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Georgios Chatzoudis | 25.09.2018 | 1253 Aufrufe | Interviews

"Historischer Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Linksliberalismus"

Interview mit Andreas Reckwitz über die Gesellschaft der Singularitäten

Die Beschreibungen von Basis und Überbau ganzer Gesellschaften gehört zu den größten Herausforderungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Soziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder hat mit seinem vielbesprochenen Buch Die Gesellschaft der Singularitäten eine Analyse von Gesellschaften westlichen Typs vorgelegt, die er in der Spätmoderne verortet. Seine Zentrale These: Waren die klassischen industriellen Gesellschaften der Moderne nach der sozialen Logik des Allgemeinen organisiert, vollzog sich in den 1970er Jahren eine Kehrtwende hin zum Prinzip des Einzigartigen bzw. der Singularitäten. Wie das genau zu verstehen ist, dazu haben wir ihm unsere Fragen gestellt.

"Die spätmoderne Realität ist mittlerweile eine ganz andere"

L.I.S.A.: Herr Professor Reckwitz, Ihr neues Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gehört zu den jüngeren Publikationen, denen zurecht bescheinigt wird, eine wegbereitende bzw. paradigmatische Gegenwartsanalyse westlicher Gesellschaften zu liefern. Bevor wir auf Details eingehen: Was hat Sie zu dem Buch veranlasst? Welche Beobachtungen und Überlegungen gingen der Arbeit an Ihrem Buch voraus?

Prof. Reckwitz: Der entscheidende Anstoß für das Buch war für mich die Unzufriedenheit darüber, dass es der Soziologie bisher nur ungenügend gelungen ist, die eigentlichen, tiefgreifenden Transformationen, welche die Moderne in den letzten Jahrzehnten im Westen erlebt, systematisch auf den Begriff zu bringen und zu erklären. Häufig scheint die Soziologie immer noch an den Parametern der alten industriellen Moderne oder eines eindeutigen Modernisierungsprozesses zu kleben oder interpretiert die Gegenwart in diesen Begriffen dann als 'Verlust' vertrauter Strukturen. Aber die spätmoderne Realität ist mittlerweile eine ganz andere, wobei die Verschränkung der ökonomischen, der technologischen, der kulturellen, der sozialstrukturellen und der politischen Ebene in den Blick zu nehmen ist: der Zusammenhang von postindustrieller Ökonomie, Digitalisierung, neuer Klassenbildung, Problemen individueller und kollektiver Identität und politischer Polarisierung. Dass Prozesse der Singularisierung einerseits, der sozialen Polarisierung andererseits systematisch miteinander zusammenhängen, ist mir dabei im Laufe der Zeit immer klarer geworden und steht im Mittelpunkt des Buches.

"Singularisierung und Vermarktlichung sind stark miteinander verknüpft"

L.I.S.A.: Ihre These: Singularitäten und deren Logik des Besonderen lösen nach und nach die Logik des Allgemeinen als dominantes Paradigma ab, ohne dass dabei letzteres verschwinden würde, sondern vielmehr bilde es die Infrastruktur für die Entfaltung des Besonderen. Aber: Sind die von Ihnen ausgemachten Singularitäten nicht vor allem imaginierte Singularitäten? Soll heißen: Haben wir es angesichts einer Vereinheitlichung/Standardisierung von Produktionsprozessen, von Waren- und Güterkonsumption, von Narrativen, von Interpretationsmustern und kulturellen Praktiken nicht eher mit einem großen Trick zu tun, der Leute glauben lässt, sie hätten die Wahl aus einer Vielfalt an Gütern, Erzählungen, Deutungen und Lebensentwürfen usw.? Ein Beispiel: Es gibt zwar fünfzig verschiedene Smartphones, zwischen denen ich wählen kann, aber sie basieren letztlich alle auf derselben bzw. auf sehr ähnlichen Plattformen und Handlungsroutinen? Oder: Es gibt zwanzig verschiedene Automarken, doch Technik und Design gleichen sich zunehmend an usw. Sind die Singularitäten nicht vor allem gut gemachte Verpackungen von Imitationen?

Prof. Reckwitz: Zunächst einmal: Singularitäten sind immer sozial-kulturell fabriziert, sie sind nie einfach objektiv vorhanden, sondern liegen im Auge des Betrachters bzw. hängen von sozialen Bewertungsformen ab, die Entitäten als einzigartig interpretieren. Genau das gleiche gilt auch für die 'soziale Logik des Allgemeinen': auch allgemeingültige Merkmale sind soziale Konstruktionen. Das eine ist nicht grundlegender als das andere, beides sind miteinander konkurrierende soziale Bewertungsformen. Nehmen wir als Beispiel einen anderen Bereich, den der Subjekte (die alle in ihrer 'Infrastruktur' Exemplare des homo sapiens sapiens sind). Ein Subjekt wird in geregelten sozialen Kontexten der Moderne häufig als Rollenträger interpretiert, damit in der 'sozialen Logik des Allgemeinen'. Ist es aber ein Freund oder enger Verwandter, schreibt man ihm Individualität zu, Einzigartigkeit und 'entdeckt' eine Fülle von Komplexitäten in ihm oder ihr. Dieses Interesse am Besonderen des Anderen kann auch seit der Romantik in bestimmten Kontexten in extremer Weise gepflegt und ausdifferenziert werden. Aber auch das 'Allgemeine' muss erst fabriziert werden: dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht und Ethnizität 'gleich' seien, war ein mühevoller Interpretationsprozess, der sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat.

Die Logik des Besonderen hat es in der Moderne von Anfang an gegeben, aber seit den 1970er Jahren hat sie sich deutlich intensiviert und ausdifferenziert. Eine tragende Säule ist der Wertewandel hin zu Selbstentfaltungswerten, vor allem in der neuen Mittelklasse, eine zweite die Ausdifferenzierung eines kulturellen Kapitalismus, der singuläre Güter fördert, ein dritter die Digitalisierung, vor allem mit ihrem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Wichtig ist zu sehen, dass die spätmodernen Subjekte sich durch den kulturellen Wandel systematisch darin sensibilisieren, überall Singularitäten zu entziffern und zu erwarten: ob es die Begabung des Kindes ist, das Essen, die politische Bewegung, die berufliche Tätigkeit, das Reiseziel etc. Aber natürlich wird der Prozess dabei von der Ökonomie angeheizt, für die Singularitätsgüter ein unbegrenzter Wachstumsmarkt sind. Es ist charakteristisch, wie stark Singularisierung und Vermarktlichung miteinander verknüpft sind (auch wenn dies nicht zwingend ist).

Ob die Beispiele, die Sie nennen, singuläre Güter sind, würde ich übrigens offenlassen. Das hängt von den Konsumenten und ihren Beobachtungsformen ab. Sind Bob Dylan, Bjoerk und Michael Jackson nicht alle 'nur' Popsänger? Oder Bayern München, Hertha BSC und Athletico Madrid 'nur' alles Fußballvereine? Alles more of the same? Der Unsensibilisierte wird sagen, dass das so ist, aber fragen Sie mal die Fans und Kenner. Für diese sind das absolute Differenzen und irreduzible Eigenkomplexitäten. Und wenn die sozialen Teilnehmer etwas als singulär wahrnehmen, dann hat das soziale Konsequenzen.

"In der Gegenwartsgesellschaft hat das kulturelle Kapital eine Schlüsselfunktion"

L.I.S.A.: Sie nehmen in Ihrem Buch das Wagnis auf sich, den Klassenbegriff wieder sowohl in die akademische Debatte als auch in die öffentliche Sphäre hineinzutragen. Der entscheidende Träger der Gesellschaft der Singularitäten ist dabei die Neue Mittelklasse. Den sozio-ökonomischen Aspekt von Klasse lassen Sie immer mitfließen, aber der kulturellen Dimension geben Sie den Vorzug. Warum?

Prof. Reckwitz: Zunächst scheint es für mich zentral statt von Schichten oder Milieus von Klassen zu sprechen. Der Schichtungsbegriff ist auf graduelle Einkommensrata fixiert, was definitiv zu wenig ist. Der Milieubegriff hingegen suggeriert eine Vielfalt pluraler Lebensstile, was unrealistisch ist. Klassen hingegen sind Großgruppen, die eine Lebensführung teilen, die eine bestimmte berufliche Stellung haben, die mit bestimmten Ressourcen ausgestattet sind, die in einem Konflikt um Einfluss und Widerstand zueinander stehen, der sich teilweise auch politisch umsetzt. Klasse ist also der stärkere Begriff, der hier nötig ist um das Gefüge der Sozialstruktur zu begreifen. Zugleich darf er nicht wieder vulgärmaterialistisch auf Einkommen und Vermögen verkürzt werden. Bourdieu hatte zu Recht argumentiert, dass neben dem ökonomischen Kapital das kulturelle Kapital und auch das soziale Kapital zentrale Ressourcen darstellen. Tatsächlich hat in der Gegenwartsgesellschaft das kulturelle Kapital eine Schlüsselfunktion für die Positionen der Sozialstruktur und für die Ausgestaltung der Lebensformen. Hinzu kommt, dass sich die spätmodernen Lebensformen mehr oder minder stark 'kulturalisieren', das heißt von Funktionalität auf 'Wert' umgeschaltet werden, und dass die Prozesse der kulturellen Aufwertung und Entwertung zwischen den Klassen strukturbildend wirken. Nebenher: Mir scheint es durchaus ein machtpolitischer Trick der neuen Mittelklasse zu sein, den öffentlichen Diskurs immer auf Einkommens- und Vermögensunterschiede zu lenken (Stichwort: Superreiche), so dass man von der eigenen kulturellen Macht ablenkt.

Dass die ökonomischen Ressourcen für eine Lebensform eine notwendige Bedingung darstellen, bleibt nichtsdestotrotz natürlich bestehen, wobei aber innerhalb einer Klasse - namentlich der neuen Mittelklasse - durchaus Einkommensunterschiede existieren, die die kulturellen Gemeinsamkeiten unberührt lassen (Stichwort Reisen - das 'kurartierte Reisen' kann mit wenig oder viel finanziellen Mitteln geschehen). Die entscheidende Gelenkstelle zwischen Kultur und Ökonomie in der sozialen Position ist dabei übrigens - auf den Spuren Durkheims - auch in der Spätmoderne der Beruf: Das Auseinanderklaffen der beruflichen Wirklichkeiten der Klassen ist untrennbar mit der Auseinanderentwicklung der kulturellen Lebensformen verknüpft.

"Es gibt einen kulturellen Antrieb für die Vermarktlichungsprozesse"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch scheuen Sie sich nicht, einen weiteren Begriff aus der politischen Kampfzone zu diskutieren: Neoliberalismus. Allerdings halten Sie den Begriff „Neoliberalismus“ zur Beschreibung der gegenwärtigen Gesellschaftsformation für nicht ausreichend. Ist Ihr Verständnis von Neoliberalismus nicht verkürzt, wenn Sie ihn auf das ökonomische Feld beschränken? Stützt nicht gerade Ihre Analyse gegenwärtiger Anerkennungspraktiken und Lebensentwürfe als an Marktlogiken und Unternehmermetaphern geknüpftes Verhalten ein weiter ausgreifendes Verständnis des Neoliberalen, beispielsweise als Lebensstil?

Prof. Reckwitz: Genau umgekehrt scheint mir in der öffentlichen Diskussion der Begriff 'Neoliberalismus' mittlerweile derart inflationär und undifferenziert verwendet, dass er - jenseits einer Empörungsfunktion - dabei ist, seinen analytischen Wert einzubüßen: 'Alles Neoliberalismus'. Ich will den Begriff, der ja seinen Wert hat, eigentlich retten, indem ich ihn wieder auf seine Kernbedeutung zurückführe: auf die neoliberale Politik, die Politik der Vermarktlichung, die zweifellos in den letzten Jahrzehnten prägend war.

Wichtig ist aber: Die Ökonomisierung oder Vermarktlichung des Sozialen, die ich in meinem Buch ausführlich unter die Lupe nehme, hat eine Eigendynamik gewonnen, die weit über den Einfluss der neoliberalen Politik hinausgeht. Vor allem muss man sehen, dass die Vermarktlichung häufig eng mit Singularisierungsprozessen zusammenhängt, so dass hier das stattfindet, was ich 'Kulturökonomisierung' nenne: ein Wettbewerb um Einzigartigkeit und eigenen Wert - und damit gerade nicht mehr nur ein Wettbewerb um das, was billig oder effizient ist. Diese Kulturökonomisierung ist gerade keine 'weichere' Vermarktlichung, sondern eine härtere, noch kompetitivere, bei denen es zu Winner take the most-Strukturen kommt, wie man sie gerade aus der Kunst, dem Showbusiness oder dem Sport kennt. Neben dem Einfluss der neoliberalen Politik sehe ich vor allem drei Bedingungsfaktoren der Kulturökonomisierung: der Strukturwandel der Ökonomie selbst in Richtung einer 'creative economy', welche die Winner take the most-Strukturen vorantreibt; die Digitalisierung, die eine riesige Aufmerksamkeitsökonomie im weitesten Sinne entstehen lässt; schließlich die Selbstentfaltungsrevolution der Lebensstile: die Subjekte vor allem in der neuen Mitteklasse wollen wählen, zwischen Partnern, Wohnorten, Bildungseinrichtungen, weil sie meinen, nur so den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu folgen. Es gibt hier also auch einen kulturellen Antrieb für die Vermarktlichungsprozesse, wobei die verschiedenen Bedingungsfaktoren in einem komplexen Verhältnis zueinander stehen.

"Die neue Mittelklasse trägt den neuen Liberalismus"

L.I.S.A.: Die Ideologie der Neuen Mittelklasse ist für Sie der apertistisch-differenzielle Liberalismus. Was sind die Kernbestandteile dieses Liberalismus? Und verschafft uns dieser Liberalismus unterm Strich betrachtet mehr oder weniger persönliche Freiheit?

Prof. Reckwitz: Die sozialstrukturellen, sozioökonomischen und kulturellen Transformationen seit den 1970er und 80er Jahren haben sich auch auf das politische Feld ausgewirkt, wo neue politische Paradigmen und Konfliktlinien entstanden sind. Die Politikwissenschaft hat die Entstehung eines neuen 'Cleavages' beobachtet: jener zwischen Kosmopolitischen und Kommunitariern, welche die traditionelle Links-Rechts-Unterscheidung durchquert. Dieser Kosmopolitismus ist im Wesentlichen ein neuer Liberalismus und seine wichtigste Trägergruppe die neue Mittelklasse. Dieser neue Liberalismus setzt(e) auf gesellschaftliche Öffnung (daher 'apertistisch'), der Märkte wie der Identitäten, er ist globalisierungsfreundlich, und er setzt(e) nicht auf Gleichheit, sondern auf Differenz - wiederum auf den Märkten wie in den Identitäten. Diesen historischen Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Linksliberalismus muss man erkennen. Natürlich kann/ konnte man den neuen Liberalismus mehr nach der einen oder mehr nach der anderen Seite akzentuieren, aber letztlich trägt ihn die neue Mittelklasse auch in diesen unterschiedlichen Akzentsetzungen.

Die Folgen dieser Politik sind mittlerweile als sehr ambivalent einzuschätzen: Auf der einen Seite erleben wir deutliche Emanzipationsgewinne, vor allem was die Gleichberechtigung der Geschlechter oder von Minderheiten (z.B. Schwule und Lesben angeht), auch eine größere Wertschätzung kultureller Diversität; die Konsummärkte florieren, technologische Umwälzungen sind gefördert worden. Das ist die Haben-Seite. Auf der anderen Seite jedoch sind problematische Folgen deutlich geworden: der Neoliberalismus hat durch seine Arbeitsmarktpolitik einen Niedriglohnsektor entstehen lassen und damit soziale Ungleichheiten verschärft, öffentliche Einrichtungen wie Schulen, sozialer Wohnungsbau oder Infrastruktur wurden häufig vernachlässigt; auch der Linksliberalismus bringt Probleme mit sich: so die Gefahren einer Fragmentierung der Gesellschaft, wenn das Gemeinwohlinteresse unter die Räder der Rechte der Individuen und Gruppen (Stichwort: Überdehnung der identity politics) gerät. Es sind gerade diese negativen Folgen, die den neuen Liberalismus inzwischen in eine Krise geführt haben, und man wird sehen, ob und wie er sich angesichts des Aufstiegs des Populismus reformieren lässt oder er durch etwas ganz anderes, Neues abgelöst wird (was ich im Moment allerdings nicht sehe).

"Die Ungleichheit der Aufmerksamkeit und der Anerkennung lässt sich nicht einfach regulieren"

L.I.S.A.: Liest man Ihr Buch, bekommt man den Eindruck, dass die entscheidenden Währungen in der Gesellschaft der Singularitäten Aufmerksamkeit und Anerkennung sind, die wie an einer Börse gehandelt werden. Die Gewinner bekommen dabei nach dem Matthäus-Effekt alles. Man vermisst da ein wenig den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit. Spielen Solidarität und Gerechtigkeit in der Gesellschaft der Singularitäten keine Rolle mehr?

Prof. Reckwitz: Die Strukturen der Gesellschaft der Singularitäten werfen definitiv in ganz neuer Form und Drastik Gerechtigkeitsfragen auf. Tatsächlich haben Gerechtigkeitsfragen im bisherigen neuen Liberalismus keine zentrale Rolle gespielt, aber möglicherweise ändert sich das gerade wieder. Wichtig ist zu sehen, dass die Spätmoderne aber eben nicht nur neue Ungleichheiten produziert, sondern auch die Maßstäbe der Gerechtigkeitskritik herausfordert. Eine Gerechtigkeitsdiskussion muss sich auf dieses Niveau begeben, wenn sie zeitgemäß bleiben will. Man kann diese neuen Herausforderungen gut auf den Aufmerksamkeits- und Anerkennungsmärkten beobachten. Und das Feld der Künste liefert hier eine interessante Blaupause für die normativen Verwicklungen. Die Künste sind Winner take all-Märkte par excellence: von den unzähligen Filmen, Büchern, Musikgruppen etc., die verfertigt werden, reüssieren immer nur wenige, diese aber in hohem Maße. Viele gehen leer aus. Ist das ungerecht? Ja, wird man sagen, wenn man Maßstäbe klassischer Leistungsgerechtigkeit anlegt: sie haben doch alle hart gearbeitet. Aber andererseits: die Musik von David Bowie, die Romane von Daniel Kehlmann, die Filme der Cohen-Brüder faszinieren die Leute eben und vieles andere nicht. Das eine erscheint singulär, das andere langweilig. Dann ist es doch gerecht, dass die Faszinatoren so erfolgreich sind? Vor allem aber: wie will man das ändern? Man kann ein Grundeinkommen einführen, gut, aber die Ungleichheit der Aufmerksamkeit, der Anerkennung und der Faszination lässt sich nicht so einfach regulieren. Das sind schwierige Probleme und sie betreffen eben nicht nur den Kunstbereich, sondern viele andere Bereiche der Gesellschaft: etwa die ungleiche Aufmerksamkeitsverteilung im Internet oder den Wettbewerb zwischen den Städten mit ihren 'Gewinnern' und 'Verlierern'. Diese Diskussionen müssen wir führen.

"Eine Balance zwischen der Logik des Besonderen und des Allgemeinen"

L.I.S.A.: Laut ihrem Fazit gibt es keinen Weg zurück zur Logik des Allgemeinen und den darauf basierenden „Les trentes Glorieuses“? Warum nicht? Die Romantik, die Sie als Vorläufer der gegenwärtigen Spätmoderne beschreiben, war auch nur eine Episode der Moderne, oder?

Prof. Reckwitz: Was die Romantik angeht, so ist das ein Missverständnis: sie ist ja alles andere als eine Episode, sondern wirkt sehr langfristig bis in die Gegenwart hinein. Das besondere Interesse an den Singularitäten, an der Selbstentfaltung, der Kreativität, der Authentizität in der Spätmoderne - das sind alles romantische Einflüsse.

Aber zur eigentlichen Frage: Sich vorzustellen, in der gesellschaftlichen Entwicklung könnte man einfach 'zurück', ist doch sehr unrealistisch. Die ökonomische, die technologische, die sozialstrukturelle, die kulturelle Transformation der letzten Jahrzehnte - kann man das wirklich alles wieder rückgängig machen? Das wäre nachgerade absurd. Die eigentliche Herausforderung besteht aus meiner Sicht, wie man in die Gesellschaft der Singularitäten stärker Elemente einer Logik des Allgemeinen einbaut. Das wären aber definitiv nicht mehr einfach Reprisen der Vergangenheit, sondern es müsst um neue Strukturen gehen. Das ist eine zentrale politische Aufgabe. Aber aus einer Paradoxie werden wir nicht herauskommen: die gesellschaftliche Entwicklung hat in der Ökonomie, der Technologie, der Kultur, der Sozialstruktur eine Eigendynamik, die sich strikter politischer Planung entzieht, und trotzdem müssen wir versuchen, zumindest eine gewisse politische Regulierung hineinzubringen. Also eine Balance zwischen der Logik des Besonderen und des Allgemeinen. Das ist eigentlich eine Aufgabe der Moderne seit ihrem Beginn.

Prof. Dr. Andreas Reckwitz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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