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Georgios Chatzoudis | 16.09.2015 | 1752 Aufrufe | 5 | Umfragen

Online-Kommentare löschen? Ja oder Nein?

Eine Umfrage zur Kommentar-Kultur

Die Debatte um das Löschen von fremdenfeindlichen Kommentaren in sozialen Netzwerken wie Facebook ist in vollem Gange. Auch die L.I.S.A.Redaktion wurde im Rahmen mehrerer Beiträge zur Flüchtlingssituation kürzlich mit Kommentaren konfrontiert, in denen Nutzer ihrem Unmut freien Lauf gelassen und vereinzelt Menschen herabgewürdigt oder beleidigt haben.

 

In der Redaktion haben wir darüber diskutiert, wie mit derartigen Kommentaren bei L.I.S.A. und auch generell umgegangen werden sollte. Letztlich stehen sich dabei zwei Meinungen gegenüber:

  •  Zum einen machen derartige Kommentare politisch Stimmung, widersprechen ethischen Grundsätzen und würdigen andere Menschen herab. Unser Portal und das Internet allgemein sollte derartigen Meinungen keine Plattform bieten. Im Gegenteil, wir wünschen uns, dass sich Nutzer an die gebotene "Netiquette" halten und einen respektvollen Umgang untereinander pflegen.
  • Andererseits geben derartige Kommentare eventuell ein Meinungsbild wieder, das nicht zwangsläufig zensiert werden sollte, solange kein Straftatbestand vorliegt. Derartige Kommentare lassen sich dann als Mahnung daran verstehen, den Blick vor gesellschaftlich verbreiteten Ressentiments nicht zu verschließen. Zensur bestätigt entsprechende Kommentatoren noch in ihrer Haltung. Statt Kommentare zu löschen ließe sich beispielsweise im Sinne der "Counter Speech" argumentativ dagegen anschreiben.

Wie ist Ihre Meinung?

Abstimmung


Ergebnisliste

Stimmen
JA, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sollten gelöscht werden. 92 (62%)
NEIN, Kommentare unterliegen grundsätzlich dem Recht auf freie Meinungsäußerung. 57 (38%)
149

Kommentar

von Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp | 16.09.2015 | 13:34 Uhr
Die Grenzen des Rechts auf freie Meinungsäußerung sind gesetzlich klar niedergelegt,
das entlastet die LISA-Redaktion davon, jeweils herauszufinden, was "unsachlich" (? jenach Quellenlage: schwierig!) und/oder "herabwürdigend" (schon leichter) ist.
Grundsätzlich sollte die Redaktion dem Debattier- und Urteilsvermögen der Leser von LISA trauen! Ich setzte dabei voraus, dass "Meinungsäußerungen" namentlich gezeichnet sind. Anonyme "Meinungsäußerung" gehört ohnehin nicht in ein Diskrusorgan.

Kommentar

von Dr. Tobias Kraft | 16.09.2015 | 13:57 Uhr
Ich plädiere sehr dafür, die redaktionelle Hoheit über ein Publikationsorgan nicht allgemein an das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zu veräußern. Es ist nicht ein Einschnitt in mein Grundrecht, wenn eine von einer Institution, einer Privatperson oder einem Unternehmen geführte Seite meine Beiträge löscht. Das gilt ganz sicher nicht im Fall von strafrechtlich relevanten Äußerungen. Aber selbst hier stehen wir ja vor dem noch ungelösten Problem, dass eine Äußerung dieser Art zwar auch im digitalen Kontext strafrechtlich relevant ist, derzeit aber noch völlig unzureichend verfolgt werden kann, bzw. bisher nur in Einzelfällen strafrechtliche Konsequenzen hat.

Es scheint hier wie in ähnlichen Fällen zu gelten: die Einfuhr einer neuen Kommunikationstechnik hat noch keine entsprechenden Kommunikationskultur, bzw. Kulturtechnik hervorgebracht. Anders gesagt: wir haben eine Technikkultur, aber keine Kulturtechnik.

Die Frage, die wir verhandeln müssen, müsste sich m.E. am Begriff des "Öffentlichen" orientieren. Ist das L.I.S.A.-Forum öffentlich (wie ein Marktplatz) oder privat (wie das Auditorium einer Wissenschaftsstiftung)? Ist Facebook öffentlich oder privat (wie etwa der Innenhof des Sony-Centers in Berlins Mitte?

Davon unbeschadet stellt sich für mich die Frage, warum soziale Kontrolle in sozialen Netzwerken so viel schlechter funktioniert als sonst. Oder anders gefragt: bildet die Drastik der Kommentare im Netz tatsächlich genauer die Stimmungslage in der Bevölkerung ab oder verzerrt die Spezifik der zugrunde liegenden Medientechnik nicht das eigentliche Meinungsbild?

Diese Fragen sind allesamt nicht neu. Aber sie bleiben leider relevant. Auch, weil wir derzeit davon ausgehen müssen, dass soziale Netzwerke der Radikalisierung bestimmter Gruppen (Rechtsradikale, religiöse Fundamentalisten, Verschwörungstheoretiker) Vorschub leisten. Daran ändert auch die These der Verzerrung nichts.

Kommentar

von Axel Krüger | 21.09.2015 | 11:46 Uhr
Ich habe mit Nein gestimmt, da Kommentare (eben auch herabwürdigende) zeigen wie wir Menschen sind. Wissen erweiternd sind - insofern.

Kommentar

von Jens-Holger Jensen | 25.09.2015 | 14:38 Uhr
Ich möchte meine Beobachtung schildern:
Dieser Beitrag wurde bis zum 25. September 2015 insgesamt 508 mal aufgerufen, es haben sich einschließlich meiner Personen aber nur 41 Nutzer an der Abstimmung beteiligt. Das entspricht einem Anteil von rund 8 Prozent. Das ist auch eine Erkenntnis und wirft die Frage auf: weshalb ist das so und wird damit die Zahl der unfreundlichen Kommentierungen übertroffen oder unterschritten?
Weil ich die sozialen Medien (Facebook, Twitter & Co.) nicht nutze und annehme, die herabwürdigenden und beleidigenden Kommentare wurden in diesen Medien verbreitet, habe ich ohne spezielle persönlichen Erfahrungen geantwortet.
Meine Antwort war: NEIN.
Diese basiert auf der Erwartung und Hoffnung, dass es sich um Kommentare mit voller Namensnennung des Absenders oder der Absenderin gehandelt hat. Ich verbinde damit ebenso die Erwartung, dass nicht Desinteresse der Grund für die Nichtteilnahme war und ist.

Kommentar

von Gottfried Scherer | 15.11.2016 | 00:06 Uhr
Mein Nein scheint mir aber nur dann sinnvoll, wenn Kommentare nur noch mit den tatsächlichen Namen und der Wohnadresse abgegeben werden können - jedenfalls solange wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben.

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