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M.A. Jens Christian Thomas | 07.04.2012 | 2312 Aufrufe | 2 | Artikel

Zur Abschaffung der Mongolistik in Bonn

Die Bonner Mongolistik hat sich seit ihrer Gründung durch Walther Heissig einen internationalen Ruf erworben. Es existieren zahlreiche internationale Vernetzungen. Anders als bei anderen Mongolistik-Standorten in Deutschland existierte bisher auch eine Professur. Die Professur ist zur Zeit vakant, da nach der Bewährungszeit keine Aussicht auf eine Entfristung der Stelle gegeben wurde.
Damit war Bonn bis in jüngste Vergangenheit der einzige Ort in Deutschland, an dem das ganze Spektrum der akademischen Ausbildung (Studium, Promotion) angeboten wurde.
Die zögerliche Haltung hinsichtlich der Entfristung der Professur hat ihren Grund in Sparmaßnahmen, die insbesondere die Philosophische Fakultät in Bonn betreffen. Im Zuge dieser Sparmaßnahmen soll die Bonner Mongolistik zum Ende des Sommersemesters 2012 gänzlich geschlossen werden.

Die deutschlandweite Situation dieses Faches hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verschlechtert.
Die in der DDR vorhandenen Mongolistik-Standorte in Berlin und Leipzig sind nach der Wende stark reduziert worden. So existiert momentan in Berlin eine halbe Stelle (Frau Dr. Ines Stolpe) und in Leipzig eine Mittelbaustelle (Herr Dr. Klaus Koppe) für Mongolistik. Daher kann in beiden Fällen auch nicht direkt im Bereich Mongolistik promoviert werden.
Der Standort der Mongolistik in Leipzig wird in nicht allzu ferner Zukunft wohl ebenfalls von Kürzungen betroffen sein. Diese Kürzungen werden alle sächsischen Hochschulen betreffen, weswegen dagegen zur Zeit auch eine Petition durchgeführt wird (http://openpetition.de/petition/online/ruecknahme-der-vorgesehenen-stellenkuerzungen-an-saechsischen-hochschulen).

In einer Diskussion über den Nutzen einer Mongolistik überhaupt kann ein Quantitätsargument nicht greifen: die im Vergleich zu Fächern wie BWL oder z.B. der in neuerer Zeit stärker in Mode gekommenen Islamwissenschaft geringen Studentenzahlen stellen kein Hindernis für eine Fortführung der akademischen Ausbildung dar, da in unserem Falle nicht die Menge der Absolventen, sondern die qualitative Ausbildung weniger Spezialisten im Vordergrund steht. Fünfzig neue Mongolisten pro Jahr braucht Deutschland nicht, aber einige gute Spezialisten, welche auch in Bezug auf die neuen Wirtschaftskontakte mit Gewinn eingesetzt werden können.
Frau Dr. Merkels Ausführungen dazu sind hinlänglich bekannt und müssen hier nicht wiederholt werden.
Dass ergänzende Kenntnisse in Kultur und Sprache einer Nation, mit der man wirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten gedenkt, für die einzelnen Unternehmen im Umgang mit der Zielnation selbst sehr förderlich sind, ist eine Binsenweisheit. Letztendlich laufen auch internationale Wirtschaftsbeziehungen über Menschen mit einem jeweils anderen kulturellen Hintergrund.

Die Mongolistik in Deutschland ist daher auch aus diplomatischer Hinsicht von Wichtigkeit. Die Mongolei unterhält keine dem Goethe-Institut vergleichbaren Institutionen in Deutschland. Die Bonner Mongolistik übernimmt in gewisser Weise diese Aufgabe, indem sie für alle Interessierten offene Sprach- und kulturbezogene Kurse anbietet. Damit popularisiert sie Wissen über die Mongolei und macht die Sprache, Geschichte und Kultur dieses Landes zugänglich und greifbar.

Die Bonner Mongolistik ist zudem im Bonner Asienzentrum fest verankert. Das Asienzentrum ist eine deutschlandweit einzigartige Verknüpfung verschiedener Fachbereiche der Orient- und Asienwissenschaften.
Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass das Fach Mongolistik sich nicht nur auf das Gebiet der heutigen souveränen Mongolei bezieht, sondern aufgrund der historischen (und Quellen-) Situation ganz Zentralasien und weite Gebiete Ost- und Vorderasiens umfasst. Dies hat seinen Niederschlag in kultureller und religiöser Diversität und Pluralität bei den (nicht nur in der heutigen Mongolei lebenden) Mongolen gefunden.
Damit ist die Mongolistik wie kein anderes Fach stark interdisziplinär ausgelegt und schafft eine Verknüpfung ganz verschiedener Teilbereiche (Arabistik, Slavistik, Sinologie, Koreanistik, Indologie, Japanologie etc.). Gerade in Bezug auf die Untersuchung kultureller Grenzbereiche und Überschneidungen gibt es sehr viele Anknüpfungspunkte.
Da in der Mongolei selbst ein starkes historisches Bewusstsein besteht, darf die Mongolistik auch nicht auf ein bloßes Spracheninstitut reduziert werden. Durch historische Beschäftigung erlangt man (Er-)Kenntnisse über die Gegenwart und ein Verständnis für die kulturellen Gegebenheiten. Daher ist eine die alte wie moderne Sprache sowie Geschichte und Kultur vermittelnde Institution nötig.

Die Existenz der Mongolistik in Bonn wird aus diesen Gründen aus der Mongolei als Kulturvermittlungsinstanz und wissenschaftliche Einrichtung durchaus als wichtig angesehen und ihre Zukunft mit Interesse verfolgt.
Eine Industrienation wie Deutschland mit klaren wirtschaftlichen Interessen kann es sich in Bezug auf einen souveränen und in näherer Zukunft wirtschaftlich wichtigen Staat nicht leisten, eine die Kultur und Sprache vermittelnde und akademische Ausbildung garantierende Institution aufzugeben.

Die Einrichtung einer adäquaten Professur ist daher wünschenswert und notwendig.

Private und studentische Sammeleingaben sind beim Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen eingegangen.
Der Präsident der Mongolei, Ts. Elbegdorj, sprach bei seinem Deutschlandbesuch Ende März dieses Jahres dieses Thema an und sagte finanzielle Unterstützung zur Fortführung unseres Faches zu.
Dafür danken wir, alle Beteiligten, ganz herzlich und hoffen auf eine gute und enge Beziehung unserer beiden Länder und eine neue Blüte der Mongolistik in Deutschland!

Bayarlalaa!
  

Jens Thomas

Universität Bonn
IOA
Mongolistik

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Siegel Güyük Khans in der klassischen mongolischen Schrift

Kommentar

von Prof. Dr. Lydia Haustein | 11.04.2012 | 10:10 Uhr
Die Abschaffung der Mongolistik empfinde ich als Katastrophe. Wir alle reden von Transdisziplinarität und verteidigen diese, wenn es darauf ankommt, doch so zögerlich! Es ist auch erschreckend zu lesen, wie hilflos ökonomische Argumente ins Feld geführt werden. Die Mongolistik ist auch jenseits ihrer merkantilen Verwertbarkeit eine unschätzbare Quelle des Wissens und des kulturellen Reichtums für uns Laien. Wir sollten für diese Kostbarkeit kämpfen.

Kommentar

von Dr. Bayar Erdenechimeg | 25.04.2012 | 16:04 Uhr
Es war für mich schon damals Mitte 2000 verwunderlich, warum die Stellen an Unis nicht mehr besetzt werden konnten. Wenn die Misere an deutschen Unis weiter anhält, wird sich diese irgendwann an Wirtschaft rächen. Es sei denn für deutsche Unternehmen, die gerade (vertraglich vereinbarte neue wirtschaftliche Vorhaben in Bergbau und Energiesektor) an Mongolei-Kuchen teilhaben möchten, fehlt es an Mongolei-Kenner. Einfach.

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