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Georgios Chatzoudis | 26.09.2017 | 603 Aufrufe | Interviews

"Massenhysterische Verfassung des Zeitgeistes"

Interview mit Christian Kohlross über neurotische Kollektive

Die Diagnose des Kulturwissenschaftlers und Psychotherapeuten Dr. Christian Kohlross lautet kurz und knapp: Die westlichen Gesellschaften sind therapiebedürftig. Symptome der diagnostizierten kollektiven Neurose seien vor allem Hysterie, Depression und Narzissmus. Zuletzt haben wir in einem Interview mit dem Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Hans-Jürgen Maaz über ganz ähnliche Phänomene gesprochen, der die Ursachen für das Führen eines falschen Lebens in Überanpassung und Überkonformität ausmachte. Christian Kohlross setzt einen anderen Akzent zur Erklärung von der von ihm festgestellten kollektiven Neurose, in der Affektisolierung, Externalisierung und kognitive Dissonanz eine entscheidende Rolle spielen. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Ängstigende, für unaushaltbar gehaltene Gefühle, werden verdrängt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kohlross, Sie haben aus psychologischer Perspektive ein Buch über den gegenwärtigen Zustand westlichen Gesellschaften geschrieben, den Sie als „kollektiv neurotisch“ bezeichnen und für therapiebedürftig erachten. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben. Welche Beobachtungen und Gedanken gingen Ihrer Arbeit voraus?

Dr. Kohlross: Da ich nicht nur kulturwissenschaftlich, sondern auch psychotherapeutisch in eigener Praxis tätig bin, sehe ich täglich Menschen, für die das Problem, bei dem sie Hilfe suchen, in der Regel nicht dasjenige ist, das sie für ihr Problem halten. Das heißt, sie leiden unter Symptomen, aber der Zugang zu den diese Symptome verursachenden Gefühlen ist ihnen in der Regel versperrt.  Sie, diese ängstigenden, für unaushaltbar gehaltenen Gefühle, werden verdrängt.

Irgendwann wurde mir beim Verlassen meiner Praxis bewusst, wie sehr ich selbst verdränge – den Umstand nämlich, dass sich im politischen Tagesgeschehen  etwas sehr Ähnliches ereignet wie im Leben von Menschen, die psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Menschen fürchten sich vor Zuwanderern, verharren etwa gegenüber der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen im Zustand depressiver Hilflosigkeit oder machen angesichts eines immer alltäglicher werdenden Weltterrorismus die Erfahrungen von Kontrollverlust, aber zu den darunter liegenden Gefühlslagen, will sagen, zu den emotionalen Gründen dieser Symptome haben sie keinen Zugang. Sie werden verdrängt und bestimmen eben deshalb das Handeln.

"Durch etabliertes, auch wissenschaftliches Vokabulare erzeugte Blindheit"

L.I.S.A.: Bevor wir auf einige zentralen Aspekte Ihrer These im Einzelnen eingehen, stellt sich eine methodische Frage: Lassen sich Konzepte aus der Individualpsychologie überhaupt auf Kollektive wie Nationen bzw. Gesellschaften übertragen? Auf welcher methodischen Grundlage analysieren Sie Kollektive aus psychologischer Perspektive?

Dr. Kohlross: Wissenschaftler/Innen, nicht nur sie, aber sie ganz besonders kennen die Erfahrung, dass man aus unterschiedlichen Perspektiven Unterschiedliches sieht. Und genau darauf kommt es an. Durch die Verwendung eines Vokabulars etwas zu sehen, das man sonst nicht sehen würde. Manches sieht man eben nicht ohne die entsprechenden Begriffe. Anschauungen ohne die entsprechenden Begriffe sind eben blind. Das wissen wir schon lange, aber ich denke, dass angesichts einer als krisenhaft erfahrenen Weltlage der  Erklärungsnotstand so groß geworden ist, dass wir uns die durch die etablierten, auch wissenschaftlichen Vokabulare erzeugte Blindheit nicht mehr leisten können. Denn es könnte ja sein, dass einer der Gründe der allgegenwärtigen Krisenlage in der beschränkten Tauglichkeit dieser etablierten Vokabulare liegt. Kurz, ich bin nicht bereit, zwischen erlaubten und unerlaubten Vokabularen zu unterscheiden. Es kommt darauf an, was sie uns sehen lassen - und man ohne sie nicht sähe. 

Darüber hinaus: Die Psychologie des Individuums wie auch die der Gesellschaft haben ein gemeinsames Kernproblem: Welche Konsequenzen (im Verhalten und Erleben) ziehen Menschen aus der Unvereinbarkeit von Wunsch und Wirklichkeit, Bedürfnis und Realität. Sowohl Persönlichkeiten als auch Gesellschaften lassen sich danach unterscheiden, wie sie mit dieser Paradoxie und der daraus in der Regel resultierenden Frustrationsaggression umgehen, ob sie z.B. hysterische, anankastische, depressive oder narzisstische Bewältigungsstrategien bevorzugen.

"Demokratische Gesellschaften verwandeln sich in Überwachungsstaaten"

L.I.S.A.: Ihre Diagnose der westlichen Gesellschaften fällt wenig ermutigend aus: Westliche Gesellschaften sind demnach depressiv, hysterisch, zwanghaft und narzisstisch. Könnten Sie das bitte an einem oder zwei Beispielen verdeutlichen?

Dr. Kohlross: Am deutlichsten ist derzeit vielleicht die hysterische, genauer: massenhysterische Verfassung des Zeitgeistes. Einander ablösende Ängste bestimmen die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft: Früher einmal waren es das Waldsterben, die Volkszählung, die Rinderseuche BSE, heute fürchten sich westliche Gesellschaften vor Immigranten oder Terroristen, wobei die Wahrscheinlichkeit z.B. in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, so gering ist wie nie zuvor. Wovor die Menschen indes durchaus Angst haben könnten, der wachsenden Altersarmut etwa, oder davor, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, haben sie interessanterweise meist keine Angst.

Um nun jene uns alltäglichen hysterischen Ängste zu reduzieren, bedienen sich diese Gesellschaften eines zwanghaften Abwehrverhaltens: sie beschränken Freiheitsrechte, legitimieren eine ausufernde staatliche Kontrolle mit der Notwendigkeit der Gefahrenabwehr und, nicht zu vergessen, sie verwandeln Angst in Autoaggression. – Denken Sie nur an die USA. Dort sind derzeit 2,2 Millionen Menschen inhaftiert (im um einiges bevölkerungsreicheren China sind es derzeit 1,6 Millionen). Die Zahl der Häftlinge in den USA ist in den letzten dreißig Jahren um unglaubliche 790 Prozent angestiegen! Demokratische Gesellschaften, dafür sind die USA  aber nur ein Beispiel, verwandeln sich in Überwachungs-, früher einmal hätte man gesagt: Polizeistaaten. Und es ist diese, von ihren Bewohnern nicht selten als Druck, Stress oder einfach nur Unbehagen erfahrene Autoaggressivität westlicher Gesellschaften, die dann entweder in eine narzisstische, also gegenüber anderen feindselige oder in eine depressive, sich selbst abwertende, passive Haltung umschlägt.

"Ansprüche an das Leben in diesen Gesellschaften sind maßlos geworden"

L.I.S.A.: Wesentliche Ursache für diese Störungen ist nach Ihrer These ein stetiges Auseinanderwachsen von Wunsch und Wirklichkeit. Was genau meint das? Sind wir nicht in der Lage, beides miteinander zu vereinbaren? Was ist eher das Problem? Sind es unsere Wünsche und Erwartungen an unser Leben oder ist es eher die den heutigen Menschen umgebende Wirklichkeit?

Dr. Kohlross: Menschliches Leben, insofern es nicht einfach gelebt, sondern geführt, das heißt als Aufgabe verstanden wird, besteht zu weiten Teilen in dem Versuch, Wunsch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, also die Wirklichkeit den Wünschen oder, wo das nicht geht, Wünsche der Wirklichkeit anzupassen. Wo das gelingt, stellt sich Zufriedenheit oder gar ein Gefühl des Glücks ein. Wo es nicht gelingt, sind Frustration und damit immer auch Aggression die Folge.

Die gegenwärtigen westlichen Gesellschaften sind nun in der Lage, die Wirklichkeit in einem historisch kaum je für möglich gehaltenen Maße den menschlichen Wünschen entsprechend zu gestalten. Wenn Natur im Prinzip beherrschbar und Güter prinzipiell verfügbar sind, scheinen auch Wünsche generell erfüllbar (und ihre Nicht-Erfüllbarkeit nur der Knappheit der Mittel geschuldet) zu sein.

All das hat dazu geführt, dass in den westlichen Gesellschaften die Wünsche und Ansprüche gegenüber diesen Gesellschaften, wie generell die Ansprüche an das Leben in diesen Gesellschaften, maßlos geworden sind. Das heißt, obwohl diese Gesellschaften Wohlstand, Sicherheit, individuelle Entscheidungsfreiheit – also die Voraussetzungen individuellen Glücks in einem historisch nie dagewesenen Maß bereitstellen, leben die Menschen in diesen Gesellschaften keineswegs ein besonders glückliches, sondern eben vielfach ein von inneren Nöten und Versagungen gezeichnetes, gar nicht so selten auch von Verzweiflung gekennzeichnetes Leben. Und eben dafür gibt es drei handfeste Gründe: Zum Ersten die Verdinglichung des Glücks, der Glaube, allein die den Wünschen entsprechende Gestaltung der äußeren Lebenswelt sei ausreichend, um ein glückliches Leben zu leben. Zum Zweiten die Überzeugung, die Gesellschaft sei in der Lage, alle hinreichenden Bedingungen des Glücks bereitzustellen. Und drittens schließlich die Auffassung Wünsche seien prinzipiell erfüllbar, ihre Unerfüllbarkeit Zeichen eines Versagens (von wem auch immer), also ein Grund der Zuschreibung von Schuld.

"Wir können nicht fühlen, was wir ihnen antun"

L.I.S.A.: Zuletzt haben wir mit dem Soziologen Prof. Dr. Stephan Lessenich ein Interview über sein Buch zur sogenannten Externalisierungsgesellschaft geführt, in dem er die These vertritt, dass wir hier im Westen auf Kosten des Rests der Welt lebten. Wir würden das übrigens tun, obwohl wir wüssten, dass es falsch sei. Wir konnten im Interview nicht abschließend klären, warum wir so handeln, wie wir es tun. Haben Sie eine Antwort darauf? Haben wir es mit einem Fall von kognitiver Dissonanz zu tun?

Dr. Kohlross: Kognitive Dissonanz liegt immer dann vor, wenn wir widerstreitende Wünsche haben, z.B. den Wunsch, Tabak zu rauchen, und ebenso den Wunsch, gesund zu bleiben. Und Sie haben Recht, seitdem der Club of Rome 1972 die Studie Die Grenzen des Wachstums publizierte, leben wir in einem ständigen Zustand der Dissonanz. Wir wirtschaften, wie wir wirtschaften wollen, indem wir nämlich unsere natürlichen Ressourcen ausbeuten, aber wir wissen, dass wir anders – also der Natur gegenüber rücksichtsvoller, den Menschen gegenüber gerechter – wirtschaften sollten.

Bleibt die Frage, warum diese in einem Sollen sich ausdrückenden Wünsche so wenig handlungsleitend sind, wir uns also bewusst schädigen. Und da ist mein Antwort schlicht: Weil die Gründe für Handlungsentscheidungen nicht nur gewusst, sondern auch gefühlt werden müssen. So haben wir derzeit zwar ein (ökologisches) Bewusstsein dessen, was wir tun, aber kein Gefühl dafür. Wir wissen, dass wir andere Menschen im Prozess der Industrialisierung ihrer natürlichen, im Prozess der Globalisierung auch ihrer kulturellen Lebensgrundlagen berauben, können aber nicht fühlen, was wir ihnen antun  – so wenig wie der Raucher die Gefahr spürt, in die er sich begibt.

Der Grund dafür ist ein wohl bekannter Abwehrmechanismus: derjenige der Affektisolierung. Wird dem Gedanken an die Konsequenzen des eigenen Handelns das Gefühl entzogen (z.B. das der Schuld oder der Angst), muss das Handeln auch nicht geändert werden. Affektisolierung ist eben ein sehr effektiver Abwehrmechanismus gegen kognitive Dissonanz!  

Externalisierung ist ein anderer Abwehrmechanismus. Auch hierbei geht es, wie immer bei Abwehrmechanismen, um den Umgang mit für unaushaltbar gehaltenen, mit Angst besetzten Gefühlszuständen. Wer externalisiert, und eben das tun Einzelne ebenso wie Gesellschaften, verlagert, verschiebt, projiziert das, was er an sich selbst nicht erträgt, auf seine Außen- oder Umwelt. So können  Einzelne oder eben Gesellschaften das, was sie an sich selbst nicht ertragen, sei es  die eigene Aggression, sei es, sehr buchstäblich, den eigenen Müll, externalisieren, also nach außen verlagern.

Dann ist, was innen war, ins Äußere verlagert. Damit aber ist es immer noch vorhanden. Wirklich wirksam wird die Abwehr der Externalisierung daher erst, wenn sie mit einer anderen Abwehr verbunden wird: derjenigen der Affektisolierung. Denn dann wird, was nun außen ist, nicht einmal mehr gefühlt. Und damit kann es dann verdrängt oder neutralisiert werden. Es ist dann wie nicht vorhanden, wie ungeschehen.

"Einsicht in die Notwendigkeit eines kollektiv psychologischen Bewusstseins"

L.I.S.A.: Im abschließenden Kapitel Ihres Buchs plädieren Sie für eine Psychotherapie der Gesellschaft. Was wären die Eckpfeiler einer „kollektiven Therapie“? Wo gilt es vor allem anzusetzen?

Dr. Kohlross: Nun, wenn es stimmt, dass im Laufe unserer kulturellen Entwicklung unsere emotionale Bildung hinter der Ausbildung unserer intellektuellen und dadurch auch technischen Möglichkeiten zurückgeblieben ist, dann ist es gerade in globalen Krisensituationen an der Zeit, etwas zu unternehmen, damit wir in unserem Erleben mit den uns bedrängenden Phänomenen umzugehen lernen.  Und zwar: emotional angemessen, was dann heißt: weder depressiv noch zwanghaft oder narzisstisch.

Den Prozess dieses kollektiven emotionalen Anpassungsprozesses nenne ich: kollektive Therapie – wissend, dass, was im psychotherapeutischen Einzelsetting geschieht, nicht genau so auf Gesellschaften übertragen werden kann. Wenn es auch Settings wie das der Großgruppe oder der systemischen Aufstellung gibt, die es sind. In jedem Fall, denke ich, können wir es uns nicht länger leisten, die Ausbildung der Fähigkeit zur Reflexion auf emotionale Zustände – mit einem Wort: Selbsterfahrung dem Zufall der Lebensumstände zu überlassen. Selbsterfahrung und die Vermittlung von Kenntnissen über emotionale Zusammenhänge menschlichen Lebens und Erlebens müssen zum Regelfall einer Bildungskarriere und daher in Schule und Hochschule gelehrt werden. Dass man in unseren Gesellschaften erst seelisch erkranken muss, um im Rahmen einer Psychotherapie zur Selbsterfahrung mehr oder minder genötigt zu werden, ist, ich habe kein anderes Wort dafür: skandalös!    

Generell aber geht es mir unter dem Label kollektive Therapie um den Wandel kollektiven Bewusstseins – analog zu der Ausprägung eines ökologischen Bewusstseins. Ob die Schaffung und Ausbildung eines ökologischen Bewusstseins gelingen würde, war zu Anfang der achtziger Jahre, da die Grünen noch als eine eskapistisch skurrile, ja staatsgefährdende Partei galten, alles andere als gewiss. Heute wird, wer, wie der amerikanische Präsident, glaubt, ohne ein ökologisches Bewusstsein auszukommen zu können, sogleich zum Gespött.

Meine sehr konkrete Hoffnung ist die, dass sich die Einsicht in die Notwendigkeit eines kollektiv psychologischen Bewusstseins in vergleichbarer Weise durchsetzen wird. Dass der Wege da hin viele sind und der meine nur einer von vielen ist, versteht sich von selbst.

Dr. Christian Kohlross hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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