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Jens Holger Jensen | 29.06.2017 | 1452 Aufrufe | 4 | Artikel

Frankfurt-Sachsenhausen näher betrachtet: Das Sachsenhäuser Westend - Die Straßen westlich vom Schweizer Platz

Eine Auswertung der Frankfurter Adressbücher für den Zeitraum von 1868 bis 1975

Nach den Projektbeiträgen zur Holbeinstraße (2014), den Straßen rund um den Thorwaldsenplatz  (2015) und den Straßen rund um das Städel (2016) wird mit diesem Beitrag auf nahezu alle noch fehlenden Straßen, die ihren Namen Bildenden Künstlern verdanken, ausführlich eingegangen. Es handelt sich um die Straßen, die sich westlich vom Schweizer Platz und der Schweizerstraße befinden. Lediglich die Schwanthalerstraße  nimmt einen, die Schweizerstraße überquerenden Verlauf und liegt damit auf rund einem Drittel ihrer Länge südöstlich vom Schweizer Platz.  Hiermit führe ich die Präsentation fort, die ich als Stadtteil-historiker im Jahr 2012 mit Berichten über die Textorstraße begonnen hatte. Auch dieses Mal bin ich wieder auf eine ganze Reihe von Persönlichkeiten aufmerksam geworden, die im Einzelnen und in der gewohnten Form, mit Einschüben in den Adressbuch-Tabellen, vorge-stellt werden. Etwas überrascht wurde ich von einer verhältnismäßig großen Anzahl von Künstlern, die in diesen Straßen gewohnt und gearbeitet haben. Ich hatte diese eher in der Holbeinstraße und westlich davon erwartet. Einige Namen haben mich dagegen nicht über-rascht, weil mir diese bereits bei den vorangegangenen Projekten begegnet waren oder durch Rückmeldungen von L.I.S.A.-Lesern inzwischen näher gebracht wurden. Mitglieder der Familie Bardorff (Cranachstraße) waren mir zuvor in der Burnitz-, Hans-Thoma- und Passavantstraße ebenso begegnet wie der Kunsthistoriker und Direktor des Liebieghauses, Alfred Wolters, der von der Morgensternstraße 30 in die Holbeinstraße 60 umgezogen war. Wieder begegnet ist mir auch der Bildhauer Wilhelm Oskar Prack, dem ich 2014 in einer Ausstellung eine eigene Ausstellungstafel gewidmet hatte. Bevor er in sein 1913 fertiggestelltes Atelierhaus in der Holbeinstraße 41 zog, arbeitete er in der Schneckenhofstraße. Bei der Schnecken- und Schwanthalerstraße, aber insbesondere der Cranachstraße handelte es sich nicht um reine Wohnstraßen, obwohl diese von Gründerzeithäusern dominiert wurden. Neben einer Vielzahl an Einzelhandelsgeschäften waren dort beispielsweise größere Schlossereien ansässig. Die zunächst von Handwerksbetrieben genutzten Hinterhäuser beherbergen inzwischen seit vielen Jahren Atelier-, Büro- und Lagerräume sowie Wohnungen. Mit der Schweizerstraße, von der südmainischen Bevölkerung auch "Sachsenhäuser Zeil" genannt, liegt die Haupteinkaufsstraße im Stadtteil nur wenige Schritte entfernt. Nicht zuletzt diese guten Einkaufsmöglichkeiten und die U-Bahn Station "Schweizer Platz" macht dieses Quartier zu einem begehrten Wohn-gebiet. Die hier lebenden Menschen  leiden jedoch seit Jahren unter dem stark gestiegenen Fluglärm, der mit der Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens (2011), zu beklagen ist.

 

Danksagung:

Für eine sehr hilfreiche Unterstützung habe ich folgenden Personen sehr herzlich zu danken:

Dr. Christoph Andreas, Gisela und Günter Appel, Gertrud Bardorff, Georg Becker, Gerda Drescher †, Hans Emmert,  Uwe Engert, Anneliese Feuser, Stefan Gerl, Jens Giessen, Ulrike Heinisch, Miriam Heusel, Stefan Hofmann, Jan Kaltwsser, Mathias Kaluza, Irene Kremser, Richard Krug †, Angela Krüger-Alicke,  Lupold von Lehsten, Volker Rothenberger, Kurt Schäfer, Rainer Schaudt, Rolf Schmitz †, Dr. Heinz Schomann, Solvejh Wach, Manfred Wagner, Esther Walldorf, Marita Zabel, Alfred Zschietzschmann

 

Google Maps
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Zur Orientierung: ein Blick von oben

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Blick vom neuen Henninger Turm auf Sachsenhausen, 2015

Straßenbennungen

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Schweizer Platz

Der Schweizer Platz hat bis heute die ihm von den Stadtplanern, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zugedachte Funktion. Er wurde das Zentrum des Stadtteils. Er liegt in der Mitte der Schweizerstraße, die in nordsüdlicher Richtung in den 1870er Jahren neu geplant worden war. Die Stelle des Schweizer Platzes war im Sachsenhäuser Feld aber schon seit Jahrhundert-en eine Wegkreuzung der Oppenheimer Chaussee bzw. Oppenheimer Landstraße und dem Niederräder Fussweg. Dem Verlauf dieses ehemaligen Fußwegs folgen die Gutzkow- und Schneckenhofstraße. Neben der Schweizerstraße wurde die Diesterwegstraße völlig neu ge-plant. Die Letztgenannte ist die direkte Verbindung zwischen Schweizer Platz und Diester-wegplatz. Die Schweizerstraße war und ist eine zentrale Verkehrsverbindung, insbesondere durch die frühe Verlegung von Schienen für die dort ab 1883 verkehrende Pferde-, Wald- und Straßenbahn. In der Diesterwegstraße lagen bis in die 1980er Jahre Straßenbahnschienen. Ich selbst kann mich noch an  Straßenbahnfahrten durch die Diesterwegstraße erinnern. In meiner Kindheit gab es auf dem Schweizer Platz noch eine Haltestelle mit einem verglasten Warte-häuschen. Auf dem westlichen Teil des Platzes hatte bis in die 1970er Jahre ein Blumenhändler eine hölzerne Verkaufsbude. Mit der Verlängerung der seit 1968 bestehenden U-Bahnen der sogenannten A-Linie bis zum Südbahnhof, und dem Bau von Frankfurts tiefst gelegener Station "Schweizer Platz", wurde die gleichnamige Straßenbahn-Haltestelle mit Baubeginn aufgegeben (die Inbetriebnahme fand  1984 statt). Der Innenraum des Platzes wurde auf seiner kompletten Fläche bepflanzt. Mit den nur wenige Fußminuten entfernten Stationen "Schweizer-/ Garten-straße" und "Schwanthalerstraße" gibt es weiterhin eine sehr gute Straßenbahnverbindung.

Das Quartiers im 15. und 16. Jahrhundert

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Das Quartiers im 18. Jahrhundert

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Die Situation des Quartiers im Jahr 1822

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Die Lage des Quartiers im Jahr 1864

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Die Situation des Quartiers im Jahr 1935

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Am 5. Januar 1933 beantragte das Stadtbauamt beim Frankfurter Magistrat die Umbenennung des Schweizer Platzes in Gustav-Adolf-Platz. Der Vorschlag wurde anlässlich der 300. Wiederkehr des Todestages von Gustav Adolf wie folgt begründet:

„Die Anregung, eine Strasse oder einen Platz nach Gustav Adolf zu benennen geht, vom Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung aus.

Wir hatten zunächst die Oppenheimer Landstrasse dafür vorgesehen, weil Gustav Adolf mit seinem Heere diese Strasse in Frankfurt a.M. bei seinem Zug über Langen, Darmstadt-Erfelden nach Oppenheim passierte. Sowohl die Erinnerung an die frühere Oppenheimer Pforte als auch an die damalige, heute fast bedeutungslose Verbindung zu Oppenheim a.Rhn. blieb dabei in den beiden Bezeichnungen Oppenheimer Strasse und Oppenheimer Platz wach erhalten. Mitglieder des Strassenbenennungsausschusses wollten jedoch den Namen Oppenheimer Landstrasse erhalten wissen, verwiesen auf die bei der Länge der Strasse sehr umfangreichen und mit Kosten verbundenen Umänderungsarbeiten. Die Mehrheit des Ausschusses wünschte, dass der Schweizer Platz, der ja auch im Zuge der Oppenheimer Landstrasse liegt, in Gustav-Adolf-Platz umbenannt würde, weil hier nur 5 Häuser betroffen werden.  Gegen eine Benennung des Oppenheimer Platzes nach Gustav Adolf  wurde, obwohl er grösser und schöner als der Schweizer Platz ist, geltend gemacht, dass zu ihm keine Häuser zählen und der Name deshalb postalisch gar nicht in Erscheinung trete, ferner, dass wegen des dort errichteten  Denkmals für Dr. Bockenheimer die Platzbenennung nach einer anderen Person vermieden werden sollte.“

Der Magistrat stimmte dem Vorschlag am 9. Januar 1933 zu. Nach einer, sich bis April 1933 hinziehenden kontroversen Korrespondenz, zwischen dem Polizeipräsidenten, der sich u. a. wegen etwaiger Unannehmlichkeiten und möglicher Geschäftsschädigung für die Interessen der von einer Änderung betroffenen Geschäftsleute einsetzte, und dem Magistrat, wurde mit der Veröffentlichung im Städtischen Anzeigenblatt, die Namensänderung im Mai 1933 wirksam.

* * *

1962 kam die Stadtverwaltung zur Einsicht und machte den Weg frei, die von der Bevölkerung nie vollständig angenommene Namensänderung von Schweizer Platz in Gustav-Adolf-Platz, rückgängig zu machen. Der Stadtverordnete Dr. Ulrich Voitel, Mitglied der F.D.P.-Fraktion, brachte den Antrag im August des Jahres ein und machte in seiner Begründung auf den in der Bevölkerung unverändert üblichen Gebrauch des Namens "Schweizer Platz" aufmerksam. „Hüben wie drüben des Maines ist dieser Name im Sprachgebrauch verwurzelt geblieben.“ Dazu passt eine kleine Anekdote aus meiner Kindheit: bis in die 1960er Jahre war es durchaus üblich, dass der jeweilige Strassenbahnschaffner die nächste Haltestelle ausrief. So kam es, dass einige Schaffner statt der korrekten Bezeichnung die kommende Haltestelle mit "Gustav-Adolf-Schweizer-Platz" ankündigten. Diese Art von gelebter Praxis hat sicherlich auch dazu geführt, dass die Stadtverordnetenversammlung und der Magistrat im November 1962 dem Antrag zustimmten.

Damit wird die im Titelbild "1933 - 1962 ?" versteckte Frage erklärt.

Die Straßenverläufe in den Skizzen der Adressbücher

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Diese Zeichnungen wurden den Adressbüchern der Jahre 1920, 1929 und 1942 entnommen.

Cranachstraße

Wie einem schriftlichen Vorschlag des Städtisches Ingenieur Büros vom  3. Juli 1874 zu ent-nehmen ist schlug dieses zunächst, für die auf dem Gelände des Schneckenhofs anzulegende neue Straße, den Namen "Kaulbachstraße" vor. In Sachsenhausen existiert eine Kaulbach-straße, die jedoch etwas weiter südlich, als Verbindung zwischen Diesterwegstraße und Oppenheimer Landstraße 1899 festgelegt und ab diesem Jahr auch bebaut wurde. Die Verbindung zwischen der Gartenstraße und dem Schneckenhofweg wurde 1874 schliesslich nach dem Maler Lucas Cranach d.Ä. benannt.

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Die Cranachstraße unterscheidet sich von den anderen Straßen des Malerviertels dadurch, dass hier eine Berufsgruppe des metallverarbeitenden Gewerbes relativ stark vertreten war. Zahlreiche Schlosser hatten hier nicht nur eine Wohnung,  sondern auch ihren Arbeitsplatz. Wie die nachfolgende Geschichte zeigt, dürfte jedoch die Wohnung dem Arbeitsplatz gefolgt sein.

Bei der Schlosserei August Schanz, die sich auf einem bis zur Gartenstraße ausdehnenden Geländes erstreckte, gab es beispielsweise diese Arbeitsplätze.

Richard Krug, vom Mühlheimer Geschichtsverein, schilderte 1993 in einem Buch über die Stadt Mühlheim am Main die Geschichte der Firma Stahl-Schanz. Demnach errichtete der Schlossermeister und Ingenieur Jean Philipp August Schanz 1890 auf einem Baugrundstück der Cranachstraße 12 eine Werkstatt, für seinen 1886 in der Frankfurter Luisenstraße gegründeten, Schlossereibetrieb. Seine sehr gut nachgefragten Produkte wie geschmiedete Eingangspforten, Umzäunungen und Grabeinfassungen erweiterte er in Sachsenhausen zunächst um die Anfertigung von Treppengeländern. Mit dem Kauf der Nachbargrundstücke wurde der Betrieb deutlich vergrößert, der sich nun bis zur Gartenstraße erstreckte. Aus dem handwerklichen Betrieb war mit der späteren Installation von Transmissionsanlagen ein für die damalige Zeit hochmoderner Betrieb geworden.  Dieser Maschineneinsatz bedeutete für die umliegende Wohnbevölkerung eine sehr erhebliche Lärmbelästigung, die zu massiven Beschwerden der Mieter der Cranachstraße führte. Die im Besitz der Philipp Holzmann AG befindlichen Häuser wurden kurzum von August Schanz gekauft, woraufhin er den Mietern mitteilte man dürfe sich nun ab sofort bei ihm beschweren. Es trat der vermutlich von Schanz angestrebte und erwartete Effekt ein. Es gab ab diesem Zeitpunkt keine Beschwerden mehr obwohl die Lärmbelästigung damit nicht kleiner geworden sein dürfte.

Während des 1. Weltkriegs kam es mit der Herstellung von Schlittenkufen und Hufeisen zu einer radikalen Produktionsumstellung. Die nachfolgende Inflation und Wirtschaftskrise führte die Firma an den Rand einer Insolvenz. August Schanz wandte sich in dieser Zeit verstärkt seiner Verbandstätigkeit und der politischen Arbeit zu.

August Schanz gilt als der Erfinder der Stahlzarge. Durch die in den 1920er Jahren durch die vom Frankfurter Architekten und Stadtbaumeister Ernst May realisierte große Bautätigkeit (Das neue Frankfurt), kam Schanz wieder gut ins Geschäft. Bei diesen großen Siedlungsbauten, für die May berühmt wurde, kam die von Schanz erfundene Stahlzarge, jene Stahlkonstruktion für Türen und Fenster, die für den genormten Wohnungsbau große Bedeutung erlangen sollte, in großen Stückzahlen zum Einsatz. Dadurch ergab sich eine enorme Expansion mit vielen Auslandsaufträgen. Das Unternehmen gab 1937 den bisherigen Standort, wegen des fehlenden aber dringend benötigten Gleisanschlusses auf und zog nach Mühlheim am Main um. Das Unternehmen wurde 1981 aufgegeben.

* * *

Am Mittwoch den 4. März 1964 wurde die Sachsenhäuser Filiale der Frankfurter Volksbank, Schweizer Straße 54, direkt am Schweizer Platz gelegen, von einem bewaffneten Bankräuber überfallen. Der Täter flüchtete aus der Filiale, das Martinshorn einer in der Nähe befindlichen und heranrasenden Polizeistreife hörend, zunächst zu Fuß über die belebte Schweizer-straße und dann in eine Hofeinfahrt. Von dort gelangte er über das Treppenhaus zunächst auf den Dachboden und sodann über die Hausdächer in die Cranachstraße. Das spektakuläre Ereignis wurde nicht nur von der Polizei begleitet. Die Tat hatte sich wie ein Lauffeuer herum-gesprochen, was dazu führte, dass nicht nur die Kinder aus der näheren Umgebung herbei-strömten. In der Cranachstraße befand sich 1964 eine Tankstelle auf dem Gelände der Liegenschaft Nr. 4. Ich stand damals als 12-jähriger geschätzte 4 bis 5 Meter neben einem mit einem Gewehr bewaffneten Polizisten auf dem Gelände dieser Tankstelle. Von konsequenten Absperrungen, wie wir sie heute kennen, konnte damals noch keine Rede sein. Überall standen Menschen herum. Als der flüchtende Räuber aus der Dachluke des gegenüberliegenden Hauses (Nr. 3) zum Vorschein kam, forderte ihn die Polizei, mit einer Lautsprecheransage auf, sich zu ergeben. Als er dieser Aufforderung nicht nachkam gab der neben mir stehende Polizeibeamte einen Schuss ab. Wie ich später in der Zeitung las, zielte der Polizist auf die Beine des Mannes. Wegen einer abtauchenden Bewegung des Flüchtenden wurde dieser am Oberkörper getroffen. Wie der lokalen Presse später zu entnehmen war, erlag dieser einige Tage später dieser Schussverletzung. Die Zeitungen nannten in ihren Reportagen nicht nur den Namen, sondern auch die vollständige Wohnadresse des Täters. Informationen, die damals offenbar von den Behörden kommuniziert wurden aber auch dem Frankfurter Adressbuch zu entnehmen waren. Vorausgesetzt man kannte den vollen Namen der Person.

 

 

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Bild 1: Frankfurter Abendpost vom 05. März 1964

Adressbuch-Tabelle Cranachstraße

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Sozialstruktur der Cranachstraße

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Morgensternstraße

Die Morgensternstraße, die zwischen der Garten- und Schwanthalerstraße verläuft, wurde 1899 festgelegt und ab 1903 bebaut. Namensgeber  war eine Frankfurter Familie die über mehrere Generation bedeutende Maler hervorbrachte. Johann Ludwig Ernst Morgenstern (*1738 † 1819), Johann Friedrich Morgenstern (1777 † 1844) und Friedrich Ernst Morgenstern (1853 †1919).

* * *

Bevor ich mich mit den Adressbüchern und den Eintragungen zur Morgensternstraße beschäftigt habe, sind mir die Worte meiner Mutter, die in der nahen Holbeinstraße eine Modellhut-Atelier führte, in Erinnerung gekommen. Sie erzählte mir irgendwann einmal, es dürfte Ende der 1960er Jahre gewesen sein, dass in einem der Schillerschule gegenüber-stehenden Haus, der Schauspieler und Regisseur Bernhard Wicki gewohnt habe. Ich habe jedoch in den von mir ausgewerteten Nachkriegsjahren weder seinen Namen noch den seiner Frau, Agnes Fink, gefunden. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass er oder beide zeitweise dort eine Wohnung genommen hatten. Eine große Überraschung wäre es aber nicht gewesen, da es ja nur eines kurzen Spaziergangs über die Untermainbrücke bedurft hätte um zu den Städtischen Bühnen zu gelangen. Im Malerviertel hatte zudem bereits eine ganze Reihe von darstellenden Künstlern Wohnungen gemietet. Ob Agnes Fink einmal Kundin meiner Mutter war, wie beispielsweise die Schauspielerinnen Inge Meysel, Carola Horn, oder die Ehefrau des beliebten Frankfurter Schauspielers Karl Luley, kann ich nicht berichten.

* * *

Das auffälligste Gebäude in der, an der Kreuzung zur Schneckenhofstraße, abknickenden Morgensternstraße, war und ist die Schillerschule. Eine im Jahr 1908 eröffnete höhere Mädchenschule, für die sich der Bezirksverein Sachsenhausen mit einem Gesuch an den Magistrat sehr eingesetzt hatte. In diesem Gesuch, vom 15.Januar 1904, verwies der Bezirksverein auf die im Jahr 1901 eröffnete höhere Knabenschule (bis Ende des Zweiten Weltkriegs "Sachsenhäuser Oberrealschule", heute "Carl-Schurz Gymnasium"). Der westliche Teil von Sachsenhausen wurde wie folgt als geeigneter Standort für eine höhere Mädchenschule angepriesen:

"...Da nun nach der bestehenden Bauordnung in einem verhältnismässig grossen Teil der westlichen Sachsenhäuser Gemarkung nur Häuser mit zwei Obergeschossen, ja zum Teil nur Einfamilienhäuser erbaut werden dürfen, da ferner auf dem Sachsenhäuser Berg eine ähnliche Bauordnung Platz greifen soll, so sind auf diese Weise zwei Villenviertel in unserem Stadtteil in der Entstehung begriffen, welche in Gemeinschaft mit den bereits im Westen Sachsenhausens und am Mainufer befindlichen Villen eine wohlhabende Bevölkerung nach Sachsenhausen ziehen werden, wie sie -abgesehen vom Westend- in keinem anderen Frankfurter Stadtteil sein dürfte. Nun schicken aber Bürger, welche Einfamilienhäuser oder welche Wohnungen von 5, 6, 7 und mehr Zimmern bewohnen, ihre Söhne im Allgemeinen in höhere Knaben-, ihre Töchter in höhere Mädchenschulen. Derartige Bürger pflegen daher nur in solchen Stadtteilen Wohnung zu nehmen, in welchen die betreffenden Schulen nicht nur für ihre Söhne, sondern auch für ihre Töchter vorhanden sind.

Soll deshalb in der Entwicklung unseres Stadtteils durch den gänzlichen Mangel einer höheren Mädchenschule kein Stillstand eintreten, so muss notwendigerweise die Errichtung einer höheren Mädchenschule in Sachsenhausen baldigst erfolgen.

Aber nicht nur die gedeihliche Entwicklung unseres Stadtteils ist es, welche die Errichtung einer höheren Mädchenschule dringend fordert, noch in viel grösseren Masse ist die Errichtung einer solchen Schule ein notwendiges Bedürfnis für die nicht wohlhabende Bevölkerung Sachsenhausens.

Jeder Bürger, insbesondere aber der Bürger mit mittlerem und geringem Einkommen muss bestrebt sein, nicht nur seinen Söhnen, sondern auch seinen Töchtern eine Allgemeinbildung zu geben, die ihren Fähigkeiten und Gaben entspricht und die gebührende Rücksicht nimmt auf die etwaige Berufswahl der Kinder."

Das im Krieg stark beschädigte Schulgebäude stand an der Ecke Garten- und Morgenstern-straße und gehörte zur Gartenstraße. Erst mit dem in den 1950er Jahren errichteten Neubau erhielt die Schule eine Adresse in der Morgensternstraße. An der Stelle des alten Schulgebäudes wurde ein, aus Turnhalle und Aula bestehender zweigeschossiger Anbau errichtet. Im Jahr 1968 öffnete sich die Schule auch für Schüler und hat seitdem gemischte Schulklassen.

Die Schriftstellerin Mile Braach, Jahrgang 1898, erinnerte sich in ihren Lebenserinnerungen an die Schulzeit an der Schillerschule.

"Unsere Familie wohnte 1904 in der Wolfsgangstraße, also wurde ich für die Vorklasse der Elisabethenschule angemeldet. Wir waren etwa 40 Mädchen, aber herausragende Erinnerungen an diese Jahre habe ich nicht mehr.

1909 wechselte ich mit meinen beiden jüngeren Schwestern auf Wunsch der Eltern auf die Schillerschule. Sie stand damals im Ruf, die beste und modernste Mädchenschule in der Stadt zu sein. Und trotz des weiten Schulwegs (wir wohnten damals in der Roseggerstraße), den ich, wenn es irgendwie ging, mit dem Fahrrad bewältigte, war das eine gute Entscheidung. ich habe nur gute Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit. Die Lehrkräfte waren meist jung, es herrschte ein lockerer Ton, ein anregendes Klima. In den Pausen ging's fröhlich zu, wir spielten auf dem Hof Ball, und was mir besonders gefiel, wir mußten nicht nach Pausenende antreten, um dann in Reih und Glied zum Klassenraum hinaufzustampfen.

Über der Schule thronte der allgegenwärtige Direktor Claudius Bojunga, ein dynamischer Mensch, ein Erlebnis für alle guten Schüler, aber auch eine Strafe für die, denen das Lernen schwer fiel. Bojunga war aber auch ein knochenharter Nationalist. Seine politische Gesinnung faßte er in einem Vierzeiler zusammen und donnerte ihn uns Schülern anläßlich  vater-ländischer Feiern in der Aula entgegen:

Wir lieben vereint,
wir hassen vereint,
wir haben alle nur einen Feind:
England!

Manches Kind ertrug dies nicht und verließ weinend die Feier. Das erzählte ich zu Hause, und mein Vater, immer auf der Seite der Schwächeren, beschwerte sich persönlich bei Bojunga. Ob das half, weiß ich nicht mehr, mich persönlich ließ der Direktor die Intervention meines Vaters nicht spüren.

Wie hatten tüchtige Lehrkräfte, wirkliche Pädagogen: die Herren Sander und Schlosser, der sehr gerechte Mathematiker Zeisberg. Etwa die Hälfte des Kollegiums waren Frauen. Mir ist vor allem noch Frau Niebuhr in Erinnerung, eine exzellente und konsequente Lehrerin.

Einmal wöchentlich hatten wir einen Spielnachmittag (Hockey, Schlagball) auf den Sand-höfer Wiesen. Dann mußte ich also insgesamt viermal quer durch die Stadt radeln. Wenn sich eine von uns beim Spielen verletzte, das kam durchaus öfter vor, dann ging sie zu Frau von Weinberg im benachbarten Haus Buchenrode und wurde dort von ihr selbst versorgt und getröstet und, falls der Schaden recht hinderlich war, auch mit dem Auto nach Hause gebracht. 

... Mit einigen Klassenkameradinnen verließ ich 1914 nach dem "Einjährigen" die Schule.“

Aus der Schillerschule ging eine Vielzahl sehr erfolgreicher Persönlichkeiten hervor, die in der Politik, dem Sport, der Wissenschaft oder der Kunst große Erfolge erreichten. Als Beispiele können Helene Meyer "Die blonde He" die 1928 mit einer Goldmedaille im Fechten von den Olympischen Spielen an die Schule zurückkehrte, die Schauspielerin Ilse Werner, oder Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Bonner Bundesministerin (für das Gesundheitswesen, im Kabinett von Konrad Adenauer) oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard stellvertretend genannt werden.

Der Schulhof wird nördlich von den Wohnhäusern der Gartenstraße und östlich von den Hinterhäusern der Garten- und Schneckenhofstraße begrenzt. Auf dem Schulhofgelände stehen mehrere wilde Weinstöcke, die sich schon seit  Jahrzehnten an der hohen Backsteinmauer bis um die beiden Hinterhäuser der Schneckenhofstraße 20 erstrecken. Der Hinweis eines Anwohners, diese Weinstöcke stünden unter Naturschutz, hat sich nicht bestätigt. Die untere Naturschutzbehörde wusste noch nicht einmal von der Existenz dieser Weinstöcke, bedankte sich aber für die Information. Diese behördliche Auskunft überraschte insbesondere deshalb, weil vor wenigen Jahren dort Maßnahmen zur Sicherung der schweren und altersschwachen Verästelungen, durch das Grünflächenamt vorgenommen wurden. Die Äste wurden, mit an der Hausfassade (Schneckenhofstraße 20) gespannten Drähten, gesichert. Im Frühjahr sind dort übrigens Schwärme von Bienen und im Herbst von Staren zu beobachten.

* * *

Ich möchte an den mit dem Stadtteil Sachsenhausen eng verbundenen Maler Adolf "Adi" Kammermeier erinnern. Kammermeier stammte aus Hofkirchen an der Donau, wo er 1919 geboren wurde. Er begann von 1940 an zu zeichnen. Von einer Minute zur anderen soll er damit begonnen haben, wobei er großes Talent zeigte. Von 1946 bis 1951 besuchte er in München die Akademie der Bildenden Künste um anschließend noch für ein Jahr die Kunstgewerbeschule in Zürich zu besuchen. 1952 zog er nach Frankfurt am Main, der Heimatstadt seiner Frau. Er arbeitete zunächst als freier Karikaturist und Zeichner und kam 1954 als "malender Chronist" zur Frankfurter Neuen Presse (FNP). Er besaß eine besondere Begabung als Porträtist der er auch in Sachsenhausen mit großer Leidenschaft zur Freude der Bevölkerung nachging. Nicht nur in den dortigen Apfelweinkneipen war er sehr bekannt und kann als Original bezeichnet werden. Er war in der Lage binnen kürzester Zeit, es ist von 20 Sekunden die Rede, das Gesicht eines Menschen zu zeichnen. Beim Apfelwein, soll er diesem Vergnügen ganz besonders gerne nachgegangen sein und dafür die Rückseite der, dort reichlich vorhandenen, „Bierdeckel“ verwendet haben. Gerne hat er prominente Persönlichkeiten porträtiert, wie beispielsweise John F. Kennedy, Albert Schweitzer, Max Schmeling oder Sophia Loren, als diese Frankfurt einen Besuch abstatteten. Seine auf mehreren Reisen nach Frankreich und Italien entstandenen Bilder zeigen Straßenszenen, Landschaften und natürlich Menschen. Kammermeier bezog 1963 ein von ihm neu eingerichtetes Atelier, über dem Apfelweinlokal "Klaane Sachsehäuser", dass er leider nicht mehr sehr lange nutzen konnte. Adi Kammermeier starb im August 1965 und hinterließ Frau und drei Söhne. Kurz vor seinem Tod kam er noch einmal in die Redaktion der FNP und lieferte einige Zeichnungen ab und sagte, wie immer in seinem breiten bayrischen Dialekt, "Da, könnt's dös brauchn?" Er soll mehr als 2.000 Porträts und insgesamt mehr als 3.000 Kunstwerke hinterlassen haben, viele davon in Öl und Aquarell.  Familie Kammermeier wohnte in der Morgensternstraße 37.

Adressbuch-Tabelle Morgensternstraße

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Sozialstruktur der Morgensternstraße

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Schadowstraße

Der heutige Verlauf der Schadowstraße, zwischen Schneckenhof- und Schwanthalerstraße ist ein Überbleibsel einer ursprünglich vom Schaumainkai bis zum Bahndamm, parallel zu Holbeinstraße, verlaufenden Straße, für die der Name Dürerstraße vorgesehen war. Mit dem 1900 begonnenen Bau einer höheren Knabenschule (damals Sachsenhäuser Oberrealschule, heute: Carl-Schurz Schule), war ein durchgehender Verlauf der Dürerstraße obsolet geworden. Mit dem später errichteten Doppelschulgebäuden Schwanthaler-/Textorsschule (1905) sowie der Holbein Mittelschule (1907) schrumpfte das für diese Straße zur Verfügung stehende Gelände erheblich zusammen. Deshalb hat die Dürerstraße nie die ursprünglich geplante Länge erreicht und verläuft nur zwischen dem Schaumainkai und der Gartenstraße. Die Schadow-straße ist bis heute die einzige Straße im Quartier die auf ihrem ganzen Länge nur aus Kopf-steinpflaster besteht. Die Fußwege sind davon selbstverständlich ausgenommen.

Namensgeber war der Bildhauer Johann Gottfried Schadow. Er schuf u.a. die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Schadow lebte von 1776 bis 1850 in Berlin.

Adressbuch-Tabelle Schadowstraße

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Sozialstruktur der Schadowstraße

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Schneckenhofstraße

Die heutige Schneckenhofstraße folgt dem Verlauf des ehemaligen Niederräder Fusswegs. Für den Straßenverlauf findet sich in älteren Karten (z.B. Eduard Pelissier aus dem 15./16. Jahr-hundert) auch die Bezeichnung Reuterpfad. Namensgeber ist der Schneckenhof der im sogenannten "Ulrich-Plan" von 1822 erstmals markiert ist (siehe oben). Im Malerischen Plan der Stadt Frankfurt und Umgebung (Friedrich Wilhelm Delkeskamp,1864) ist der Schnecken-hof als ein aus drei Gebäuden bestehendes Ensemble, eingezeichnet. Kurt Wahlig schrieb 1963, in dem von ihm verfassten Frankfurter Strassennamen-Büchlein, beim Schneckenhof von einem "übel beleumundeten  Haus", leider ohne Quellenangabe.

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Aus dem Jahr 1896 findet sich in den Frankfurter Magistratsakten (ISG, Sign. T/ 1430) ein Leserbrief, der einen Einblick in den Zustand der damals noch nicht gepflasterten Straßen gibt:

Sehr geehrte Redaction!

Die westliche Verlängerung der Schneckenhofstraße bildet einen Fußweg, welcher auf den Verbindungsweg Gartenstraße - Forsthausstraße stößt. Während die Letztere stets in gutem Zustande sich befindet, kann der erstgenannte Fußweg bei Regenwetter nicht begangen werden. Da über diesen Fußweg die kürzeste Verbindung zwischen Sachsenhausen und Niederrad führt, wird dieser Uebelstand von den zahlreichen Fußgängern, welche den Weg benutzen wollen, unangenehm empfunden. Man kann bei schlechter Witterung häufig beobachten, daß Frauen, welche nach Niederrad wollen, umkehren müssen, um den Weg über die Gartenstraße zu nehmen. Die Stadt würde sich den Dank Vieler erwerben, wenn sie den fraglichen Fußweg, hauptsächlich den Theil, welcher auf den Verbindungsweg zwischen Garten- und Forsthaustraße stößt, herrichten lassen wollte.

Hochachtungsvoll

H.“

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Leserbrief im Frankfurter General-Anzeiger vom 1. April 1896. Es handelt sich wohl kaum um einen Aprilscherz.

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Der Bürger- und Bezirksverein Sachsenhausen-West unterbreitete den städtischen Behörden mit einem Schreiben vom 11. Juli 1919 folgenden Vorschlag für eine Straßenumbenennungen:

„Eine Zierde der Frankfurter Künstlerschaft war Fritz Boehle. Unser Stadtteil Sachsenhausen war sein Lieblingsaufenthalt. Hier ist der Künstler herangereift: hier hat er sich sein Heim und die Stätte freudigen Schaffens erbaut, aus der noch Großes für seine Vaterstadt zu erwarten war. Unsere großen Kunstsammlungen haben durch Ankauf Boehlescher Werke sein Gedächtnis geehrt und festgehalten. Doch sein Name sollte auch nach außen hin in seiner Vaterstadt durch Benennung einer Straße verewigt werden. Diese Straße müßte in des Künstlers Lieblingsstadtteil zu suchen sein und in der Gegend liegen, deren Straßen nach unseren großen Meistern der Malerei benannt sind. Nach einmütigen Urteil unseres Vorstandes schlagen wir deshalb vor, die unter all die Künstlernamen  gar nicht passende Schneckenhofstraße in "Fritz-Boehle-Straße" oder "Boehle Straße"  umbenennen zu wollen, wie man vor kurzem die "Sandhof-Straße" in "Paul-Ehrlich-Straße" verwandelt hat. Des Beifalls der Stadtteils Sachsenhausen und der gesamten Bürgerschaft dürfte diese Ehrung des volkstümlichen wohl gewiß sein.“

Der Magistrat der Stadt antwortete mit Schreiben vom 25. Juli 1919  wie folgt:

„Ihrem Vorschlage, die Schneckenhofstraße in Boehle-Straße umzubenennen, vermögen wir nicht beizutreten, da die erstere Bezeichnung historisch ist und die Erinnerung an den dort früher vorhandenen Schneckenhof festhalten soll. Bei der Umbenennung der Sandhof-Straße in Paul Ehrlich-Straße lagen die Verhältnisse insofern anders, als einmal der Sandhof auch jetzt noch örtlich vorhanden ist und der große Forscher Paul Ehrlich an dieser Stätte sein Hauptwirksamkeit entfaltete, während Fritz Boehle mit der Schneckenhofstraße kaum im Zusammenhang stand.

Mit der Schaffung einer Boehle-Straße haben wir uns übrigens schon im Herbst 1916 beschäftigt, hielten aber den damaligen Zeitpunkt hierzu für ungeeignet und sind auch jetzt noch der Ansicht, daß man dieses Vorhaben solange zurückstellen soll bis im Stadtteil Sachsenhausen neue Straßen angelegt werden.“

Frankfurt-Sachsenhausen hat Fritz Boehle später in zweifacher Weise, mit der Ernennung einer seinem Wohn- und Atelierhaus gegenüberliegenden Parkanlage (Boehlepark, 1937) und einer Straße in einem Neubaugebiet (Fritz-Boehle-Straße, 2008), geehrt.

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Beste Erinnerungen haben meine Schwester und ich an die, in der Scheckenhofstraße 13 betriebene, Bäckerei Hauser“. Ganz speziell das Brezelgebäck hatte es uns angetan. Noch heute schwärmen wir von den Schokoladen- und den Vanillebrezeln, die man heute beide nicht mehr so leicht bekommt. Von Frankfurt aus ist der Weg in eine Confisserie, gegenüber dem Baseler Hauptbahnhof, ein bisschen zu weit, um dort mal schnell einen derartigen Vanillebrezel zu kaufen, die dem der Bäckerei Hauser sehr nahe kommt. Vor vielen Jahren habe ich auch in Lausanne einmal einen derartigen Brezel gegessen. Zufällige Entdeckungen mit einem hohen  Erinnerungseffekt.

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Die Liegenschaft Schneckenhofstraße 20 besteht aus einem an der Straßenfront stehenden, 1903 erbauten, Mietshaus und zwei separat in einem langen Hofgelände befindlichen Hinter-häusern. Im zweiten Hinterhaus (20H2) betrieb der Bauherr und Eigentümer der Liegenschaft, „Wilhelm Brendel, eine Schlosserwerkstatt. Dieses Werkstattgebäude hat einen inzwischen stillgelegten und in der Höhe etwas abgetragenen Schornstein, der zur Esse der Schlosserei gehörte. Dieser Schornstein diente der Frankfurter Schornsteinfeger-Innung bis vor wenigen Jahren als ein Überungsobjekt bei Gesellenprüfungen. Die angehenden Schornsteinfeger mussten durch ein kleines Türchen, in der ehemaligen Schmiede der Schlosserei, in den Schornstein klettern und bis nach oben steigen und währenddessen eine vorgegebene Aufgabe erledigen. 

Im Treppenhaus des Werkstattgebäudes sind bis heute Spuren der Bombardierung während des Zweiten Weltkriegs zu sehen. Das Haus wurde von Phosphorbomben getroffen, wodurch sich der flüssige Bombeninhalt auf den hölzernen Treppenstufen ausbreitete (siehe Foto).

An einem dem Werkstattgebäude gegenüberstehenden Hinterhaus der Cranachstraße, sind ebenfalls Folgen der Bombardierungen zu sehen. Das ursprünglich dreistöckige Gebäude wurde zweistöckig wiederhergestellt. Bei den für den Aufbau verwendeten Steinen soll es sich um sogenannten "TVG-Steine" handeln, die  bis heute unverputzt sichtbar sind. TVG steht für Trümmerverwertungsgesellschaft.

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Die im Hochparterre des 20H2 liegende Räumlichkeit wird seit 1980 von einer Tanz- und Theaterwerkstatt (TTW) genutzt. Fe Reichelt wurde 1925 als Friedrun Grimm in Peking geboren. Reichelts Vater lernte als Schiffsarzt China kennen und zog mit seiner Familie nach Peking. Die Familie kehrte Mitte der 1930er Jahre nach Deutschland, nach Halle an der Saale, zurück. Dort kam sie mit Musik und Tanz in Berührung, was sie letztendlich zwischen 1946 und 1949 zu einem professionellen Tanzstudium brachte. Ihre hohe Begabung führte sie danach zu Mary Wigmann nach West-Berlin, deren Meisterschülerin sie von 1949 bis 1952 wurde. Es folgten  Engagements beim Schweizer Nationalzirkus Knie und den Bayreuther Festspielen. Später zog sie nach Celle wo sie eine erste Tanzschule gründete. 1977 übersiedelte sie nach Frankfurt um ein Studium der Sonder- und Heilpädagogik aufzunehmen. Der Schwerpunkt dieses Studium lag auf „Verhaltensgestörte, Bewegung und Psychologie“. 1978 gründete Fe Reichelt die ihren Namen tragende Tanz- und Theaterwerkstatt in der sie u.a. nach einer selbst-entwickelten Methode, einer Kombination aus Ausdruckstanz und einer speziellen Atemtech-nik, die sie in China kennengelernt hatte, lehrte. Sie entwickelte zudem eine Vielzahl spezieller Ausbildungsangebote die sie sowohl als individuelle Einzel- als auch Gruppenschulung und in weltweiten Workshops vermittelte. Begonnen hat die TTW zunächst in einer Räumlichkeit in Alt-Sachsenhausen. Der Umzug in die Schneckenhofstraße erfolgte 1980. 1991 übergab Fe Reichelt die Leitung der Frankfurter TTW an Chananjah Plößer, die diese bis heute innehat und im Sinne von Fe Reichelt seitdem sehr erfolgreich weiterführt. Fe Reichelt lebt und arbeitet seit Ende der 1990er Jahren in Berlin.

Adressbuchtabelle Schneckenhofstraße

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Sozialstruktur der Schneckenhofstraße

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Schwanthalerstraße

Wie einem Situationsplan in einer Magistrats-Akte (vom 11.11.1878) zu entnehmen ist, folgt der Verlauf des östlichen Teils der Schwanthalerstraße (zw. Brücken- und Launitzstraße - im Plan sogar ab der Bruchstraße) einem ehemaligen Privatweg.  Die Umbenennung erfolgte 1879 und wurde so im Anzeige-Blatt der städtischen Behörden (Nr. 53 vom 2. Juli) beschrieben: 

"Der s.g. Weyk'scher Privatweg, nächst der Launitzstraße und der alten Offenbacher Bahnlinie, wird Schwanthaler Straße genannt."

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Situationsplan der einem Antrag der damaligen Bau-Deputation zur Umbenennung eines Privatwegs in eine, nach dem Bildhauer Ludwig Michael von Schwanthaler benannte Straße, beigefügt wurde.

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Das entlang der Schwanthalerstraße stehende Schulgebäude erstreckt sich, den Schulhof mit eingerechnet, von der Launitz- bis zur Diesterwegstraße. Der Name der Schule hat sich mehr-fach geändert. Der zunächst vorgeschlagene Name "Diesterwegschule" fand keine Unterstützung obwohl die Diesterwegstraße zu dieser Schule führte und noch heute führt.

Begonnen hat der Schulbetrieb, in dem im Renaissancestil 1884 fertiggestellten Gebäude, als Gellertschule, mit Schülern die von der Wallschule dahin gewechselt waren.   Die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs setzen dem Schulgebäude erheblich zu, weshalb die Gellertschule nach 1945 aufgelöst werden musste. Nach deren Wiederherstellung zog 1953 die Wallschule ein, die zunächst 1872 als "Neue-Knaben-Bürgerschule" am Affentor-platz ihren Anfang nahm und seit 1876 den Namen Wallschule trug. Mit dem starken Bevölkerungsanstieg war das Schulgebäude schnell zu klein. Nach der Fertigstellung der neuen Schule an der Schwanthalerstraße wechselten die Knaben auf die Gellertschule und die Wall-schule wurde zur Mädchenschule, die 1901 in der Willemerstraße einen Neubau bekommen hatte.

Nach einer Neuordnung der Sachsenhäuser Schullandschaft wird diese Schule in absehbarer Zeit, vielleicht in zwei Jahren, nicht mehr den bisherigen Namen tragen. Die frühere Heinrich-von-Stephan-Schule (Berufschule), in der Oppenheimer Landstraße, und die Wallschule (Förderschule) werden die Schülerinnen und Schüler der Textorschule aufnehmen und dann beide unter diesem Namen fungieren. Die bisherige Textorschule (Grundschule), an der Textorstraße gelegen, nimmt zusammen mit der in einem Doppelschulgebäude verbundenen Schwanthalerschule (Hauptschule) und der gegenüberliegenden Holbeinschule (Realschule) die neu gegründete IGS-Süd auf (IGS = Integrierte Gesamtschule). Warum eine IGS nicht auch offiziell den Namen Textor- und/oder Holbeinschule tragen darf, erschließt sich mir nicht. Eine Verlegung der Textorschule von der Textorstraße in die Oppenheimer Landstraße und demnächst mit einer „Außenstelle“ in die Diesterwegstraße war für das zuständige Schulamt offenbar alternativlos. Aktuell befinden sich am Schulgebäude der Textorstraße zwei Schilder mit unterschiedlichen Schulnamen: „Textorsschule“ und „IGS Süd“. Es wird zu beobachten sein, bis zu welchem Zeitpunkt dieser spezielle Zustand erhalten bleibt. Da eine Entfernung des über dem Eingangsportal eingemeißelten Schriftzugs wohl einer Genehmigung durch das Denkmalamt bedarf, womit nicht zu rechnen ist, wird wohl in absehbarer Zeit an drei Schulgebäuden der Name Textorschule zu finden sein.

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Die, bei der älteren Bevölkerung, vermutlich bundesweit bekannteste Persönlichkeit, die in dem hier vorgestellten Quartier aufwuchs, dürfte der Gründungsintendant des heute größten europäischen Fernsehsenders, Prof. Dr. Karl Holzamer, sein. Er kam am 13.10.1906 in Frankfurt-Sachsenhausen auf die Welt. Seine Familie wohnte viele Jahre in der Schwanthaler-straße Nr. 29, direkt gegenüber der Gellertschule, im eigenen Mietshaus. Sein Vater war kaufmännischer Angestellter der Bootswerft von Ferdinand Leux, im, seit dem 1.7.1900 eingemeindeten Stadtteil Niederrad. Karl Holzamer war Schüler am Kaiser-Wilhelm Gymnasium (heute: Freiherr-vom-Stein-Schule), wo er auch sein Abitur machte. Vermutlich war er zuvor Schüler der Gellertschule. Er entschied sich, als Stipendiat des Deutschen Volkes, zu einem Studium der Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Romanistik und Germanistik in München, Paris, Frankfurt und Bonn. 1929 wurde er in München zum Dr. phil. promoviert. Er legte 1931 in Bonn an der Pädagogischen Akademie das erste Examen als Volksschullehrer ab, um im Anschluss zunächst als Volontär-Assistent am Psychologischen Institut der Universität und danach als Assistent der Pädagogischen Abteilung des Westdeutschen Rundfunk tätig zu sein. Holzamer zeigte sich bereits ab 1931, als Mitglied der katholischen Zentrumspartei, politisch aktiv. Er war Mitglied im "Reichsjugendausschuss" der Partei. Ende des Jahres 1931 kam Karl Holzamer  in Kontakt mit dem noch neuen Medium Rundfunk. Seine in dieser Zeit abgegebene Professoren-Bewerbung wurde abschlägig beschieden. Während des Naziregimes musste er, wegen seiner Weigerung der NSDAP beizutreten, sein politisches Engagement einstellen. Beim Rundfunk, wo seine Vorgesetzten durch die Nazis entlassen worden waren, leitete er zunächst den Schulfunk. Diese Funktion musste er wegen der fehlenden Parteizu-gehörigkeit aufgeben. Er blieb beim Rundfunk, musste jedoch zum, für ihn fachfremden, Landfunk wechseln. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er eingezogen und bei der Luftwaffe als Bordschütze und später als Kriegsberichterstatter für den Hörfunk eingesetzt. Nach dem Krieg bekam er im Jahr 1946 - eine außerordentliche Professur für Philosophie, Psychologie und Pädagogik - an der Mainzer Gutenberg-Universität.

Als CDU-Mitglied gehörte er auch viele Jahre dem Mainzer Stadtparlament an. 1962 wurde er vom Fernsehrat zum ersten Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens gewählt, der er bis 1977 blieb. Holzamer war seit 1932 mit Helene Uehlein (*1907 †1992) verheiratet. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Karl Holzamer starb am 22.April 2007 im Alter von 101 Jahren in Mainz.

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Frankfurter Neue Presse vom 13.Oktober 1966

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Direkt am Schweizer Platz und in einem Hinterhaus der Schwanthalerstraße 48 befanden sich in den 1950er und 1960er Jahre zwei Kinos. Der „Süd Palast“ befand sich in einem Nach-kriegsgebäude an der Ecke des Schweizer Platzes und der Schneckenhofstraße. Der erste dort vorgeführte Film "Haus des Lebens" wurde am  11. Dezember 1952 gezeigt. Wer nach einer Vorstellung den Saal verließ, gelangte über einen Seitenausgang in den Hinterhof der Schwanthalerstraße 48/50, direkt zum zweiten Kino im Quartier, der „Filmbühne Sachsen-hausen“ die kurz nach der Eröffnung, Mitte der 1950er Jahre, in „Lichtspiele Sachsen-hausen“ umbenannt wurde.  Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich dort ein Restaurant-betrieb "Schwanthaler Hof". Meine Erinnerungen an den Süd Palast sind vermutlich deshalb etwas lebhafter, weil ich dort zum ersten Mal alleine einen Film angeschaut habe. „Ein Mann geht durch die Wand“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Aus dem Süd Palast wurde ein Supermarkt  des Frankfurter Filialunternehmens „Schade & Füllgrabe“, der von „Tengelmann“ übernommen wurde. Dieser wurde von einer Drogeriekette abgelöst. Heute befindet sich dort ein anderer Drogeriemarkt. Meine Schwester, Solvejh Wach, erinnert sich an Veranstaltungen mit Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld, die in den Lichtspielen auftraten. Das müsste in den 1950er Jahren gewesen sein. An dort veranstalteten Modenschauen nahm auch unsere Mutter mit ihren Modellhüten teil. Aus der Filmbühne wurde nach einem erheblichen Umbau ein bis heute existierendes großes Fitnesscenter.

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Von einem Anwohner aus der Morgensternstraße erfuhr ich, dass im Hinterhaus der Liegenschaft Schwanthaler Straße 59 ein Büro der Partei DIE GRÜNEN gewesen sein soll. Nach einem Blick in die Adressbücher der 1980er Jahre fand ich die Angabe bestätigt. Ich selbst kann mich daran nicht erinnern, was ich mir damit erkläre, dass ich seit Mitte der 1970er Jahre nicht mehr in der Holbeinstraße wohnte habe und sich dadurch für mich neue Wege durch den Stadtteil ergaben. Bis 1975 führten die bevorzugten Wege zur Schweizerstraße ent-weder durch die Schneckenhof- oder die Schwanthalerstraße. Bei dem Parteibüro handelt es sich um die erste Geschäftsstelle von "Die Grünen Frankfurt". Der erste Adressbucheintrag findet sich für die Jahre 1982/83. Aus dem Adressbuch der Jahre 1986/87 geht hervor, die Geschäftsstelle ist inzwischen in die Mainzer Landstraße 147 umgezogen. In dem der Liegen-schaft Schwanthalerstraße 59 gegenüberliegenden Eckhaus, Morgensternstraße 43, befand sich zu dieser Zeit ein Kiosk, den Joschka Fischer, vor, während und/oder nach Besuch der "Frankfurter Parteizentrale", zwecks Getränke- und Nahrungsbeschaffung häufig aufgesucht haben soll. Eine langjährige Bewohnerin des Hauses erinnerte sich sehr gut daran.

Adressbuch-Tabelle Schwanthalerstraße

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Sozialstruktur der Schwanthalerstraße

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Top 10 - Berufe

Zusammenfassung der Sozialstruktur aller Straßen westlich vom Schweizer Platz

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Kommentar

von Michaela Hildebrandt | 13.01.2018 | 09:08 Uhr
Habe mit großer Freude Ihre Erklärungen der Straßennamen in Sachsenhausen gelesen.
Gibt es eine Erklärung warum die Schweizer Straße, Schweizer Straße heißt?
Das würde mich interessieren ,habe nirgendwo eine Erklärung gefunden.
Vielen Dank im Vorraus
und beste Grüße
Michaela Hildebrandt

Kommentar

von Jens Holger Jensen | 13.01.2018 | 10:54 Uhr
Sehr geehrte Frau Hildebrandt,

die Freude ist ganz auf meiner Seite, wenn Ihnen der L.I.S.A.-Beitrag zusagt.

Dem 1864 entstandenen Malerischen Plan von Frankfurt am Main und seiner nächsten Umgebung (Friedrich Wilhelm Delkeskamp), kann ein ursprünglicher Name (im Bereich zwischen dem nördlichen Mainufer und der Straßenkreuzung mit der Gartenstraße) "Heiligen Gäßchen" entnommen werden. Im Zusammenhang mit dem Bau der Untermainbrücke wurde dieser Abschnitt dann auch zeitweise als "Untermainbrückenstraße" bezeichnet. Der Name "Schweizer Straße" wurde 1874 festgelegt. Anlass war die in diesem Jahr von der Eidgenossenschaft beschlossene Verfassung. Im Volksmund hält sich die einfacher zu merkende Erklärung: "Da die Straße nach Süden in Richtung der Schweiz führt", was richtig ist und möglicherweise auch vor bald 150 Jahren zur Auswahl dieses Namens für diese Straße geführt hat.

Mit freundlichen Grüßen
Jens-Holger Jensen

Kommentar

von Margery Bridstrup | 26.02.2018 | 10:51 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren,

in Frankfurt Sachsenhausen, warum wurde die Strasse umbenannt von Gustav-Adolph-Strasse in Schweizerstrasse? Was hat Sachsenhausen mit der Schweiz zu tun?

Grüße,

Margery Bridstrup

Kommentar

von Jens Holger Jensen | 27.02.2018 | 17:03 Uhr
Sehr geehrte Frau Bridstrup,

nicht die Schweizer Straße sondern nur der Schweizer Platz wurde im Jahr 1933 in Gustav-Adolf-Platz umbenannt und behielt diesen Namen bis zum Jahr 1962. In diesem L.I.S.A.-Beitrag schildere ich im Kapitel zum Schweizer Platz die Einzelheiten wie es dazu kam.
Am 13.01.2018 wurde mir bereits von Frau Hildebrandt die Frage zum Bezug zur Schweiz gestellt. Die Frage konnte ich noch am gleichen Tag beantworten. Die Antwort auf Ihre Frage bitte ich meiner damaligen Kommentierung zu entnehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Jens-Holger Jensen

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