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Georgios Chatzoudis | 03.08.2014 | 814 Aufrufe | Beiträge

3 August. Montag.

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

"Pferde ausheben nach Bernau. Hübsches Städtchen mit allerlei Backsteinbauten aus dem 14ten Jh. Ein sehr netter kleiner Leutnant Gruner von den Maikäfern half mir beim Geschäft, das auf der grossen Wiese beim Waisenhaus vor sich ging und mehr den Eindruck einer ländlichen Pferdeschau als als einer kriegerischen Handlung machte. – Abends mit dem Regiment in Potsdam im Einsiedler gegessen. Salm mit seiner notgetrauten Braut da. Mumm behauptete sein Bruder in Rheims habe die Bahn bei seinem Gut in die Luft gesprengt und sei seitdem verschollen. Werner Bülow zeigte einen Brief seines Bruders Adolf, der bei Marwitz Adjutant ist; er macht Andeutungen über irgend ein sehr kühnes, geheimnisvolles Unternehmen nördlich, von dem wir sehr bald hören würden. Die Stimmung hier beim Regiment ist dieselbe wie in Berlin; eine ruhige, heitere Zuversicht ohne Rausch: man weiss, dass der Krieg furchtbar sein wird, dass wir vielleicht zeitweise Rückschläge erleiden werden, vertraut aber auf die Charakter Eigenschaften der Deutschen, auf Pflichterfüllung, Ernst und Beharrlichkeit, dass sie uns schliesslich den Sieg erringen müssen. Matuschka und Hammacher die heute das Notexamen gemacht haben, kamen aus der Musterung und erzählten, dass Loebell ihnen eine tief ergriffene Rede gehalten habe. Alles ist sich klar darüber, dass dieser Krieg Deutschland die Weltherrschaft oder den Untergang bringen muss. Seit Napoleon ist kein so hohes Spiel gespielt worden."

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Interview mit Dr. Roland S. Kamzelak über das Editionsprojekt "Tagebücher Harry Graf Kessler"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kamzelak, Sie haben in einem Projekt die Tagebucheinträge von Harry Graf Kessler digital aufbereitet. Worum ging es in dem Projekt genau?
 
Dr. Kamzelak: 1961 erschienen die ersten Tagebucheinträge Kesslers in einer Auswahlausgabe bei Fischer mit Texten von 1918-1937. Nachdem das Deutsche Literaturarchiv Marbach den Nachlass Kesslers erworben hatte, das war ab 1987, konnte der erste Teil, also 1880-1918, erstmals ediert, aber auch der zweite Teil musste ergänzt werden. Mit der neuen Edition liegt der Text von Harry Graf Kessler nun erstmals vollständig und in wissenschaftlich fundierter Aufbereitung vor.

L.I.S.A.: Was versprechen Sie sich von einem solchen digitalen Editionsprojekt? Was ist der Mehrwert?

Dr. Kamzelak: Die Tagebücher sind in verschiedenen Disziplinen nachgefragt: Zuerst in der Kunstgeschichte, dann aber rasch in der Literatur- und nun verstärkt auch in der Geschichtswissenschaft. Die gedruckten Bände verkaufen sich in hohen Auflagen und werden interdisziplinär benutzt. Nun folgt die elektronische Ausgabe, die moderne Analysemethoden - in den sogenannten Digital Humanities - ermöglichen wird. Die reich hinzugefügten Metadaten in XML/TEI lassen sich wunderbar auswerten und mit anderen Projekten verknüpfen. Und über eine digitale Ausgabe findet der Text vielleicht auch verstärkt ein jüngeres Publikum.
 
L.I.S.A.: Wieso haben Sie sich die Tagebücher von Harry Graf Kessler vorgenommen? Was hat Sie an der Person bzw. an den Tagebüchern gereizt?

Dr. Kamzelak: Harry Graf Kessler ist eine schillernde Figur, der vor allem in Deutschland, Frankreich und England zu Hause war. Er hatte Zugang zu allen wichtigen Zirkeln in Kunst, Politik und Gesellschaft. Namen zu nennen, würde ein Liste von mehr als zehntausend Einträgen bedeuten. Nur andeutungsweise: Maillol, Rodin, van de Velde, Munch, Denis, Rathenau, Stresemann, Pilsudski, Hauptmann, Becher, Hofmannsthal, Dehmel, Strauss.

Er war nicht nur gebildet, sondern vielseitig interessiert an Kunst, Literatur, Politik und vor allem an Menschen und ganzen Völkern. Seine ausgiebige Reisetätigkeit bot ihm immer wieder Nahrung für Überlegungen und Projekte, die er mit seinem Vermögen auch meist umsetzen konnte. Seine Art, Tagebuch zu führen, also fast täglich und im Stil ausgereift mit vielen fast wörtlichen Gesprächswiedergaben, ist einzigartig.

Einzigartig im Stil, aber auch in der Fülle der Informationen und Eindrücke, die ein unmittelbares Panoptikum der Zeit von 1880 bis 1937 bieten. Das Tagebuch bietet alles von heiteren, vergnüglichen Passagen (z. B. der Besuch bei Verlaine) bis hin zu depressionsartigen Schilderungen, etwa zum Schluss des Ersten Weltkrieges oder aus dem Exil.
 
Dr. Roland S. Kamzelak hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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