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Nadja Thelen-Khoder | 16.05.2020 | 308 Aufrufe | Artikel

„All das blieb in ihrem Gedächtnis und schmerzt im Herzen bis zum heutigen Tag“

Nach über 75 Jahren: Eine Gedenkstätte in Borki

Als ich die Liste der „beschäftigten” „Russen” der „Firma Heinrich Jungeblodt, Metallwarenfabrik Lippstadt“ (heute in Warstein) [1] abtippte [2], wußte ich bei Alexandra Andrjuschenko (geb. 1.8.1925) nicht, ob ihr Geburtsort „Norki“ oder „Borki“ hieß. Aber weil auch bei Alexandra Dentschik (12.9.1923), Maria Dunaschenko (geb. 4.6.1926), Barach Kulbatschna (geb. 13.11.1924), Tanja Matjach (geb. 29.1.1914), Maria Pilipez (6.7.1923) und Anastasia Tkatschenko (geb. 1910) die „Beschäftigungsdauer“ am 11.9.1944 begann und bei „Abgang“ bei allen „Eins. i. Westen“ bzw. „zum Westen im Einsatz“ bzw. „zum Westen“ steht, denke ich, daß auch sie aus Borki war.

Kennzeichnung „OST“ für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion (Bilddatensatz von Doc.Heintz – Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

„Am 15. Juni dieses Jahres wird in Borki eine Gedenkstätte für die Opfer des verbrannten Dorfes eingeweiht. Dort kamen ungefähr 2200 Menschen um, darunter fielen den Flammen zwei Cousins meiner Mama und die Frau ihres Onkels zum Opfer. Der Sohn ihrer Großmutter väterlicherseits kam nicht aus dem Krieg zurück, und ihre Tochter wurde von den Deutschen erschossen. Das Leid der Mutter, die alle verlor, ihre Kinder und ihre Enkel, ist unbeschreiblich.“

So schreibt Sinaida Aleksejewna Je. aus Belarus, Gebiet Mogiljow, im „Freitagsbrief Nr. 122“ vom März 2020 (Übersetzung aus dem Russischen von Karin Ruppelt), und vorher: „Als Borki brannte, fuhr der Großvater gerade mit dem Fuhrwerk zur Mühle ins Nachbardorf nicht weit von Borki, um Getreide zu mahlen. Die Großmutter sah den Widerschein eines gewaltigen Feuers am Himmel, und die Nachbarn erhoben ein Geschrei, dass Borki brennt. Die Großmutter wusste nicht wohin mit sich vor lauter Angst, dass der Großvater umkommen könnte. Aber er war auf dem Weg umgekehrt und kam rechtzeitig zurück. Und alle Dorfbewohner, ebenso wie auch die Bewohner des Nachbardorfs, flohen in den Wald in die Sümpfe. Jeder nahm ein Bündel nur mit dem Allernotwendigsten mit. Die restliche Kleidung und Dokumente stopften sie in ein Fass und vergruben es in der Erde. Sie schlichen sich durch die Sümpfe in die Tiefe des Waldes. Meine Mutter und ihre Schwester liefen als letzte und gerieten in einen Morast. Der Großvater bemerkte ihre Abwesenheit noch rechtzeitig, rannte zurück – da steckten sie schon bis zum Hals im Morast. Er rettete sie.

Sie lebten zwei Jahre lang im Moor im Wald. Sie bauten eine Erdhöhle und aßen, was sie fanden: verfaulte Kartoffeln, grünes Gras, Beeren, Pilze. Wie sie überlebten, weiß nur Gott. Mama sagt, dass noch lange Zeit der furchtbare Gestank verbrannter menschlicher Körper, Asche in der Luft hing.

1944 befreite die Rote Armee den Kirov-Bezirk von den Deutschen, und Großvater ging an die Front. Die Familie kehrte in ihr Dorf zurück, von dem nichts mehr übrig war. Die Deutschen hatten alles verbrannt, auch die Sachen, die sie im Fass vergraben hatten. Und die ganze Familie hatte praktisch weder Kleidung noch Schuhe.

Der Großvater kämpfte an der Front, wurde verwundet, blieb aber am Leben und kam bis nach Berlin. Er wurde mit Orden und Medaillen ausgezeichnet. Als einer von wenigen kehrte er aus dem Krieg zurück, war am Leben geblieben und heil. Viele kamen aus dem Krieg nicht zurück. Als der Großvater an der Front war, wuchsen die älteren Kinder, die Söhne, heran, halfen beim Bau der Erdhöhle, ...“

Das ist nur ein Teil dieses jüngsten „Freitagsbriefes“ – und ich schäme mich wieder: „Norki“ oder „Borki“ – nie vorher gehört. Sie sind so wichtig, diese „Freitagsbriefe“ von „KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion“: „Mehrere tausend ehemalige sowjetische Kriegsgefangene ... erfüllten unseren Wunsch ..., indem sie uns ihre Erinnerungen aufschrieben. Um einen blinden Fleck im deutschen Geschichtsbewusstsein zu tilgen, veröffentlichten wir wöchentlich ... Zeitzeugenberichte als ,Freitagsbriefe’.

... Dokumente im Unterricht nutzen. Schauspieler/innen inszenierten daraus Lesungen ... Hörbuch: ,Wir haben den Deutschen verziehen, um Menschlichkeit zu bewahren’ (Sprecher: Kornelia Boje, Wolfram Grüsser, Eberhard Radczuweit, Musik und Gesang: Jegor Wysotsky) ... für 10,00 € erhältlich ... Workshop ,Post für dich’ für Jugendliche ... kann auch in Einfacher Sprache und für Gebärdensprache-Verständige ... über das Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst gebucht werden.

Alle Freitagsbriefe können hier gelesen werden. Wir sind daran interessiert, dass die ,Freitagsbriefe’ genutzt werden, bitten aber um eine schriftliche Anfrage (Mail genügt).“ [3]

Aus dem „Freitagsbrief“ von Wasilij Dawidowitsch Lipartija aus Russland, Gebiet Rostow (aus dem Russischen von Valerie Engler) vom 2.6.2009: „Ich, Wasilij Dawidowitsch Lipartija, wurde am 23.3.1922 in Schdawa im Bezirk Galskij, Republik Abchasien, geboren. Ich bin Georgier. Ich habe die Schule nach zehn Klassen abgeschlossen und wurde 1941 in Kriegskommissariat berufen, da der Krieg begonnen hatte. Ich kam in die Fliegerschule in Nowypomynsk, dort wurde ich nur zwei Monate ausgebildet, da die Schule von den Deutschen bombardiert wurde. Mit den anderen Offiziersschülern wurde ich in die Infanterieschule in Stawropol´ verlegt. Im Mai 1942 kam ich als Unterleutnant an die Front bei Charkow. Im Juni 1942 wurde ich bei einem Gefecht durch Splitter am Arm und am Kopf verwundet. Durch den sogenannten ,Kessel von Charkow’ waren wir eingeschlossen.

Mit einer Gruppe von 18 Mann versuchten wir, den Kessel zu durchbrechen, aber während eines Gefechts mit den Deutschen wurde ich verwundet, ich hatte einen Brustdurchschuss und war bewusstlos, wie lange, weiß ich nicht. Als ich wieder zu mir kam, war ich voller Blut, hatte keine Stiefel mehr an den Füßen, mit Mühe stand ich auf und ging barfuß los. Ganz in der Nähe war ein Dorf, dort sah ich eine Frau, die ich um Wasser bat, sie sagte, ich dürfe kein Wasser trinken, dann befeuchtete sie mir Brust und Hals mit Wasser. Die Frau sagte, dass die Deutschen im Dorf seien. Die Deutschen entdeckten mich, aber ich hatte keine Kraft, um fortzulaufen, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Zwei junge Deutsche kamen auf mich zu, sie schlugen mich nicht, sondern führten mich zu einer Hütte, in der ihr Stab war.

Zwei deutsche Offiziere traten aus der Hütte, sie warfen einen Blick auf mich und einer der Offiziere sagte etwas, dann gingen sie zurück in die Hütte zum Essen. Dann kam eine russische Krankenschwester, eine Kriegsgefangene, zu mir, sie schnitt mein Hemd auf und machte mir einen Verband, dann bettete sie mich auf die Erde. So lag ich bis zum nächsten Morgen auf der Erde. Morgens etwa um sieben Uhr fuhr ein Wagen mit zwei Polizisten heran, sie riefen ,Steh auf!’ und beschimpften mich, aber ich konnte nicht aufstehen und so hoben sie mich hoch und warfen mich auf den Wagen, auf dem etwas Heu lag. Wir fuhren etwa zwölf Kilometer, wahrscheinlich zur Kreisstadt. Dort brachten sie mich in den Klub, in dem schon einige Verwundete waren, die aber laufen konnten. Danach brachten sie mich in einen Pferdestall, in dem schwer verwundete Soldaten lagen, etwa 300 Personen. Wir wurden von niemandem bewacht, da wir nicht laufen konnten. Meine Wunder infizierte sich und ich hatte Würmer. Zu Essen bekamen wir nichts, nur die Frauen und alten Frauen aus dem Dorf brachten uns manchmal etwas. Nach elf Tagen waren etwa 150 Männer gestorben.

Die Kriegsgefangenen, die noch am Leben waren, wurden auf die Straße getrieben, eine weitere Gruppe Kriegsgefangener stieß zu uns und zusammen marschierten wir etwa 80 Kilometer. Wer hinfiel und nicht mehr gehen konnte, wurde an Ort und Stelle erschossen. Wir waren etwa 1000 Mann und sie brachten uns in ein offenes Lager in Proskurow [Stalag 355], das mit Stacheldraht umzäunt war. Dort lagen und saßen wir auf der Erde. Wenn jemand aufstand, schossen die Wachleute von ihrem Wachturm herunter. Ich war dort eine Woche. Dann wurden wir nach Wlodzimier Wolynski [Stalag 365] getrieben, das war ein geschlossenes Lager, in dem wir in Baracken lebten. Dort war ich zwei Monate. Dann brachten sie uns nach Polen in die Stadt Schotakowa [Tschenstochau Stalag 367]. Dort war es sehr hart. Wir bekamen 333 Gramm Brot und zweimal am Tag Balanda mit Kartoffelschalen. Von 30000 Kriegsgefangenen sind etwa die Hälfte an Hunger und Kälte gestorben. Ich war dort bis 1943.

Dann wurde ich nach Deutschland gebracht, nach Stuttgart, wo ich in der Schillerschule Nr. 2030 oder 3020 war, genau weiß ich das nicht mehr. Meine Lagernummer war 28880. Dort war ich bis 1945. Wir wurden zu Schwerstarbeit gezwungen, mussten Zement oder Sand ausladen, arbeiteten in der Kanalisation, räumten die Straßen und die Straßenbahnschienen nach den Bombenangriffen der Amerikaner usw. Wir arbeiteten von früh bis spät. Die Deutschen behandelten uns Kriegsgefangene schlecht und schikanierten uns, für sie waren wir keine Menschen.“

Und wieder denke ich an Petr Turischew und frage mich, wie viele Mühen das Personal der „Anstalt“ in Suttrop [4] wohl auf sich genommen hat, ihn und die vielen anderen sowjetischen Bürger zu pflegen, die noch nach ihrer Befreiung im „Reservelazarett Warstein“ starben. In den nächsten Wochen ist fast jeder Tag in Warstein ein Gedenktag, wenn wir auch an die vielen sowjetischen Soldaten denken, die dort vor 75 Jahren starben.

„Pascha, paß auf die Kinder auf!“ [5]

Anmerkungen

[1] 2.1.2.1 / 70681785 – 70681801, ITS Digital Archive, Arolsen Archives

[2] „Jugend forscht im ITS. Ein Fallbeispiel - Heinrich Jungeblodt. 1“ auf www.hpgrumpe.de/ns_verbrechen_an_zwangsarbeitern_suttrop,_warstein,_meschede/203_Jugend_forscht_im_ITS-Ein_Fallbeispiel-Heinrich_Jungeblodt.pdf

[3] https://kontakte-kontakty.de/freitagsbriefe/; E-Mail: info@kontakte-kontakty.de

[4] „ ,Massenmord auf dem Dienstweg’. Texte aus dem Landeshaus“ auf http://www.hpgrumpe.de/ns_verbrechen_an_zwangsarbeitern_suttrop,_warstein,_meschede/205_Massenmord_auf_dem_Dienstweg.pdf, auch als Artikel auf https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/massenmord_auf_dem_dienstweg?nav_id=8758

[5] „ ,Hier ruhen russische Bürger, in faschistischer Gefangenschaft bestialisch gequält’. Die Toten auf dem ,Russischen Ehrenfriedhof des Anstaltsfriedhofs’ der LWL-Klinik in Warstein-Suttrop. Eine Spurensuche“ auf http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/NTK-BUCH-RussEhrenfriedhofSuttrop-TextStand202001040.pdf, S. 64-71

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