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Georgios Chatzoudis | 31.10.2017 | 494 Aufrufe | Interviews

"Eine gemeinsame Hermeneutik der Welt"

Interview mit Björn Vedder über Freundschaft früher und in Zeiten von Facebook

Der Begriff von Freundschaft ist zu keiner Zeit eindeutig gewesen. Ambivalenzen sind beim Verständnis von dem, was einen Freund und was eine Freundin ausmacht, eher die Norm als die Abweichung. Das gilt möglicherweise in digitalen Zeiten umso mehr, wenn neue Formen der Kommunikation auch Beziehungen unter Menschen verändern, und wenn ein privatwirtschaftlicher Konzern wie Facebook die Begrifflichkeit "Freund/Freundin" zum Kernbestandteil seiner Unternehmenspolitik macht. In diesem Netzwerk wird die Anzahl von "Freunden" zur neuen Benchmark - je mehr man hat, umso höher Reichweite und Ansehen. Aber kann man hier überhaupt noch von Freundschaft sprechen? Sind Facebook-Freunde echte Freunde? Der Kulturwissenschaftler Dr. Björn Vedder sieht das so und hat darüber ein Buch geschrieben. Wie er zu dieser Einschätzung kommt und was Freundschaft heute ist und früher einmal war, dazu haben wir ihm unsere Fragen gestellt.

"Das versprochene Glück will sich nicht so recht einstellen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Vedder, Sie haben ein Buch über Freundschaft in Zeiten von Facebook geschrieben: „Neue Freunde“, heißt der Band. Bevor wir auf einzelne Aspekte genauer eingehen – was hat Sie zu diesem Buch bewogen? Welche Beobachtung und Überlegung ging dem Buchprojekt voraus?

Dr. Vedder: Ich hatte mich zunächst ganz allgemein mit Fragen nach dem guten Leben beschäftigt, also damit, was die Philosophie dazu sagt, und damit, was sich Menschen heute darunter vorstellen. Dabei sind mir eine gewisse Trennung oder zumindest Entfernung aufgefallen, die für die praktische Philosophie zwar nicht unüblich sind, die ich in diesem Fall jedoch bedauerlich fand. Denn wenn Menschen heute gefragt werden, was ihnen im Leben am wichtigsten ist, dann nennen sie vor allem Freundschaft und Liebe. Zuletzt hat die Freundschaft die Liebe sogar vom Thron gestoßen, so dass der Eindruck entsteht, wir setzten für unser Lebensglück auf keine andere Beziehung und kein anderes Gut so große Hoffnungen wie auf unsere Freundschaften. Viel stärker noch als früher gelten sie heute als das Größte, Schönste und Beste, was es gibt auf der Welt.

Doch obwohl wir Freundschaften so hoch schätzen und viele von uns viele Freunde haben, will sich das versprochene Glück nicht so recht einstellen. Im Gegenteil, rezente kulturphilosophische und -soziologische Diagnosen konstatieren vielmehr eine Müdigkeit, man selbst sein zu müssen, eine Verstrickung in narzisstische Selbstbespiegelung und ökonomische Selbstausbeutung, eine Überforderung von der eigenen Freiheit und die Verhärtung des »Unbehagens an der Moderne« zu einer ernsthaften Depression. Bedauerlicherweise hatte dem die philosophische Literatur, so weit ich sah, nichts entgegenzusetzen. Freundschaft und Liebe spielen in der praktischen Philosophie keine große Rolle und wo sie es tun, ist der Ansatz eher normativ oder historisch. In der Soziologie ist das anders, wo ich, zumindest mit Blick auf die Liebe, in den Arbeiten von Eva Illouz wichtige Anregungen gefunden habe, auch über Freundschaften nachzudenken, und ich habe mich gefragt, ob sich ihre Beschreibung der Liebe als einer Beziehung, in der sich unsere Suche nach Anerkennung essentialisiert, nicht auch für die Freundschaft fruchtbar machen lässt.

"Ich kann sehr gut hunderte Freunde haben"

L.I.S.A.: Sie überraschen eingangs mit der Behauptung, Facebook-Freundschaften seien echte Freundschaften, weil sie unserer Freundschaftspraxis angemessen seien. Was heißt in diesem Zusammenhang „angemessen“? Und kann man tatsächlich mehrere Dutzend oder sogar Hunderte von Freunden haben?

Dr. Vedder: Die bekannte Abwertung der Freundschaften auf Facebook hängt meines Erachtens eng mit einer kulturpessimistischen Perspektive und einem normativen Freundschaftsbegriff zusammen, der darin vor allem die moralische Auszeichnung sucht. Wenn wir Freundschaften jedoch als Beziehungen verstehen, in denen Menschen, ganz ähnlich wie in der Liebe, nach der Bestätigung suchen, liebenswürdig zu sein, erscheinen sie in einem anderen Licht. Wir müssen uns dann fragen, wie diese Anerkennung vollzogen werden kann, und hier fallen in der Praxis zwei komplementäre Strategien auf, die zwei komplementären Bedürfnissen entspringen. Wie sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, nutzen Menschen verschiedene Bezugssysteme, um sich ihrer Liebenswürdigkeit zu versichern. Es geht ihnen einerseits darum, in weniger intimen Beziehungen möglichst häufige Bestätigung zu erfahren, und andererseits darum, in intimeren Beziehungen möglichst intensive Bestätigung zu erfahren. Dabei müssen beide Bezugssysteme einander ergänzen. Es ist sowohl wichtig, in vielen weniger intimen Beziehungen oft bestätigt zu werden, als auch in intimeren Beziehungen stark bestätigt zu werden. Erst das Zusammenspiel von quantitativer und qualitativer Bestätigung liefert eine umfassende Absicherung des Selbstwertgefühls. Die Freundschaften auf Facebook bieten eine ideale Möglichkeit, das erste Bedürfnis zu befriedigen. Sie sind vielleicht weniger intim als andere Freundschaften – vor allem, wenn sie rein virtuell bleiben –, sie befriedigen jedoch ein ganz grundlegendes Bedürfnis, und ich glaube, dass sich der Erfolg von Facebook – mittlerweile nutzen es ja mehr als zwei Milliarden Menschen – dem verdankt. Ich kann also sehr gut hunderte Freunde haben, auch wenn ich mit ihnen nicht besonders intim befreundet sein kann.

Freundschaften auf Facebook bedienen also nicht nur ein Bedürfnis nach Anerkennung besonders gut, sie machen darüber hinaus deutlich, dass Freundschaften überhaupt, auch die intimen, auf gegenseitiger Anerkennung basieren.

"Sehnsucht nach der moralischen Integrität des Freundes"

L.I.S.A.: In Ihrem Essay beginnen Sie zwar mit dem Gegenwartsphänomen der Facebook-Freundschaft, holen dann aber weit in die Geschichte aus und tauchen in die Tiefen von Philosophie und Literatur ein. Sie zeigen dabei, dass sich das Wesen von Freundschaft immer wieder gewandelt hat. Ein Beispiel: im 19. Jahrhundert sei moralische Integrität ein Magnet für Freundschaftsempfinden gewesen, heute aber wolle man vor allem um seiner selbst willen als Freund oder Freundin anerkannt werden. Was hat sich da genau gewandelt? Wie viel Zeitgeist steckt im Verständnis von Freundschaft?

Dr. Vedder: Ich glaube, dass unser Verständnis von Freundschaften durch und durch vom Zeitgeist geprägt ist. In der Freundschaft drückt sich eine besondere Form der Zuneigung aus, eine Art der Liebe, wie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik argumentiert hat. Damit ich meinen Freund liebe, muss er jedoch etwas haben, das für mich lebenswürdig ist – und im Hinblick darauf lassen sich historische Unterschiede erkennen. Schon Aristoteles nennt eine ganze Reihe von Dingen, die Freunde seiner Meinung nach aneinander lieben (eine gemeinsame Lust, die sie einander bereiten, einen geschäftlichen Nutzen, den sie sich verschaffen, die Tugend, die sie besitzen), er favorisiert darunter aber die Tugend, weil er davon überzeugt ist, dass uns unser Leben nur gelingen kann, wenn wir bestrebt sind, tugendhaft zu handeln, und dass Freunde dabei einander unterstützen können. Diese Auffassung ist sehr wirkmächtig bis heute, nicht nur für das Freundschaftsempfinden. Im 19. Jahrhundert, das zeigen etwa die Romane von Jane Austen, war sie es sogar für die Liebe.

Ich finde diese Verbindung des Liebenswerten mit den Kriterien für ein gutes Leben sehr überzeugend, weil sie erklärt, warum die Freundschaft so wichtig dafür ist, dass uns das Leben gelingt, auch heute noch. Ich glaube allerdings, dass sich die Kriterien für ein gelingendes Leben im Laufe der Zeit immer wieder verändern und damit verändert sich auch das, was wir am Freund liebenswert finden und mithin unsere Freundschaften. Menschen heute scheint es besonders wichtig zu sein, aufgrund ihrer individuellen Persönlichkeit für liebenswert befunden und anerkannt zu werden. Damit entsteht eine besonders große Abhängigkeit des gelingenden Lebens von intimen Beziehungen wie der Freundschaft oder der Liebe, denn wir können die gesuchte Anerkennung nur dort finden. Während ich mir die Frage, ob mein Verhalten tugendhaft ist oder nicht, zur Not auch selbst beantworten kann, nämlich indem ich es mit dem Ethos vergleiche, unter das ich mich stelle, kann mir die Frage, ob ich um meiner Selbst willen liebenswert bin, nur der andere beantworten. Damit kippt die Ausrichtung meines Selbstwertgefühls von der Vertikalen (der Ausrichtung auf ein Ethos) in die Horizontale (die Beziehung zum anderen). Das scheint mit übrigens kein ganz neues Phänomen zu sein, sondern so alt wie die moderne Persönlichkeit.

Die Sehnsucht nach der moralischen Integrität des Freundes kann in diesem Zusammenhang verschiedene Ursachen haben. Wenn ich mich selbst als moralisch integre Person sehe und gesehen werden möchte, dann erwarte ich das auch von meinem Freund, andernfalls verlöre seine Anerkennung für mich an Wert. Andererseits kann die Forderung nach moralischer Integrität des Freundes auch nur der Absicherung der eigenen Interessen dienen, insbesondere dann, wenn die Interessengebundenheit unserer oder besser meiner Freundschaft nicht transparent werden soll. Das zeigen z.B. die Überlegungen Arthur Schopenhauers aber auch noch die Ergebnisse einer großen Umfrage aus dem Jahr 2014. Die moralische Integrität des Freundes soll dann nicht nur dafür sorgen, dass er mir die ihm erwiesenen Freundschaftsdienste vergilt, sondern auch dafür, dass wir den ökonomischen Charakter unserer Beziehung nicht offenlegen müssen, sondern so tun können, als täten wir füreinander alles aus reiner Liebe. Damit entlarvt sich die Forderung nach moralischer Integrität als Heuchelei und fördert sie.

"Alle Freundschaften beruhen auf einem Interesse"

L.I.S.A.: Ein zentraler Aspekt in Ihrem Buch ist das Konzept des Narzissmus. Das freundschaftliche Gefühl habe notwendigerweise einen narzisstischen Charakter, so Ihre These. Ist Freundschaft denn nicht eher mit Selbstlosigkeit und Hingabe verbunden statt mit Eigenliebe?

Dr. Vedder: Ich glaube nicht, dass es selbstlose Freundschaft oder Freundschaften ohne Interesse geben kann. Dagegen spricht schon das bereits zitierte Argument von Aristoteles, dass der Freund etwas haben muss, das für mich liebenswert ist, damit ich ihn mag. Immanuel Kant hat das in einer Vorlesung noch einmal aufgegriffen und sich gefragt, ob eine interesselose Freundschaft nicht doch möglich wäre – nämlich dann, wenn ich den anderen als Repräsentanten der Menschheit achte. Er kommt am Ende jedoch zu dem Schluss, dass das nicht funktionieren kann, denn ich müsste dann jeden anderen als Freund haben und hätte, weil die Freundschaft eben eine besondere Verbindung ist, doch keinen konkreten Freund. Und schließlich müsste ich mich fragen, was mich denn dazu bewegen sollte, so ein allgemeiner Freund der Menschheit sein zu wollen, der sittlich vollkommen und jedem ein Freund ist, aber selbst keinen konkreten Freund hat, und das könnte nach Ansicht Kants nur der Wunsch sein, mich für die Menschheit aufzuopfern. So ein Wunsch passe aber viel eher zu Jesus Christus als zu einem Menschen, sagt Kant, jedoch könne es zwischen Göttern und Menschen keine Freundschaft geben.

Dass alle Freundschaften auf einem Interesse beruhen, bedeutet freilich nicht, dass ich in jedem Moment rechne, wie ich auf meine Kosten komme. Das verträgt sich auch gar nicht mit dem Wunsch nach Anerkennung, der ganz im Gegenteil die Freundschaften aus der materiellen Ökonomie des Tausches heraushebt und eine grundsätzliche Großzügigkeit etabliert, in welcher der eine seine Souveränität gerade darin beweist, etwas für den anderen zu tun.

"Mit der hermeneutischen Kompetenz korrespondiert auch eine poetische"

L.I.S.A.: Ein anderes wichtiges Attribut, das für Sie Freundschaft ausmacht, ist eine gemeinsame Hermeneutik der Welt. Was genau meint das? Müssen Freunde immer einer Meinung sein?

Dr. Vedder: Eine gemeinsame Hermeneutik der Welt erklärt, was es eigentlich heißt, dass sich Freunde gut verstehen. Sie bezeichnen mit denselben Worten dieselben Sachen oder Empfindungen und haben eine Abkürzung des Verständnisses etabliert, die ihnen Shortcuts der Kommunikation ermöglichen. Freunde ahnen, was der andere meint, wenn er etwas Bestimmtes sagt oder tut. Da setzt voraus, dass sie die Zeichen verstehen, die der andere verwendet und dass sie selber in der Lage sind, entsprechende Zeichen zu verwenden. Mit ihnen präsentieren sie sich dem anderen als derjenige, als der sie gerne gesehen werden möchte. Mit der hermeneutischen Kompetenz korrespondiert also auch eine poetische. So entsteht eine Intimität des Verständnisses, die für die Zuneigung unter Freunden wesentlich ist, denn diese Zuneigung repräsentiert den Freund, die Beziehung zueinander und einen selbst und bewertet sie im Hinblick darauf, wie man selbst gerne sein möchte und wie man möchte, dass die Welt ist. Das kann freilich nur gelingen, wenn man im Hinblick auf ganz grundlegende Sachverhalte, wie etwa dem, was  man gerecht oder komisch findet, einer Meinung ist oder Meinungsverschiedenheiten nicht zum Tragen kommen. Immer einer Meinung sein, dieselbe Partei oder denselben Fußballverein gut finden (oder wie Teenager dieselbe Band oder Jeansmarke), müssen die Freunde dafür allerdings nicht.

"Liebe ist emphatische Fremdheit, Freundschaft hingegen heitere Intimität"

L.I.S.A.: Abschließend diskutieren Sie in Ihrem Buch, was Freundschaft von Liebe unterscheidet. Sie führen dabei auch den ewigen Topos an, dass sich Freundschaft und körperliche Liebe gegenseitig ausschließen würden. Der Spielfilm Harry und Sally, den Sie in diesem Zusammenhang besprechen, spielt genau mit diesem Topos und tatsächlich verdrängt in dem Film die Liebe am Ende die Freundschaft. Welche Gefühle widersprechen sich hierbei eigentlich? Sind Liebe und Freundschaft nicht letztlich ein und dasselbe, sofern man Sexualität ausklammert?

Dr. Vedder: Ich glaub eben nicht, dass sich die Sexualität hier ausklammern lässt, zumindest dann nicht, wenn man Liebe im emphatischen und romantischen Sinne versteht. Sie poetisiert dann den Geschlechtstrieb und überwölbt die sexuelle Anziehung des anderen mit einem ganzen Komplex von Vorstellungen. Damit gewinnen Liebende die Möglichkeit, das Begehren des anderen auch auf sich als individuelle Persönlichkeit zu beziehen und nur so kann die Liebe den Menschen die große Bestätigung geben, die sie darin suchen. Wenngleich also theoretisch auch andere Auffassungen der Liebe plausibel erscheinen können, ist die romantische der modernen Persönlichkeit doch am angemessensten – und sie ist die populärste. Wenn man nun diese Liebe mit der Freundschaft vergleicht, werden die Unterschiede besonders deutlich, nicht nur mit Blick auf die Sexualität, die in der Freundschaft ja auch nur unter gewissen Umständen ausgeklammert werden muss, sondern auch mit Blick auf die Intimität der Beziehung. Während die Freundschaft nämlich eine Intimität des Verständnisses etabliert, bei der ich mich der Fremdheit des anderen immer wieder erinnern und sie aufrechterhalten muss, bleibt sie mir in der Liebe stets bewusst. Denn das erotische Begehren drängt mich dazu, mit dem anderen zu verschmelzen, in meinem Bewusstsein bleibt er jedoch immer draußen. Deshalb ist Liebe eine emphatische Fremdheit, Freundschaft hingegen heitere Intimität.

Dr. Björn Vedder hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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