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Georgios Chatzoudis | 18.02.2020 | 1453 Aufrufe | Interviews

"Geschichte als Magd gegenwärtiger Geschichtspolitik"

Interview mit Jost Dülffer über Geschichte und Erinnerung zum Zweiten Weltkrieg

Die Debatte um die eine richtige Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist nicht neu. Kann sie auch nicht sein, wenn man aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive davon ausgeht, dass Geschichte ein Aushandlungsprozess ist, der einem ständigen Wandel unterliegt. Dem steht gegenüber, dass jenseits der historischen Forschung verschiedene gesellschaftliche Akteure ein Interesse daran haben, bestimmte Geschichtsbilder und Erinnerungen festzuschreiben. Wie sehr gegenwärtig Geschichtspolitik bzw. Erinnerungspolitik betrieben wird, konnte man in den Debatten rund um die Resolution des Europäischen Parlaments zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vom vergangenen September sowie zuletzt im Zuge der Auseinandersetzungen um die Befreiung von Auschwitz erleben. Die Osteuropahistorikerin Prof. Dr. Anke Hilbrenner und der Historiker Prof. Dr. Alexey Miller haben uns dazu bereits Interviews gegeben. Wir setzen nun diese Debatte mit einem Interview mit dem Historiker Prof. Dr. Jost Dülffer fort, den wir vor allem um eine historische Einbettung des Zweiten Weltkriegs jenseits von Geschichts- und Erinnerungspolitik gebeten haben.

"Es gibt keine gesamteuropäische Erinnerung"

L.I.S.A.: Herr Professor Dülffer, Sie haben lange zu Entstehung, Verlauf und den Folgen des Zweiten Weltkriegs geforscht. 80 Jahre nach seinem Beginn wird wieder darum gerungen, wie an diesen Krieg zu erinnern ist. Einen neuen Anstoß in dieser Debatte gab im September vergangenen Jahres eine Resolution des Europäischen Parlaments, in der die Unterzeichnerstaaten sich für eine Neuausrichtung des Gedenkens an diesen Krieg, seine Verursacher und Opfer sowie die Folgen aussprechen. Wie haben Sie diese Resolution aufgenommen?

Prof. Dülffer: Es stellt eine wichtige und immer wieder neu zu leistende gesellschaftliche Selbstverständigung dar, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern. Dass dazu an hervorragender Stelle die Opfer von Krieg und Gewalt gehören, versteht sich von selbst und ist daher wichtig. Dies auf gesamteuropäischer Ebene zu leisten, wird umso schwieriger, je konkreter historische Aussagen damit verbunden sind.

Die Resolution des Europäischen Parlaments entspricht schlechten parlamentarischen Gebräuchen, wenn sie nach 16 Spiegelstrichen, welche die Voraussetzungen zu artikulieren vorgeben, dann nochmals von A bis M durchbuchstabierte „Erwägungen“ nennt, und am Ende weitere 20 Schlussfolgerungen zieht. In den Erwägungen und Schlussfolgerungen stecken eine Fülle historischer Clichés, Verallgemeinerungen und Generalaussagen, die so Geschichte zur Magd gegenwärtiger Geschichtspolitik machen.

Es fragt sich grundsätzlich, wieweit Regierungen oder Parlamente in pluralistischen Gesellschaften konkrete geschichtliche Aussagen „verabschieden“ und ihnen hiermit einen Wahrheitsgehalt zusprechen, dessen Geltung gesellschaftlich durchzusetzen sei. Ich halte es für angemessener, solche historischen Aussagen einem zivilgesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu überlassen, der selbst im ständigen Wandel ist. Resolutionen, parlamentarische Erklärungen oder gar entsprechende Gesetze zementieren nur zu leicht einen grundsätzlich offenen Stand der Forschung und Einordnung, der immer wieder neu gewonnen werden muss.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Mord, Verbrechen, Kriegshetze, Genozid etc. muss in den jeweiligen Erscheinungsformen deutlich benannt werden, verträgt aber nur schwer eine öffentlich-rechtliche Legitimierung.

Das gilt umso mehr, wenn man sich auf die europäische Ebene begibt. Es gibt keine gesamteuropäische Erinnerung. Ob und wie diese durch gezielte Geschichtspolitik hergestellt werden kann oder sollte, ist fraglich. Es gibt nach meinem Dafürhalten vielmehr nationale und regionale Erinnerungen, die sich vielfach überschneiden und austauschen können und sollen. Das ist ein langdauernder, unabschließbarer und per se immer umstrittener und widersprüchlicher Prozess.

"Der Pakt hielt die Sowjetunion vorerst aus einem Krieg heraus"

L.I.S.A.: Ein besonderes Gewicht in dieser Resolution erhält der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939. Dazu bekräftigt die Resolution, dass der 23. August als gemeinsamen Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime durchgesetzt werden soll. Wird dadurch nicht ein historisches Ereignis der Diplomatiegeschichte in einen neuen übergreifenden Kontext überführt und dabei mit einer Symbolik aufgeladen, die sich vom realen historischen Geschehen abkoppelt? Anders gefragt: Eignen sich die Ereignisse und Folgen des 23. August 1939 für einen Gedenktag wie er in der Resolution des Europäischen Parlaments gewünscht wird?

Prof. Dülffer: Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939, unterzeichnet von den beiden Außenministern Molotov und v. Ribbentrop in Moskau, fügt sich auf den ersten Blick in mehrere andere Nichtangriffspakte, welche die Sowjetunion in den Jahren zuvor abgeschlossen hatte. Das geheime Zusatzprotokoll allerdings teilte Ostmitteleuropa in Interessensphären auf, von denen von Beginn an klar war, dass diese Interessen im baldigen Krieg auch territorial gelten sollten. Nach dem gemeinsamen Sieg über Polen wurden die Interessensphären in einem weiteren Vertrag, dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag modifiziert, so dass diese grob mit der 1919 vom britischen Außenminister Lord Curzon vorgeschlagenen Linie korrespondierten.

Die entscheidende Bewegkraft für diese Entwicklungen war zunächst einmal der Expansions- und Eroberungswille des nationalsozialistischen Deutschland. Es war offenkundig, dass dieser nur durch einen Krieg, gegebenenfalls durch einen neuen Weltkrieg erreicht werden konnte. Ein zweiter wichtiger Faktor war die Tatsache, dass die Sowjetunion aufgrund ihrer Gesellschaftsordnung weitgehend isoliert war; die Massenmorde in der Sowjetunion, Säuberungen genannt, trugen nicht zur Integration in die Staatengesellschaft bei, ließen zumal die Frage nach sowjetischer militärischer (und damit bündnispolitischer) Leistungsfähigkeit nur schwer einschätzen. Die Sowjetunion blieb der Pariah in der europäischen Staatengesellschaft, wie sich am dritten wichtigen Punkt, der Rolle der Westmächte Großbritannien und Frankreich zeigte. Als sich Deutschland im Sommer 1938 anschickte, wegen angeblicher unerträglicher Unterdrückung der Bevölkerung im deutsch-sprachigen Sudetengebiet einen (möglichst isolierten) Krieg gegen die Tschechoslowakei zu entfesseln, pilgerten sie auf Mussolinis Vermittlung hin nach München und schlossen dort ein Abkommen. Die Sowjetunion war „ausgekreist“. Als sich Polen 1939 als nächstes Aggressionsziel NS-Deutschlands abzeichnete, gaben Großbritannien und Frankreich diesem Staat Anfang April eine Garantie, bemühten sich aber weiterhin, NS-Deutschland zu einer allgemeinen Befriedung des Kontinents zu gewinnen. Appeasement nannte man das.

Das Ergebnis war, dass im Sommer 1939 - zugespitzt - jeder mit jedem verhandelte. Großbritannien bot NS-Deutschland wirtschaftliche oder koloniale Vorteile für eine dauerhafte Integration ins Mächtesystem an – vergeblich. Die Westmächte wiederum verhandelten mit der Sowjetunion über ein von Moskau gefordertes wirksames Militärbündnis gegen alle von Deutschland bedrohten Staaten im Kriegsfall, u.a. ein sowjetisches Durchmarschrecht durch Polen. Wegen der Frage, ob sich die Rote Armee später wieder zurückziehen würde, war dies Ansinnen zumindest für die polnische Seite unannehmbar. Schon deswegen dümpelten die Verhandlungen vor sich hin, während sehr plötzlich im August die Geheimverhandlungen mit dem Deutschen Reich zum Abschluss kamen. Zuvor war von sowjetischer territorialer Erweiterung wie im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart, nie die Rede gewesen; das wäre auch gegenüber den Westmächten undenkbar gewesen.

Der Pakt war für die Sowjetunion im Rahmen der weltpolitischen Konfliktlage defensiv gemeint, bot dennoch seit Lenin die nicht mehr dagewesene Chancen zur Ausweitung des eigenen Einflusses, über dessen Charakter Unklarheit herrschte. Hitler bot in dieser Hinsicht schlicht territoriale und damit machtpolitische Erwerbungen an. Wichtiger war es aber: Der Pakt hielt die Sowjetunion vorerst aus einem Krieg heraus und verschaffte ihr Zeit für weitere Rüstungen. Stalin war sich über NS-Expansionsziele in Osteuropa voll im Klaren und so entstand ein in seinen Auswirkungen weitreichendes, aber temporäres Bündnis der Diktatoren, auch für einen in Aussicht genommenen deutschen Eroberungskrieg für Lebensraum im Osten. Die Westmächte und Polen wollten einen Krieg vermeiden, die Deutschen ihn herbeiführen und die Sowjetunion sah einen Zeitgewinn in Erwartung eines künftigen großen Krieges.

"Auch die Verfolgungsapparate beider Seiten arbeiteten effizient zusammen"

L.I.S.A.: In der Geschichtswissenschaft gibt es nach wie vor eine Kontroverse über die Bewertung der Bedeutung der Ereignisse des Sommers 1939, insbesondere des Hitler-Stalin Pakts, für den von Deutschland begonnenen Krieg am 1. September. Ganz direkt gefragt: Hätte Deutschland Polen im September 1939 überfallen, hätte es den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt nicht gegeben? Wie ausschlaggebend ist dieses Abkommen für Kriegsbeginn und -verlauf gewesen? Was waren die Motive der Sowjetunion, diesen Pakt einzugehen? Rücksichtslose Landnahme oder taktischer Zeitgewinn? Und: Gab es in der Folge des Paktes eine dezidierte Zusammenarbeit zwischen Deutschem Reich und Sowjetunion bis 1941, also bis zum Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, dem Unternehmen Barbarossa?

Prof. Dülffer: Das entscheidende Datum für die deutsch-sowjetischen Beziehungen bildete nicht der 23. August 1939, sondern der 22. Juni 1941. Das war der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, auf den die NS-Ideologie und die von ihr geprägte deutsche Politik der letzten Jahre abgezielt hatte.

Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 bildete für die Sowjetunion wie für das Deutsche Reich einen großen, jedoch auf unterschiedlichen Gebieten erlangten Erfolg. Hitler war sich zuvor der Risiken bewusst, dass Frankreich und Großbritannien einem überfallenen Polen beistehen würde, es also einen europäischen Krieg auslösen würde. Ebenso war die Gefahr eines Dreierbündnisses Frankreich-Großbritannien-Sowjetunion gebannt; so unwahrscheinlich wie dieses wohl auch gewesen war, hätte ein solcher Pakt wohl vorerst einen deutschen Angriff auf die Sowjetunion abgewendet.

In diesem Poker der wechselseitigen Abschreckung war der Hitler-Stalin-Pakt ein entscheidender Faktor. Er sollte die Westmächte von einer Einlösung ihrer „Garantie“ für Polen abhalten. Genau diese Hoffnung auf einen isolierten deutsch-polnischen Krieg ging schief: Sie erklärten dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg. Es spricht alles dafür, dass der deutsche Überfall auf Polen auch ohne den Pakt ausgelöst worden wäre. Die Abschreckung der Westmächte durch den Pakt war misslungen, der europäische Krieg an zwei Fronten war dennoch für Deutschland da.

Nachdem die Deutschen Polen im Kern militärisch niedergerungen hatten, griffen auch die Sowjets ab 17.September in Polen ein, führten einen Krieg gegen Finnland und gliederten im Laufe des Jahres 1940 nicht nur Ostpolen, sondern auch die drei baltischen Staaten und Bessarabien als Sowjetrepubliken bzw. in bestehende Sowjetrepubliken ein. Diese konkreten Leid- und Diktaturerfahrungen der Staaten und ganzen Gesellschaften im Gebiet des Hitler-Stalin-Paktes begründet bis in die Gegenwart hinein die eingangs genannte Erinnerungspolitik. Geographisch waren das Gebiete, die zumeist früher zum Zarenreich gehört hatten - begründet wurde dies zumeist mit nur formalen und erzwungenen Plebisziten.

Das Schmiermittel des Paktes bildeten primär wirtschaftliche, auch rüstungswirtschaftliche Vorteile für beide Seiten. Die Sowjetunion erhielt in der Tat Rüstungsgüter, das Deutsche Reich erhielt primär Rohstoffe, Öl voran. Bei vereinbarten Umsiedlungen aus den beiderseitigen besetzten oder annektierten „Interessengebieten“ arbeiteten auch die Verfolgungsapparate beider Seiten effizient zusammen, erinnerungskulturell wichtige Ereignisse.

1941 reagierte die Sowjetunion auf zunehmende Anzeichen deutscher Angriffsvorbereitungen mit verstärkten Wirtschaftslieferungen, ein Zeichen für ein temporäres wirtschaftliches Appeasement, mit dem Stalin erneut weitere Zeit gewinnen wollte. Aufgrund der weltpolitischen Situation sah sich aber das Deutsche Reich zum unprovozierten Angriff veranlasst, der die Sowjetunion bis Ende 1941 bereits an den Rand einer Niederlage brachte. Dann jedoch behauptete sie sich durch eigene militärische, mentale und wirtschaftliche Anstrengungen, die deutschen territorialen Eroberungen bis hin zum Kaukasus bedeuteten eine Überbeanspruchung der Kräfte und trugen den Keim zum Scheitern in sich, während die Sowjetunion zum Gegenstoß ansetzte. Die Schlacht von Stalingrad Ende 1942/Anfang 1943 machte das der Weltöffentlichkeit sinnfällig.

"In Jalta Einsicht in die sowjetischen militärischen Leistungen"

L.I.S.A.: Die Teilung Europas infolge des Ende des Zweiten Weltkriegs scheint unausweichlich gewesen zu sein und bereits im alliierten Koalitionskrieg seit 1941 angelegt. Sehen Sie das auch so? War die Teilung Europas tatsächlich alternativlos? Anders gefragt: Inwiefern sind im Rahmen der Kriegspolitik der Anti-Hitler-Koalition bereits die Weichen für die europäische Nachkriegszeit, insbesondere mit Blick auf die Neuordnung Ost- und Ostmitteleuropas, gelegt worden? Welchen Anteil haben daran die alliierten Westmächte? Wie offen war andererseits die Politik der Sowjetunion bis 1945? Und welche Rolle kommt dabei vor allem der Konferenz von Jalta vom Februar 1945 zu?

Prof. Dülffer: Die Kriegskoalition gegen Deutschland, Italien und Japan war von ihrer Struktur her prekär: Die Sowjetunion erklärte Japan erst nach dem Ende des europäischen Krieges am 8. August 1945 den Krieg; eine förmliche Allianz gab es nur zwischen Großbritannien und der Sowjetunion. Die Exilregierungen vieler besetzter Staaten, zum Teil auf Militär gestützt, galten als Teil der Kriegskoalition und suchten Mitsprache auch für die Nachkriegsregelung. Zwischen den Großen Drei gab es ansonsten informelle Absprachen, die in den Konferenzen der Großen Drei in Teheran 1943, Jalta Februar 1945 und Potsdam Juli-August 1945 gipfelten. Die militärische Kriegskoalition von 26 Nationen (eben auch jenen des Exils) gegen Hitler-Deutschland nannte sich von ihrem Beginn an ab Anfang 1942 Vereinte Nationen. An der Spitze der Ziele dieser Koalition stand der gemeinsame militärische Sieg über die Deutschen. Von den dann erbrachten militärischen Leistungen primär der Großmächte bei der Befreiung Europas (von deutscher Herrschaft) musste wesentlich der jeweilige Anteil an der Gestaltung der Nachkriegsordnung abhängen.

Die Prinzipien von Machtpolitik und -erweiterung standen für Stalin im Vordergrund, während die Westmächte eine wertegestützte internationale Ordnung anstrebten, bei der es nicht um territoriale Erwerbungen gehen sollte, die sich aber nicht vermeiden ließen. Ausdruck dessen war die (im Sommer 1945 vollzogene) Neugründung der (zivilen) Friedensorganisation der Vereinten Nationen oder die - in Jalta verabschiedete - Erklärung über das befreite Europa. Kriegsvermeidung und künftige demokratische Ordnung standen hierbei im Vordergrund.

Diese unterschiedlichen Ansätze standen im Konflikt, der aber nicht von vornherein notwendig war und nicht so schnell in einen „Kalten Krieg“ eskalieren musste, wie er sich dann nach und nach tatsächlich entwickelte. Auch die Westmächte zeigten etwa in Jalta Einsicht in die sowjetischen militärischen Leistungen bei der Befreiung des eigenen Landes und von zunehmenden Teilen Ost(mittel)europas, die vollendete Tatsachen beim Neuaufbau dieser Staaten erlaubten, zumal den Briten und Amerikanern erst im Juni 1944 mit der Landung in Frankreich ein eigener entscheidender Kampfbeitrag zu Lande in Europa gelang.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen nach der Eroberung von deutscher Herrschaft war klar, aber für die westlichen Großmächte Großbritannien und (seit Ende 1941) die USA auch unvermeidlich; Frankreich gewann seinen Großmachtstatus erst wieder nach der Befreiung des Landes. Die Staaten Ostmitteleuropas hatten wenig Chancen zur Mitgestaltung. Da sie jeweils durch die Sowjetunion von deutschen Herrschaft befreit wurden, lagen sie auch in deren Einflussbereich, den die Angloamerikaner letztlich nicht mitgestalten konnten - trotz der Bekundungen gemeinsamer demokratischer Werte.

Die Anglo-Amerikaner hatten bei absehbarem Sieg im europäischen Krieg sehr nachdrücklich den vermutlich noch länger andauernden ostasiatischen Krieg im Blick und konnten sich realistischerweise im Februar 1945 in Jalta kaum gegen die vollzogenen militärischen Befreiung Ostmitteleuropas von den Deutschen stellen, ebenso wie sie der Sowjetunion keine direkte Mitsprache bei der Befreiung Westeuropas - von Norwegen bis Italien - zugestanden.

Konflikte waren also vorprogrammiert, aber nicht in dem Maße oder der Gestalt unvermeidbar. Es gab Differenzen und Enttäuschungen im Westen vor allem an den mangelnden Möglichkeiten des Einblicks und der Mitgestaltung in Osteuropa, dann auch in Deutschland, auf sowjetischer Seite in der Frage von Reparationen, Wirtschaftshilfen oder gleichberechtigter Gestaltung der Weltpolitik, insbesondere wenn es um unterschiedliche Demokratievorstellungen ging.

Wichtig zu betonen ist es, dass es nicht primär die unterschiedlichen politischen Systeme von Westen und Osten oder deren territoriale Ordnungsvorstellungen waren, welche den ab 1947 voll entbrannten Kalten Krieg auslösten. Es war der Krieg, den das Deutsche Reich gegenüber ganz Europa, zumal gegenüber der Sowjetunion auslöste, der zu einem unmittelbaren Zusammentreffen und dann auch Zusammenprall der westlich-liberalen Staaten mit der kommunistischen Diktatur Stalins mitten in Europa führten. So gesehen: Der vom Deutschen Reich als Eroberungskrieg geführte Zweite Weltkrieg führte zum Zusammentreffen der Amerikaner, Briten und Sowjetrussen mitten in Europa und damit auch zu ihren nahen Konflikten, die im Kalten Krieg ausgetragen wurden.

"Ein antitotalitärer Konsens verkleistert historisch notwendige Differenzierungen"

L.I.S.A.: Eine weitere aktuelle Kontroverse besteht in der Sicht auf Errungenschaften und Leistungen der Kriegsteilnehmer einerseits und die Lasten bzw. erbrachten Opfer andererseits. Dabei geht es offenbar weniger um die Rekonstruktion historischer Abläufe, sondern vielmehr um pauschale Zuschreibungen. Eine Debatte, die von Relevanz für die Geschichtswissenschaft ist? Oder reine Geschichtspolitik zu Lasten der historischen Erkenntnis?

Prof. Dülffer: Großbritannien stand von Sommer 1940 bis Sommer 1941 als einzige Großmacht gegenüber dem Deutschen Reich im Krieg. Wie bereits ausgeführt wurde, behauptete sich die Sowjetunion im Vernichtungskrieg und ging ab spätestens 1943 zur Gegenoffensive über. An diesem Befund änderten auch die amerikanischen Hilfslieferungen im Rahmen von Leih-Pachtlieferungen nichts. Die Amerikaner und Briten hatten der Sowjetunion ursprünglich schon für 1942 eine Invasion in Westeuropa in Aussicht gestellt, verschoben diese jedoch bis 1943 und dann bis zur Landung in der Normandie im Juni 1944. Das zeigt, dass die Sowjetunion wesentlich stärker für den militärischen Sieg über den entscheidenden europäischen Gegner beitrug. Über die wirtschaftliche Mobilisierung hinaus spielte die Beherrschung des Atlantiks und der Luftkrieg gegenüber Deutschland eine wichtige Rolle. Nicht nur von der Zahl der Opfer her, sondern von der Schwächung und letztlich auch dem Sieg über die Deutschen trug die Sowjetunion vergleichsweise den höheren Anteil. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass der Anteil der Kriegstoten - also Zivilisten eingerechnet -, die Opfer in der Sowjetunion, aber vor allem auch in Polen und in Jugoslawien, um ein Mehrfaches höher waren als bei den Westmächten.

Es ist verständlich, dass nach dem Krieg und bis heute die je nationalen (oder auch regionalen) Gedächtnisse in den Erinnerungskulturen eine zentrale Rolle spielen. Man hat sich während des Ost-West-Konfliktes seit den fünfziger Jahren angewöhnt, der Landung in der Normandie eine zentrale Rolle für den Sieg im Weltkrieg zuzuweisen. Die hatte sie, aber die Einbeziehung des entscheidenden Osteuropäischen Krieges kam dabei oftmals zu kurz.

Die in Jalta verabschiedete Erklärung über das befreite Europa ging primär auf Bedürfnisse US-amerikanischer Innenpolitik zurück. In ihr wurden u.a. demokratische und antifaschistische Verhältnisse für den Neuaufbau vereinbart. Dagegen hatte die Sowjetunion in den von ihr befreiten Staaten keine Chancen auf ihr wohl gesonnene Mehrheiten, wie (relativ) freie Wahlen in Österreich und Ungarn 1945 signalisierten. Von daher war der Weg in den Aufbau sowjetfreundlicher Volksdemokratien vorgezeichnet, welche die Schwäche freier demokratischer Zustimmung mit diktatorischen Mitteln sicherstellte. Wenn auch je nach Land und Zeitraum unterschiedlich, ist es verständlich, dass dieser langdauernden Diktaturen und dem oft damit einhergehenden Terror nach 1989/90 ebenso gedacht wird, wie der vergleichsweise kürzeren deutschen Kriegsführung und Herrschaft.

Über die bisweilen mörderischen Konsequenzen ist hier nicht zu handeln, ebenso wenig über eine Abstufung von „mehr“ oder „schlimmer“. Die Sowjetunion Stalins war für den Holodomor in der Ukraine, Hungersnöte auch anderswo und blutigen Terror verantwortlich, der auch im Krieg noch eine Rolle spielte, aber schon vor dem Tod Stalins 1953 seine mörderischen "Qualitäten" verringerte. NS-Deutschland unter Hitler war für die Entfesselung des Weltkrieges verantwortlich, der einher ging mit dem Völkermord an den europäischen Juden, aber auch an Millionen Osteuropäern.

Beide Regime sind gerade wegen ihrer mörderischen Taten und Folgen zu verurteilen und zu erinnern. Die Ursachen für deren Morde und Mordpolitiken waren jedoch sehr unterschiedlich, die Erscheinungsformen ebenso. Hitler und Stalin (aber wohl auch deren jeweilige Staaten) waren aus je unterschiedlichen Gründen für eine mörderische Politik zuständig. Es gab jeweils eine „Ordnung durch Terror“ (Baberowski/Doering-Manteuffel). Im Hitler-Stalin-Pakt verbündeten sich beide aus Gründen geostrategischer Macht- und Kriegspolitik. Er wurde nicht geschlossen, um eine gemeinsame mörderische oder gar genozidale Politik zu betreiben. Dieses Bündnis auf Zeit endete mit dem deutschen Überall auf den andern Bündnispartner Sowjetunion. Wenn man den 23. August (1939) in den Blick nimmt, muss man diesen zusammen mit dem Ende des 22. Juni (1941) sehen. Ein antitotalitärer Scheinkonsens bedeutet einen ebenso missglückten Akt europäische Geschichtspolitik wie die jüngsten Versuche des russischen Präsidenten Putin, die Westmächte oder Polen für den Weg in den Zweiten Weltkrieg, der über den Hitler-Stalin-Pakt lief, verantwortlich zu machen. Einen antitotalitären Konsens zu beleben und gerade an diesem Hitler-Stalin-Pakt aufzuhängen, verkleistert historisch notwendige Differenzierungen.

Prof. Dr. Jost Dülffer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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