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Georgios Chatzoudis | 04.09.2014 | 310 Aufrufe | Artikel

4 Sept. (Forts)

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Ausgeladen gegen Mittag, nach mehr als sechzigstündiger Fahrt, in Mülhausen in Ostpreussen. Quartier in Baarden, etwa 15 Kilometer weiter. Das Ostpreussische wellige Land, mit seinen Wiesenflächen, schöngeformten Baumgruppen, Tälern und Höhen, hat auf mich einen wahrhaft bezaubernden Eindruck gemacht. Selten hat mich irgendeine Landschaft gleich von Anfang an so angeheimelt und gepackt. Dieses ganze schöne Land sollte noch vor vierzehn Tagen der Verwüstung durch die Russen preisgegeben werden. Der Sieg bei Ortelsburg, der immer grössere Dimensionen annimmt, hat es gerettet. Aber die Russen stehen noch immer einige zwanzig Kilometer von unserem Quartier, bei Mehlsack und Wormditt, ihre Nordarmee ist noch ungeschlagen, und Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, so schwer es Einem wird, an eine Gefahr zu glauben, wenn man dieses blühende, friedliche Land sieht. Nach einem regnerischen Vormittag war der Abend ganz hell; das Land lag in glasartiger Klarheit da. Nach Sonnenuntergang wölbte sich der westliche Himmel wie eine goldene Kuppel über der sanft ansteigenden grünen Wiesenfläche vor dem Hause. Nichts konnte entrückter, jedem Kriegsgedanken ferner sein als diese dem Hintergrunde irgendeines frühdeutschen Madonnenbildes gleichende Abendlandschaft.

Polen - Gruppenbild deutscher Soldaten im Feld, mit Lebensmitteln, in der Mitte ein Schild mit der Aufschrift "Wir verhungern noch lange nicht", 1914

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