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M.A. Francesco Reinerio | 19.11.2014 | 8061 Aufrufe | 1 | Ankündigungen

Ich sah den Teufel. Ein Söldner in den Jugoslawienkriegen 1992-1995

Filmvorführung und Gespräch am 20.11.2014 um 20:00 Uhr im Raum 301 des Instituts für Slawistik der Universität Jena

Es gibt Menschen, die für offizielle Darstellungen der Geschichte in geheimster Dunkelheit bleiben, weil sie ihre Geschichten in der Regel nie erzählen können oder dürfen: ihr Schweigen ist so gut bezahlt wie ihre Arbeit, und ihre Arbeit ist die Gewalt. „Private Sicherheit“ nennt man das heute, eine Worthülse aus dem Firmenbereich – denn in der freien Marktwirtschaft ist nichts gemeinschaftlich und alles kann an Private verpachtet werden, selbst die Gewalt –, doch sie sind nicht mehr als Kämpfer im Sold des besten Anbieters.

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Diese Menschen sind gewerbliche Krieger, nicht Teil eines ordentlichen Heeres, sondern Einzelgänger, Unternehmer in eigener Sache. Sie folgen den Kriegsschauplätzen wie Gewinnquellen. Unter den Vorgängern dieser aktuellen neuen Welle von contractors sind Menschen einer Geschichte, die in den 1990er in Südosteuropa begann, die Schicksalssöhne aus der ganzen Welt nach Jugoslawien brachte und von dort weiter als ausgebildete Krieger in die ganze Welt streute: Söldner des Balkans. Sie wählten die eigene Seite wegen des besseren Lohns und ermordeten alle, die sich auf der anderen Seite befanden - Menschen jedes Alters und Geschlechts und manchmal sogar mit großem Vergnügen.

 

Das ist auch die Geschichte Robertos, eines italienischen Söldners, der 1991–1995 in den Jugoslawienkriegen kämpfte, dafür seinen Lohn und die Auszeichnung als Held des neugeborenen kroatischen Staat erhielt. Roberto Delle Fave, 1968 in der Nähe von San Remo in Ligurien geboren, wuchs dort als problematischer Provinzjunge im kriminiellen Milieu auf, bis er sich entschied, seiner gesellschaftlichen Ausgrenzung zu entkommen und dem gefährlichen Beruf des Kriegsreporters in Jugoslawien nachzukommen - einem immer noch ausgesprochen exotischen Reiseziel für Westeuropäer.

Bald aber, vom Risiko und verlockenden Gewinnen angezogen, nahm er lieber das Gewehr als den Fotoapparat in die Hand und bot seine Dienste den abtrünnigen Kroaten an. Er begann damit, das vorrückende jugoslawische Bundesheer an der slawonischen Front zurückzuschlagen, machte dann damit weiter, in Syrmien und Lika die serbische Bevölkerung aus ihrer Serbischen Republik krajina zu vertreiben und erhielt dabei den Spitznamen diavolo rosso („roter Teufel“).

 

Danach, als der „schmutzige“ Konflikt in Bosnien und der Herzegowina ausbrach, zog er sich nicht zurück und fand stattdessen Gefallen daran, die Streitkräfte der Serbischen Republik Bosniens zu bekämpfen: damit erwarb er sich noch größeren Ruhm als Schrecken der Serben. Inmitten der Anarchie jenes „bellum omnium contra omnes“ gründete und bildete er in Ostbosnien eine militärische Gruppierung islamischer Eiferer namens Crni Labudovi (die „schwarzen Schwäne“) für das bosnisch-herzegowinische Heer aus, kämpfte in der Gegend Srebrenicas, wirkte mit in der Hölle Dobrinjas während der Belagerung Sarajevos und geriet in die Gefangenschaft des erklärten Völkermöders Arkan und seiner „Tiger“. Der schenkte ihm das Leben, obwohl Roberto damals schon als Serbenschlächter galt.

 

Roberto kehrte nach Abschluss der internationalen Friedensverträgen zurück in seine Heimat, ohne zu Ahnung zu haben, dass die Serben bald gegen einen anderen abtrünnigen Teil Jugoslawiens kämpfen würden, das heute abhängige Kosovo. Dort hätte man seine Dienste vielleicht noch benötigt, aber er wollte nach eigenen  Aussagen einfach nur kämpfen und sich nicht in dunkle Geschäfte, wie in den Waffen-, Menschen- und Organhandel, der Kosovaren einmischen.

 

In der Tat pflegte er immer seine Handlungen dadurch zu rechtfertigen, dass man im Krieg „ihn benötigt habe“ und man „an ihn geglaubt habe“: Er machte sich vor, dass seine Einsätze politisch gemeinnützig seien und nicht bloß auf seinen Gewinn ausgerichtet waren. Aber tatsächlich war das Geld nicht der einzige Grund für seine Entscheidung: sowohl in seinen damaligen als auch in Interwies nach dem Krieg bekennt er sich als Rechtsextremist, schwärmt von ethnischer Säuberung, von Vernichtung der „Roten“ und schwadroniert von der rassischen Unterlegenheit der Serben, so dass man nie ganz sicher sein kann, ob diese ideologischen und sogar existentiellen Rechtfertigungen der Grund oder die Folge seiner Taten waren, ob er bereits geistige Störungen vor dem Krieg aufwies oder nicht.

 

Tatsache aber ist, dass er sich selbst immer für eine einfache Spielfigur in jener gewalttätigen, anarchischen jugoslawischen Partie sieht und eine Beschuldigung nie abstreitet: es besteht sogar Grund zur Annahme, dass er manche Verbrechen aus Stolz erdichtet habe, um sie seinem Image vom „Rotem Teufel“ zuschreiben und es weiter nähren zu können. Roberto wurde mehrfach für geisteskrank erklärt – was nichts an der Tatsache ändert, dass er, wie viele andere auch, dort war und dass er, wie viele andere auch, Verbrechen begangen hat, mit dem Unterschied, dass er sie offen zugibt. Ohne Zweifel war aber der Streit zwischen politisch-ideologischen Blöcken in Jugoslawien der Grund, weshalb viele Jugendliche aus Westeuropa in den Krieg zogen. Diese Menschen machten diesen Krieg, lange vor dem US-amerikanischen Eingreifen, ausgesprochen international.

 

Roberto Delle Fave ist Anfang Augusts 2014 mit 46 und in seinem Geburtsort gestorben. Seinen Teil der Wahrheit über die Jugoslawienkriege hat er mit ins Grab genommen. Seine letzten Jahre verbrachte er in der kleinen Küstenortschaft Bordighera (IM), wo er Schlangen und Kriechtiere in seinem Keller züchtete, fern von den Schaulichtern, welche inzwischen die finsteren Begebenheiten der Jugoslawienkriege mediatisiert hatten und zu deren Hauptdarstellern er gehört hätte. Seine Worten werden wahrscheinlich nie von einem staatlichen oder internationalen Gerichtshof geprüft werden, und seine Figur wird nur ein Beispielfür die Tragweite dieses andauernden Balkangrauens bleiben.

 

Einer Präsenz in den Medien widersetzte er sich nie, zumal er sogar Aufnahmen seiner Einsätze in Kroatien und Bosnien drehte, seinem ursprünglichen Reporterberuf getreu. Diese Videoabschnitte blieben jahrelang Teil seiner breiten persönlichen Kassettensammlung, bis sie 2010 in den Dokumentarfilm „Sono stato Dio in Bosnia“ (Ich war Gott in Bosnien) vom italienisch-albanischen Regisseur Erion Kadilli, zusammen mit einigen neueren Interwievaussagen veröffentlicht wurden: nur diese Dokumente aus dem ersten wirklich mediatisierten Krieg konnten seinen Tod überstehen und sind somit dem Voyeurismus der Kriegsgeschichtler und Balkanschwärmer des Webs offen. Hat eine Figur wie er wirklich die internationale Berühmtheit in der Dauer von eine Stunde und 15 Minuten verdient? Hat er sie überhaupt gesucht? Werden sie jemals Eingang in die offizielle Darstellung der Geschichte finden?

 

Eine Auswahl seiner zahlreichen Überzeugungen:

- Das katholische Heiligtum von Međugorje sei nicht durch göttliche Fügung, sondern durch vatikanisches Geld vor dem Krieg gerettet worden, mit dem unter anderem die Zerstörung von umliegenden Moscheen und orthodoxen Kirchen unterstützt worden sei.

- Kroaten seien von der italienischen postfaschistischen Partei M.S.I. unterstützt worden, Serben von der kommunistischen Partei P.C.

- Kroaten haben in Srebrenica gekämpft und die niederländischen Blauhelm-Soldaten mit „Jungfrauen“ bestochen.

- Organ-, Diamanten- und Antiquitätenhandel in Bosnien sei mit der Zustimmung, und manchmal sogar mit Unterstützung der Vereinten Nationen geschehen.

- Der unter geheimnisvollen Umständen tot aufgefundene Schriftsteller Xavier Gautier sei von ihm ermordet worden, um weitere Enthüllungen in Bezug auf den illegalen handel zu verhinderrn.

Es besteht die Möglichkeit, dass diese Aussagen nicht wahrhaftig sind, sondern das Erzeugnis des krankhaften Geistes eines ausgezeichneten Erzählers, aber sie sind ganz bestimmt nicht unwahrscheinlich. Roberto hätte sich wahrscheinlich eine filmische Darstellung seiner Heldentaten zwischen Brandstiftungen, Schießereien und Vergewaltigungen erhofft, vielleicht in der Rolle eines niederträchtigen Schurken für gelangweilte Tarentino-Liebhaber; doch diese Einschätzung hat er wohl wirklich nicht verdient – verdient hat er, dass man als Historiker seine Geschichte in Teile zerlegt, auf ihren Wahrheitsgehalt prüft und beurteilt und dass man seine Wirkung nicht übersieht, ohne ihn dabei zu besingen. Die Geschichte wird sich aber nicht allein beurteilen, also wünsche ich mir mit einem italienischen Sprichwort: „Möge die Nachwelt den Urteilsspruch fällen“.

 

Zum ersten Mal nach dem Tod seines Protagonisten und zum ersten Mal in Deutschland findet eine Vorführung des Dokumentarfilms „Sono stato Dio in Bosnia“ (Ich war Gott in Bosnien) in Jena statt, unter der Schirmherrschaft der Friedrich-Schiller-Universität, Institut für Slawistik, 20. November, 20.00 Uhr.

Kommentar

von too_patient | 27.06.2016 | 11:14 Uhr
Lebt der Kerl eigentlich noch ?

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