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Georgios Chatzoudis | 05.11.2019 | 940 Aufrufe | 1 | Interviews

"Eine gemeinsame europäische Erinnerungsarbeit an den Zweiten Weltkrieg ist überfällig"

Interview mit Anke Hilbrenner über die Resolution zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

Es war ein Akt von Geschichtspolitik, als das Europäische Parlament am 19. September den tags zuvor eingebrachten Entschließungsantrag zur Bedeutung der Erinnerung an die europäische Vergangenheit für die Zukunft Europas angenommen hat. Diese Resolution fand in der medialen Öffentlichkeit allerdings kaum Resonanz, obwohl darin von einer gouvernmentalen Institution nicht weniger gefordert wird, als eine Neuorientierung der kollektiven Erinnerung in Europa an Beginn, Verlauf und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Befürworter der Entschließung sprechen von einem längst überfälligen Schritt, Kritiker sehen darin vor allem einen verordneten Geschichtsrevisionismus im Geiste der Totalitarismustheorie aus dem Kalten Krieg, bei dem Faschismus und Kommunismus gleichgesetzt und Ursachen und Wirkungen verdreht werden. Wir haben die Osteuropa-Historikerin Prof. Dr. Anke Hilbrenner von der Universität Göttingen um ihre Einschätzung gebeten.

"Ich wünsche der Resolution zahlreiche – auch kontroverse – Diskussionen"

L.I.S.A.: Frau Professor Hilbrenner, vor einigen Wochen hat das Europäische Parlament eine Resolution verabschiedet, die folgenden Titel trägt: „Entschließung des Europäischen Parlaments zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“.  Anlass, so ist zu lesen, ist der 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie diese Resolution lasen?

Prof. Hilbrenner: Mein erster Gedanke beim Lesen war, dass Sprache und Form dieser Resolution die Rezeption des Anliegens unangemessen erschweren. Diese Anmutung leistet der Wahrnehmung Vorschub, dass die Europäische Union ein Bürokratiemonster ist. Dass ein Papier, welches im europäischen Parlament debattiert wird, eine solche Form haben muss, die zunächst mit 16 Spiegelstrichen auf Grundlagentexte und frühere Entschließungen verweist, dann unter Buchstaben A. bis M. die Rahmenbedingungen und historischen Gegebenheiten in Erwägung zieht und schließlich in den Punkten 1. bis 22. fordert, erklärt, betont, erinnert, verurteilt und beauftragt, kann ich akzeptieren. Wahrscheinlich wird um all diese Spiegelstriche, Buchstaben und Punkte intensiv einzeln gerungen. Allerdings würde es m.E. der Intention dieser Resolution eher gerecht werden, wenn sie anschließend in einen Text gegossen werden würde, der sich besser für die Vermittlung eignet. Das wäre sicher für die Akzeptanz und Ausstrahlung der Resolution besser. Ich glaube allerdings nicht, dass diese Sperrigkeit des Textes der alleinige Grund für die zaghafte Rezeption ist.

Mein zweiter Gedanke war, dass eine gemeinsame europäische Erinnerungsarbeit an den Zweiten Weltkrieg überfällig ist und dass ich dieser Resolution eine sehr viel größere Ausstrahlung und zahlreiche – auch kontroverse – Diskussionen wünsche!

"Abschottung des westlichen Geschichtsbildes gegen die ostmitteleuropäische Erfahrung"

L.I.S.A.: In der Resolution heißt es sinngemäß, die Sowjetunion habe aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes den Zweiten Weltkrieg gleichermaßen begonnen und zu verantworten wie das nationalsozialistische Deutschland. Diese These spricht gegen die bisherige historische Forschung mit Blick auf Ursachen, Wirkungen und Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Ein Akt von Geschichtsrevisionismus?

Prof. Hilbrenner: Der Wunsch, den Hitler-Stalin-Pakt als Ausgangspunkt des Zweiten Weltkriegs in der europäischen Erinnerung zu etablieren – mit der Konsequenz, dass die Sowjetunion und Deutschland gemeinsam als Täter in den Fokus der Kriegserinnerung geraten – ist nicht neu. Die osteuropäischen Länder Polen, Estland, Lettland und Litauen haben seit ihrem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 dieses als ihr zentrales geschichtspolitisches Anliegen vorangetrieben und 2011 mit der Etablierung eines Gedenktages für die Opfer der beiden durch „Staatsterror und Massenmord geprägten totalitären Systeme“ am 23. August, dem Tag, an dem der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet worden war, auch vorläufig erreicht. Diese Bemühungen sind aber auch bisher weitgehend unter dem Radar der deutschen Öffentlichkeit und offensichtlich auch weiter Teile der Geschichtswissenschaft geblieben, mit Ausnahme vielleicht der an Ostmitteleuropa und an Geschichtspolitik interessierten Kolleginnen und Kollegen. Es ist offensichtlich, dass dieser für die osteuropäischen Staaten so wichtige Tag für die deutsche und darüber hinaus für die westeuropäische Erinnerungspolitik so gut wie keine Rolle spielt. Kaum jemand hierzulande gedenkt am 23. August des Hitler-Stalin-Paktes, noch viel weniger Menschen der „Opfer totalitärer Regime“. Diese Kluft zwischen den Erinnerungsanliegen der europäischen Neumitglieder (seit 2004) und der im europäischen Kreis schon länger Etablierten, gilt es, bei der Beantwortung der Fragen zur aktuellen Resolution mitzudenken.

Als Claudia Weber in diesem Sommer zum 80. Gedenktag des Hitler-Stalin-Paktes ihr Buch „Der Pakt“ veröffentlichte, konstatierte sie genau diese Abwesenheit der Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt in Deutschland und in Westeuropa aus der Perspektive der Osteuropahistorikerin. Zurecht schreibt sie von einem westeuropäisch zentrierten Geschichtsbild, dass die „grundstürzende Tragik Osteuropas im 20. Jahrhundert verkannte“. Der Hitler-Stalin-Pakt sei, so Weber, erinnerungspolitisch nach Osteuropa ausgelagert worden, womöglich aufgrund des Unbehagens, dass die Beschäftigung mit ihm in Westeuropa und vor allem in Deutschland auslöst. Die Gewissheiten unseres Geschichtsbildes werden durch diesen Pakt erschüttert: „Tatsächlich wohnt der Geschichte der Verstrickung von Nationalsozialismus und Stalinismus eine revisionistische Kraft inne.“ Und tatsächlich rührt die Frage nach dieser Verstrickung an den Grundfesten unseres deutschen Geschichtsbildes. Gerade deshalb ist es doch interessant, dass die Bemühungen der osteuropäischen KollegInnen um eine gesamteuropäische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg erst mit 15-jähriger Verspätung zu vielen von uns durchdringen. Es lohnt sich also vielleicht, noch einmal ins Jahr 2004 zurück zu kehren, in dem diese Bemühungen ihren Anfang nahmen:

Als die lettische EU-Kommissarin Sándra Kálniete auf der Leipziger Buchmesse im Jahre 2004 Stalinismus und Nationalsozialismus als „gleichermaßen verbrecherisch“ bezeichnete, stieß sie in Deutschland auf heftige Kritik. In weiten Teilen Ostmitteleuropas befanden die Beobachter dagegen, dass Frau Kálniete nur das Offensichtliche aussprach. Diese geteilte Reaktion spaltet nach wie vor das Gedächtnis Europas: Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Massenverbrechen als singulär markiert eine Grenze zwischen dem Zentrum Europas (Westeuropa) und seiner Peripherie (Ostmitteleuropa). Im Westen evoziert die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg den Reflex: „Nie wieder Hitler, nie wieder Holocaust!“ Der Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus, der in den Augen seiner Kritiker eine Gleichsetzung impliziert, rührt auch in Deutschland selbst Jahrzehnte nach dem Historikerstreit noch an ein Tabu. Aber auf der anderen Seite der imaginierten Grenze, die das Zentrum Europas von der vermeintlichen osteuropäischen Peripherie trennt, steht der Ablehnung des Nationalsozialismus die Forderung: „Nie wieder Stalin, nie wieder sowjetische Herrschaft und die damit verbundenen Massenverbrechen!“ mindestens gleichberechtigt gegenüber.

Wenn wir jetzt noch weiter nach Osten blicken, ergibt sich ein überraschender Befund: Die Russische Föderation erinnert den Zweiten Weltkrieg anhand ganz ähnlicher Paradigmen, wie das europäische Zentrum: Der Große Vaterländische Krieg wurde sowohl in der Sowjetunion als auch im heutigen Russland als Sieg über den Faschismus erinnert. Dabei wird nach wie vor die „Befreiung“ der mittel- und osteuropäischen Länder von der faschistischen Besatzung als richtige und positive Tat interpretiert. So wurde der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zum Zweiten Gründungsmythos der Sowjetunion.

Diese Legitimität erwuchs der Sowjetunion aus der Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Deutschland. Aus der sowjetischen und russischen Erinnerung leitet sich die Forderung ab: „Nie wieder Hitler!“ Wobei das in Westeuropa immer mitgemeinte und für die Gedächtnisgemeinschaft zentrale „Nie wieder Holocaust!“ in den unterschiedlichen Phasen sowjetischer und russischer Erinnerung nur impliziert war – und häufig noch nicht einmal das.

Mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die vor allem ein „Nie wieder Hitler!“ in den Vordergrund des Gedenkens stellt und gegenüber dem „Nie wieder Stalin!“ privilegiert, fallen Westeuropa und Russland in einer (sicher von manchen ungewollten) Erinnerungsgemeinschaft zusammen. Die ostmitteleuropäische „Peripherie“ wird durch diese Erinnerungspraxis zu einem „Zwischeneuropa“ des europäischen Gedächtnisses – zur geschichtspolitischen Verfügungsmasse zwischen West und Ost – zwischen den Großmächten „Europa“ und Russland. Diese Marginalisierung Ostmitteleuropas, so könnte man pointiert formulieren, wiederholt auf erinnerungspolitischer Ebene die Verfügung über die Region durch Deutschland und die Sowjetunion im Hitler-Stalin-Pakt. Wem diese Pointierung zu radikal ist, wird dennoch einsehen, dass die hermetische Abschottung des westlichen Geschichtsbildes gegen die ostmitteleuropäische Erfahrung mit den Massenverbrechen von Nationalsozialismus und Stalinismus zur selben Zeit, die bereits Timothy Snyder in seinem Buch „Bloodlands“ so eindrücklich beschrieben hat, weder zulässig noch lauter ist. Timothy Snyder wendet sich ausdrücklich gegen dieses westeuropäische Geschichtsbild mit der Fokussierung auf die westlichen Opfer, dafür steht auch sein provozierendes Diktum, dass Auschwitz nicht die treffende Metapher für den Holocaust sei, weil dort vor allem westeuropäische und deutsche Juden ermordet worden sind. Es ist Snyders Anliegen, die geschichtspolitisch und historisch marginalisierten ostmitteleuropäischen Opfer in das Zentrum der Erinnerung zu rücken, und somit etwa Treblinka an die Stelle von Auschwitz zu rücken. Den Anspruch, mit dem westeuropäischen Geschichtsbild die Deutungshoheit über den Zweiten Weltkrieg in Osteuropa zu reklamieren, bezeichnet Snyder als „epistemischen Kolonialismus“.

Wenn Sie nun fragen, ob die Initiative der ostmitteleuropäischen Länder, die Erfahrung Opfer des Nationalsozialismus und zur gleichen Zeit Opfer des Stalinismus geworden zu sein, in den Mittelpunkt des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg zu stellen ist, ein Akt des Geschichtsrevisionismus ist, dann ist meine Antwort: Ja, ich denke, angesichts unseres eingeschränkten westeuropäisch zentrierten Geschichtsbildes rufen unsere ostmitteleuropäischen KollegInnen zu Recht zu einer Europäisierung der Erinnerung auf. Und ehrlich gesagt ist es doch unsere Aufgabe als HistorikerInnen „Vergangenheiten stets neu zu betrachten, umzudeuten, kurzum: die Geschichte der Revision zu unterziehen.“ (nochmal Claudia Weber). Über 30 Jahre nach dem Historikerstreit muss es erlaubt sein, die Frage nach den Verflechtungen von Nationalsozialismus und Stalinismus im Sinne einer Europäisierung des Weltkriegsgedenkens noch einmal neu zu stellen – und hoffentlich neu zu beantworten. Damit einhergehen soll keine Relativierung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust, sondern eine Integration der Erfahrung der Menschen in Ostmitteleuropa, die im Zweiten Weltkrieg Opfer zweier verbrecherischer Staaten waren, die Massenverbrechen an Millionen von Menschen begangen haben.

"Nicht automatisch ein Rückfall in die Totalitarismustheorie"

L.I.S.A.: Die Resolution ist bislang auf wenig massenmediales Echo gestoßen. Wenn, dann gab es vor allem Kritik von linken Medien und Stimmen. Vor allem wird kritisiert, dass Nationalsozialismus und Kommunismus gleichgesetzt würden. Ein Rückfall also in das längst überwunden geglaubte Totalitarismusparadigma der 1950er Jahre, nach dem beide Ideologien nur die zwei Seiten der einen totalitären Medaille abgeben?

Prof. Hilbrenner: Die Reaktion der linken Medien und PolitikerInnen erklärt sich vor allem aus ihrer Nähe zu Russland, die diese interessanterweise mit einigen rechten Europa-Kritikern teilen. Die oben beschriebene Übereinstimmung des russischen und des westeuropäischen Geschichtsbildes, das sich jeweils ohne große Reibungspunkte in die jeweilige nationale Erzählung integrieren ließ, liefert zugleich zumindest einen Teil der Erklärung für diese Nähe.

In den kritischen Kommentaren der linken Medien wird meist auf die 25 Millionen Toten, mit denen die Sowjetunion zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus „beitrug“, verwiesen. Das genauere Schicksal dieser Toten und was diese Befreiung für die Menschen in Osteuropa bedeutete, verfolgen die Kommentatoren nicht weiter. Dabei lohnt sich der Blick nicht nur auf die Zivilbevölkerung in der Sowjetunion und in Ostmitteleuropa, sondern auch um die Rotarmisten selbst, die eine der größten Opfergruppen stalinistischer Gewalt während des Zweiten Weltkriegs waren, wie Catherine Merridale in ihrem Buch „Iwans Krieg“ belegen konnte. Sie waren und sind auch ein Beispiel für die vielen Menschen, die Opfer beider Regime waren, des nationalsozialistischen Deutschlands und der stalinistischen Sowjetunion. Zugleich waren die Rotarmisten, ebenso wie die sowjetischen Partisanen, häufig sowohl Opfer als auch Täter. Diese Tragik der 13 Millionen gefallenen Soldaten zur Heldengeschichte zu verklären, entspricht der offiziellen russischen Geschichtspolitik, die in der Reaktion auf die Resolution von den linken Medien weiterverbreitet wird. Dem können wir WissenschaftlerInnen nur die Forschungsergebnisse entgegenhalten.

Unter dem Stichwort „Totalitarismus“ wird in den Kommentaren auf die Unzulässigkeit eines Vergleichs von Nationalsozialismus und Stalinismus verwiesen. Allerdings scheinen die Begriffe „Totalitarismus“ oder „totalitär“ im Umfeld der Resolution nicht ganz trennscharf gebraucht zu werden. In der EU-Resolution ist beständig von totalitären Regimen die Rede. Dieser Gebrauch des Wortes ist nicht neu, wie bereits die Papiere und Entschließungen, auf die unter den sechzehn Spiegelstrichen verwiesen wird, zeigen. Die Nutzung des politischen Kampfbegriffs „totalitär“ scheint im geschichtspolitischen Wirken der europäischen Union spätestens seit 2004 gebräuchlich zu sein. Mit totalitär sind dort meist mehr Länder als das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion gemeint. Der Begriff ist offen in Richtung „autoritärer Regime“. Zudem verweist die Resolution auf „die Entschließungen und Entscheidungen verschiedener nationaler Parlamente zu den Verbrechen totalitärer kommunistischer Regime“. Spätestens hier wird deutlich, dass „totalitär“ nicht auf den Vergleich von Nationalsozialismus und Stalinismus abzielt, sondern der Abgrenzung von der staatssozialistischen Vergangenheit der osteuropäischen Länder unter sowjetischer Einflussnahme dient.

Das Totalitarismusparadigma der 1950er Jahre dagegen kommt aus der Politikwissenschaft und ist zurecht nicht nur für den Vergleich zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus kritisiert worden, sondern auch für die schematische Kategorisierung der in Frage kommenden Gemeinwesen, die von der Forschung sowohl zum Nationalsozialismus, als auch zum Stalinismus längst überholt ist. Spätestens seit den Arbeiten von Sheila Fitzpatrick zur Kultur- und Alltagsgeschichte des Stalinismus ist deutlich geworden, dass die Erfahrungen in der Sowjetunion so vielschichtig waren, dass sie mithilfe des Begriffes Totalitarismus nicht abzubilden sind. Aber trotzdem wurde verglichen: Michael Geyer und Sheila Fitzpatrick verglichen im Jahr 2008 bereits Nationalsozialismus und Stalinismus „Beyond Totalitarianism“, genauso wie Jörg Baberowski und Kiran Klaus Patel das 2009 „Jenseits der Totalitarismustheorie“ taten. Es lässt sich also festhalten, dass ein Vergleich, eine Zusammenschau oder gar die Verflechtung von Nationalsozialismus und Stalinismus nicht automatisch den Rückfall in die Totalitarismustheorie bedeutet, wie die aktuelle Forschung zum Zweiten Weltkrieg in Osteuropa belegt.

Die Frage, warum dieses große und wichtige Thema, der „Krieg der Erinnerung“ in den „Erinnerungen an den Krieg“, wie Ekaterina Makhotina das treffend genannt hat, der eine Herausforderung für unser Geschichtsbild darstellt, in den einflussreichen Feuilletons jenseits der linken Medien keine Rolle spielt, kann ich leider nicht beantworten. Ich würde mir aber wünschen, dass das anders wäre.

"Historiker und Historikerinnen sind auch Gestalter von Geschichtspolitik"

L.I.S.A.: Wie denken Sie als Historikerin darüber, wenn die Politik, in diesem Fall die große Mehrheit des Europäischen Parlaments, vorgibt, welches europäische Geschichtsbewusstsein zukünftig wünschenswert sei? Anders gefragt: Wieviel Geschichtspolitik verträgt die Geschichtswissenschaft?

Prof. Hilbrenner: Geschichtspolitik, kollektive Erinnerung oder „Gedächtnis“ und Geschichtswissenschaft sind zunächst einmal zwei getrennte, sogar entgegengesetzte Konzepte. Die Geschichtswissenschaft fordert geradezu Relativierungen, neue Perspektiven und bringt oft genug Dinge zu Tage, die zumindest bisher in noch keinem Verhältnis zur Erinnerung des Kollektivs stehen. Das kollektive Gedächtnis dagegen ist notwendig subjektiv, blendet Dinge aus, welche die Selbstvergewisserung der Gemeinschaft stören oder privilegiert Elemente, die ihr dienlich sind. Es beharrt auf einem relativ begrenzten Kanon, während die Geschichtswissenschaft bemüht ist, immer neue Quellen und Sachverhalte offen zu legen.

Dennoch sind etwa wir HistorikerInnen nicht nur Akteure der Geschichtswissenschaft, sondern häufig auch Gestalter von Geschichtspolitik. Wir beraten Museen, geben Interviews oder bemühen uns anderweitig um Geschichtsvermittlung in außeruniversitären Zusammenhängen und klagen, wenn unsere Stimme in der Geschichtspolitik nicht gehört wird. Ich bin ich der Ansicht, dass uns die theoretische und systematische Trennung der beiden Sphären bewusst sein sollte, und dass unser Hauptgeschäft die Geschichtswissenschaft bleiben sollte. Dennoch: Wer, wenn nicht wir HistorikerInnen, sollte sich denn in die Debatten darüber, was die verschiedenen Kollektive, denen wir angehören, erinnern, einmischen? Wir müssen versuchen, die Komplexität unserer wissenschaftlichen Diskurse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, um allzu einfache Antworten etwa auf die Fragen nach Zugehörigkeit zu vermeiden. Zudem funktioniert die Durchlässigkeit der beiden Sphären Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik nicht nur in eine Richtung. Auch die Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Bezüge von HistorikerInnen ändern sich und fließen in das Erkenntnisinteresse mit ein. Deshalb wandelt sich die Geschichtswissenschaft mit ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die ebenfalls von Geschichtspolitik geprägt sind.

Aus diesen Gründen glaube ich, dass wir gut zuhören sollten, was die demokratisch gewählten Politiker der europäischen Mitgliedsstaaten, die jeweils von ihren nationalen Erinnerungsdiskursen geprägt sind, als gemeinsame Resolution erarbeitet haben. Ich bin der Ansicht, dass es für die deutsche Geschichtswissenschaft eine absolut notwendige Bereicherung darstellt, diese anderen Perspektiven in den Blick zu nehmen und die Annahmen ihrer Disziplin unter diesen Herausforderungen weiterzuentwickeln.

"Wir brauchen eine gemeinsame Erzählung, um Zugehörigkeit erfahrbar zu machen"

L.I.S.A.: Was sagt diese Resolution über die Chancen auf eine gemeinsame europäische Erinnerung aus? Ist diese angesichts teilweise stark divergierender kollektiver Erfahrungen und Erinnerungen tatsächlich möglich? Wäre eine Harmonisierung bzw. Homogenisierung der Erinnerungskultur überhaupt wünschenswert?

Prof. Hilbrenner: Ja, eine gemeinsame europäische Erinnerung ist absolut notwendig und wünschenswert! Aus meiner Sicht als Historikerin ist es für das Gelingen der europäischen Integration unerlässlich, dass wir uns auf eine gemeinsame europäische Geschichte berufen, die mehr ist, als eine reine Summe der Nationalgeschichten. Für die Nation, die als Zugehörigkeit stiftendes Projekt das 19. und das 20. Jahrhundert prägte, hat sich die Geschichte als zentrale Legitimationsressource etabliert. Wenn wir wollen, dass das europäische Projekt im 21. Jahrhundert gelingt, dann brauchen wir eine gemeinsame Erzählung, um Zugehörigkeit erfahrbar zu machen. Und tatsächlich wird das europäische Projekt ja häufig – nicht nur, aber auch in der Resolution – mit der Erfahrung der europäischen Kriege begründet. Auch der Holocaust gilt als negativer Gründungsmythos der Europäischen Union. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, sich dieser Verantwortung für eine gemeinsame europäische Geschichte immer wieder neu zu stellen.

Das heißt allerdings nicht, dass diese Geschichte zwangsläufig homogen und harmonisch sein muss, gerade die Vielfalt und die partielle Unvereinbarkeit der verschiedenen Erinnerungsnarrative, die nach wie vor in Europa Gültigkeit haben, sind eine besondere Herausforderung und sollten möglicherweise sogar die gemeinsame Erinnerung konstituieren. Aber die scheinbar unvereinbaren Narrative, die nicht ins eigene (nationale) Geschichtsbild passen, auszublenden bzw. unter Verweis auf die eigene vermeintlich überlegene Forschung aus dem Diskurs herauszuhalten, ist sicher keine Lösung.

Prof. Anke Hilbrenner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Erschreckend offensichtlich totalitäres Verständnis von Geschichtswissenschaft | 09.12.2019 | 22:56 Uhr
In diesem Interview zeigt sich, wie übrigens auch in der von Fachkollegen als methodologisch völlig ungenügend beurteilte Publikation von Frau Weber (vgl. die Rezensionen von Professor Jost Dülffer in der SZ oder Professor Stefan Plaggenborg in der FAZ), das erschreckende Selbstverständnis einer neuen Fraktion von Geisteswissenschaftlern, die sich als ideologische "Bewusstseinsingeneure" im Dienste politischer Macht begreifen. Ich frage mich, ob Menschen wie Frau Hilbrenner klar ist, was sie hier vertreten: Hier wird nämlich, vermeintlich im Namen rechtsstaatlicher Demokratien, ein Verständnis von Freiheit der Wissenschaft aufgegeben, das gerade für demokratische Rechtsstaaten historisch grundlegend war.

Nein, es ist keine Aufgabe von Geschichtswissenschaftlern, einem politischen Gebilde wie der EU den passenden ideologischen "Kitt" vermittels der diskursiven Durchsetzung eines politisch genehmen "Kollektivgedächtnisses" zu verpassen. Das hierin implizierte normative Primat ist in keiner Weise mit der Freiheit von Forschung und Lehre, die unsere Verfassung schützt, vereinbar.

Es ist definitiv nicht die Rolle der Geschichtswissenschaft in einem demokratischen Rechtsstaat, einer politisch motivierten Deutung der Vergangenheit die diskursive Hegemonie zu verschaffen. Allein das als Bestreben zu formulieren, ist Nachweis der totalitären Tendenzen des dahinter stehenden Denkens.

Historiker haben sich allein um die Frage der historischen Wahrheit zu kümmern und auch politisch nur da einzuschreiten, wo politische Macht sich anschickt, Verfälschung zu kanonisieren oder ihre Verbreitung zu verhindern. Das zugleich wisssenschaftlich wie politisch motivierte Engagement bedeutender deutscher Historiker im Historikerstreit war eben genau darin begründet, dass die geschichtsrevisionistischen Positionen der Fraktion um Ernst Nolte eben aus der Motivation heraus, die Schuld Deutschlands an dem fürchterlichsten Vernichtungskrieg aller Zeiten (so das Urteil sogar Ernst Noltes) zu relativieren, Wahrheit entstellten.

Genau dies tun die neuen Apolgetinnen und Apologeten der vermeintlichen Auslösung des Zweiten Weltkriegs durch den Pakt zwischen Stalin und Hitler auch - damit negierend, dass es absolut unbestritten ist, dass der Eroberungskrieg des "Lebensraum im Osten" das durchgängig seit 1925 konsequent verfolgte Kernprojekt Hitlers war, dem von allem Anfang an jede Eskalationsdynamik bis zum "totalen Krieg" inhärent war. Hitlers Äußerung noch vor dem Pakt, dass er die westlichen Mächte für zu dumm hielte zu verstehen, dass alles, was er je getan habe, vorrangig und ausschließlich gegen Russland gerichtet gewesen sei, lässt hier wenig Interpretationsspielraum, wie zahlreiche weitere Dokumente auch, die zu beleuchten sowohl Frau Weber wie Frau Hilbrenner vorsorglich unterlassen und hierdurch ein alarmierendes Beispiel geben, was mit Geschichtswissenschaft geschieht, wenn sie Wahrheitssuche von normativen Primaten abhängig macht.

Die mit einem solchen normativen Anspruch einhergehende Selbstüberhöhung und die damit einhergehenden Gefahren für die Wissenschaft zeigen sich in den folgenden beiden Zitaten Hilbrenners: Erstens: "Dennoch sind etwa wir HistorikerInnen nicht nur Akteure der Geschichtswissenschaft, sondern häufig auch Gestalter von Geschichtspolitik." Zweitens: "Ja, eine gemeinsame europäische Erinnerung ist absolut notwendig und wünschenswert! Aus meiner Sicht als Historikerin ist es für das Gelingen der europäischen Integration unerlässlich, dass wir uns auf eine gemeinsame europäische Geschichte berufen, die mehr ist, als eine reine Summe der Nationalgeschichten. Für die Nation, die als Zugehörigkeit stiftendes Projekt das 19. und das 20. Jahrhundert prägte, hat sich die Geschichte als zentrale Legitimationsressource etabliert. Wenn wir wollen, dass das europäische Projekt im 21. Jahrhundert gelingt, dann brauchen wir eine gemeinsame Erzählung, um Zugehörigkeit erfahrbar zu machen."

Was zeigen die Zitate? Frau Hilbrenner (und Interviews mit Frau Weber erweisen, dass sie das gleiche Selbstverständnis aufweißt) benennt als ein der konkreten Arbeit an historischen Forschungsprojekten vorrangiges und vorgelagertes Ziel, das kein wissenschaftliches, sondern ein politisches ist, womit sie Geschichtswissenschaft unter ein politisches Primat stellt. Geschichtswissenschaft soll sich also in den Dienst eines wissenschaftfernen, nämlich politischen Ziels stellen, nämlich den ideologischen Zement für das politische Gebilde der EU darbieten, weil nur dieses supranationale Gebilde den Rückfall in die Nationalismen verhindere.

Hier wird also wissenschaftliche Erkenntnis unter ein normatives politisches Primat gesetzt - strukturell und ideologisch jenen nationalistischen Historikern entsprechend, die im 19. Jahrhundert Fachkollegen vorwarfen, "Verräter der Nation" zu sein, wenn ihre Forschung nicht zur großen Erzählung von Deutschlands Herrlichkeit und Preußens Gloria betrügen. Nun musss Geschichte der Gloria der EU dienen. Und auch die diffamierende Verurteilung von Fachkollegen sind in Hilbrenners Darlegungen bereits angelegt, falls sie ihre Prioritätensetzung nicht teilen: Sie unterstellt ernsthaft Kollegen, die nicht bereit sind, ihre Forschung in den Dienst des von ihr priorisierten Narrativs zu stellen, verkappte Altstalinisten oder Nationalisten zu sein. Ergebnisoffenes Arbeiten gibt es in Hilbrenners Kosmos offenbar gar nicht - und das im Falle einer empirischen Wissenschaft. Diese Frau merkt gar nicht, dass sie - darin ideologischen Apologeten des Nationalismus gleich, selbst Apologetentum fordert, nur für ein anders aufgestelltes politisches Machtgefüge - ein Anspruch, der jedoch zutiefst Wissenschaft widerspricht.

Wenn ich die Reihe der Historiker betrachte, die durch ihre empirische Arbeit - seit Beginn der am intensivsten geführten Forschungskontroverse der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft, dem Historikerstreit nämlich, durch zähe Quellenarbeit nämlich, nachgewiesen haben, dass die Eskalationsdynamik des Vernichtungskriegs und die gesamte daraus sich entwickelnde Zerstörung zweifellos ihre Ursache allein im Aggressions-, Eroberungs- und Vernichtungswillen des nationalsozialistischen Regimes und seines Führers Adolf Hitlers hatte, was Verbrechen der stalinistischen Diktatur ja in keiner Weise in Abrede stellt, nur dass die eben nicht die Auslöser für den Zweiten Weltkrieg waren, dann ist das demagogische Potenzial ihrer von normativer Warte formulierten Pauschalverurteilung atemberaubend beträchtlich: Die Historiker, deren empirische Befunde sich nämlich nicht in Hilbrenner/Webers Deutungsnarrativ einfügen lassen, umfassen Namen wie Eberhard Jäckel, Martin Broszat, Wolfgang Benz, Wigbert Benz, Gerd Ueberschär, Wolfram Wette, Rolf-Dieter Müller, Jürgen Zarusky, Stephan Merl und Bernd Bowetsch - um nur einige zu nennen.

Doch Hilbrenner gibt nicht nur die Grundlagen von Wissenschaft preis, wenn sie die unter ein politisches Primat stellt, sondern beruft sich auch zu unrecht auf den von Hannah Ahrendt stammenden Totalitarismusbegriff. Die nämlich hielt Demokratien in keiner Weise für sui generis immun gegen Totalitarismus. In ihrem Aufsatz "Über Wahrheit und Lüge in der Politik" benennt sie genau den kritischen Punkt, an dem demokratische Systeme in den Totalitarismus zu kippen drohen, nämlich, wenn sie nicht mehr zwischen Tatsachenwahrheiten und Meinungen/Bewertungen/Deutungen unterscheiden können. Während jedes liberale Verständnis akzeptiert, dass es im Falle von Tatsachenaussagen, aus deren Eruierung Politik in liberalen Staaten sich herauszuhalten hat, nur darum geht, ob diese richtig oder falsch sind. Solche ergo unter einen Gesinnungsverdacht zu stellen, wie Hilbrenner dies tut, ist damit prinzipiell autoritär - und ein Missbrauch von Wissenschaft. Wenn Aussagen für falsch befunden werden, gehören sie fachwissenschaftlich vermittels widersprechender empirischer Befunde widerlegt. Dagegen müssen in einer liberalen Gesellschaft Meinungen, Deutungen und Bewertungen auf der Grundlage der vollständigen Menge ermittelter Tatsachenwahrheiten, welche nämlich u.a. von subjektiven Prämissen und Prioritäten beruhen, dem freien Spiel demokratischer Diskussionsprozessse zur Verfügung stehen. Auch hier ist eine Normierung von oben, sofern sie über verfassungsmäßige Prinzipien hinausgeht, mit dem demokratischen Rechtsstaat nicht vereinbar.

Es ist bezeichnend, dass Weber, genau wie Hilbrenner, Kritik mit normativen (d.h. moralisierenden) Angriffen ad personam pariert. Webers Monographie erfuhr durch ihren Fachkollegen, den Kölner Historiker Jost Dülffer, eine niederschmetternde, aber rein fachlich ausgerichtete, nämlich auf ihre selektive Berücksichtigung von Quellen und ihre mangelnde Quellenkritik abhebende, Kritik. Dülffer schrieb in der SZ am 18.8.19: "Was an dem Buch stört, ist der durchgängige Gestus des Innovativen, wo doch Sachverhalte dargelegt werden, die seit den 1950er-Jahren im Westen diskutiert werden. Im letzten Jahrzehnt des Ostblocks wurden "Westler" dort wiederholt eingeladen, weil sie vom Geheimen Zusatzprotokoll reden konnten, was die östlichen Kollegen tapfer nicht weiter kommentieren durften, aber immerhin zur Kenntnis nahmen. Das war aber nicht der Anfang der Forschung. Weber stützt sich zu den allgemeinen Beziehungen (neben einer alten Edition von 1949) fast durchgängig auf eine populäre Quellenedition aus den letzten Tagen der DDR aus dem Jahr 1990 (Pätzold und Rosenfeld), gelegentlich auf Internetfunde. Die grundlegende deutsche Edition in über einem Dutzend Bänden scheint unbekannt zu sein. Das ist für eine Wissenschaftlerin nicht seriös. Schlimmer aber: Bei ihrem Durchgang durch die deutsch-sowjetischen Beziehungen seit den frühen 1920er-Jahren zitiert sie in Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Fällen die Memoiren der betroffenen deutschen oder sowjetischen Protagonisten, als ob dies nicht durchgängig nachträglich geschönte Versionen eigenen Tuns waren. Tatsächlich liegen ja vielfach die weniger anschaulichen amtlichen Aufzeichnungen in den Editionen vor. Dass das so nicht geht, lernt ein Studienanfänger an der Universität im ersten Semester. Quellenkritik ist unbekannt, wie ein anderes Beispiel zeigt: Im Rahmen der diversen Umsiedlungen hätten die Deutschen den Russen gesagt, sie wollten nicht noch mehr Juden im deutschen Bereich haben, die Russen sollten sie "doch selbst liquidieren". Wo hat Weber das her? Polens Exilministerpräsident Stanisław Mikołajczyk, der damals in London saß, hatte das im Gespräch mit US-Zeitungen erklärt. Woher er das hatte, ob das stimmte oder nicht, ob es andere Quellen dafür gibt, interessiert nicht; es passt so schön." Verheerender geht es wohl kaum, aber persönliche Angriffe gibt es hier nicht.

Wie aber antwortet Weber auf diesen Verriss? Auf Dülffers inhaltliche und methodische Kritik mit keinem Wort reagierend, entledigt sie sich des Vorwurfes durch eine ad hominem gerichtete Spekulation aus dem Trivialitätenreservoir abgestandenster Genderdebatten. Da der Kollege etwas an ihrer Arbeit auszusetzen hat, muss er ein unrettbarer Macho sein. In einem Interview des brandenburgischen Nachrichtenportals MOZ psychologisiert sie:
"Ich befürchte, da bin ich mit meinen Äußerungen in ein Wespennest gestoßen. Meine Beobachtung ist, dass den NS- und Dikaturforscherinnen nur Themen zugestanden werden, wie - salopp - gesagt Kochbücher im Dritten Reich. Über die wirklich harten Themen, wie Gewaltverbrechen und Zusammenarbeit der Geheimdienste, dürfen Historikerinnen nicht forschen. Es sind Männer-Themen. Und wenn sie es doch machen, dann machen sie es halt schlecht. Und dann bin ich als ostdeutsche Historikerin gekommen und habe den Vorwurf erhoben, "ihr habt da was jahrzehntelang übersehen, ihr habt da nicht hingeduckt"."

Hier wird gut deutlich, was Weber und Hilbrenner einerseits von Wissenschaft, andererseits von einem liberalen Diskurs halten. Das ist autoritäres Denken pur, einhergehend mit der Bereitschaft, historische Tatsachenbehauptungen der Überprüfung nach fachwissenschaftlichen zu entziehen und ihnen durch das, was im englischen Raum "character assassination" nennt, die Weihe der Deutungshoheit zu verleihen.

1986 verkündete Jürgen Habermas, als er die massive Kampagne Ernst Noltes in den konservativen Blättern der Republik erlebte, er fürchte um die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. So geht es mir bei dem Hype um Geschichtsnarrativen wie die von Weber und Hilbrenner. Denn im Prinzip betreiben sie das gleiche wie das rechte Milieu der Geschichtsrevisionisten. Wie diese versuchen sie einer normativ definierten Sicht auf Geschichte politische Deutungshoheit zu verschaffen, unter Bereitschaft, die empirische Wahrheit zu entstellen. Dass dies im Namen eines dogmatischen Libertinismus erfolgt, der aber allen Prinzipien des Liberalismus widerspricht, macht das Ganze nicht beruhigender.

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