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M.A. Lena Thiel | 07.08.2014 | 2184 Aufrufe | Ankündigungen

Vermessen und Kartieren.
Landvermessung als frühneuzeitliche Herrschaftspraxis

In kaum einem anderen Fürstentum dokumentieren die erhaltenen Bestände an geodätischen Instrumenten, kartographischen Arbeiten und zugehörigen Archivalien die frühneuzeitlichen Landeserfassungen so umfassend wie in Sachsen. In der Frühen Neuzeit haben viele Territorialherren aufwändige Vermessungen und maßstabgetreue Kartierungen ihrer Länder in Auftrag gegeben, um die Räume zu erfassen und damit auch Herrschaft zu beanspruchen. Kurfürst August von Sachsen (reg. 1553–1586) sticht dabei wie kein anderer Herrscher hervor, denn er gab Landesaufnahmen seines Territoriums nicht nur in Auftrag, sondern führte sie sogar höchstpersönlich durch und brachte die Ergebnisse in seinem Reißgemach selbst zu Papier. Auch die 1560 erfolgte Gründung der Dresdner Kunstkammer steht laut jüngster Erkenntnis in engem Zusammenhang mit der ausgeprägten Begeisterung des Kurfürsten für Kartographie und Geodäsie.

Das Beispiel Kursachsen

Dieses Interesse lässt sich besonders gut in den kurfürstlichen Unternehmungen zur Konstruktion technischer Instrumente nachvollziehen, die zur Optimierung der Vermessung beitragen sollten. So ist überliefert, dass der Kurfürst – ohne Kosten und Mühen zu scheuen – mehrere Spezialisten mit der Erstellung eines Automaten beauftragte, der Strecken- und Winkelmessung vereinen sollte. Das Inventar der Dresdner Kunstkammer von 1587 verzeichnet insgesamt zwölf solcher Geräte, die jedoch nicht mehr alle erhalten sind. Unter den noch vorhandenen sticht durch exakte Verarbeitung und zuverlässige Funktionsweise vor allem der Wegmesser von Christoph Drechsler d. Ä. aus dem Jahr 1584 hervor (Abb. 1), der das vermessungstechnische Bestreben des Kurfürsten versinnbildlicht und materialisiert.

Das Beispiel Kursachsen verdeutlicht, dass in der Frühen Neuzeit Messen und Kartieren, geodätische Instrumente und Risse an Durchschlagskraft gewannen, um Handlungsräume zu erfassen und zu beanspruchen. Die jüngst erschienene Publikation ‚Fürstliche Koordinaten. Landesvermessung und Herrschaftsvisualisierung um 1600‘ nimmt genau diese Praktiken von Vermessen und Kartieren in den Blick, um das Zusammenspiel von technischen Objekten und schriftlichen Aufzeichnungen sowie die Wechselwirkungen von neuen Technologien und kulturellen Diskursen zu ermitteln. Kursachsen bildet deshalb den Ausgangspunkt, um die Herrschaftsdurchdringung mittels Geodäsie und Kartographie auch für andere Territorien des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts kritisch zu hinterfragen. Besonders den Einfluss von Produktion, Präsentation und Nutzung instrumenteller und kartographischer Zeugnisse auf zeitgenössische Herrschaftskonzepte gilt es zu erörtern.

Abb. 1: Christoph Trechsler, Wagenwegmesser, Dresden 1584.

Neue Perspektiven – Objekte im interdisziplinären Zugriff

Mit diesen Fragen greift der anregende Sammelband ein Aufgabenfeld der modernen Wissenschaftsgeschichte auf, dessen Potential bislang wenig berücksichtigt und sicherlich nicht ausgeschöpft wurde. Bisherige Studien zu Messinstrumenten haben vor allem die technische Seite der Produktion und Anwendung ausgeleuchtet und Kartenstudien orientierten sich lange Zeit fast ausschließlich an der Funktion des Mediums, immer präziser werdende Daten möglichst exakt auf ein Koordinatennetz zu projizieren. Im Gegensatz dazu rücken in der aktuellen Forschung die Objekte hinsichtlich ihrer Materialität und Handlungsfähigkeit, der sog. agency, ins Zentrum. Ziel dieses innovativen Zugangs ist es, die technologischen und kartographischen Erzeugnisse zusammen und fachübergreifend in ihrer kulturhistorischen Wirksamkeit zu erfassen. Das bedeutet konkret, Karten und Instrumente in die frühneuzeitliche Herrschafts-, Hof- und Sammlungskultur einzubetten und die damit verbundenen wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Einschreibungen zu berücksichtigen.

Verschiedene Beiträge stellen deshalb vor allem die objektbezogene, pragmatische Dimension kartographischer Vermessungstätigkeiten heraus. Neben der praktischen Leistungsfähigkeit der Instrumente umfasst dieser Zugang etwa auch ihre symbolische Wirksamkeit im Feld und am Hof oder die Rolle der systematischen Niederschrift mathematisch begründeter Vermessungen als Medium der Verwaltung und Kontrolle. Ebenso untersucht werden die kunsthistorischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturgeschichtlichen Implikationen dieser Messgeräte, ihrer Formen und Materialien.

Die einzelnen Aufsätze kommen aus ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen der modernen Wissenschaftsgeschichte wie der Kartographie- und Geographiegeschichte, der Archiv- und Museumskunde, aber auch aus den Kunst- und Landeswissenschaften, der Politik- und Kulturgeschichte. In vier Themenblöcken veranschaulicht der Band auf eindrückliche Weise, dass solche Fragestellungen nur in einer interdisziplinären Kooperation zu erfassen sind.

Der Souverän und seine Kunstkammer

Die Instrumente, ihr Sammler sowie ihr Aufbewahrungsort stehen im Zentrum der ersten Sektion des Bandes, die, von den Objekten ausgehend, die Kurfürstliche Kunstkammer und das Reißgemach im Residenzschloss Dresden sowie die dort ausgeübten vielfältigen Aktivitäten des Kurfürsten als Geodät und Kartograph in den Blick nimmt. Kunstkammer und Reißgemach, also die Orte, an denen Kurfürst August seine technischen Instrumente (Abb. 2) sowie auch wissenschaftliche Schriften verwahrte, waren der Kunsthistorikerin Barbara Marx (Dresden) zufolge ein Raumensemble, das auf die persönlichen Bedürfnisse und geodätischen Interessen des Souveräns zugeschnitten war. An diesem Ort vereinigten sich zeitgenössisches Fachwissen und instrumentelle Grundlagen. So vermittelt die Struktur der Sammlung, die bei der Inventarisierung nach dem Tod des Kurfürsten 1586 offengelegt und in eine museale Disposition überführt wurde, einen speziellen Zugang zur dort praktizierten objektbezogenen Gelehrsamkeit, die ihre eigene Handlungsmacht entfaltete.

Der Kartograph Wolfram Dolz (Dresden) beschreibt August selbst als einen auch im höfischen Vergleich außergewöhnlichen Herrscher, der sich neben seiner Sammelleidenschaft auch aktiv bei der Vermessung und Kartierung seines Landes betätigte. Das Beispiel einiger Gerätschaften, die für die Streckenmessung notwendig waren, wie einem mechanischen Wegmesser samt den aus den Messungen hervorgegangenen Routenrollen, lässt die vielfältigen Bestrebungen des Kurfürsten erkennen, im Zusammenwirken mit Gelehrten und Kunstmechanikern innovative Instrumente zu entwickeln, Vermessungsmethoden zu optimieren sowie Geodäsie und Kartographie miteinander zu verbinden.

Abb. 2: Zeicheninstrumente: Lineal, Vollkreis-Winkelmesser, Reduktionsmaßstab, um 1570, Messing vergoldet.

Messen und Kartieren im frühneuzeitlichen Sachsen

Der erweiterte Blick auf Kursachsen zeigt anhand der in Auftrag gegebenen Vermessungskampagnen auf, wie Herrschaftswissen im Zuge der messtechnischen Professionalisierung generiert und mit welchen Strategien Herrschaftsräume definiert wurden. Dabei geht es auch um die Frage, wie etwa Grenzziehungen festgelegt, rechtlich hinterfragt, wahrgenommen und instrumentalisiert wurden. So schildert die Historikerin Martina Schattkowsky (Dresden), wie der Staat im Zuge der Landesverwaltungsreform von 1547/48 in die örtlichen Verwaltungen vordringen und seine administrativen Strukturen ausbauen konnte. Dabei wird die Wahrnehmung von Grenzen aus Perspektive der Akteure, also der Untertanen und Grundherren, nachvollziehbar. Interessant ist die Feststellung, dass Karten als materialisierte, eigenständige Beweismittel und Vertragsbestandteile nur allmählich Eingang in die ländliche Alltagspraxis fanden, während immaterielle, verbale Beschreibungen bei lokalen Grenzfragen in Sachsen noch bis ins 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt haben. Diese Erkenntnis führt deutlich vor Augen, dass Objekte – in diesem Fall Karten – im jeweiligen Verwendungszusammenhang ihre Wirkmacht unterschiedlich intensiv entfalten konnten.

Der Archivar Peter Wiegand (Dresden) untersucht die um 1580 erfolgte Landesaufnahme Kursachsens, der eine doppelte Funktion als Herrschaftsinstrument und Repräsentationsmedium zuzuschreiben ist. Die drei Ebenen von Kontext, Intention und Funktion verdeutlichen die enge wechselseitige Verflechtung von kurfürstlicher Landesherrschaft und raumgreifender Landesvermessung, mit der Matthias Öder und sein Neffe Balthasar Zimmermann betraut waren. Dass Karten nicht nur Medium, sondern auch Ergebnis territorialer Herrschaft sein können, macht das Beispiel der Kursächsischen Landesaufnahme, der sogenannte Ur-Öder (Abb. 3) deutlich, den Matthias Öder um 1590/1600 anfertigte. Als Objekt, das fiskalisches Herrschaftswissen in Textform integriert, generiert und fixiert der Ur-Öder Besitzkomplexe und Grenzen.

Die Professionalisierung und Etablierung der Vermessungskartographie, die in enger Wechselwirkung mit den sich zusehends präzisierenden Messinstrumenten steht, beleuchtet schließlich Diplomingenieur Frank Reichert (Dessau) am Beispiel der beiden kurfürstlich-sächsischen Markscheider namens Georg Öder der Jüngere senior (bezeichnet als Georg Öder II.) und junior (Georg Öder III.). Detaillierte Archivstudien lösen die Wirren um die Identitäten beider Männer auf, die bisher meist für eine einzige Person gehalten wurden. Georg Öder II., der mit den Vermessungen der landesherrlichen Wälder und Jagden Sachsens betraut war, tritt klar erkennbar als Initiator einer kartographische Tradition hervor, die ihren Ausdruck in wegweisenden Werken und Kartierungen fand.

Abb. 3: Matthias Öder, Kursächsische Landesaufnahme (sog. ‚Ur-Öder‘), Blatt 252, Gegend westlich von Mügeln mit Teilen des Amtes Grimma, um 1590/1600, Maßstab 1:13.333.

Kartographie als Herrschaftsmittel in deutschen Territorien

Die dritte Sektion befasst sich mit der landesherrlichen Kartographie und dem Verhältnis von Herrschen und Kartieren an verschiedenen fürstlichen Höfen im Reich und in Europa, um die für Kursachsen erarbeiteten Mechanismen umfassender einzuordnen. Ingrid Baumgärtner (Kassel) zeigt am Beispiel der Landgrafschaft Hessen-Kassel die Funktion von Landesaufnahmen als politischem Mittel im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert auf. Denn Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel und später sein Sohn Moritz der Gelehrte nutzten Messkampagnen, um neuerworbene Burgen und Landschaften der Verwaltung der Landgrafschaft zu unterwerfen und die lokalen Voraussetzungen für wirtschaftliche und militärische Maßnahmen zu erkunden. Die Arbeiten des Hofkartographen Wilhelm Dilich, darunter die ‚Hessische Chronica‘ von 1605 und die 1607 begonnenen ‚Landtafeln hessischer Ämter zwischen Rhein und Weser‘, visualisieren die politischen Herrschaftsansprüche der Landgrafen mittels Historiographie, Geodäsie und Kartographie. Die agency räumlich-geographischer Vorstellungsbilder erscheint in diesem Fall als eine Art Propagandainstrument zur Durchsetzung von Macht.

Karten als Informationsträger frühneuzeitlicher Herrschaft stehen im Zentrum von Johanna Lehmanns (Würzburg) landesgeschichtlicher Studie. Sie führt anhand zweier kleinmaßstäbiger Regionalkarten des Spessarts, der sog. Rieneck- und der Pfinzingkarte, aus, wie Auftraggeber und Kartenproduzenten gegen Ende des 16. Jahrhunderts den Karteninhalt situationsbedingt gestalteten. Die im Kontext außergerichtlicher Streitigkeiten erstandene Rieneckkarte demonstriert eindrucksvoll die politische Stellung und die territorialen Ansprüche ihrer Auftraggeber, der namensgebenden Hanauer Grafen, die im Zuge der Territorialisierung die Grenzen ihrer Besitzungen und die damit verbundenen Rechte schriftlich fixieren ließen. Der Vergleich beider Karten verdeutlicht, dass der Inhalt und das kartographische Design dem jeweiligen Gebrauchszusammenhang angepasst wurden, um letztlich dem Objekt Karte eine stärkere Handlungs- und Wirkmacht zu verleihen.

Thomas Horst (München) stellt heraus, dass Karten auch im juristischen Gebrauchskontext eine wesentliche Funktion zukam. Deutlich machen dies die sogenannten Augenscheinkarten, also skizzenhafte Bildkarten ohne Anspruch auf Messgenauigkeit. Im Bayern des 16. und 17. Jahrhunderts stellten sie ihre ganz eigene Wirkmacht unter Beweis, indem sie zum Teil maßgeblich auf Gerichtsentscheide einwirkten. Einzelne Fallstudien belegen darüber hinaus, dass dieser in der Forschung bisher nur am Rande behandelte Kartentyp, der die Landschaft in Form von Momentaufnahmen skizziert, über die juristische Entscheidungsfindung hinaus auch heute noch Beachtung verdient, weil die verblüffende Präzision aussagekräftige Rückschlüsse auf die damalige Topographie erlaubt.

Weiteren kleinräumigen Vermessungskampagnen, die sich in Stadtplänen und -modellen des 16. Jahrhunderts konkretisierten, wendet sich der Kunsthistoriker Stephan Hoppe (München) zu. Während die Stadtdarstellung im Modus der Ansicht bereits gut erschlossen ist, wird deutlich, dass die Forschung Fragen nach der Anwendung neuer Techniken und Projektionsverfahren sowie ihrer konkreten Materialisierung in Karten und Plänen bisher vernachlässigt hat. Dazu gehörte beispielsweise auch die neue Technik der Polygonierung, die in Objekten wie dem Venedig-Plan des Kupferstechers Jacopo de’ Barbari von 1500 (Abb. 4) umgesetzt wurden. Dieses und zahlreiche weitere Beispiele aus der ergiebigen mitteleuropäischen Überlieferung lassen den Zusammenhang zwischen exakten Vermessungen, frühem Modellbau und erneuerter Stadtbefestigung erkennen.

Abb. 4: Jacopo de’ Barbari, Planansicht der Stadt Venedig 1500, Holzschnitt.

Kartieren in Italien und den Niederlanden

Abschließend richtet sich der Blick auf zwei weitere für die kartographische Entwicklung wichtige und führende Territorien, nämlich Italien und die Niederlande. Die historische Geographin Laura Federzoni (Bologna) beleuchtet die Aktivitäten ausgebildeter Vermessungsingenieure für italienische Adelsfamilien um 1600. Die Familien stellten Fachkräfte ein, die Gebiete am Unterlauf des Po und des Königsreiches Sizilien vermaßen und kartierten. Die agency der Karten sollte schließlich im Fall lokaler Grenzstreitigkeiten oder bei Geländearbeiten zum Tragen kommen, also in Situationen, die nach einer administrativen Durchdringung regionaler Räume verlangten. Auf der Objektebene fand diese messungstechnische Entwicklung ihren Höhepunkt schließlich in dem aus 61 Einzelkarten bestehenden und posthum gedruckten Atlas ‚Italia‘, in dem der Bologneser Professor für Mathematik und Astronomie Giovanni Antonio Magini das gesamte technische, administrative, politische, militärische und kulturelle Wissen der Zeit vereinen konnte. Seine guten Kontakte zu führenden Potentaten ermöglichten ihm die detaillierte Wiedergabe politischer und administrativer Einheiten.

Die Wechselwirkungen zwischen Kartieren, Repräsentieren, Außenpolitik und Kommerz im 16. Jahrhundert veranschaulicht Julien Bérards (Bayreuth) Analyse der staatlich geförderten Kartierungsprojekte der Habsburger in den Niederlanden und in Spanien. Die Beispiele verdeutlichen, dass die Verbreitung und Handlungsmacht offizieller Karten stark im Spannungsfeld von kommerziellen Interessen der Kartographen und Drucker stand. Denn selbst die Regierung nutzte die Möglichkeiten des schnell wachsenden Marktes, um die zu repräsentativen Zwecken hergestellten Kartierungen in Umlauf bringen. So lässt sich gut erkennen, dass die habsburgische Kartographie, auch in Spanien, in besonderem Maße den Gesetzen des freien Marktes unterworfen war.

Abschließend formuliert Tanja Michalsky (Berlin) einige weiterführende Überlegungen zur Intentionalität geographischer Karten, die sie an niederländischen Beispielen des 16. und 17. Jahrhunderts erläutert. Auf Basis der Arbeiten des historischen Kartographen Gyula Pápay entwickelt Michalsky ein ‚Konzept intentionaler Objekte‘, das dazu dienen soll, die Leitlinien und Motive bei der Kartenherstellung im Interpretationsvorgang wieder aufzudecken. Auf einer solchen Metaebene ist die agency von Karten als vielschichtigen und komplexen Gegenständen nochmal besonders klar zu erkennen. Die konkreten Beispiele, so auch der ‚Leo Belgicus‘ von Frans Hogenberg (1583), verdeutlichen schließlich die Möglichkeiten, Karten durch die Art ihrer Gestaltung intentional zu modifizieren und so die enthaltenen Informationen, wie Orte, Beschriftungen oder Lokalisierungen, intentional dem Zugriff von Produzenten und/oder Rezipienten anzupassen.

Ergebnisse

Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass Messinstrumente und Karten als Ausdruck vielseitiger Interessen und Bedürfnisse zu verstehen sind und eine eigene Handlungsmacht entfalteten. Überlegungen zur Sammlungsstruktur der kurfürstlich-sächsischen Kunstkammer und zu den Aktivitäten des geodätisch tätigen Kurfürsten bilden dabei nur den konkreten Ausgangspunkt, um zu untersuchen, wie europäische Fürsten mit den Möglichkeiten des Vermessens und Kartierens umgingen, um etwa ihre Hoheitsgebiete und Machtansprüche zu behaupteten, sich Reputation in Wissenschaft und Mäzenatentum zu erwerben oder ihren Reichtum einem ausgewählten Publikum zu präsentieren. Zentrales Verdienst dieser neuen Forschungen ist es, die vielschichtige kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung dieser Technologien weiter zu hinterfragen und im Kontext der frühneuzeitlichen höfischen Gesellschaft und der an den Höfen und Universitäten geförderten Wissenschaften neu zu interpretieren. Mit der Erforschung der kulturwissenschaftlichen und objektbezogenen Implikationen einer geodätisch-kartographisch dimensionierten Herrschaftsdurchdringung liefert der Band einen wesentlichen Beitrag zur politischen Kultur geodätischer und kartographischer Produkte und hebt sich damit von den klassischen Themen der Kartographiegeschichte ab. Seine Interdisziplinarität gibt dem Diskurs über die Bedeutung der neuen Vermessungstechnologien und Kartierungspraktiken für die Herausbildung europäischer Territorialstaaten neue Impulse.

Ingrid Baumgärtner (Hg.), Fürstliche Koordinaten. Landesvermessung und Herrschaftsvisualisierung um 1600 (Schriften des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde 46), Leipziger Universitätsverlag: Leipzig 2014.

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