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Dr. Andreas Oberdorf | 15.05.2020 | 393 Aufrufe | Veranstaltungen

CFP: »... ja, zu welchem Ziel eigentlich?« – Herwig Blankertz’ ›Geschichte der Pädagogik‹ wiedergelesen

25.03.2021 – 26.03.2021 | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Berlin

»Die alte und etwas betuliche, zugleich stark national, praxis- und professionsfixierte Geschichte der Pädagogik hat sich erheblich verändert, sie ist zur historischen Bildungsforschung geworden« (Tenorth 2018, S. 156). Eine Konsequenz dieser Weiterentwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts bestand darin, dass die bis dahin in der Lehrerbildung verankerten Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Pädagogik ihren Rang als Standardliteratur verloren (Oelkers 1999) und – nach einem kurzzeitig rückläufigen Interesse an historisch-pädagogischer Forschung (Tenorth 1975, S. 135) – durch sozialgeschichtliche Lehrbücher abgelöst wurden (Müller 1981, Herrlitz/Hopf/Titze 1981, Lundgreen 1980). In dieser Zeit begann sich, so jedenfalls schätzt es Manfred Heinemann (1985, S. 251) ein, die »Erziehungsgeschichte als eigenständige Disziplin« zu etablieren.

Zur gleichen Zeit legte Herwig Blankertz (1927–1983) eine Reihe von Studienbriefen für die Fernuniversität Hagen vor, die parallel hierzu gebündelt unter dem Titel Geschichte der Pädagogik (1982) im Verlag seines Sohnes erschienen. Anders als ihre Vorgängerinnen, bietet Blankertz’ Geschichte der Pädagogik einen Ansatz, der sich als »ideen- und sozialgeschichtlich integrierend« (Erben 2013, S. 76) bezeichnen lässt. Blankertz verbindet hierbei, wie Dieter Lenzen (1989, S. 215) bemerkte, theoriegeleitete Geschichtsschreibung mit narrativer Historiographie. In seinem Aufsatz »Geschichte der Pädagogik und Narrativität« lobte Blankertz die neue sozialgeschichtliche Forschung in der Erziehungswissenschaft, bezeichnete Müllers wegweisende Arbeit Sozialstruktur und Schulsystem (1977) jedoch als »unkommunikatives Buch« (1983, S. 3) und sah im Lehrbuch von Herrlitz, Hopf und Titze eher eine Einführung in die Schulgeschichtsforschung, nicht aber in die Schulgeschichte. Nach der Lektüre wisse ein heutiger Leser, so Blankertz, »daß er historisch nichts weiß, daß er viele dickleibige Werke studieren sollte, müßte, wenn... ja, zu welchem Ziel eigentlich?« (1983, S. 3).

Für den Schüler Erich Wenigers diente »Erziehungsgeschichte« und »historische Forschung« stets der »gegenwartsorientierte[n] Aufklärung und reflexive[n] Anleitung erzieherischen Handelns« (Tenorth 1976, S. 499). Wie Klaus Mollenhauer und Wolfgang Klafki stand Blankertz für eine Kritische Erziehungswissenschaft, die eine Orientierung an der »unbedingten Zwecksetzung« von Erziehung, nämlich der »Mündigkeit des Menschen« (1983, S. 9), einforderte. Als gegenwärtiger Leser kann man sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass Blankertz’ Geschichte der Pädagogik nicht nur der Freilegung der »Eigenstruktur der Erziehung« (1982, S. 306) diente, sondern zugleich den Weg weisen sollte auf die von ihm Anfang der 1970er Jahre mitbegründeten Kollegstufe Nordrhein-Westfalens und die hierin umzusetzende Vermittlung von allgemeiner und beruflicher Bildung (Musolff/Hellekamps 2006, S. 297). Blankertz’ Lehrbuch zur Geschichte der Pädagogik lässt sich daher nicht nur disziplingeschichtlich in einem besonderen Übergang –  in der Verabschiedung der alten Universitätspädagogen mit ihrer geisteswissenschaftlichen Pädagogik und einer Etablierung empirischer, sozialwissenschaftlicher und kritischer Ansätze –, sondern ebenso in einer bestimmten bildungspolitischen Reformära der langen sechziger Jahre verorten.

Im Workshop möchten wir uns daher mit der Rekonstruktion und Analyse historischer Entstehungs- und Wirkungskontexte dieses ›klassischen‹ Lehrbuchs zur Geschichte der Pädagogik befassen, Blankertz’ historiographisches Arbeiten untersuchen, einzelne Kapitel vor dem Hintergrund gegenwärtiger historischer Bildungsforschung kritisch beleuchten und exemplarisch an Blankertz’ Lehrbuch über die Grenzen und Möglichkeiten historischen Lernens in erziehungswissenschaftlichen Studienkontexten nachdenken. Wir wünschen uns demnach Beiträge, die sich im weitesten Sinne mit folgenden Fragen befassen:

  • Unter welchen historischen Bedingungen verfasste Blankertz seine Geschichte der Pädagogik (Disziplingeschichte, Werkkontext, Bildungspolitik)?
  • Wie ‚erzählt‘ Blankertz die Geschichte der Pädagogik? Wie vermittelt er sozial- und ideengeschichtliche Aspekte und welche Rolle spielt hierbei Narrativität?
  • Ist Blankertz’ Darstellung im Lichte der gegenwärtigen Befunde und Debatten historischer Bildungsforschung noch angemessen? Nimmt er Verengungen in der Auswahl von Themen, Aspekten oder Quellen vor, bieten sich neue Lesarten an, die Blankertz ausblendet oder übersieht?
  • Welche Möglichkeiten und Grenzen historischen Lernens in erziehungswissenschaftlichen Kontexten (Unterricht, Ausbildung, Studium) zeigen sich im Umgang mit Blankertz’ Geschichte der Pädagogik?

Abstracts (max. 600 Wörter) für einen 30minütigen Vortrag sowie eine kurze biographische Notiz werden erbeten via E-Mail an tim.zumhof@uni-muenster.de bis zum 30. September 2020, eine Rückmeldung erfolgt anschließend binnen zwei Wochen. Eine Publikation der Beiträge wird angestrebt. Weitere Informationen und eine ausführliche Literaturliste im beigefügten PDF-Dokument.

Organisation: Dr. Tim Zumhof, Dr. Andreas Oberdorf (Institut für Erziehungswissenschaft, Historische Bildungsforschung, WWU Münster)

Call for Papers (mit Literaturliste) (169.43 KB)
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