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Ingolf Seidel | 11/08/2014 | 766 Views | Announcements

Call for Papers für die Tagung #erinnern_kontrovers

Veranstaltungsdatum: 9. und 10. Juli 2015 | Veranstaltungsort: Berlin

Mit dem Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“ gelang dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen 2013 ein Mediencoup, der immerhin sieben Millionen Zuschauer_innen vor die Bildschirme lockte. Als Ausdruck einer bundesdeutschen Meistererzählung zum Umgang mit Schuld und Verstrickung in die Verbrechen des Nationalsozialismus, lobten die einen die „Wucht und Monstrosität (...), die eine neue Phase der filmisch-historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus“ eingeleutet habe (Frank Schirrmacher) und erkannten im TV-Dreiteiler einen „Fortschritt, weil wir den Krieg gegen die Sowjetunion im deutschen Fernsehen noch nie auf eine so ungeschönte Weise gesehen haben“ (Norbert Frei). Kritischere Stimmen hingegen führten aus, der Film zeige Protagonisten „ohne Mitverantwortung“ und er verzichte auf eine Darstellung der „vielen normalen Profiteure“ (Habbo Knoch). Sogar die New York Times nahm Notiz vom Medientrubel in der Bundesrepublik und urteilte, der Film verfestige „the notion that ordinary Germans were duped by the Nazis and ignorant of the extent of their crimes.“

Vielleicht war die TV-Produktion eine der letzten Gelegenheiten, zu denen sich fast eine ganze Nation um den Fernseher versammelte, um gemeinsam über die Geschichte des Nationalsozialismus zu streiten. Denn mittlerweile finden Debatten über den Nationalsozialismus, den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg ebenso in den viel zitierten neuen Medien statt – und werden sich in Zukunft noch weiter in sie hinein verlagern. Zum anderen nahm „Unsere Mütter, unsere Väter“ kaum Notiz von den sich massiv verändernden historischen Orientierungsbedürfnissen der heterogenen Gegenwartsgesellschaft, die sich u.a. durch Migrationsprozesse, durch den Einfluss von Diversitätskategorien wie sogenannten Behinderungen, sexueller Identität, etc. sowie durch andere vielfältige Zugehörigkeitskontexten auszeichnet. Die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte wirkt(e) sich zwangsläufig auch auf Geschichtsbilder sowie auf Geschichts- und Erinnerungskulturen aus. Die digitalen Medien mit ihren sozialen Netzwerken und Webangeboten erlauben es zudem, eigene subjektive Geschichtsbilder einer (breiten) Öffentlichkeit darzustellen. Diese vielfältigen Geschichtsbilder und Umgangsweisen mit der Geschichte hinterfragen auf diese Weise die Notwendigkeit von master narratives generell.

Die Vervielfältigung von Erinnerungsnarrativen lässt in der Gesellschaft zum einen historische Erzählungen entstehen, die sich mit anderen decken („shared memory“), aber auch solche, zu denen keine Übereinstimmungen zu finden („divided memories“), und andere wiederum, die sich widersprechen bzw. Kontroversen erzeugen („conflicting memories“). Gesellschaftliche Gruppen wie Sinti und Roma oder Homosexuelle mussten sich ihre Teilhabe am Gedenken an den Nationalsozialismus z.B. hartnäckig erstreiten, Migrant_innen weisen dem Holocaust in ihrer historischen Identität eine andere Bedeutung zu als die zumeist immer noch als homogen imaginierte deutsche Mehrheitsgesellschaft, und die Politik fordert, man müsse beider deutschen Diktaturen gedenken – ohne sich bei solchen Forderungen einer Relativierungsgefahr des Nationalsozialismus immer bewusst zu sein. Die geschichtskulturelle und geschichtsdidaktische Forschung nähert sich den hier umrissenen Herausforderungen nur mühsam, zurückhaltend und schwerfällig.

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1. ZIEL UND FORMAT DER TAGUNG

Die Veranstalter_innen laden Wissenschaftler_innen sowie Praktiker_innen aus der historischen Bildungsarbeit herzlich zur Teilnahme an dieser Tagung ein, damit gewohnte und eingeübte Narrative und Erinnerungskulturen zu Nationalsozialismus, Holocaust und Zweitem Weltkrieg dekonstruiert werden können. Darüber hinaus möchten wir auf der Tagung über einen produktiven und reflektierten Umgang mit alternativen und konkurrierenden Narrativen diskutieren. Wir möchten nachvollziehen, wie Masternarrative aufgebrochen werden und wer daran beteiligt ist. In konzeptionell innovativen Workshops, die wesentlicher Teil einer partizipativen und medial unterstützten Konferenzdramaturgie sind, soll diskutiert und erprobt werden, wie sich das Aufbrechen und die Vervielfältigung der Narrative in den Erinnerungskulturen auf die historische Bildungsarbeit auswirken – und wie das Bewusstsein um eine solche Diversität des Erinnerns zur Ausbildung eines kritischen Geschichtsbewusstseins führen kann.

Das Tagungsformat soll dem gesamtgesellschaftlichen Aushandlungsprozess von Erinnerungskultur(en) und historischem Lernen gewissermaßen in einem Mikrokosmos widerspiegeln sowie ausreichend Raum bieten für eine wissenschaftliche Reflexion dieser Aushandlungsprozesse.

Wissenschaftler_innen, Künstler_innen, Pädagogen_innen verschiedener Disziplinen, insbesondere verschiedener Herkünfte, Identitäten und Altersgruppen, sind eingeladen, sich partizipativ am Diskussions- und Erzählprozess der Tagung zu beteiligen. Anhand von Leitfragen und Projektbeispielen finden in zeitlich großzügig ausgestalteten Workshops tiefergehende Diskussionen statt, um zu möglichst konkreten (Zwischen-)Ergebnissen zu kommen. Kreative Methoden und digitale Medien sind integraler Bestandteil der Tagung. Besonderen Wert legen die Veranstalter_innen dabei auf eine partizipative Moderation, die alle Beteiligten einbezieht und einen produktiven Dialog zwischen Wissenschaft und praktischer Vermittlungsarbeit gewährleistet. Außerdem werden Beobachter_innen bzw. Kommentator_innen die Diskussionsprozesse ergänzen und zusammenführen. Über eigens geschaffene Kommentarfunktionen und digitale Protokolle wird die Tagung auf der Tagungswebsite dokumentiert.

2. ZIELGRUPPEN DER TAGUNG

  • Wissenschaftler_innen und Nachwuchsforscher_innen
  • Bildungspraktiker_innen der außerschulischen Bildung und Lehrkräfte aus Schulen
  • Mitarbeiter_innen aus der Bildungsadministration
  • Zivilgesellschaftliche Akteure_innen

3. BESCHREIBUNG DER EINZELNEN WORKSHOPS MIT IHREN LEITFRAGEN

I. IN AND OUT: INKLUSION

Erst in den vergangenen Jahren ist es gelungen, ein Bewusstsein für die Facettenhaftigkeit der nationalsozialistischen Verfolgung gesellschaftlich zu verankern. Eine solche Anerkennung von Vielfalt kann als Weg hin zu einer „inklusiven Erinnerungskultur" gefasst werden, in der Partizipationsmöglichkeiten für möglichst viele Akteure geschaffen werden und in der ein Aufbrechen der gewohnten Masternarrative ermöglicht wird.

Leitfragen:

  • Was versteht man unter einer „inklusiven Erinnerungskultur“?:  Was heißt Inklusion im weiteren Sinn, nicht nur bezogen auf den Umgang mit sogenannten Behinderungen? Was bedeutet der Begriff für Geschichtsnarrationen? Was bedeutet Inklusion für die historische Bildung zum Nationalsozialismus? Wo wirken Geschichtskonstruktionen ausgrenzend? Wie können sie inklusiv wirken?
  • Wie funktioniert Hegemonie und Hierarchisierung von Erzählen?: Wer ist legitimiert, über historische Zentralereignisse wie den Holocaust Auskunft zu geben und wer nicht? Wird durch die gegenwärtige Gedenkkultur die rassistische und sexistische Ideologie des Nationalsozialismus nicht auch perpetuiert, etwa durch die mittlerweile kanonische Einteilung von Opfern in Juden/Jüdinnen, Sinti und Roma, Homosexuelle und ‚Behinderte’? Was könnten Alternativen zu solchen Schemata sein? Was wird erzählt und was nicht? Ist Schriftsprache noch das dominierende Ausdruckmittel, oder verliert sie ihre Bedeutung zugunsten von Bildsprache? Wie setzen Museen und Gedenkstätten neue Konzepte von Bild- und Schriftsprache um? Welche Ansätze braucht es zur Stärkung von solcher dann notwendigen Bildkompetenz?
II. ERINNERUNGSKULTUR UND DIGITALE MEDIEN

Das Internet hält eine Vielzahl von teils konkurrierenden, teils sich gegenseitig bestätigenden Geschichtserzählungen bereit. Hier findet man auf der einen Seite Angebote staatlicher oder halbstaatlicher Akteure (Träger historisch-politischer Bildung, Stiftungen, Museen etc.), auf der anderen Seite entdeckt man ein Patchwork an Geschichtsbildern und -konstruktionen vor, die höchst individuelle und subjektive Perspektiven zeigen und die sich nicht selten jenseits von historischen Kontextualisierungen bewegen, wie es häufig in Videos auf YouTube zu sehen ist. Dabei stellt sich die Frage nach der Legitimität von Sprecherpositionen genauso wie die nach möglichen Geschichtsrelativierungen, aber auch nach kreativen Artikulationsräumen. In den sozialen Medien wie Facebook sind viele dieser unterschiedlichen Inhalte zu finden. So erinnert das US Holocaust Memorial Museum oder Yad Vashem in unterschiedlichen und auch kreativen Formaten regelmäßig an Opfer des Holocaust.

Leitfragen:
Wie gehen digitale Medien mit Subjektivität und Emotionalität um?: Sind Erzählungen im Netz anders als die versachlichte Geschichtserzählung in den Institutionen der Wissenschaft? Wie wird, auch im internationalen Vergleich, mit Emotionen umgegangen? Und wie viel vom Gegensatz „Emotion vs. Sachlichkeit“ brauchen Geschichtsvermittlung und Rezipient_innen? Oder handelt es sich bei dem Gegensatzpaar von Emotion und Kognition nicht ohnehin um einen Scheingegensatz? Hier sind in den vergangenen Jahren insbesondere Archive mit Video-Interviews entstanden, die eine empathische Zugangsweise zur Geschichte des Holocaust und zum Nationalsozialismus ermöglichen – ohne dass wissenschaftlich grundlegend über den Zusammenhang von Empathie, Subjektivität und Emotionen reflektiert wurde.

Welche Auswirkungen haben Entkontextualisierung und ein „Chaos der Diversität“?: Im Internet gibt es – mit Ausnahme von thematisch fokussierten Portalen – wenig kanonisierte Erzählungen, vielmehr kann der Eindruck eines „Chaos der Diversität“ entstehen. Ist es wünschenswert, derlei Ausdrucksweisen der Geschichtskultur kontextfrei zu veröffentlichen, oder wie kann stattdessen mit der Dekontextualisierung von historischen Inhalten umgegangen werden? So werden immer wieder historische Quellen in den sozialen Medien wie YouTube veröffentlicht, ohne dass eine Quelle angegeben oder Angaben zum Kontext gegeben wurden. Welche Ansprüche an die empirische, narrative und kulturelle Triftigkeit können an geschichtskulturelle Produkte dieser Art gestellt werden?

III. „DAS AUTHENTISCHE ERZÄHLEN?“: NARRATIONEN IN DER „POST-AUGENZEUGENSCHAFT“

Die Zeitzeug_innen, die persönlich Zeugnis ablegen können über die nationalsozialistischen Verbrechen, werden weniger. Die zweite Generation, also die Nachfahren der Überlebenden, aber auch Personen, die noch die Möglichkeit hatte, Zeitzeug_innen kennenzulernen, nehmen eine zunehmend wichtigere Rolle ein.

Leitfragen/themen:

  • Mit dem absehbaren Ende der „Ereignisgeneration“ stellt sich die Frage danach, wie die Tradierung der Erzählungen über den Holocaust weitergeführt wird und werden kann. Eine Vielzahl der Stimmen und ihre mediale Aufbereitung, die Sehnsucht nach dem „Authentischen“ und der Kampf um die Interpretation des Erzählten und Tradierten stehen hier zur Debatte. Kritisches Geschichtsbewusstsein hat immer auch Authentizitätsansprüche und fragt nach der Echtheit und empirischen Triftigkeit von Zeugenschaft. Wie verändert sich ein solcher Anspruch in einer Zeit der „Post-Augenzeugenschaft“ und was bedeutet eine solche Veränderung für die Konzeption von Bildungsangeboten? Vor diesem Hintergrund fragt der Workshop nach den Konsequenzen und Folgen von Zeugenschaft in den Zeiten einer „Post-Augenzeugenschaft“.
  • Insbesondere medial aufbereitete Zeitzeugenschaft suggeriert das Potenzial eines Füllens der Leerstellen einer face-to-face gedachten. Inwiefern konstruieren medial aufbereitete Zeugnisgattungen, z.B. Videoarchive, neue Narrative, etwa indem sie Möglichkeiten eines produktiven und handlungsorientierten Umgangs mit historischen Quellen schaffen. Findet durch den wachsenden zeitlichen Abstand eine Dramatisierung und Emotionalisierung durch die Weiterverarbeitung der Zeugnisse, z. B. als Videos, statt? Welche Fachdisziplinen jenseits von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Pädagogik müssen befragt werden, damit wir die umfassenden medialen Transformationsprozesse von Zeugenschaft besser verstehen?

4. FORMAT DER EINREICHUNGEN

Die Beiträge auf der Konferenz sollen sich mit innovativen und zeitgemäßen Methoden und Ansätzen (z.B. aus dem Bereich des kooperativen Lernens, der Theaterpädagogik, politischer Partizipationsprojekte, Projekte in leichter Sprache, partizipativer Museumsformate, künstlerische und/ oder digitale Vermittlungsformen, Street Art, Comic, digital story telling, ...) jeweils einem Themenbereich widmen, der in den Einzelworkshops umrissen wird.

WIR ERWARTEN VORSCHLÄGE ZU DEN FOLGENDEN FORMATEN:
  1. Wissenschaftliche Präsentationen, die entweder neue Forschungsvorhaben und Fragestellungen thematisieren oder die vorgestellten Projekte reflektieren. Die Präsentationen sollen ebenso mit kreativen Formaten arbeiten, und ggf. in Co-Präsentation mit Projekten diskutiert werden. Für die hierzu notwendige Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis stellen die Veranstalter_innen entsprechende Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung.
  2. Projektvorstellungen, bei denen mit den Teilnehmenden kreative Methoden aus der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit durchgeführt werden.
  3. Projektpräsentationen, die sich kreativ und zugespitzt auf die Leitfragen eines Themenblocks beziehen.

Anhand der Einreichungen wird Struktur und Ablauf jedes Workshops in Rücksprache mit den Referent_innen gestaltet. Die Workshops werden von Kommentator_innen kontextualisiert und reflektiert, die über eine ausgewiesene Expertise sowohl in den angesprochenen Wissenschafts- als auch Praxisfeldern verfügen.

REICHEN SIE UNS BITTE FOLGENDE INFORMATIONEN EIN:
  • In welchem Workshop möchten Sie mitwirken?
  • Welches Themenfeld möchten Sie in diesem konkret ansprechen?
  • Welche Ziele verfolgen Sie mit ihrem Beitrag an dem Workshop?
  • Welches bzw. welche Beispiel(e) möchten Sie anführen?
  • Beschreiben Sie bitte Ihre Position zu den Leitfragen des jeweiligen Workshops und wie Sie diese thematisieren möchten.
  • Beschreiben Sie die Methoden, die Sie innerhalb des Workshops anwenden möchten und wieviel Zeit Sie hierfür benötigen.
  • Informieren Sie uns bitte kurz zu ihrer Person/ den sich beteiligenden Personen/ ihrer Organisation

Die Teilnehmerzahl für jeden Workshop wird bei etwa 25 Personen liegen, die Dauer eines Workshops bei insgesamt fünf Stunden.

DIGITALE EINREICHUNGEN (MAX. 3.500 ZEICHEN, INKL. LEERZEICHEN) BITTE BIS SPÄTESTENS ZUM 22. DEZEMBER 2014 AN:
Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V.
Birgit Marzinka
kontakt@agentur-bildung.de
Tel.: 0049 – 30 – 25 79 42 62
Dieffenbachstraße 76
10967 Berlin 
 
 
Durchführende Einrichtungen: Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte, Freie Universität Berlin. Die Tagung wird gefördert von der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” und vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst.
 

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