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Georgios Chatzoudis | 28.05.2019 | 910 Aufrufe | Interviews

"Selbstverlogenheit und Doppelmoral eingestehen"

Interview mit Björn Vedder über Kritik an Superreichen

Der US-amerikanische Großinvestor Warren Buffet hat 2006 in einem Interview mit der New York Times folgenden Satz gesagt: "There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning." Diesen Satz hat der superreiche Unternehmer immer wieder ausgesprochen und modifiziert - 2003 noch stolz mit breiter Brust in einem Brief an Investoren, 2011 aber schon mit Zweifeln und Distanz zu seiner eigenen Klasse der Superreichen. Und dies entsprach dem damaligen Zeitgeist, denn im Zuge des Crashes an den Finanzmärkten seit 2008 wurden nicht zuletzt die Superreichen für die ökonomischen und sozialen Verheerungen mitverantwortlich gemacht. Sie seien von der gesellschaftlichen Realität abgekoppelt und scherten sich nur noch um ihren eigenen Luxus, auch wenn er zulasten aller anderen gehe. Reichen-Bashing war en vogue - die 1% standen unter anderem im Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung den 99% feindselig gegenüber. Was ist dran an dieser pauschalen Kritik an den Superreichen, die der Kulturphilosoph Dr. Björn Vedder als "reichen Pöbel" bezeichnet? Wer spricht diese Kritik aus und was sagt diese wiederum über die Kritiker selbst aus? Wir haben Björn Vedder, der darüber ein neues Buch publiziert hat, diese und andere Fragen gestellt.

"Es gibt offenbar einen Verfall der Sitten, der an Reichtum geknüpft ist"

L.I.S.A.: Herr Dr. Vedder, Sie haben nach Ihrem Buch über Freundschaft im Zeiten von Facebook nun ein neues Buch geschrieben, das den Titel „Reicher Pöbel“ trägt. Wie kamen Sie von der kulturphilosophischen Auseinandersetzung mit Freundschaft nun zu der mit Reichtum und Pöbelhaftigkeit? Welche Überlegungen gingen Ihrem neuen Buch voraus?

Dr. Vedder: Zwei Beobachtungen waren für mich wichtig. Mir ist in den letzten Jahren erstens aufgefallen, dass sich Menschen, die über einen gewissen Wohlstand verfügen, zunehmend daneben benehmen und in ihrem Verhalten eine verstärkte Rücksichtslosigkeit und besondere Ichbezogenheit zeigen, die mir vorher fremd war, zumindest in diesem Maße. Ich wollte gerne wissen, warum das so ist. Bei meinen Recherchen bin ich dann auf eine Reihe von sozialpsychologischen Untersuchungen gestoßen, die diesen Eindruck bestätigen und zeigen, dass es eine Korrelation zwischen dem eigenen Einkommen und der Auffassung gibt, nicht nur besser zu sein als andere, sondern auch größere Rechte auf Glück, Erfolg und alles Gute zu haben, kurz: ein Lebensvorrecht gegenüber den anderen zu besitzen. Gleichzeitig schwinden mit dem Wohlstand jedoch die psychologischen Muskeln, sich sozial zu verhalten und z.B. die eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen. Dieses Phänomen eines pathologisch werdenden Narzissmus hat mich schon in meinem Buch über Freundschaft interessiert. Während ich dort jedoch eher die Perspektive einer Philosophie des guten Lebens eingenommen und überlegt habe, wie Freundschaften den Narzissmus mäßigen und so wenden können, dass die Beziehungen nicht pathologisch werden, sondern die Freunde in ihnen das Glück finden, das sie in ihnen suchen, habe ich in meinem neuen Buch eine mehr sozialphilosophische Perspektive eingenommen, vor allem im Hinblick auf das Verhältnis von Ökonomie und Moral oder Sittlichkeit. Es gibt in unserer Gesellschaft offenbar einen Verfall der Sitten, der an Reichtum geknüpft ist, eine Art Asozialität der Vermögenden, und ich habe mich gefragt, wie diese Wohlstandsverwahrlosung mit den ökonomischen Strukturen unserer Gesellschaft und der Art von Sittlichkeit, die sie hervorbringen, zusammenhängt. Es ging mir also um die zivilisierende oder kulturprägende Kraft des Kapitalismus.

Zweitens habe ich bemerkt, dass ich mit meiner kritischen Einschätzung der Reichen nicht alleine bin, sondern es eine sehr breite und zunehmend scharfe Kritik an den Reichen und Superreichen – dem berühmten 1 % – gibt, die sich z.B. im letzten Bundeswahlkampf geäußert hat, in dem der reiche Spekulant das einzige Feindbild war, das alle Parteien gemeinsam hatten, oder auch in einer ganzen Flut von neueren Filmen, Romanen und TV-Serien, die Reiche als Monster zeigen und sie – wie ein großer Teil der politischen Kritik auch – zu Sündenböcken machen und so tun, als wäre alles in bester Ordnung, wenn sich die paar Superreichen an der Spitze nur nicht falsch verhielten. Das hat mich skeptisch gemacht. Ist die sogenannte „F*ck-you-Politik der Oberschicht" (Michael Naumann) tatsächlich nur das Resultat individuellen Fehlverhaltens oder gibt es nicht auch systematische Gründe dafür? Wie verhält sich das Bild, das wir uns heute von den Reichen machen, zu früheren Bildern von ihnen? Welche Faktoren bestimmen die kulturelle Imagination der Reichen?

"Jedes Almosen steigert die Entrechtung und Empörung der Armen"

L.I.S.A.: Der Begriff „reicher Pöbel“ ist nicht Ihre Erfindung, sondern Sie greifen dabei auf eine Formulierung Hegels zurück. Was verstand Hegel unter reichem Pöbel und wie unterscheidet sich sein Verständnis von Ihrem?

Dr. Vedder: Hegel hat sich mit dem „reichen Pöbel“ nicht eingehend beschäftigt, sondern auf den armen Pöbel konzentriert. Damit meinte er diejenigen, die nach unten aus der bürgerlichen Gesellschaft herausfallen, weil sie keine Arbeit mehr haben oder zu schlecht bezahlt werden. Sie können ihre Bedürfnisse nicht mehr dadurch sichern, dass sie die Bedürfnisse von anderen befriedigen, indem sie für diese arbeiten und sind fortan auf Almosen angewiesen. Das ist höchst problematisch, sowohl für die Armen als auch für die Gesellschaft. Denn für die Armen geht damit das Gefühl einer Entrechtung einher, das zu einer feindseligen Gesinnung gegenüber der Gesellschaft führen kann, sie pöblisieren. Und die bürgerliche Gesellschaft sieht sich mit einem Widerspruch konfrontiert: einerseits setzt sie voraus, dass ihre Mitglieder ihre Bedürfnisse befriedigen, indem sie für einander arbeiten und sie hat gerade darin, dass der Einzelne im Verfolgen seiner selbstsüchtigen Interessen das allgemeine Wohl und das Wohl anderer fördert, ihren sittliche Wert. Andererseits kann sie die Armen aber auch nicht verhungern lassen, ohne inhuman zu sein. Jedes Almosen steigert jedoch die Entrechtung und Empörung der Armen und fördert ihre Feindseligkeit gegenüber der Gesellschaft. So kann die bürgerliche Gesellschaft zwar die Armut lindern, nicht aber die Pöbelhaftigkeit der Armen und ist trotz ihres Übermaßes an Reichtum nie reich genug ist, um die Entstehung des Pöbels zu verhindern. Vielmehr schafft sie zusammen mit ihrem Wohlstand auch eine stetig wachsende Masse derer, die sie ausschließt und die ihr feindlich gegenüberstehen. Und das gefährdet ihr Fortbestehen. Hegel hat das in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts ausgeführt, einem Buch, das als eines der ersten die bürgerliche Gesellschaft als ein ökonomisches System begreift und den Markt nicht nur als ökonomische Sphäre untersucht, sondern auch als eine Institution, die ihren Teilnehmern Freiheiten gewährt und das heikle Verhältnis zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen ausbalancieren kann. In einer Vorlesung zum Thema aus dem Wintersemester 1822/23 bemerkte er beiläufig, dass es auch einen reichen Pöbel gebe und ich fand eine Rekonstruktion dieses Begriffs hilfreich, um die aktuelle Kritik an den Reichen in eine philosophische Perspektive zu rücken.

Wir haben es dann mit Menschen zu tun, die zwar noch für andere arbeiten könnten, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, das aber nicht mehr müssen, weil sie durch ihren Reichtum vom Band der Not, das die meisten Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft miteinander verbindet oder aneinander kettet, befreit sind. Mit dieser Freiheit drohen sie jedoch auch – ähnlich wie der arme Pöbel – der sittlichen Integration in die Gesellschaft verlustig zu gehen. Es sei denn, sie bringen aus eigener Kraft das Wohlwollen gegenüber ihren Mitbürgern und der Gesellschaft auf, zu dem die anderen genötigt sind. Umso reicher sie sind, desto schwieriger wird das jedoch für sie. Denn die psychologischen Muskeln, die dazu nötig wären, verkümmern mit wachsendem Wohlstand. Gelingt es ihnen nicht diese besondere sittliche Anstrengung aufzubringen, verwahrlosen sie. Sie entwickeln eine feindselige Gesinnung gegenüber der Gesellschaft. Sie pöblisieren. Der wachsende Wohlstand der bürgerlichen Gesellschaft setzt also nicht nur eine wachsende Zahl derer frei, die ihr feindlich gegenüberstehen, weil die Gesellschaft sie ausschließt, sondern auch derer, die ihr feindselig gesonnen sind, weil sie sich aus ihren Zwängen befreien können.

"Bewundernswerte Vorbilder damals, goldene Zombies mit der Botox-Maske heute"

L.I.S.A.: Aus philosophischer Perspektive handelt es sich in Ihrem Buch um ein Buch über Moral, versteht man Moral als eine Ressource, die uns dazu befähigt zu urteilen bzw. zu verurteilen. Moral scheint zu bestimmten Zeiten wiederkehrend von hoher gesellschaftlicher Relevanz zu sein. Tom Wolfe hat Anfang der 1970er Jahre in seiner Erzählung „Radical Chic“ die Doppelmoral der Reichen aufs Korn genommen, Bernd Stegemann hat zuletzt ein Buch mit dem Titel „Die Moralfalle“ verfasst. Beide Kritiken sind eng mit der Kritik am Kapitalismus verbunden. Ihr Buch auch?

Dr. Ve In Teilen ja. Der Kapitalismus ist ja nicht nur mit dem Versprechen auf allgemeinen Wohlstand verbunden, sondern auch dem einer gewissen zivilisierenden Kraft. Wir sehen heute jedoch, wie beide Versprechen enttäuscht werden. Spätestens mit der Finanzkrise von 2008 ist die Hoffnung begraben worden, dass ein stetiges ökonomisches Wachstum auf lange Sicht allen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft immer mehr Wohlstand beschert. Mit dem Rückgang der Flut, von der John F. Kennedy einst sagte, dass sie alle Boote heben würde, sind auch die massiven ökonomischen Unterschiede sichtbarer geworden, die unsere Gesellschaft prägen. Während ein Großteil der Menschen in den westlichen Industrienationen in den vergangenen Jahren faktisch ärmer geworden ist, ist eine kleine Gruppe von Superreichen immer reicher geworden. Daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert, im Gegenteil. Die einen werden immer reicher, die anderen gewinnen zunehmend den Eindruck, sich immer mehr anstrengen zu müssen, um nicht zurückzufallen, wenn das nicht schon längst geschehen ist.

Diese Umstände ändern auch unser Bild von den Reichen, denn in den Bildern, die wir uns von ihnen machen und in den Geschichten, die wir uns von ihnen erzählen, spiegeln sich die Erfahrungen wider, die wir mit dem Kapitalismus machen. Das zeigt z.B. der Vergleich der kulturellen Imagination der Reichen aus den Wirtschaftswunderjahren mit der heutigen: entrückt schöne und bewundernswerte Vorbilder damals, goldene Zombies mit der Botox-Maske heute.

Dabei zeigen die monströsen Darstellungen, deren Wirklichkeitsgehalt größtenteils von der Sozialpsychologie belegt werden kann, inwiefern die Hoffnungen auf die zivilisierenden Kräfte des Kapitalismus enttäuscht worden sind. Er besitzt sie nur insoweit, als er die Menschen zwingen kann, sich sittlich zu verhalten. Dort, wo sie sich seines Zwanges entziehen können, verliert er jedoch diese Kraft. Ich finde, das ist das eigentlich Interessante an der Kritik an den Reichen. Sie zeigt, wie eng in unserer Gesellschaft Sittlichkeit und Zwang (oder Not, wie Hegel sagen würde) verbunden sind, wie Freiheit und Unsittlichkeit Hand in Hand gehen und dass die Rechtschaffenheit der Kritiker eine Rechtschaffenheit der Behinderten ist, eine Art Sklavenmoral also, nach der Menschen kooperieren, wenn das für sie nützlich ist. Auch das kann die Sozialpsychologie in Experimenten gut belegen.

Diese Art von Zwang und ein Mindestmaß an Sittlichkeit scheint der Kapitalismus aber immerhin etablieren zu können, zumindest für einen großen Teil der Menschen. Unter der Annahme einer negativen Anthropologie, wie sie kapitalistische Gesellschaftstheorien voraussetzen – „Eigeninteresse ist Gier“, sagt z. B. Milton Friedman – bietet der Kapitalismus ein effizientes System, die Gesellschaft zu organisieren. Er bildet die Affekte und prägt das Zusammenleben der Menschen. Die Geldwirtschaft hat eine große vereinigende Kraft, sie löst im Gegenzug aber andere Symbolsysteme auf, die Handlungen leiten oder Konflikte lösen können. Luhmann hat das symbolische und diabolische Generalisierung des Geldes genannt. Zugleich fördert sein Bestehen jedoch genau die Anlagen im Menschen, die er zu kontrollieren verspricht, und er lässt andere verkümmern. Sowohl die Affekt bildende als auch die Gesellschaft regulierende Kraft des Kapitalismus ist also äußerst prekär und kostspielig.

Allzu schnell verdammen würde ich ihn aber nicht. Mein Buch ist vielmehr ein Plädoyer für eine Korrektur. Am Beispiel des reichen Pöbels wird deutlich, dass die zivilisierende Kraft des Geldes nur dann wirken kann, wenn Geld für alle ausreichend vorhanden, aber doch knapp und grosso modo gleich verteilt ist. Genau dem widerspricht jedoch die Akkumulationslogik des Kapitalismus. Und hier, meine ich, müssten wir ansetzen und dafür sorgen, dass das Geld wieder knapp ist, und zwar für alle. Vielleicht könnte das auch helfen, die drohende ökologische Katastrophe zu verlangsamen, die der „Hexensabbat des Kapitals“ (Max Weber) provoziert hat.

"Ein kompensatorischer Humanismus, der sich für das moralisch Gute stark macht "

L.I.S.A.: Sie distanzieren sich in Ihrem Buch von einem einfachen „Reichen-Bashing“- eine Kritik an den Reichen sei unvollständig, wenn man nicht auch diejenigen kritisch unter die Lupe nehme, die Reiche als Pöbel bezeichneten. Deren Kritik sei oft heuchlerisch, schreiben Sie. Wen konkret meinen Sie? Was verrät die Kritik am reichen Pöbel über die Kritiker selbst?

Dr. Vedder: Die Kritiker spalten die negativen Aspekte unseres Wirtschaftssystems von diesem ab und projizieren sie auf andere – die Reichen – um dieses Wirtschaftssystem selber unangetastet lassen und sich der eigenen Profitgier weiter ungeniert freue zu können. Die vermeintliche Rechtschaffenheit, von der aus sie die Reichen verurteilen, ist kein Ausweis ihrer Moralität, sondern nur ihrer Schwäche, ein Resultat ihrer Behinderung. Das zeigt sich nicht nur in vielen Äußerungen dieser Kritik, sondern auch darin, dass sie dort, wo sie die Stärkeren und im negativen Sinne Freieren sind, ihre Überlegenheit rücksichtslos ausspielen, z.B. in ihrem Verhalten gegenüber dem globalen Süden, der einen hohen Preis für unseren Wohlstand zahlt. Es gibt nicht nur den Reichen erster Klasse, das 1%, sondern auch einen reichen Pöbel zweiter Klasse, den man statistisch vielleicht als die oberen 9% fassen könnte. Ich nenne sie den „Aida-Pöbel“ oder die „Füchse im Weinberg“. Sie beweisen eine besondere Findigkeit darin, vom System zu profitieren, das aber zu verschleiern, oft mithilfe eines breiten Moralisierens. Dazu gehört etwa die Legende von der Leistungsgerechtigkeit, die sie verbreiten, obwohl sie wissen, dass das, was jemand in unserer Gesellschaft verdient, weniger davon abhängt, was er leistet, als davon, auf welcher Position er seine Leistung erbringt, wobei der Aida-Pöbel diese gut bezahlten Positionen und den Zugang dazu natürlich für seine Kinder energisch verteidigt. Dazu gehört auch die Legitimation des eigenen Konsums oder der eigenen Arbeit als moralisch besonders gut oder als besonders interessant, die ganze Kultur des Besonderen und Singulären, die Andreas Reckwitz in seiner Soziologie der Mittelklasse beschreibt, mit der sie sich selbst aufwerten und alle anderen abwerten. Und dazu gehört auch die Dämonisierung der Reichen und die Konzentration der Kritik am reichsten 1%, mit dem dieser reicher Pöbel zweiter Klasse so tut, als gehörten sie zu der „guten“ Mehrheit der 99%, der das eine Prozent der superreichen Schurken gegenüber steht, obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt. Die Wähler der Rechtspopulisten haben Recht, wenn sie diese Menschen als „Gut-Menschen“ bezeichnen, denn wie der gute Mensch von Sezuan in Brechts Drama spalten sie sich in zwei Persönlichkeiten auf: eine, die geschickt am Markt agiert und sehr wohl weiß, wie man dafür sorgt, dass das Geld in die eigene Tasche fließt, und eine, die in Form eines kompensatorischen Humanismus sich für das moralisch Gute stark macht und die Ungerechtigkeit der anderen beklagt. Kompensatorisch ist dieser Humanismus, weil er das moralische Gewissen in die kulturelle Imagination auslagert, wie es die monströsen Superreichen vorführen, die uns die Medien zeigen. Dort erfüllt es eine Ersatzfunktion, d.h. es kann zwar zur Geltung kommen, bleibt aber für das eigene Handeln unschädlich.

Deshalb, meine ich, ist die moralische Kritik am reichen Pöbel heuchlerisch und selbstverlogen. Sie ist der Ausfluss eines grassierenden Moralisierens, dem es nicht um Moral geht, sondern darum, die eigene Position zu behaupten und sich selbst aufzuspielen. Denn die Welt ist alles, was der Fall ist. Indem ich moralische Forderungen stelle oder Kritik übe, sage ich jedoch, die Welt soll anders sein. In dieser Differenz kann ich meine Identität markieren, denn Identität, das ist ein Konzept von Luhmann, entsteht durch Differenz.

"Ich appelliere an das Interesse der sogenannten Mitte"

L.I.S.A.: Ihr Buch lässt sich als Plädoyer für die Rettung der gesellschaftlichen Mitte lesen. Wen genau meinen Sie mit der „neuen Mitte, der man den Garaus macht“? Ist Ihre Kritik nicht zu kurz gesprungen, wenn man davon ausgeht, dass Extreme aus der Mitte entspringen? Kann man die gesellschaftliche Mitte des Neoliberalismus angesichts der Kritik und Ihrer Analyse überhaupt noch retten (wollen)?

Dr. Vedder: Mir geht es nicht darum, was ich wünschenswert finde, sondern notwendig und praktikabel. Mein Buch steht in der Tradition eines therapeutischen Philosophierens, das nicht belehren, sondern bei seinen Lesern einen Perspektivwechsel anregen will – und meine Leser sind wohl am ehesten der reiche Pöbel zweiter Klasse, zu dem ich mich auch selber zähle.

Ich habe den Eindruck, dass sich politische Allianzen zwischen dem reichen Pöbel erster Klasse und dem armen Pöbel bilden, wobei der arme Pöbel heute vielleicht eher aus denjenigen besteht, die Angst haben, hinten runter zu fallen und sich kulturell nicht anerkannt fühlen, als aus dem Lumpenproletariat Hegels. Armut meint hier also eher einen Mangel an Anerkennung und Hoffnung als materielle Not. Die asoziale und gesellschaftsfeindliche Gesinnung, die bei vielen Menschen daraus erwächst, scheint mir indes offensichtlich zu sein. Und sie richtet sich nicht zuletzt gegen die Gutmenschen, die sich selbst zur bürgerlichen Mitte zählen.

Dabei habe ich den Eindruck, dass diese feindliche Gesinnung auch durch die Art und Weise hervorgerufen wird, wie wir „guten Menschen“ unseren gesellschaftlichen Status ökonomisch behaupten und kulturell legitimieren. Denn wir beanspruchen nicht nur einen unverhältnismäßig hohen Teil dessen, was unsere Gesellschaft erwirtschaftet, für uns, sondern etablieren auch eine Kultur des Singulären und Besonderen, die alle, die nichts besonders tun und nichts besonders Wertvolles konsumieren, abwertet. Wir geben das aber nicht mal zu, sondern versuchen, es hinter einer moralisierenden Falschmünzerei zu verstecken und genießen unseren kompensatorischen Humanismus in kulturellen Imaginationen.

Unser Verhalten trägt also wesentlich dazu bei, dass sich die Allianzen von armem und superreichem Pöbel überhaupt bilden können. Wenn sie die politische Oberhand gewinnen, könnte das nicht nur unser gutes Leben auf Kosten der anderen beenden, sondern auch schwere politische und ökologische Verwerfungen zeitigen. Deshalb möchte ich daran erinnern, dass es in unserem eigenen Interesse ist, diese Allianzen zu verhindern, indem wir unser Verhalten ändern. Ein erster Schritt dazu wäre, die Augen gegen uns selbst aufzumachen und unsere Selbstverlogenheit und Doppelmoral, die sich exemplarisch in der Kritik an den Superreichen zeigt, einzugestehen.

Dabei appelliere ich an das Interesse der sogenannten Mitte, weil ich Appelle an die Moral hier für nutzlos halte. Und ich richte mich an dieses Publikum, weil ich glaube, dass es am meisten zu verlieren hat und am meisten verändern kann, wenn es seine ökonomische Praxis und Statusreproduktion verändert und so den Nährboden für die Armut und Pöblisierung der „Armen“ als auch den Reichtum der „Reichen“ verknappt.

Dr. Björn Vedder hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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