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Georgios Chatzoudis | 23.04.2020 | 508 Aufrufe | Interviews

"Wissenschaftspolitik nach erinnerungspolitischen Maßgaben"

Interview mit Gregor Feindt über eine Europäische Erinnerung an das 20. Jahrhundert

Europa hat zurzeit viele Baustellen. Die Überwindung einer Seuche ist möglicherweise gerade die dringendste Aufgabe, aber es gibt noch viele andere - nicht zuletzt die Frage nach der europäischen Identität. Ein wichtiges Kriterium für die Identität nicht nur des Individuums sondern auch die einer Großgruppe ist die Erinnerung an das Vergangene und Erlebte. Im Falle Europas spielt dabei die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit bis 1989 eine entscheidende Rolle. Geprägt wurde diese vor allem durch die Memorierungen im Westen des Kontinents, insbesondere in Deutschland und in Frankreich, die des Ostens blieben weitgehend unberücksichtigt. Aber auch andere Länder Europas wünschen sich den "Beitritt zur Europäischen Erinnerungsgemeinschaft", wie der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz in unserem Interview zu bedenken gibt. Er forscht zur transnationalen Geschichte Ostmitteleuropas, insbesondere zum Social Engineering in der Tschechoslowakei sowie zur Europäischen Erinnerung. Nachdem wir bereits Prof. Dr. Anke Hilbrenner, Prof. Dr. Alexey Miller und Prof. Dr. Jost Dülffer über die in diesem Zusammenhang umstrittene Resolution des Europäischen Parlaments zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vom vergangenen September interviewt haben, haben wir dazu nun Dr. Gregor Feindt unsere Fragen gestellt.

"Das Beschweigen und Verdrängen, aber auch das Identitätsstiftende thematisieren"

L.I..S.A. Herr Dr. Feindt, in Europa, insbesondere in Ost- und Ostmitteleuropa, wird derzeit um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gerungen. Im Mittelpunkt stehen Fragen wie: Wer war Täter, wer Opfer? Welchen Opfern steht welches Gedenken zu? Wie wird nicht nur die Erinnerungspolitik sondern auch die Geschichtsschreibung den im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen gerecht? Viele weitere Fragen mit hohem Konfliktpotential schließen sich an. Warum eigentlich? Warum sind diese Fragen gerade heute so virulent? Geht es hierbei um Geschichte oder eher um Politik?

Dr. Feindt: Es geht in diesen Fragen um Identität und um Selbstvergewisserung, deswegen sind sie so virulent. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und die Erinnerung daran sind grundlegend für das Selbstverständnis der europäischen Gesellschaften heute, mit jeweils eigenen Erzählungen und Schwerpunkten. Diese Erzählungen bewegen sich keineswegs immer nur in einem nationalen Rahmen, hier lassen sich oft regionale, sozio-kulturelle oder konfessionelle Erinnerungsgemeinschaften erkennen, genauso wie auch transnationale Deutungsmuster. Aber in einer Auseinandersetzung auf europäischer Ebene, und davon sprechen wir hier ja, dominiert dann doch der nationale Rahmen der Erinnerung.

Wenn man sich die Forderung nach einem Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin anschaut, um eines der prägnanten Beispiele zu nennen, dann handelt es sich um eine Forderung nach Anerkennung dieser historischen Opfer, aber auch nach Anerkennung für das heutige Polen. Demgegenüber steht das in Deutschland weitverbreitete Selbstverständnis eines erfolgreichen Erinnerns an den Holocaust. Dieses Bewusstsein der gelungenen Vergangenheitsbewältigung macht es offenbar schwer zu akzeptieren, dass der Vernichtungskrieg im Osten, d.h. nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in Polen, in Deutschland nur unzureichend bekannt ist. Ich vereinfache hier, denn es geht mir um die Struktur der Auseinandersetzung. Wer die Diskussion verfolgt hat, weiß, dass es auch in Deutschland Forderungen nach einem solchen Denkmal gibt und dass diese Debatte genauso einen Kontrapunkt zur deutschen Erinnerung an Flucht und Vertreibung setzt.

Wenn Sie also fragen, wie die Erinnerungspolitik dieser Komplexität gerecht werden kann, dann bleibt nur, die vielfältigen Erfahrungen und die daraus resultierenden Erinnerungen darzustellen. Die Komplexität muss öffentlich transparent werden. Das darf nicht unkritisch geschehen und muss Grenzen aufzeigen, aber eine solche Multiperspektivität hätte das Potential, einen Dialog herzustellen. Für den konkreten Fall hieße das, ein Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs mit einem Informationszentrum zu verbinden und die in Deutschland tatsächlich nur wenigen Interessierten bekannte Geschichte der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg einem breiteren Publikum zu vermitteln. Dazu gehört dann auch die Geschichte der Erinnerung daran in Deutschland und Polen, also das Beschweigen und Verdrängen, aber auch das Identitätsstiftende zu thematisieren. Eine solche Erinnerungsarbeit sollte historisches Wissen vermitteln, muss Unterschiede in der Deutung sichtbar machen und helfen, diese Selbstvergewisserungen kritisch zu reflektieren. Allein das hilft, Spannungen abzubauen.

"Klare Abgrenzung von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland"

L.I.S.A.: Ein Auslöser der aktuellen Debatte war auch die vom EU-Parlament im September 2019 verabschiedete Resolution „Entschließung des Europäischen Parlaments zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“. Anlass, so war zu lesen, war der 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Wie haben Sie die Resolution aufgenommen und verstanden?

Dr. Feindt: Ich habe die Resolution tatsächlich vor allem durch die Diskussion im Fach wahrgenommen. Sie hat mich in Form und Inhalt auch nicht sonderlich überrascht, denn sie folgt älteren Beispielen. Die Resolution ist eine Sammlung von nur lose verbundenen Behauptungen und Forderungen zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und bietet, wenn man so will, einen Überblick über einzelne argumentative Versatzstücke dieser Erinnerungen. Besonders handelt es sich dabei um Narrative aus den ostmitteleuropäischen EU-Staaten. Das zeigt sich auch daran, welche Abgeordneten die Resolution ins Europäische Parlament eingebracht haben: fraktionsübergreifend Abgeordnete aus dem Ostmitteleuropa und Südosteuropa sowie verschiedene einzelne deutsche Parlamentarier.

Die Resolution selbst lese ich zunächst als Reaktion auf die Relativierung des Hitler-Stalin-Paktes, wie man sie in Russland im letzten Jahr und in den Monaten vor dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen beobachten konnte. Die Resolution ist ja am 18. September 2019 beschlossen worden, also nicht im Vorgriff, sondern als Rückblick auf das offizielle Gedenken an den Kriegsausbruch. Zugleich kann man sehr klar die unterschiedlichen Stimmen aus der Resolution lesen: Da werden einerseits Opfer benannt, Helden hervorgehoben (wie Witold Pilecki, der polnische Offizier, der sich freiwillig in Auschwitz einschleusen ließ und den Alliierten vom Massenmord an den Juden berichtete) oder auch der bereits seit 2008 bestehende Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus bekräftigt. Andererseits wird die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus als wichtiges Ziel aufgeführt. Als neuer und zentraler Inhalt sticht aber die klare Abgrenzung von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland hervor.

"Ein antitotalitärer Konsens, der vereinfacht und gleichsetzt"

L.I.S.A.: In der Resolution heißt es sinngemäß, die Sowjetunion habe aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes den Zweiten Weltkrieg gleichermaßen begonnen und zu verantworten wie das nationalsozialistische Deutschland. Diese These spricht gegen die bisherige historische Forschung mit Blick auf Ursachen, Wirkungen und Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Ein Akt von Geschichtsrevisionismus? Eine Wiederaufwärmung des Totalitarismusparadigmas der 1950er Jahre, demnach Nationalsozialismus und Kommunismus nur die zwei Seiten der einen totalitären Medaille sind?

Dr. Feindt: Diese Gleichsetzung des nationalsozialistischen Deutschlands und der Sowjetunion ist schlicht falsch. Auch die Parallelisierung der beiden Regime und ihrer Gewaltherrschaft vereinfacht mehr, als dass sie aus wissenschaftlicher Perspektive etwas erklärt. Denn die Behauptung, dass der Zweite Weltkrieg „unmittelbare Folge“ des Hitler-Stalin-Paktes gewesen sei, denkt den Krieg von seinem Ergebnis her – also der Spaltung Europas in Ost und West und der sowjetischen Dominanz über Ostmitteleuropa – und nicht mit Blick auf seine Ursachen oder seinen tatsächlichen Beginn. Mit dieser Argumentation vom Ergebnis her soll die Erfahrung eines zweimaligen Überfalls und einer zweifachen Besetzung durch Deutschland und die Sowjetunion vermittelt werden, also das was besonders Polen 1939 erlebte und was die anderen ostmitteleuropäischen Staaten in jeweils etwas unterschiedlicher Art ebenso erlebte.

Um diese zweite, d.h. sowjetische, Besetzungs- und Gewalt-Erfahrung ins gesamteuropäische Bewusstsein zu heben, wird sie parallel gesetzt. Dafür bietet das Totalitarismusparadigma ein nützliches Vehikel. Die auf europäischer Ebene konsensstiftende Erinnerung an das durch den Nationalsozialismus verursachte Leid wird mit der Forderung nach einer Anerkennung des Leidens unter der sowjetischen Besetzung verbunden. Letzere wird in der Resolution teils auch mit der Herrschaft der kommunistischen Regime in Ostmitteleuropa in einem Atemzug genannt. Sie reicht also, ohne dass es explizit gemacht wird, nicht nur bis zum Kriegsende 1945, sondern bis 1989.

Das bedeutet auch, dass es nicht um den Totalitarismus als Paradigma geht, sondern um einen antitotalitären Konsens, der vereinfacht und gleichsetzt und der auf Zustimmung und Einigkeit zielt. In Ostmitteleuropa ist diese Parallelisierung der Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus ein weithin bekanntes und in den Gesellschaften verankertes Narrativ. Gerade konservative Historikerinnen und Historiker tragen sie immer wieder vor. Und in einer abgewandelten Form funktioniert eine solche Parallelisierung auch in Deutschland: im Sprechen von der doppelten Diktaturerfahrung des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur bis hin zur Parallelisierung von AfD und Linkspartei.

L.I.S.A.: Wie denken Sie als Historiker darüber, wenn die Politik, in diesem Fall die große Mehrheit des EU-Parlaments, vorgibt, welches europäische Geschichtsbewusstsein zukünftig wünschenswert sei? Anders gefragt: Wieviel Geschichtspolitik verträgt die Geschichtswissenschaft?

Dr. Feindt: Der Inhalt der Resolution ist verzerrend, teils falsch und widersprüchlich und vor allem zu undifferenziert. Dem muss ich als Historiker natürlich widersprechen, das ist die gesellschaftliche Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Entsprechend haben Kolleginnen und Kollegen - etwa Jost Dülffer in seinem Interview mit L.I.S.A., und auch viele andere - diese Behauptungen richtiggestellt. Wenn eine Resolution darauf zielt, falsche Darstellungen in Russland zu kritisieren, sollte sie selber korrekt argumentieren.

Bei aller Kritik an der Art solcher politischen Interventionen muss mir als Historiker aber auch klar sein, dass gesellschaftliches Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt den Wissenstand oder die Komplexität der Forschung berücksichtigt. Gerade deshalb müssen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die eigene Forschung verständlich in der Gesellschaft kommunizieren und damit zur Debatte beitragen. Solange diese – wie jede andere politische Debatte in einer pluralistischen Gesellschaft auch – offen möglich ist, sehe ich die Freiheit der Geschichtswissenschaft nicht bedroht.

Wenn das EU-Parlament Geschichtspolitik betreibt, ist es dabei in einer anderen Position als nationale Parlamente. Die unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven der Resolution habe ich bereits angesprochen. Vor diesem Hintergrund lässt sich diese geschichtspolitische Intervention einordnen und die inhaltliche Schwammigkeit der Resolution erklären. Darüber hinaus muss man auch die Wirkung einer solchen Resolution betrachten, die durchaus bezweifelt werden kann. Den Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus am 23. August habe ich eingangs schon thematisiert. Er ist sicherlich der erfolgreichste Versuch solcher Erinnerungsinitiativen des Europäischen Parlaments, wurde allerdings seit 2008 nur in ostmittel- und südosteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten sowie in Schweden in den nationalen Gedenkkalender überführt. Der Gedenktag erhebt also einen gesamteuropäischen Anspruch, ist in seiner Wirkung aber im Wesentlichen auf die Staaten begrenzt, die ohnehin gleichermaßen an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus erinnern.

Die eigentliche von der  Geschichtspolitik ausgehende Bedrohung sehe ich nicht in solchen Resolutionen. Sie ist vielmehr dann gegeben, wenn Wissenschaftspolitik nach solchen erinnerungspolitischen Maßgaben betrieben wird – sei das bei der Vergabe von Forschungsmitteln, der Schaffung neuer Institutionen oder der Besetzung von wichtigen Posten.

"Länder fordern Beitritt zur Europäischen Erinnerung"

L.I.S.A.: Prof. Dr. Anke Hilbrenner hat uns in einem Interview zu dieser Resolution gesagt, dass eine gemeinsame europäische Erinnerungsarbeit an den Zweiten Weltkrieg überfällig sei. Bieten solche Resolutionen mehr Chancen für eine gemeinsame europäische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg? Ist diese angesichts teilweise stark divergierender kollektiver Erfahrungen und Erinnerungen tatsächlich möglich? Wäre eine Harmonisierung bzw. Homogenisierung der Erinnerungskultur überhaupt wünschenswert?

Dr. Feindt: Nein, eine Resolution in dieser Form – also einer losen Sammlung von Vereinfachungen und falschen Behauptungen – bietet in meinen Augen keine Basis für eine gemeinsame Erinnerungskultur. Wenn hier eine „europäische“ Erinnerung gefordert wird, scheint mir der Bezug auf das Europäische doch vor allem der Versuch zu sein, die eigene Position aufzuwerten. Erinnerung ist immer vielstimmig und keinesfalls eindeutig. Das ist auf generationeller Ebene so, auf nationaler Ebene und eben besonders deutlich auf europäischer Ebene. Von daher ist die Frage nach einer europäischen Erinnerungsarbeit im Kern eine Frage nach Europa und der Vorstellung seiner politischen Zukunft.

Genau das untersuche ich derzeit mit Félix Krawtazek, Friedemann Pestel und Rieke Trimçev in einem größeren Projekt zu sechs europäischen Ländern, das von der Stiftung Genshagen unterstützt wird. Wir fragen, was der Begriff Europa eigentlich bedeutet, wenn von „europäischer Erinnerung“ die Rede ist. Dabei können wir zum Beispiel „mental maps“ in der Erinnerungskultur herausarbeiten, also zeigen, dass ein deutsch-französischer Kern sich in seiner Erinnerungspraxis selber für „Europa“ hält. Ostmitteleuropäische oder spanische Stimmen nehmen diese Ausprägung von Europäischer Erinnerung sehr deutlich wahr und fordern einen Beitritt ihrer Länder zur Europäischen Erinnerung, das heißt, einen Beitritt mit Erinnerungsinhalten, aber auch zu den Erinnerungspraktiken. Gleichzeitig wird Europa mit dem Sprechen über Erinnerung auch sehr klar abgegrenzt, beispielwiese von Russland oder der Türkei – und im Falle des Brexits in einigen wenigen Fällen auch gegenüber Großbritannien. Derartige Aussagen stellen aber nicht fest, wie Europa tatsächlich beschaffen ist, sondern sie entwerfen ein Bild, wie es heute und in Zukunft sein soll. Mit einer solchen Untersuchung kann man sehr konkret eine Geschichte von Integration und Desintegration der Europäischen Union schreiben.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen: Eine Homogenisierung von Erinnerungsinhalten wird es nicht geben, aber eine gemeinsame Erinnerungspraxis ist denkbar. Dabei geht es dann aber nicht mehr darum, unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen aufzulösen, sondern sie sichtbar zu machen und zu reflektieren. Europäische Erinnerung könnte so zu einer dritten Instanz werden, die über diesen Differenzen liegt. Als Historiker könnte ich mit einer solchen Multiperspektivität in der europäischen Erinnerungsarbeit sehr gut leben. Als europäischer Bürger empfinde ich sie als echten Fortschritt.

Dr. Gregor Feindt hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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