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M.A. Francesco Reinerio | 14.02.2016 | 654 Aufrufe | Artikel

Gutscha! LV.

Das größte Blechbläserfest der Welt feierte seinen 55. Geburtstag im serbischen Guča

Wer schon mit dem Balkan und seiner Musik vertraut ist, dürfte bereits davon gehört haben. Und genau ums Hören ginge es eigentlich bei dieser fünfundfünfzigsten „Trompetermesse Dragačevos“[i], obwohl man hier in der Tat wohl viel mehr zu fühlen bekommt, als zu hören. Denn, wie eine hier verbreitete Losung besagt, Gučas Stimmung kann nicht erzählt, sondern nur erlebt werden. 

„Gucastatue“ von I, Svickova.

Und tatsächlich ist es schwer, über Guča[ii] zu schreiben, sein allumfassendes Gefühl von Vermischung und Schrägheit zu vermitteln, ohne seine Tausenden von menschlichen Figuren und Anekdoten, und vor allem ohne sich selbst und das eigene Erlebnis zu beschreiben. Übrigens, wenn die vielen vielen Bilder Gučas sprechen könnten, würden sie kaum etwas sagen, oder ein falsches Bild erzählen, so dass man, um sich darein zu versetzen erst mal auf zwei Worte, und natürlich aufs eigene Gehör verlassen muss. Sve može – alles ist möglich sagt eine Wendung, wie ein orkestar (Musikgruppe) von Herren nicht hohen Wuchses und dunkler Haut, die einen bekannten peruanischer Standard spielen. Peruaner sind sie aber keine.

Fejat Sejdić – „Flug des Kondors“ (ser. kondorov let,)[iii]

Jedenfalls, man kann sich berechtigt fragen, warum es sich lohnt, mindestens zehn Stunden von wo auch immer in Westeuropa zu fahren, um ein Volksfest mit Blaskapellen auf dem Land inmitten des Balkans zu erreichen. Bestimmt nicht weil es bei uns ungenügend Balkanpartys gibt: nunmehr gibt es ständig eine solcher Fanfaren, die mal in die Stadt kommt, um uns die Ohren tot zu blasen.  

Im Zeitalter der unendlichen Wiederholbarkeit des Kunstwerkes, wo grundsätzlich jede Musik über Torrent heruntergeladen werden kann, liegt aber die schönste musikalische Entdeckung in der bewussten Suche der Quellen, durch eine Erfahrung in erster Person. Und 16 Kapellen mit je 10 Mitgliedern, die für den wichtigsten Preis der Messe, die Erste Trompete, wettkämpfen, plus 56 mehr oder weniger professionelle, in den Straßen Gučas auftretenden Blaskapellen sind dieses Jahr, vom 3. bis zum 9. August, schon mal ein gutes Versprechen.  

Nun aber, wenn schon bei den meistens Konzerten sich der weit interessantere Teil der Schau vor der Bühne befindet, so ist das in Guča besonders wahr. Denn Guča ist, wie das serbische Wort für Messe (sabor, wört. „Zusammenkunft“) suggeriert, in erster Reihe ein Ort, wo Menschen zusammenkommen. Schon allein deswegen weil das kleine ländliche Zentrum von 2000 Seelen im Wilden Westen Serbiens diese Woche seine Bevölkerung verhundertfacht[iv].  

Eben Guča, die unter anderem eines der langlebigsten musikalischen Ereignisse Europa ist (seit 1961, das heißt beständiger als die meisten Staaten in der Gegend), war schon immer deswegen bekannt, weil keine Trennungen (Bühnen) zwischen Künstlern und Publikum bestanden: beide feierten zusammen mit Essen und Trinken unter großen Zelten. Dies bis einige Jahre nach den Jugoslawienkriegen und dem Ende des Sozialismus, als ein Stadion gebaut wurde, wo die besten Gruppen versetzt wurden, um vor mehr Leuten aufzutreten. Dann drang sich ein wichtiger Bierhersteller als Sponsor in die Organisation ein, und das Fest richtete sich somit auch an Nicht-Musikliebhaber, im Namen des Umsatzes.  

Zeitgleich mit dem Kapitalismus kam nach Serbien auch der historische Revisionismus. Gemeint ist von die heute noch anhaltende Rehabilitierung der Bewegung der Tschetniks Dragoljub „Onkel Draža“ Mihajlovićs: orthodoxe und nationalistisch-monarchische Symbole, oft von rassistischen Botschaften begleitet, begannen im Zusammenhang Gučas aufzutauchen und die Feierlichkeit wurde als traditionalistische Verherrlichung des ursprünglichsten Serbentums missverstanden, wofür sie heute immer noch gehalten wird. Viele erstaunlich große Kreuze, vom Unmaß verunstaltete Körper, gegrillte Spanferkel und endlos serbische Flaggen prägen das übliche Bild des Lesers, welcher zum ersten Mal über Guča erfährt, und rücken die Musik in den Hintergrund. Dies aber noch einmal weil die Bilder täuschen, während die Musik allein wirklich sprechend ist. Versuchen wir also hier unter der Oberfläche das etwas zu sehen, das das wahre Potential dieses Ereignisses ausmacht, und zwar die außerordentliche Gelegenheit zum Kulturaustausch in und mit Serbien. Guča 2015 beginnt so: am ersten Tag eröffnet Vizepremier Rasim Ljajić die Messe, indem er sie als „Kulturwunder“ bezeichnet, das weiterentwickelt werden muss. Er ist kein orthodoxer Serbe, sondern ein Muslim aus dem Sandschak-Gebiet (Novi Pazar).

Gleich wirkt das Szenarium vor uns nicht mehr so schwarz-weiß, und dazu kommt noch, dass die meisten Musiker in Guča gar keine Serben sind, sondern, traditionsgemäß, Zigeuner, die nicht selten auch Muslime sind (Ekrem Mamutović und Elvis Ajdinović im Programm dieses Jahres, dazu der schon erwähnte Sejdić). Obwohl er praktisch alle anderen Nachbarvölker verneint, erduldet der serbische Nationalismus Zigeuner, eher als benachteiligte gesellschaftliche Schicht denn als Nation, nicht zuletzt weil sie das Blech verdammt gut spielen. Und „Westler“[v], weil sie Geld und schöne Mädchen mitbringen: Freiheit! So dass schließlich die größte Rivalität hier in Guča nicht national ist, zwischen Serben und Nicht-Serben, sondern geopraphisch-musikalisch, zwischen Fanfaren aus dem Westen und aus dem Süden des Landes.

Wieso also der Nationalismus?

Der Punkt ist darin, dass nebenbei diesen Fremdlingen, die unwissend sich hierher auf der Suche nach zigeunerischer Tanz- und Unterhaltungsmusik begeben, vom unbekümmerten Bild eines fröhlichen Balkans bezaubert, vor allem in den Straßen um das zentrale Trompeter-Denkmal ein schwer zu verdauendes Essen aufgetischt wird: klar ist die Musik noch Hauptgericht, aber die Beilage aus rückschrittlichem Nationalismus und symbolischer Brutalität der tschetnischen Bewegung ist irgendwie immer reichlich dabei. Auf T-Shirts, zwischen den Souvenirs der Stände, in den Chören der zugekommenen meistens jungen, glatzköpfigen Fußballfans. Die strömen meistens aus kleineren Städten und Vorstädten ganz Serbiens (und Bosniens) hierher. Der Nationalismus ist hier am Ende des Tages die andere Seite des Mangels nicht nur an Aufklärung, sondern einfach an gesundem Spaß und Sittenfreiheit, der im provinziellen Serbien vor allem diese ärmeren, jugendlichen Milieus die übrigen 358 Tage des Jahres plagt. Klar, tanzen und sich kennenlernen tut man in Serbien auch anderswo, zum Beispiel am bekannten Festival „Exit“ von Novi Sad, eines der größten in Europa – trotzdem, Guča ist anders, erst einmal und nochmal weil es kein Festival ist. Während ein Festival wie das Exit im wesentlichen Mainstream-Musik aus der Welt an Serbien anbietet, bietet Guča hingegen Musik Serbiens an die Welt an.  

Dieser Unterschied ist nicht belanglos: es scheint, dass die ganze Welt in diesen Winkel im alten, wilden Westen herkommt, eigens um eine Musikgattung zu hören, nur eine Gattung, einfach, weil sie sie mag, weil sie sich in ihr zusammenfindet und wiederfindet. Und tatsächlich, ein Wiederfund des Lokalismus und der Traditionen, sowie ein wahrer interkultureller Austausch jenseits der globalistischen one world culture, kann ja heute nur durch die globale Erfahrung der Multikulturalität geschehen.

Eben einen großen Schritt in Richtung der Tradition verkündete die Organisation für dieses wichtige Jahr: die „Rückkehr zur Trompete“, also der Verzicht auf alle Konzerte heimatliebender serbischer Schlagersängerinnen (eine vor allen: Ceca) zu Gunsten der Instrumentalmusik. Dies war eine löbliche und mutige Entscheidung der Organisation, die sie im Nachhinein mit einem beispiellosen Publikummisserfolg gezahlt hat. In diesen selben Straßen wuchern stattdessen ohrenbetäubende Diskotheken nach Belgrader Art zu Schaden der Live-Musik, und man sieht kaum noch jemanden dort, der die traditionellen Reigentänze Hand-in-Hand (ser. kolo), das wertvollste gemeinsame Kunsterbe des Balkans, bemeistert oder kennt. Auch hier, so wie schon längst im Westen, gehen Musik und Tanz in Richtung einer Spezialisierung, einer Wiedererfindung der Folklore. Reine Instrumentalmusik zieht außerdem die Massen weniger an, weil sie kaum in völkischem Sinne zu instrumentalisieren ist, und vor allem nicht diese Balkanmusik, deren Takte und Tonleiter aus dem Nahen Osten kommen und die unterbewusste, unterdrückte abendländische Seite der serbischen Kultur offenbaren. Diese Instrumentalmusik ist ja fürwahr universell: nicht zuletzt weil ihre Ausführer, die Roma, keine nationalistische Unterweisung kennen, aber vor allem weil sie musikalisch höchstanpassungsfähig sind und, wenn gefragt, grundsätzlich jedes Lied (von Disko- bis Filmmusik) nach Gehör und nicht nach Noten spielen, wie bei dieser Überarbeitung eines berühmten französischen Pop-Songs durch die Gewinner des Preises „Goldene Trompete“ dieses Jahres: Orchester Bojan Krstić aus Vladičin Han – Je Veux (Zaz).

Sie spricht außerdem jeden an, ob Zigeuner, Serbe oder Ausländer. Und wahrhaft, genau diese drei Menschenarten verschmelzen sich in Guča, zusammen mit ihren Sehnsüchten und Träumen: Zigeuner, die Serben sein möchten; Serben, die Westeuropäer sein möchten; Westler, die Zigeuner sein möchten. Junge Serben sind leicht erkennbar: sie kleiden sich sportlich, tragen kurze Frisuren und kommen in der Regel in Gruppen von 3 bis 10 ausschließlich Männern zu den Veranstaltungen, was nicht zuletzt zur homosexuell (etymologisch zu verstehen!) anmutenden und vaterländischen Stimmung des Zentrums beiträgt. Junge Westeuropäer, die wir hier einfachheitshalber überwiegend als „Balkanhippies“ einstufen werden, kommen hierher jedes Jahr mit unwahrscheinlichen Irrfahrten durch Europa, sind in der Regel (musikalisch) gebildet, mehrheitlich weiblichen Geschlechts und tragen stark dazu bei, die Messe so spannend zu machen, wie sie ist: man kann sie viel zu einfach von den serbischen Besuchern unterscheiden, vom Aussehen, vom Anzug, und vom Verhalten. Die unzähligen spontanen, informellen Auftritte der internationalen Gäste mit eigenen Instrumenten und Musik sind dieses Jahr die wahre Sehenswürdigkeit Gučas. Nicht zuletzt auch weil sie diese Balkanmusik wirklich lieben, mit der unwissentlichen Liebe jenes, der etwas nicht vollständig kennt oder besitzt; kurzum, während Blaskapellen traditionsbewussteren Serben ein zu wahrendes Vermächtnis bedeuten, stellen sie für die Westler eine Alternative zur Alternative dar.

Wie können diese beiden Welten überhaupt zusammenkommen?

Macht der Musik einerseits, andererseits des Alkohols, aber vor allem der allgemeinen Unwissenheit: über die politischen Einstellungen der Serben redet man selten, selbst wenn Politik direkt in den Alltag der Messebesucher einbricht. Das ist der Fall von diesem Mittwoch, dem 5. August, kurz nachdem die Regierung Serbiens mit einer Blitzverordnung entscheidet hat, nationalen Trauertag anzusagen, für ein Geschehnis aus 1995: die gewaltsame Abschiebung mehrerer Tausenden von Serben aus der kroatischen Krajina im Rahmen der Kriegsoperation „Sturm“. Gleich wird das Festprogramm geändert: während in Kroatien gefeiert wird, soll hier die Trompete als Zeichen der Achtung schweigen, in dem allgemeinen Unverständnis der ausländischen Gäste.  

Im Zentrum warten alle auf die Mitternacht, um die Partys wieder anzufangen, wie bei einer Silvesterwache; die Stimmung ist verdutzt. Guča, der einzige Unterhaltungsort der Welt, wo konservativistische Milieus von Ultrarechts aus ganz Serbien (und Bosnien) auf liberalistische von Ultralinks aufeinandertreffen, und trotzdem sind die meisten sich alle einig, dass man trotz der Trauer hätte weiterspielen sollen. Dieser Gegensatz ist für sich selbst eine Botschaft: wir alle – sogar die Serben – sind schließlich nur Menschen, mehr oder weniger normal, und obwohl wir uns manchmal, und erst recht in Guča, nicht so normal benehmen, wollen wir am Ende des Tages Spaß haben und lieb gehabt werden. Bloß wissen wir nicht immer wie.  

Hier kann man den Spaß der Vielfalt, des Widerspruches und des ungelösten Gegensatzes mehr als bei jedem anderen musikalischen Ereignis in der Welt genießen: insofern ist Guča ein unabsehbarer Ort, wo die Zahl der Zufälle, die durch die Mischung positiver und negativer Kräfte jeden Tag zu Stande kommt, das größte Glück oder die große Liebe eines jeden bewirken kann. Nichts geschieht hier aus Notwendigkeit, weil nichts geplant ist: Freiheit! Eine Naturgesetz Gučas ist zum Beispiel, dass, wenn man jemanden am Beginn der Messe trifft, ihn irgendwo früher oder später bestimmt wiedersehen wird. Ein weiteres Gesetz besagt, dass wer in Guča war und seinen Geist begriffen hat, bestimmt das nächste Jahr wiederkommen wird. Wer dieses Jahr ein Frischling war, wird eines Tages vielleicht ein erfahrener saboraš (Messenbesucher). Es überrascht also nicht, dass die erfahrungsreichsten Messebesucher die Bewohner Gučas selbst sind, die, die die Fremden in ihre Häuser und Gärten für Geld unterbringen: da sie über diese Jahrzehnte mehr oder weniger alles mögliche gesehen und erlebt haben, sind sie Weltbürger geworden, ohne die Welt bereisen zu müssen, weil inzwischen die ganze Welt zu Ihnen gekommen ist. Auch deswegen sind sie meistens weder besonders nationalistisch noch übertrieben religiös, und man kann es ihnen deutlich ansehen, dass sie sich bemühen, ihr Serbien in ein gutes Licht zu stellen. Und das unabhängig davon, dass sie dank in dieser Woche mehr als im ganzen übrigen Jahr verdienen: es lohnt sich einfach, den Alltag mit Ihnen zu teilen, obwohl sie meistens nur ein paar Bröckel weniger Fremdsprachen kennen. Alle lieben und pflegen die Trompete als ein Kulturerbe: nur von denen kann man zum Beispiel hören, dass sie den diesen Jahr auf der Hauptbühne auftretenden Goran Bregović gar nicht mögen, weil er nur Musik „fürs Herumhüpfen“ schreibe, und nicht für die Seele; das wenige Gute habe er übrigens von anderen geklaut. „Musik für die Seele“ ist für sie etwas nicht Erklärungsbedürftig, weil sie einfach da ist – vorhanden, seit man da ist, trotz dem Wandel immer erkennbar und heimisch, wie eine Melodie, die der Hymne Dragačevos, die immer gleich so blieb, auch als ihr die sozialistischen Revolutionären den Text änderten[vi]: Trubači – Sa Ovčara i Kablara.

Im Endeffekt, diese lieben serbischen Familien sind der Schlüssel, um in Gučas Chaos nicht nur den eigenen Platz sondern auch den eigenen Sinn fernab der großen kommerziellen Ereignisse zu finden: findet sie! Und ihr werdet sehen, dass, mit ihrer Hilfe, sve može.  

Jedes Jahr sieht in Guča vollkommen anders aus, sagen die Leute hier. Es war gar nicht so einfach, über dieses Guča 2015 zu schreiben, ohne es zu beschreiben. Zum Schluss genüge es zu sagen, dass dieses Jahr die Messe die publikumsärmste und erfolgloseste bis dato war: also das heißt, dass sie nächstes Jahr bestimmt vollkommen anders sein wird.  

Seid bereit!  

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[i] Dragačevski sabor trubača, so der Taufname, wo trubači, „Trompeter“, übertragen für im Allgemeinen alle andere Blasmusiker steht.
[ii] Als Protestakt gegen die Gesamtheit der anderen Artikel ist hier entschieden worden, den bezüglichen Ortsnamen einfach richtig zu schreiben. Für die Aussprache, siehe Titel.
[iii] Diese Neueinspielung datiert auf 2006 zurück, alle Rechte auf die Aufnahmen Gučas sind der jeweiligen jährlichen Sammelausgabe vorbehalten
[iv] 2009 erreichte die Messe die halbe Million Besucher, Daten (wie sonst auch) der Veranstalter.
[v] So nennt man hier alle westeuropäisch aussehenden nicht Balkaner
[vi] Diese Version ist unter dem Namen Druže Tito, bela lica („Genosse Tito, Gesicht edel“) bekannt

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