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Georgios Chatzoudis | 22.09.2017 | 1131 Aufrufe | 2 | Artikel

Dieter Borchmeyer zur Debatte um "Deutsche Kultur"

Ein Meinungsbeitrag

Der Literaturwissenschaftler und frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, ist in seinem jüngsten Buch Was ist deutsch? – Die Suche einer Nation nach sich selbst der Frage nachgegangen, was die deutsche Identität in ihrem Kern ausmacht und welchen historischen Wandlungen "das Deutsche" unterworfen war und ist. Dabei ist der Kulturbegriff in seinem Werk von zentraler Bedeutung. Wir haben Dieter Borchmeyer auch vor diesem Hintergrund um einen Kommentar auf den gestrigen Meinungsbeitrag von Prof. Dr. Jörn Rüsen gebeten.

Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer, Präsident a. D. der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie
Professor emeritus für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Heidelberg

Kommentar von Prof. Dr. Dieter Borchmeyer

Eine "spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“. So Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte des Bundes; stattdessen gebe es nur eine „kulturelle Vielfalt“ ohne übergreifende Einheit. Der Historiker Jörn Rüsen fordert eine Debatte über diese „steile These“ und fragt mit dem Unterton der Entrüstung: „Wo bleiben die Stellungnahmen seitens derjenigen, die sich für die deutsche Kultur einsetzen, ja für diese Kultur in ihrer Lebendigkeit und Zukunftsfähigkeit einstehen?“ Ehrlich gesagt, ist die These unserer Integrationsbeauftragten so töricht, daß sich ihre Widerlegung erübrigt, ja daß man sie eigentlich gut wienerisch nicht einmal ignorieren sollte.

Ich habe vor wenigen Monaten ein über tausend Seiten umfassendes Buch über die Frage „Was ist deutsch?“ – mein Lebenswerk – verfaßt, in dem ich versucht habe, das, was spezifisch deutsche Kultur war und ist, von der Philosophie über die Dichtung bis zur Musik, mentalitäts- und ideologiegeschichtlich mit seinen Licht- und Schattenseiten eingehend zu beschreiben und zu definieren. Und jetzt soll ich mich aufgerufen fühlen, Frau Özoguz zu entgegen, daß es das, was sie ahnungslos leugnet, sehr wohl gegeben hat? Soll ich denn jemandem, der leugnet, daß es in Bayern Berge gibt, von der Zugspitze erzählen? Ich hätte mich schwerlich bewegen lassen, mich zu der Özoguzschen Sottise zu äußern, hätte nicht der hochgeschätzte Jörn Rüsen sie der kritischen Beachtung gewürdigt. Doch sein vorzüglicher, in jedem Detail zutreffender Artikel ist eigentlich Geistverschwendung aus nichtigem Anlaß. Wenn er an den Historikerstreit, an die Auseinandersetzung um Martin Walsers Friedenspreisrede erinnert – nun, das waren respektable Anlässe für einen intellektuellen Streit. Aber sich über die triviale Äußerung einer Politikerin zu echauffieren, die nicht weiß, wovon sie spricht, lohnt sich eigentlich nicht.

Eigentlich! Denn je mehr ich über Jörn Rüsens trefflichen Artikel nachdenke, desto mehr neige ich dazu, seine Einmischung für richtig zu halten. Ist Frau Özoguz doch nicht eine Privatperson und beliebige Talkshowteilnehmerin, sondern verantwortlich für eines der drängendsten Probleme unserer Gesellschaft. Und was sie da gesagt hat, ist leider Gottes repräsentativ für das Kulturbewußtsein vieler deutscher Politiker. Schaut man sich nur einmal die Leitlinien der Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) und die Lehrbücher für den Integrationskurs (Orientierungskurs) an, die jenen Leitlinien folgen, dann muß man feststellen, daß sie von jener „partiellen Amnesie“ der Deutschen geprägt sind, die ein Landsmann von Frau Özoguz: der türkisch-deutsche Schriftsteller Zafer Şenocak in seinem wunderbaren Essay „Deutschsein“ von 2011 kritisiert hat.

Die Deutschen, so sagt er, „sprechen ein ,gebrochenes Deutsch’, wenn sie über ihre Identität, über ihr Deutschsein sprechen.“ Dazu und zu der ,Selbstvergessenheit’, was die eigene Geschichte betrifft, haben die Einwanderer indessen kein Verhältnis. Wie sollen sie sich in ein Land integrieren, dessen nationale Identität als „Minenfeld“ erscheint, auf dem jeder Schritt üble Folgen nach sich ziehen kann? An der Selbststigmatisierung der Deutschen können die von Schuld und Katastrophe der deutschen Geschichte nicht belasteten Einwanderer nicht teilhaben; durch jene Stigmatisierung müssen sie sich von der deutschen Identität ausgeschlossen fühlen, werden sie an einer Identifikation mit der neuen Heimat gehindert, die nur durch eine positiveEinfühlung in diese Heimat ermöglicht wird. So Şenocak.

Blickt man indessen in die Lehrpläne des BaMF und die von ihm verordneten Lehrbücher des BaMF, so muß man feststellen, daß sie Deutschland tatsächlich im Sinne von Frau Özoguz ohne deutsche Kultur auskommen lassen. Literatur, Musik, Kunst, Philosophie – die großen intellektuellen und ästhetischen Traditionen Deutschlands kommen darin nicht vor. Kultur ist in diesen Lehrbüchern nichts anderes als der Sammelbegriff für deutsche Lebensgewohnheiten und -regeln. Kultur ist nicht Bach und Goethe, die De Maizière in seinen Richtlinien zur deutschen Leitkultur beschwört, sondern daß man in Hamburg Aalsuppe und in Berlin Bouletten ißt. Und noch schlimmer: die deutsche Geschichte beginnt erst 1933 – nach einer schnell abgehandelten Vorgeschichte von 1871 bis 1933. Dann gibt es in den Lehrbüchern noch einen Abriß der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Wiedervereinigung. Und das war es. Wie recht hat doch Jörn Rüsen, wenn er sagt, ohne die „Evidenz einer spezifisch deutschen Kultur“ falle „ein wesentlicher Faktor der Integration weg, eben die Bezugsgröße ,deutsch’.“ Wie töricht zudem zu behaupten, das Grundgesetz reiche als ,Leitkultur’ aus, als ob jenes einen Kulturbegriff propagierte. Das ist nicht seine Aufgabe. Auch hier sagt Jörn Rüsen mit Recht: „Das Grundgesetz lebt von kulturellen Voraussetzungen, die es selber gar nicht setzen kann“ – sondern voraussetzt.

In einem Punkt steckt freilich ein Körnchen Wahrheit in dem Statement von Frau Özoguz: deutsche Kultur ist in der Tat schwieriger identifizierbar als etwa die französische, englische oder spanische. Weil das jahrhundertelang kleinstaatlich zersplitterte Deutschland anders als die früh zu fester Form gelangten europäischen Nationalstaaten nie zu einem rechten Nationalstil gelangt ist, wie von Goethe bis Nietzsche immer wieder beklagt wurde. Was deutsch an der deutschen Kultur ist, läßt sich schwerer bestimmen als die nationalen Eigenheiten der meisten anderen europäischen Völker. Und so ist die „kulturelle Vielfalt“ tatsächlich eine deutsche Eigenheit – aber auch ihr besonderer kosmopolitischer Vorzug. In allen Versuchen seit dem 18. Jahrhundert, die Frage „Was ist deutsch?“ zu beantworten, kehrt immer der Gedanke wieder, daß das Deutsche nicht in nationalen Spezialitäten aufgeht, sondern über alles Nationale auf das Europäische, ja Menschheitliche ausgreift.„Wir sind, darf ich wohl behaupten“, so August Wilhelm Schlegel 1825, „die Kosmopoliten der europäischen Kultur.“ Das aber heißt für ihn natürlich nicht, daß es spezifisch deutsche Kultur nicht gibt, sondern daß deren Wesen in ihrer Selbstüberschreitung besteht.

Kommentar

von Antje Flüchter | 22.09.2017 | 16:15 Uhr
Während ich den Beiträgen sowohl von Jörn Rüsen als auch Dieter Borchmeyer in ihrer Beschreibung und Konzeption von Kultur wie von deutscher Kultur in vieler Hinsicht zustimme, ärgere ich mich immer mehr über den Umgang mit dem Text von Frau Özoğuz und mit ihr selbst („die nicht weiß, wovon sie spricht“ …?) in beiden Beiträgen. Zum einen ist es mehr als wohlfeil und wissenschaftlich problematisch den Beitrag von Frau Özoğuz auf einen Satz zu reduzieren. Zum anderen wird auch noch der Kontext ihres Beitrages mit keinem Wort erwähnt. Sie richtete sich in ihrem Beitrag –sicherlich zugespitzt und polemisierend – gegen die 10 Thesen von unserem Innenminister. „Wir sind nicht Burka und geben uns die Hand“ erscheint mir genauso platt, wie die Beschränkung deutscher Kultur auf die gemeinsame Sprache. Beide Texte und nicht nur der von Frau Özoğuz sind Teil einer politischen Debatte, die wir als Wissenschaftler aufnehmen und kritisch führen sollten und zwar gerade auch jenseits Fragen von Integration und Wahlkampf.

Kommentar

von Martin Landvoigt | 21.10.2017 | 10:25 Uhr
Fragen der Identität eines Individuum und einer Schicksalsgemeinschaft, bzw. die innere Assoziation mit dieser Gemeinschaft sind meist nicht in einer intellektuellen Engführung greifbar, da die individuelle Varianz diese Vorgaben zumeist sprengt. Das heißt aber ebensowenig, dass es diese - zugegebener Weise unscharfe - Beziehung nicht gäbe. Die scharfe Kritik an den Thesen von Frau Özoğuz ist darum allzu berechtigt. Es wäre eine unberechtigte Adelung einer These, die im besten Fall dummdreist ist, im schlechtesten Fall deutsch-feindlich zu nennen ist, wenn man sie als Teil einer politischen Debatte würdigt. Dass der Ansatz von de Maiziere zu kurz springt rechtfertigt keineswegs die Diktion von Frau Özoğuz. Weiter gedacht hieße es auch, die kulturelle Identität der Türken zu hinterfragen. Gibt es da nicht auch sprachliche Unterschiede, nicht zuletzt bei den Kurden und Armeniern? Welche kulturelle Gemeinsamkeiten haben moderne Istanbuler mit Dörflern aus Ost-Anatolien? Also könnte man den Türken und wohl jedem anderen Menschen die ethnische Identität absprechen, weil sie nichtig sei. Das Wort der Integration wäre dann absurd und der Auftrag des Amtes von Frau Özoğuz wäre obsolet.

Ich stimme Dieter Borchmeyer in seiner Einschätzung weitgehend zu. Das heißt, ich gestehe den Deutschen eine deutsche Identität zu, den Türken eine türkische und erwarte von einem türkischen Zuwanderer nicht, dass er sein Wurzeln verleugnen soll. Aber wenn er Deutscher werden will, muss er auch innerlich das Deutsch-Sein bejahen. Wenn er das nicht will, bleibt er eben Gast und ist kein Deutscher.

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