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M.A. Francesco Reinerio | 15.03.2014 | 1570 Aufrufe | Artikel

Südwestserbien vor den Wahlen

Die politische und in breiterem Sinne öffentliche Bühne im Sandschak, der von uns besuchten Gebietseinheit in Südwestserbien, ist sehr bunt und abwechslungsreich. Diese ist größtenteils mit den Interessen der serbischen Muslime verbunden, welche auf dem Gebiet die Mehrheit der Wählerschaft ausmachen. Sie wird auf religiöser Ebene von der 2007 gegründeten Islamischen Gemeinschaft in Serbien (Islamska zajednica u Srbiji), und auf politischer Ebene unter anderem von der Bosniakischen Demokratischen Gemeinschaft (Bošnjačka demokratska zajednica) vertreten.

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Novi Pazar im Sandschak

Im Vorder- und Hintergrund beider Gruppierungen steht ein und derselbe Mann, Efendi Muamer Zukorlić, Großmufti vom serbischen Meschihat (1), oberster muslimischer Religionsbehörde im Land. Diese dient als Vertretung des bosnischen Rijaset mit Sitz in Sarajevo, der internationalen Gemeinschaft der Muslime Ex-Jugoslawiens oder amtlich Bosniaken (2), zu dem sich tatsächlich die meisten Muslime politisch bekennen. Dieser Rijaset befindet sich seit einem Jahrfünft mit dem selbsternannten, ebenso 2007 gegründeten Rijaset Serbiens - Islamische Gemeinschaft Serbiens/Islamska zajednica Srbije, ein Meschihat, nicht zu verwechseln mit der vorhin genannten Islamische Gemeinschaft in Serbien/Islamska zajednica u Srbiji, für die hingegen der Sandschak ein Meschihat ist - in Streitigkeit und hat dieses schon verwickelte Szenarium mit einer unnötigen persönlichen Fehde erschwert, indem es sogar eine Fatwa gegen dessen Oberhaupt Adem Zilkić erlassen hat.

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Muamer Zukorlić, Oberhaupt des serbischen Meschihats

Diese Raufereien scheinen den Kern der Gläubigen kaum zu kümmern, die sich stattdessen für kleine Machtspiele instrumentalisiert fühlen und sich trotz des verschiedenen Glaubens immer noch zu den führenden politischen Kräften, Strömungen und Koalitionen im Land bekennen, freilich mit Ausnahme der orthodox-nationalistischen und deshalb islam- und minderheitenfeindlichen Serbischen Fortschrittspartei (Srpska Napredna Stranka - SNS) und Serbischen Radikalen Partei (Srpska Radikalna Stranka – SRS).

Serbien besitzt jedoch ein Mehrparteiensystem, welches sowohl breitere Koalitionen als auch leider chronische Haltlosigkeit fordert. Nur im Sandschak konnte man wenigstens fünf politische Parteien zählen, die oft auf persönliche bzw. familäre Initiative und nicht auf gemeinschaftliche Bürgerbewegungen zurückzuführen sind: die größte davon ist die säkulare aber ohnehin von den islamistischen Gruppierungen Zukorlićs unterstützte Sandschaker Demokratische Partei (SDP - Sandžačka demokratska partija), welche zwar keine lokale Abteilung der linksliberalen Demokratischen Partei Serbiens (DS – Demokratska Stranka) vom ehemaligen Präsidenten Tadić bildet, jedoch sich in der Vergangenheit meistens mit ihr verbündet hat, um eigene, wichtige Sitze in der serbischen Skupština zu bekommen. Gefahren sind dabei Stimmenkauf und Günstlingswirtschaft.

Ein für uns besonders spannendes Beispiel von politischer Kooperation zwischen den Vertretern der Muslime und den säkularen Kräften hat sich jüngst für den aufsteigenden Stern der Liberaldemokratischen Partei (LDP, Liberalno-demokratska partija) und der serbischen Politik, Čedomir Jovanović (3), und dem oben erwähnten Geistlichen und radikalen Anführer Muamer Zukorlić abgezeichnet. Ob dieses Bündnis aus dem politischem Opportunismus zweier kluger, ehrgeiziger Männer entstanden ist, wollen wir hier nicht weiter diskutieren, aber spannend ist, ob diese Kooperation beständig und in den nächsten Parlaments-, Präsidentschafts- und Regionalwahlen 2014 erfolgreich sein wird, und ob es den ethnischen Muslimen einen Weg aus der Isolation in den politischen Wettbewerb bieten wird und damit die radikalen Einstellungen von beiden Lagern auflockern wird, möglicherweise mit einer positiven Wirkung auf die Beziehungen mit Bosnien. Bisher hat es zweifellos bewirkt, dass der Čeda, so der Spitzname des Parteivorsitzenden, des Antiserbismus und des Vaterlandsverrats bezichtigt wurde, unter anderem auch wegen seiner Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovo und des in der heute Republika Srpska begangenen Völkermordes.

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Čedomir Jovanović, Vorsitzender der LDP

Ima vakta za to, es gibt waqt (4) dafür, würde man mit einer arabisch-türkischen Floskel unter den slawischen Muslimen sagen, und meinen, dass es Zeit dafür gibt. Aber eigentlich ist es nun und heute in Serbien und im Sandschak dann wohl auch schon waqt dafür.
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(1) Anpassung von bks. mešihat/мешихат, ebenso aus tr. meşihat entlehnt.
(2) Wie die Gläubigen fälschlischerweise auf ethnischer-territorialer Grundlage genannt werden, obwohl die Gemeinschaft auch unter anderem Albaner und Roma aus dem Mittelwestbalkan vertritt, die mit Bosnien nichts zu tun haben.
(3) Welcher sich unter anderem die Schweigemauer über die Anerkennung Kosovos abbrach und damit selbst Anekennung im In- und Ausland erlangte, siehe: Norbert Rütsche, ‘Unabhängige Serben’, Der Tagesspiegel Online, 25 March 2008 <http://www.tagesspiegel.de/politik/kosovo-unabhaengige-serben/1195158.html> [accessed 18 February 2014].
(4) Arabisches Wort für „Zeit“, die seinen Eingang ins Jugoslawische über das türkische vakıt fand

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