ich bin auf der anderen Seite des Main geboren und aufgewachsen. Und nun bin ich noch viel weiter weg - lebe in USA. War ein schoener Ausflug in die Vergangenheit - vielen Dank.

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